Vertrauen, Goodwill und Freiräume

Vertrauen, Goodwill und Freiräume

  • Nad­ja Waibel befragte für ihre Dok­torar­beit 21 Frauen, die als Gemein­delei­t­erin­nen tätig waren.
  • Die Studie der Uni Luzern beleuchtet erst­mals Frauen in Leitungspo­si­tio­nen der katholis­chen Kirche Deutschschweiz.
  • Obwohl die Studie anonym durchge­führt wurde, hat­ten viele Frauen Angst, von sich zu erzählen.

Gemein­delei­t­erin­nen gibt es erst seit rund 30 Jahren. Hat sich die Kirche damals geöffnet oder war das eher eine Folge des Priester­man­gels?
Nad­ja Waibel: Die befragten Frauen über­nah­men meist vakante Pfarrstellen als Gemein­delei­t­erin ad inter­im. Wenn man an der Vorstel­lung fes­thält, dass es in jedem Dorf einen Pfar­rer gibt, kann man von Man­gel sprechen. Gle­ichzeit­ig studierten immer mehr Per­so­n­en The­olo­gie, ohne Priester zu wer­den. Es brauchte daher auch eine Öff­nung hin zu neuen Kirchen­bildern, in dem Men­schen im Team Ver­ant­wor­tung übernehmen, und Kirchen­vertreter, die sich bewusst für Frauen in Leitungspo­si­tio­nen entsch­ieden.

«Als Frau kann man in der katholis­chen Kirche keine Kar­riere machen.»

Stu­di­en­teil­nehmerin

Also waren die Frauen eher Lück­en­büsserin­nen als solche, die eine Kar­riere anstrebten?
Eine Frau, die katholis­che The­olo­gie studiert, weiss von Anfang an, dass ihre Möglichkeit­en in dieser Kirche begren­zt sind. Eine Gemein­delei­t­erin sagte mir, als Frau könne man in der katholis­chen Kirche nicht Kar­riere machen, darum suchen sich Kar­ri­eristin­nen andere Berufe oder Aus­bil­dungswege. Viele mein­er Inter­view­part­ner­in­nen woll­ten ab 50 mehr Ver­ant­wor­tung übernehmen. Sie woll­ten eine Pfar­rei prä­gen und mit­gestal­ten und bewar­ben sich darum auf eine Gemein­deleitung.

Das würde ich Kar­riere nen­nen.
Trotz­dem waren sie in ein­er abhängi­gen Posi­tion. Wenn der Priester die Erstkom­mu­nion anders gestal­ten wollte, als die Gemein­delei­t­erin es mit der Kat­e­chetin besprochen hat­te, mussten sie sich anpassen, weil der Priester das Vetorecht hat­te. Auch blieb ein Priester als Pfar­rad­min­is­tra­tor ihr Vorge­set­zter.

Sie stellen fest, dass auf­fal­l­end viele Gemein­delei­t­erin­nen Quere­in­steigerin­nen sind. Welche Erk­lärung haben Sie dafür?
Ein Typus von Frauen, den ich beschrieben habe, hat­te oft erst über die Kinder wieder Kon­takt zur Pfar­rei und damit zu Pfarreiseelsorger:innen und erlebten dies als viel­seit­i­gen sozialen Beruf. Bei einem zweit­en Typus stell­ten sich religiöse Fra­gen in Leben­skrisen oder auf­grund exis­ten­zieller Erfahrun­gen. Vielle­icht braucht es eine gewisse Lebenser­fahrung und ein gewiss­es Ver­trauen, um in der Kirche eine Aus­bil­dung zu starten.

Der Weg in die Kirche

Nad­ja Waibel hat für ihre Dok­torar­beit an der The­ol­o­gis­chen Fakultät der Uni­ver­sität Luzern 21 Gemein­delei­t­erin­nen in Pfar­reien der Deutschschweiz befragt. Die Frauen waren zwis­chen 1990 und 2019 in dieser Funk­tion tätig.

Die Befragten ver­fügten über eine the­ol­o­gis­che Aus­bil­dung zur Pas­toralas­sis­tentin und Erfahrung in der Pfar­reiseel­sorge. Nach mehrjähriger Beruf­ser­fahrung, meist im Alter von rund 50 Jahren, wur­den sie Gemein­delei­t­erin­nen oder Pfar­reibeauf­tragte. Let­ztere sind in der Studie im Begriff «Gemein­delei­t­erin» mit gemeint.

Waibel unter­sucht, wie die Frauen ihren Weg in der Kirche gefun­den haben. Aus den Inter­views erstellt sie vier Typen von biografis­chen Werdegän­gen.

Nad­ja Waibel: «Ver­trauen mit den Frauen» | TVZ 2023 | ISBN 978–3‑290–20239‑2 | kosten­los­er down­load unter: tvz-verlag.ch

«Ver­trauen mit den Frauen» heisst Ihr Buch. Welche Rolle spielte das Ver­trauen in den Biografien?
Immer, wenn Entschei­dun­gen anstanden, also meist in Krisen, fiel in den Gesprächen das Wort «Ver­trauen». Manche studierten The­olo­gie im Ver­trauen, dass sich daraus etwas Gutes ergeben würde. Beim Beruf­se­in­stieg war das Ver­trauen der vorge­set­zten Priester entschei­dend dafür, wie man sich in die neue Rolle als Seel­sorg­erin fand. In der Gemein­deleitung oder in der Seel­sorge erlebten sie, wie ihnen Ver­trauen von den Gemein­demit­gliedern geschwenkt wurde. Ver­trauen zeigte sich auch als tra­gende Kraft, als Fügung Gottes in ihrem Leben.

