
© Sylvia Stam
Das ökologische Gewissen der Kirchen
Der Verein «oeku – Kirchen für die Umwelt» sorgt sich seit 40 Jahren für die Bewahrung der Schöpfung mit Theologie, ökologischem Fachwissen und politischer Arbeit.
Wie geht es Ihnen in diesem Hitzesommer?
Daniel Schmid Holz: Wir haben, wie in den vergangenen Jahren, eine Velotour gemacht. Doch im Loiretal hatten wir Temperaturen zwischen 37 und 40 Grad. Wir standen um fünf Uhr auf, fuhren ein paar Stunden, und dann konnten wir wegen der Hitze nichts mehr unternehmen. Eine Woche später mussten wir unsere Ferien in der Provence abbrechen wegen Waldbränden. Das lässt mich die Ferienmobilität grundsätzlich in Frage stellen.
Vroni Peterhans: Eine so lange Trockenzeit, bei der so viel kaputt gegangen ist, habe ich als Bäuerin noch nie erlebt. Dieser Sommer ist für die Landwirtschaft existentiell. Wir wissen noch nicht, ob die Wiesen im nächsten Jahr wieder grün werden. Als Bäuerin im biologischen Landbau ist bei mir die Überzeugung gereift, dass wir in der Gesellschaft grundsätzlich etwas verändern müssen. Wir können nicht weiter pflästerlen. Hier braucht es die Stimme der oeku.
Was sagt diese Stimme?
Vroni Peterhans: Sie spricht unseren Lebenswandel grundsätzlich an. Als Christinnen und Christen haben wir den Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. Nicht umsonst steht die Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel.

Vroni Peterhans | © zVg
Was macht die oeku konkret?
Daniel Schmid Holz: Die zwei wichtigsten Schwerpunkte unseres Vereins sind einerseits die ökologische Theologie und Spiritualität, die wir mit der Schöpfungszeit feiern. Andererseits machen wir Umweltpraxis, in der wir die Kirchgemeinden beraten, wie sie ökologischer werden können. Bisher haben wir das unter dem Label «Grüner Güggel» gemacht.
Vroni Peterhans: Wichtig ist auch die politische Stimme der oeku. Wir können uns freier äussern als die Kirchen. Die Kirchenleitungen sind sehr vorsichtig und wollen sich in ökologischen Anliegen nicht auf eine Gratwanderung begeben, sondern für alle Mitglieder da sein. Wir als selbständiger Verein können eine Haltung vertreten.
Sind die Kirchenleitungen froh, dass sie das Thema Ökologie der oeku überlassen können?
Daniel Schmid Holz: Ökologische Themen werden nie auf Platz eins einer Kirchenleitung sein. Da geht es um theologische Fragen und Fragen der Organisation. Dieses Jahr ist die Geschäftsstelle der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS in Bern mit dem Grünen Güggel zertifiziert worden. Sie setzten damit ein Zeichen für die Wichtigkeit der Ökologie in der Kirche. Die Feier ist auch ein Zeichen der Wertschätzung für die oeku. Die Anerkennung, die wir von der reformierten, katholischen und christkatholischen Kirche als Fachstelle für Ökologie und Spiritualität bekommen, bedeutet uns viel.
Vroni Peterhans: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kirchenleitungen häufig froh waren, um die Statements der oeku, auf die sie verweisen konnten. Aber manchmal waren wir ihnen auch zu prägnant. Dann ist jeweils ein Grummeln zu vernehmen. Wir wurden aber noch nie zurückgepfiffen. Die Unterstützung der Landeskirchen merken wir etwa auch durch Kollekten, die sie für uns aufnehmen, wie nun anlässlich unseres 40-Jahre-Jubiläums. Wir haben immer darauf geachtet, dass wir in unserem Vorstand Vertretungen aller Landeskirchen haben.
Hat sich die Botschaft von oeku verändert?
Vroni Peterhans: Es gab Zeiten, da konnten wir mit der politischen Klimabewegung und der Bewegung, die durch die Enzyklika «Laudato si’» entstand, mitschwimmen. Heute sehe ich die Notwendigkeit, dass wir den Menschen vermitteln, dass es auch ihnen guttut, sich für die Schöpfung zu engagieren. In der Welt herumzujetten mit der Angst, irgendwo etwas zu verpassen, tut uns nicht gut. Wir von oeku müssen den Menschen nahebringen, dass der Mensch und die Schöpfung eine Einheit sind.
