«Zuwendung ​ist zentral»
Die Pfarrerin Susanna Meyer Kunz und der Imam Saban Azizi arbeiten in der Seelsorge am Universitätsspital Zürich. Die Zusammenarbeit ist für beide eine Bereicherung.
© Véronique Hoegger

«Zuwendung ​ist zentral»

Die Seelsorgenden Susanna Meyer Kund und Saban Azizi arbeiten im Universitätsspital Zürich interreligiös zusammen

Die Pfarrerin Susanna Meyer Kunz und der Imam Saban Azizi arbeiten in der Seelsorge am Universitätsspital Zürich USZ. Die beiden sprechen über Heilungsgeschichten, Sprachbarrieren und das Aushalten der völligen Sinnlosigkeit.


Seit drei Jahren sind mus­lim­is­che Seel­sorg­erin­nen und Seel­sorg­er im USZ im Ein­satz. Wie lautet Ihre Bilanz?
Susan­na Mey­er Kunz:
Die Pati­entin­nen und Patien­ten prof­i­tieren sehr. Wir haben im USZ sehr viele Men­schen aus dem Balkan in Behand­lung. Sie gehören zu ein­er Min­der­heit, haben vielle­icht Mühe mit der Sprache, sind krank, fühlen sich hil­f­los. Wir standen zwar auch diesen Men­schen bei, doch zum Beispiel bei Erfahrun­gen von Kindsver­lust hat­ten wir nicht aus­re­ichende Kom­pe­tenz, um adäquat zu reagieren. Unsere mus­lim­is­chen Kol­legin­nen und Kol­le­gen ken­nen die Tra­di­tio­nen dieser Men­schen, erfassen schnell, wo sie ste­hen und was sie brauchen. Das ist eine sehr grosse Bere­icherung.

Saban Azizi: Wir prof­i­tieren von der langjähri­gen Erfahrung unser­er christlichen Kol­legin­nen und Kol­le­gen. Vorher waren wir als Frei­willige auf Abruf in der Seel­sorge, nun sind wir insti­tu­tionell einge­bun­den. Das bringt eini­gen admin­is­tra­tiv­en Aufwand mit sich, aber wir wur­den sehr gut unter­stützt. Wir sind für die mus­lim­is­chen Pati­entin­nen und Patien­ten da. In Extrem­si­t­u­a­tio­nen sprechen Men­schen auch lieber in ihrer Mut­ter­sprache. In diesen Fällen führen wir auch Gespräche mit christlichen Pati­entin­nen und Patien­ten. Die Men­schen ste­hen im Zen­trum, wir sind da, um zuzuhören und ihre Bedürfnisse aufzunehmen.
Susan­na Mey­er Kunz: Wir hat­ten schon Sit­u­a­tio­nen, wo Ange­hörige, weil sie die Ärzte nicht aus­re­ichend ver­standen, nicht in notwendi­ge Mass­nah­men eingewil­ligt haben. Erst als Saban ihnen alles erk­lärte, hat sich die Sit­u­a­tion aufgelöst und sie kon­nten zus­tim­men. Auch das Per­son­al prof­i­tiert natür­lich, wir haben viele Mitar­bei­t­ende aus dem Balkan, die es schätzen, bei Sor­gen und Prob­le­men eine Ansprech­per­son zu haben.


Susan­na Mey­er Kunz und Saban Azizi
Seit 2019 leit­et Susan­na Mey­er Kunz die reformierte Spi­talseel­sorge am Uni­ver­sitätsspi­tal Zürich. Sie arbeit­et auch auf der Pal­lia­tivs­ta­tion und gehört zum Care Team. Zuvor war sie 15 Jahre am Kan­ton­sspi­tal Graubün­den in Chur seel­sor­glich tätig. Nach ihrer Aus­bil­dung zur Pflege­fach­frau hat sie The­olo­gie studiert und Weit­er­bil­dun­gen in ­Psy­choonkolo­gie und Not­fallpsy­cholo­gie absolviert.
Saban Azizi arbeite als mus­lim­is­ch­er Seel­sorg­er am Uni­ver­sitätsspi­tal Zürich (USZ) und in der Psy­chi­a­trischen Uni­ver­sität­sklinik (PUK) Rhein­au. Er hat Islamwis­senschaft studiert, später ein Cer­tifi­cate of Advanced Stud­ies (CAS) in mus­lim­is­ch­er Seel­sorge an der Uni­ver­sität Freiburg abgeschlossen, 2025 fol­gte eine Weit­er­bil­dung in psy­chol­o­gis­ch­er Not­fall­hil­fe.