Was gefällt den Frauen am besten an ihrem Beruf?
Das Begleit­en von Men­schen in ver­schiede­nen Lebenswen­depunk­ten: Taufe, Erstkom­mu­nion, Fir­mung, Beerdi­gun­gen. Durch die Taufer­laub­nis haben sie Kon­takt mit jun­gen Fam­i­lien und kön­nen diese auch mit der Pfar­rei in Kon­takt brin­gen. Wenn sie die Taufer­laub­nis ver­lieren, wird das als schmerzhaft erlebt. Ausser­dem lieben sie die Kreativ­ität und Viel­seit­igkeit in der Gestal­tung von Liturgie. Anders als Priester kön­nen sie nicht aus dem Mess­buch lesen, darum gestal­ten sie oft jeden Gottes­di­enst neu und frei. Eben­so kön­nen sie im Pfar­reileben eigene Schw­er­punk­te set­zen.

Den­noch stellen Sie fest: «In der Liturgie zeigt sich die Ort­losigkeit der Pas­toralas­sis­tentin­nen und der Gemein­delei­t­erin­nen».
Wenn sie zusam­men mit dem Priester eine Eucharistiefeier gestal­ten, ist nie klar, was für Auf­gaben sie übernehmen kön­nen. Das müssen sie immer wieder neu aushan­deln. Etwa die Frage, wo sie ste­hen: Bei den Minstrant:innen? Bei den Litur­gen? Das wird ver­schieden gehand­habt.

Welche Punk­te muss man aushan­deln? Was dür­fen nicht gewei­hte Per­so­n­en im Altar­raum?
Für den regelmäs­si­gen Predigt­di­enst braucht es eine Mis­sio mit der Beauf­tra­gung zum Predi­gen. Bei manchen Sakra­menten gibt es Aus­nah­meregelun­gen für die Tauf­spenden, eben­so für Trau­un­gen, bei dem die Eheleute sich sel­ber das Ver­sprechen zus­prechen.

Ist das heute nicht mehr möglich?
In den grösseren Ein­heit­en, Pas­toral- und Seel­sorg­eräume, ist man davon weggekom­men. Dort erhal­ten oft nur noch Priester oder Diakone die Erlaub­nis Taufen und Ehe­as­sis­ten­zen vorzunehmen.

«Ver­trauen wird immer dann zum The­ma, wenn es fehlt.»

Nad­ja Waibel

Wie erlebten die Befragten die Zusam­me­nar­beit mit den Priestern?
Wenn das Ver­trauen vorhan­den war, wur­den die Auf­gaben ein­fach aufgeteilt. Schwierig wurde es, wenn ein neuer Priester kam und die Gemein­delei­t­erin dadurch Kom­pe­ten­zen ver­lor, die sie vorher hat­te. Grund­sät­zlich sagten sich viele: «Der Priester, mit dem ich zusam­me­nar­beite, kann auch nichts dafür, dass die Kirche Frauen diskri­m­iniert. Es ist ein struk­turelles Prob­lem, kein per­sön­lich­es.»

Viele emp­fan­den ihre Posi­tion als unsich­er. Weshalb?
Die meis­ten waren Gemein­delei­t­erin ad inter­im, weil ihre Stellen kirchen­rechtlich betra­chtet vakante Pfar­rpo­si­tio­nen waren. Offiziell war der Pfar­rad­min­is­tra­tor oder Dekan zuständig. Die Frauen waren somit ein Stück weit vom Good­will dieser Män­ner, auch des Bischofs, abhängig. Unsicher­heit stellte sich auch ein, wenn die Frau mit einem geschiede­nen Mann eine Beziehung eing­ing, weil sie durch ihre pri­vate Sit­u­a­tion ihre Arbeitsstelle ver­lieren kon­nte.

 Wie gehen die Befragten mit der per­ma­nen­ten Diskri­m­inierung von Frauen in der Kirche um?
Sie haben sich oft gesagt: «Ich kann es nicht ändern, ich muss meinen Weg find­en, damit umzuge­hen, und die Freiräume nutzen.» Dies auch aus Selb­stschutz, weil sie nicht an diesem aus­sicht­slosen Kampf kaputtge­hen woll­ten. Sie woll­ten die Kirche vor Ort gestal­ten, etwas von der Gemein­schaft, die sie ihrer Jugend erlebt hat­ten, weit­ergeben.

Was hat Sie bei Ihrer Arbeit über­rascht?
Viele Frauen haben Angst zu reden, obschon die Studie anonym durchge­führt wurde. Einige woll­ten darum gar kein Inter­view geben. Es herrscht in der Kirche offen­bar ein Milieu der Angst, sodass man nicht frei reden kann, ohne beru­fliche Kon­se­quen­zen zu fürcht­en.

Der Titel spricht demge­genüber von Ver­trauen, das Gegen­teil von Angst.
Ver­trauen wird immer dann zum The­ma, wenn es fehlt. Men­schen wollen zwar das Ver­trauen von anderen, aber es braucht Mut, sel­ber Ver­trauen zu schenken. Ob man den Frauen die Möglichkeit gibt, in der Kirche Ein­fluss zu nehmen, hängt oft vom Ver­trauen von Amt­strägern ab.

Eva Meienberg
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