Daniel Schmid Holz: Ich lebe im Appenzellerland auf 900 Meter über Meer. Bei uns sind die Wiesen noch grün. Hier gibt es immer noch Menschen, die das Gefühl haben, alles sei gut. Dass sie weniger Heu haben, entkräften sie mit Erinnerungen an vermeintlich entbehrungsreichere Ernten. Hier ist der Leidensdruck noch zu klein. Als oeku haben wir lange Empfehlungen abgegeben für einen nachhaltigen Lebensstil. Individuelle Verhaltensregeln sind heute an ihre Grenzen gekommen. Wir brauchen demokratisch bestimmte Regeln, die für alle gleichermassen gelten. Wir von der oeku hoffen, dass Menschen, die sich mit der Schöpfung verbunden fühlen, sich solche Regeln geben wollen.

Daniel Schmid-Holz | © A. Ackermann
Erfahrungsgemäss sind politische Parolen unbeliebt in der Kirche.
Vroni Peterhans: In der Kirche gibt es seit der Konzernverantwortungsinitiative eine grosse Angst, mit ökologischen Themen zu politisch zu sein. Wir von der oeku begründen unser Engagement mit der christlichen Ethik. Es geht uns nicht um Politik und Parolen. Dass wir die Schöpfung zum Thema machen, birgt darüber hinaus auch Potenzial für die Kirche. Ich treffe beispielsweise an einem Erntedankfest Menschen an, die ich an anderen Sonntagen in der Kirche nicht treffen würde. Am Erntedankfest aber finden sie wieder einen Anknüpfungspunkt zur Kirche.
Welches waren Meilensteine in den 40 Jahren, seit es die oeku gibt?
Vroni Peterhans: In den 80er-Jahren entstand die ökumenische Bewegung «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung», aus der die oeku entstanden ist. Grossen Zuspruch fanden wir mit den liturgischen Unterlagen zur Schöpfungszeit im September, die 2007 ausgerufen wurde. 2015 starteten wir die Zertifizierungen mit dem Label «Grüner Güggel». Mitten in den grossen Klimabewegungen war das ein grosser Erfolg. Die Anerkennung der Landeskirchen als Zertifizierungsstelle des «Grünen Güggel» war für uns sehr wichtig. Ausserdem waren wir bei gewissen Abstimmungen vielleicht das Zünglein an der Waage, weil wir mit unseren Anliegen Wählerinnen und Wähler erreichen konnten, die andere Interessengruppen nicht erreicht hätten. Es ist nicht selbstverständlich, dass es die oeku nach 40 Jahren immer noch gibt.
Das Interesse der Kirchgemeinden an der Zertifizierung lässt seit ein paar Jahren nach, warum?
Vroni Peterhans: Der Aufwand ist gerade am Anfang des Projekts gross und braucht viele finanzielle und personelle Ressourcen, die vielerorts zurückgehen. Wir sind aber überzeugt, dass ökologische Themen weiter interessieren und dass wir damit viele Menschen ansprechen können. Dazu soll das Thema «Schöpfungsspiritualität» wieder mehr Platz einnehmen.
Daniel Schmid Holz: Wir halten am Netzwerk fest, das aus den vielen Kirchgemeinden besteht, die sich für die Schöpfung einsetzen, und entwickeln zusätzlich neue Formen für unsere Umweltpraxis.
Können Sie da konkreter werden?
Daniel Schmid Holz: Bis anhin hatte die Zertifizierung zehn Handlungsfelder. Neu wollen wir den Kirchgemeinden die Möglichkeit geben, kleinere Pakete zu schnüren und mit weniger Handlungsfeldern unterwegs zu sein.
Vroni Peterhans: Wir wollen weiterhin an den Standards festhalten. Aber ab und zu braucht es Anerkennung für ein Zwischenziel. Das ist wichtig für die Motivation. Es wäre schön, wenn auch theologisch-spirituelle Haltungen anerkannt werden könnten. Grundsätzlich steht es jeder Kirchgemeinde zu jeder Zeit frei, ihr Engagement für die Schöpfung selbst zu feiern, auch ohne Anerkennung der oeku.
Wie finanziert sich oeku?
Daniel Schmid Holz: Wir haben drei grosse Geldgeber: Die RKZ und die EKS, und auch der Bund finanziert leistungsorientiert. Bei allen drei Institutionen werden die Mittel knapper. Wir können beobachten, dass die Kirchen an den Organisationen sparen, die aus ihrer Perspektive nicht ihr Kerngeschäft betreffen. Das wird für uns eine Herausforderung werden. Ich habe die Vision, aus der oeku ein nationales Spezialpfarramt oder eine Spezialdiakonie zu machen, die in eine kirchliche Institution eingebettet wäre.
