Politik mit der Bibel ​in der Hand
US-Präsident Donald Trump steht vor der St. John’s Episcopal Church am 1. Juni 2020 während der Proteste nach dem Tod von George Floyd. Sein Auftritt mit der Bibel in der Hand hat selbst das evangelikale Lager gespalten.
© The White House / Shealah Craighead (Public Domain)

Politik mit der Bibel ​in der Hand

Während Religion an Bedeutung verliert, gewinnen ihre Symbole ​in der Politik neue Macht. Die Bibelwissenschaftlerin Hanna Strommen ​hat untersucht, auf welche Weise Bibeln verwendet werden und ​welche Wirkung sie erzielen. Ausserdem rät sie zur Teilnahme an ​Bibelkreisen – auch aus politischen Gründen.


Rus­s­lands Präsi­dent Vladimir Putin zitierte aus dem Johan­ne­se­van­geli­um, um den Angriff­skrieg gegen die Ukraine zu legit­imieren: «Es gibt keine grössere Liebe, als wenn ein­er sein Leben für seine Fre­unde hin­gibt.» Der amerikanis­che Präsi­dent been­dete seine Ansprache zum ersten Angriff auf den Iran mit den Worten: «Ich möchte mich ein­fach bei allen bedanken. Und ins­beson­dere bei Gott. Ich möchte nur sagen: Wir lieben dich, Gott.» Auch der ehe­ma­lige brasil­ian­is­che Präsi­dent Jair Bol­sonaro, Ungar­ns Min­is­ter­präsi­dent Vik­tor Orbán oder Ital­iens Pre­mier­min­is­terin Geor­gia Mel­oni ver­weisen regelmäs­sig auf die Bibel, Gott und den Glauben.

Religion auf dem Rückzug

Bibelz­i­tate aus dem Mund von Staat­sober­häuptern scheinen aus der Zeit gefall­en und im Wider­spruch zu ste­hen zu ein­er Zeit, in der viele Men­schen mit Reli­gion nicht mehr viel anfan­gen kön­nen. Stu­di­en bele­gen, dass Reli­gion seit den 1960er-Jahren weltweit auf dem Rück­zug ist – beson­ders in Europa und in den USA. Auch in der Schweiz schre­it­et die Säku­lar­isierung voran. Heute beze­ich­nen sich rund 30 Prozent der Schweiz­er Bevölkerung als kon­fes­sion­s­los. Nichts deutet darauf hin, dass der Säku­lar­isierungstrend abbrechen wird.

Rätselhafte Bibelzitate

Mit der Säku­lar­isierung nimmt auch das Wis­sen über Reli­gion ab. Die Bedeu­tung dessen, was Trump meint, wenn er aus den Selig­preisun­gen zitiert oder den Zus­tand seines Lan­des mit einem Zitat aus dem Alten Tes­ta­ment beschreibt, erschliesst sich vie­len Men­schen nicht mehr. Den­noch lösen die Ver­weise auf Gott und die Heilige Schrift starke Reak­tio­nen aus. Trumps Bibelz­i­tate wer­den gefeiert von seinen religiösen Anhängern, ern­ten Hohn von den­jeni­gen, die Reli­gion als rück­ständig betra­cht­en und wer­den von denen vehe­ment kri­tisiert, die sich durch Trumps Ver­wen­dung in ihren religiösen Gefühlen ver­let­zt fühlen.

Wie Bibelzitate wirken

Die Bibel­wis­senschaft­lerin Han­nah Strom­men hat sich in ihrem Buch «The Bibles of the Far Right» (Die Bibeln der extremen Recht­en) mit der Ver­wen­dung der Bibel in der Poli­tik befasst und fest­gestellt, dass es nicht um die tief­ere Bedeu­tung der zitierten Bibel­stellen geht, son­dern um deren Ver­wen­dung und Wirkung.

Diese hängt von ver­schiede­nen Voraus­set­zun­gen ab. Es komme darauf an, so Han­nah Strom­men, wer sich in welchem Kon­text auf bib­lis­che Inhalte beziehe. Poli­tis­che Zuge­hörigkeit und das soziale Milieu dieser Men­schen spiel­ten genau­so eine Rolle, wie die Sprache und Begriffe, die sie ver­wen­de­ten, und in welche Erzäh­lun­gen sie ihre bib­lis­chen Zitate ein­bet­teten. Der Zeit­punkt, in dem die Bibel zitiert werde, spiele eben­so eine Rolle, wie woran damit erin­nert werde. Wenn ein Staat­sober­haupt seine Hand auf eine Bibel legt, um den Amt­seid abzule­gen, hat die Bibel eine andere sym­bol­is­che Bedeu­tung, wie wenn ein Poli­tik­er mit der Bibel in der Hand Ruhe und Ord­nung ver­spricht.