Welch­es sind die Schwierigkeit­en in der neu inter­re­ligiös aufgestell­ten Seel­sorge?
Susan­na Mey­er Kunz: Eine grosse Her­aus­forderung ist, dass keine mus­lim­is­che Reli­gion­s­ge­mein­schaft öffentlich-rechtlich anerkan­nt ist. Dem USZ ist sehr daran gele­gen, dass sie trotz­dem als Seel­sor­gende arbeit­en kön­nen. Unser Hausjurist und Fach­leute in den Lan­deskirchen haben einen grossen Aufwand betrieben, um für die Anstel­lung die nöti­gen Grund­la­gen zu erar­beit­en. Aber es sind noch Notlö­sun­gen. Wir bewe­gen uns eigentlich immer noch im luftleeren Raum.
Saban Azizi: Viele Mus­lime ken­nen nur die tra­di­tionelle Seel­sorge des Imams ein­er Moschee, die stark religiös und tra­di­tionell geprägt ist. Einige sind vor einem poli­tisierten Islam geflüchtet und wollen zuerst gar nichts mit Reli­gionsvertretern zu tun haben. Ihnen gilt es das Konzept der Seel­sorge zu erk­lären und ihnen die Angst vor der Bee­in­flus­sung zu nehmen. Wenn es zu einem Gespräch kommt, sind sie meis­tens sehr erle­ichtert und dankbar.

Ken­nt der Islam auch Rit­uale oder Gebete, die nur ein Imam vol­lziehen kann – wie das Sterbe­sakra­ment, das nur katholis­che Priester spenden dür­fen?
Saban Azizi: Nein, wir mus­lim­is­chen Seel­sor­gen­den, auch die Frauen, kön­nen alle For­men der Seel­sorge, Rit­uale oder Gebete anbi­eten. Es gibt aber Men­schen, die von ihrem kul­turellen Ver­ständ­nis her unbe­d­ingt einen Imam wollen. Dann werde ich hinzuge­zo­gen, weil ich sowohl als Imam wie auch als Spi­talseel­sorg­er aus­ge­bildet bin. Wir machen das, weil die Men­schen es wün­schen, nicht weil es vom Islam her notwendig wäre.

Gibt es Unter­schiede im religiösen Ver­ständ­nis von Krankheit?
Saban Azizi: Ich glaube nicht. Ich füh­le auch keinen Druck, dass mein Gegenüber von mir erwartet, dass ich als Seel­sorg­er irgend etwas erre­ichen müsste. Ich führe ein per­sön­lich­es Gespräch mit der Per­son, die vor mir ste­ht. Es geht um ihre Befind­lichkeit und darum, zuzuhören und Trost zu spenden.

«Zuwendung ​ist zentral» - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz 1


Die Pub­lika­tion «zVis­ite» ist eine inter­re­ligiöse Koop­er­a­tion, die ein­mal im Jahr anlässlich der Woche der Reli­gio­nen erscheint. Beteiligt sind die Redak­tio­nen von «Licht­blick» Pfar­rblatt Nord­westschweiz; reformiert., die evan­ge­lisch-reformierte Zeitung; Forum, Mag­a­zin der katholis­chen Kirche im Kan­ton Zürich; tach­les, das jüdis­che Wochen­magazin; Christkatholisch, Zeitschrift der Christkatholis­chen Kirche; Kirchen­bote, evan­ge­lisch-reformierte Zeitung BS, BL, SO, SH und Zen­tralschweiz; Iras Cotis, Inter­re­ligiöse Arbeits­ge­mein­schaft in der Schweiz sowie das katholis­che Pfar­rblatt Bern.

Es gibt religiöse Ausle­gun­gen, die Krankheit als Strafe Gottes oder als schmerzhaften Weg zur Reini­gung ver­ste­hen. Wer­den Sie damit oft kon­fron­tiert?
Susan­na Mey­er-Kunz: Men­schen mit schw­eren Essstörun­gen haben manch­mal sehr rigide Vorstel­lun­gen, oft wur­den sie in Freikirchen sozial­isiert. Manche wer­den sog­ar aus­ge­gren­zt von ihrer Gemein­schaft wegen ihrer Krankheit. Sie fra­gen sich schon: Bin ich so schlimm, schreck­lich und sündig? Dann gibt es gläu­bige Men­schen, die nicht zu viele Schmerzmedika­mente nehmen wollen, weil auch Chris­tus gelit­ten habe. Im Gespräch wan­delt sich manch­mal dieses Gottes­bild. Oder es gibt Betrof­fene, die sehr reflek­tiert sind und sich mit dem Ster­ben auseinan­der­set­zen. Ihre Ange­höri­gen jedoch beten für eine Heilung um jeden Preis und wer­fen ihnen vor, zu wenig zu glauben. Da sind Gespräche mit allen, auch den Ange­höri­gen, sehr wichtig.

Saban Azizi: Manch­mal sagen Ange­hörige: Du bist doch ein guter Men­sch, warum hast du eine so schwere Krankheit? Das belastet sie natür­lich sehr. Es gibt einen Vers im Koran, in dem der Prophet Abra­ham Gott um Heilung bit­tet. Daraus fol­gern wir: Gott hat die Krankheit­en erschaf­fen, er hat aber auch die Heilung erschaf­fen. Krankheit gehört zum Leben, ich kann um Heilung bit­ten oder auch darum, die Krankheit gut zu tra­gen.