Vroni Peterhans: Wir müssen uns diese Gedanken machen. Ich bin aber skeptisch, ob wir näher an die Kirchen heranrücken wollen. Wir haben in den letzten Jahren Stiftungen gefunden, die uns Geld geben. Mit Stiftungen als Geldgebern behalten wir unsere Unabhängigkeit.
Inwiefern engagieren Sie sich bei «Christ:innen fürs Klima» und bei der Klima-Allianz?
Vroni Peterhans: Die oeku verbündet sich seit Jahren, gerade wenn es um politische Stellungnahmen geht. Allein ist unsere Stimme zu klein.
Daniel Schmid-Holz: Dadurch kommen wir auch zu mehr Expertise. Als kleine Fachstelle sind wir darauf angewiesen, dass wir mit anderen Fachpersonen in Kontakt sind, das hilft uns qualifiziert in der Kirche zu wirken. Es gibt viele ökologische Beratungsbüros. Aber kaum solche, die sich mit der Situation der Kirchgemeinden auskennen. Da haben wir als oeku eine Vorreiterrolle und die wollen wir auch in Zukunft behalten.
Frau Peterhans, was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Daniel Schmid Holz?
Vroni Peterhans: Dass er zusammen mit dem ganzen oeku-Team die Zeichen der Zeit in die oeku-Arbeit einfliessen lassen kann. Ich bin sehr dankbar, dass mit Daniel Schmid Holz ein versierter Präsident am Ruder ist, der wohl auch nach der Überzeugung von Mahathma Ghandi handelt: «Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.» Solche Menschen sind nicht einfach zu finden, aber die oeku hat ein ganzes Team davon im Vorstand und auf der Fachstelle! Dadurch können hoffentlich die Schöpfungsthemen vermehrt in unseren Kirchen Fuss fassen und neben anderen Themen als relevant für unser christliches Leben erkannt werden.
40 Jahre oeku
Die «oeku – Kirchen für die Umwelt» entstand 1986 aus der Bewegung «Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung». In dieser Zeit kamen «grüne» Themen auch auf die Agenda der Kirchen. 1989 rief der damalige orthodoxe Patriarch von Konstantinopel, Dimitrios I., dazu auf, jedes Jahr den 1. September als «Tag der Bewahrung der natürlichen Umwelt» zu begehen.
An der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung 2007 im rumänischen Sibiu wurde den Kirchen empfohlen, vom 1. September bis zum 4. Oktober für die Bewahrung der Schöpfung zu beten. Diese Zeit ist seither als «Schöpfungszeit» bekannt. Die oeku entwickelte dafür liturgische Unterlagen.
2015 begann der gemeinnützige Verein mit Zertifizierungen unter dem Label «Grüner Güggel», einem Umweltmanagementsystem für Kirchgemeinden und kirchliche Institutionen. Heute zählt die oeku rund 900 Kirchgemeinden, kirchliche Institutionen und Einzelpersonen zu ihren Mitgliedern und betreibt eine Fachstelle in Bern. Sie wird von der Schweizer Bischofskonferenz, der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz sowie der christkatholischen und der methodistischen Kirche der Schweiz anerkannt.
Die oeku ist eine nationale Organisation und wird von einem Vorstand geleitet. Präsident ist Daniel Schmid Holz. Er hat dieses Jahr Vroni Peterhans abgelöst, die das Amt neun Jahre lang inne hatte.
Schöpfungszeit
Die Schöpfungszeit ist eine ökumenische Aktions- und Besinnungszeit, die jedes Jahr vom 1. September bis 4. Oktober, dem Gedenktag des heiligen Franz von Assisi, dauert. Sie lädt Christinnen und Christen dazu ein, über ihre Verantwortung für die Schöpfung nachzudenken und sich für deren Bewahrung einzusetzen. In der Schweiz gestaltet «oeku – Kirchen für die Umwelt» die Schöpfungszeit jeweils zu einem aktuellen Thema und stellt Kirchgemeinden Materialien für Gottesdienste, Bildung und Veranstaltungen zur Verfügung.
Das Thema der diesjährigen Schöpfungszeit ist: «Wertvoll leben – der Mehrwert der Dinge». Viele Menschen besitzen viele Dinge, ohne sie wirklich zu brauchen. Überfluss ist ein ökologisches Thema. Mit dem Slogan lädt «oeku» in der Schöpfungszeit dazu ein, über das Verhältnis zu materiellen Dingen nachzudenken.
Auf www.oeku.ch/taegliche-impulse-in-der-schoepfungszeit/ finden Sie jeden Tag einen neuen Impuls zum Thema.