«Kriegsbibel» und «Zivilisationsbibel»

Han­nah Strom­men iden­ti­fiziert in der poli­tis­chen Ver­wen­dung der Bibel zwei beson­ders wirk­mächtige Arten der Ver­wen­dung, die sie als «Kriegs­bibel» und «Zivil­i­sa­tions­bibel» beze­ich­net. Diese zeich­nen sich dadurch aus, dass sie als Mit­tel der Abgren­zung funk­tion­ieren und ein Bild von ein­er west­lichen jüdisch-christlichen Zivil­i­sa­tion zeich­nen, die von Mus­li­men belagert werde. Diese Bibeln wür­den ver­wen­det, um eine kriegerische Hal­tung gegenüber den ver­meintlichen Fein­den zu schüren. Zu denken geben muss die Erken­nt­nis der Forscherin, dass dieses Gedankengut seit den 80er-Jahren seinen Weg von recht­sradikalen Kreisen aus­ge­hend in den recht­en poli­tis­chen Main­stream gefun­den hat. In dieser Ide­olo­gie hat Reli­gion das Abgren­zungsmerk­mal Rasse, das heute als Tabu gilt, abgelöst. Religiöse Zuge­hörigkeit wird gemäss Han­nah Strom­men also vor allem benutzt, um das Eigene vom Frem­den abzu­gren­zen, um es abzuw­erten und zu ver­fol­gen.

Bibellektüre aus politischen Gründen

Doch die Bibel­wis­senschaft­lerin bleibt nicht bei ihrer Analyse ste­hen. Sie regt dazu an, sich mit den bib­lis­chen Tex­ten auseinan­derzuset­zen und sich selb­st ein Ver­ständ­nis zu erar­beit­en. In erster Lin­ie richtet sich Han­nah Strom­men mit ihrem Aufruf an ihre Kol­le­gen aus der Bibel­wis­senschaft. Aber die Tat­sache, dass mit Bibeln Poli­tik gemacht wird, sollte auch für säku­lar­isierte Men­schen ein Grund sein, sich mit diesem Buch zu beschäfti­gen. So kann eine Bibelle­seg­ruppe zu einem poli­tis­chen Raum wer­den, in dem aus­gren­zende, abw­er­tende, men­schen­ver­ach­t­ende Inter­pre­ta­tio­nen erkan­nt und aufge­brochen wer­den und neue lebens­be­ja­hende Inter­pre­ta­tio­nen wach­sen kön­nen.

Die Bibel ver­ste­hen

Beziehungsreich: Gott und Mensch in der Bibel

In diesem Kurs wird anhand von Bibel­wis­sen, the­ol­o­gis­chen Grund­la­gen und Gesprächen über Gottesvorstel­lun­gen, Welt­bilder und Werte ein tiefes Ver­ständ­nis für die Beziehung zwis­chen Gott und Men­sch gefördert.

Kursleitung: Dr. Bern­hard Lindner​Termine: 9. Mai, 23. Mai und 13. Juni, jew­eils 9.00–17.00 Uhr​. Der Kurs find­et in Aarau statt.​
Anmel­dung bis am 1. Mai auf www.kathaargau.ch

Krisen in der Bibel – Einblicke und Impulse

Krisen, Unsicher­heit­en und Umbrüche spiegeln sich in den bib­lis­chen Tex­ten wider. Die The­olo­gin und Bibel­wis­senschaft­lerin Ursu­la Rapp zeigt auf, wie diese Texte aus Sit­u­a­tio­nen von Not und Befreiung ent­standen sind, welche Trau­ma­ta im Ver­bor­ge­nen spür­bar bleiben und welche Hoff­nungsmöglichkeit­en sie bieten. Das Refer­at macht sicht­bar, wie uns die Bibel heute Sprache, Bilder und Räume schenkt, um eigene Lei­der­fahrun­gen zu ver­ste­hen und neue Per­spek­tiv­en zu gewin­nen.

Ver­anstal­tung­sort: Paulus Akademie Zürich

Anmel­dung auf www.paulusakademie.ch

Geheimnis Bibel

ist für 3. — 5. Pri­marstufe konzip­iert. In ein­er inter­ak­tiv­en Ausstel­lung und zwei Escape Rooms suchen die Klassen nach All­t­ags-Spuren des Kul­turguts und erhal­ten Infor­ma­tio­nen zur Entste­hung, zum Auf­bau und zur Vielfalt der Bibel. Mehr Infor­ma­tio­nen find­en Sie unter www.geheimnisbibel.ch

Ausser­dem tre­f­fen sich in vie­len Pfar­reien Inter­essierte in Bibel­grup­pen, um die Bibel gemein­sam zu lesen und sich auszu­tauschen.

Informieren Sie sich unter unter der Rubrik «Meine Kirche» oder direkt bei Ihrer Pfar­rei.

Eva Meienberg
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