Der Krankheit einen Sinn zu geben, ist gefährlich. Zugle­ich ist die Sinnlosigkeit des Lei­dens schw­er auszuhal­ten.
Susan­na Mey­er Kunz: Wir haben auf manche Dinge keine Antwort. Die Psy­cholo­gen und Ärztin­nen haben ihre Ther­a­piekonzepte, aber auch sie stossen an Gren­zen. Ich glaube, wir Seel­sor­gende haben die Fähigkeit, Auswe­glosigkeit­en auszuhal­ten und ger­ade darin den Pati­entin­nen und Patien­ten nahe zu sein.

Nicht immer ist sin­nvoll, was medi­zinisch möglich ist. Wie bringt sich die Seel­sorge ein, wenn Men­schen vor ethisch kom­plex­en Fra­gen ste­hen? 
Susan­na Mey­er Kunz: Geht es um medi­zinethis­che Fra­gen, wer­den wir in die inter­diszi­plinären Fallbe­sprechun­gen ein­be­zo­gen. Die Betrof­fe­nen unter­stützen wir darin, diese Fra­gen mit dem Behand­lung­steam offen anzuge­hen und ermuti­gen sie, eigene Entschei­dun­gen zu tre­f­fen. Dass Ther­a­pieziele angepasst wer­den, weil es in erster Lin­ie um die Leben­squal­ität geht und eine Krankheit nicht mehr um jeden Preis bekämpft wer­den kann, ist bre­it anerkan­nt.
Saban Azizi: Ich erlebe oft, dass es vor allem den Ange­höri­gen schw­er­fällt, loszu­lassen. Sie wollen, dass der Patient um sein Über­leben kämpft. Manch­mal ist es auch eine Frage der Sprache. Die Fam­i­lie ein­er bere­its hirn­toten Per­son wollte partout nicht ein­willi­gen, dass die Maschi­nen abgestellt wer­den. Nach mehreren Gesprächen mit den Ärzten wurde ich hinzuge­zo­gen. Erst jet­zt kon­nten sie die Sit­u­a­tion richtig ver­ste­hen und liessen die Ther­a­piezielän­derung zu. Wir kön­nen helfen, die Sprach­bar­riere zu über­winden und Ver­trauen zu schaf­fen.

In den Evan­gelien wird von Jesus und den Apos­telin­nen und Apos­teln erzählt, die Kranke heilen kön­nen. Im Spi­tal stellt sich aber nie­mand ans Bett und sagt: «Steh auf und zeig, dass du gehen kannst» (Joh 5,8). Sind die Heilungs­geschicht­en Stolper­steine oder Quellen der Hoff­nung?
Susan­na Mey­er Kunz: Für mich sind sie eine Bere­icherung. Sie ste­hen für eine Wirk­lichkeit, die im hoch tech­nol­o­gisierten Klinikall­t­ag oft keinen Platz hat. Und es gibt auch heute noch Wun­dergeschicht­en: Men­schen, die trotz schlechter Prog­nosen gesund wer­den. Zudem sagt Jesus häu­fig, der Glaube habe die Men­schen geheilt. Damit wirft er auch die Frage auf, was Heilung, dieses Auf­ste­hen eigentlich bedeutet. Die Erzäh­lun­gen laden dazu ein, darüber nachzu­denken, was einem Men­schen wichtig ist. In welchen Momenten und unter welchen Bedin­gun­gen er sich gebor­gen fühlt, trotz der Krankheit.

Und wenn das Wun­der aus­bleibt und nur Verzwei­flung bleibt?
Susan­na Mey­er Kunz: Im Spi­ta­lall­t­ag sind wir tat­säch­lich oft mit schlim­men Sit­u­a­tio­nen kon­fron­tiert. Es gibt dieses völ­lig sinnlose Ster­ben: eine junge Mut­ter, die auf dem Zebras­treifen von einem betrunk­e­nen Autolenker ange­fahren wird, ein Jugendlich­er, der schw­er an Krebs erkrankt. Dann sind bib­lis­che Heilungs­geschicht­en, die meis­tens gut aus­ge­hen, tat­säch­lich Stolper­steine, diese Span­nung lässt sich nicht auflösen.

Erzählt der Koran auch von wun­der­samen Heilun­gen?
Saban Azizi: Ja. Mehrfach erwäh­nt wird Hiob, der 18 Jahre lang krank im Bett lag. Als er sich mit einem Bittge­bet an Gott wen­det, wird er plöt­zlich gesund. Dass Gott unsere Bit­ten erhört, ist eine starke Ressource.

Aber manch­mal auch ein leeres Ver­sprechen: Oft lassen sich Krankheit­en nicht weg­beten.
Saban Azizi: Das stimmt. Und auch davon erzählt der Koran. Hiob wird von allen Fre­undin­nen und Fre­un­den ver­lassen. Drei Fre­unde machen ihm gar Vor­würfe, weil sie davon aus­ge­hen, dass Hiob gesündigt haben muss, weil es ihm son­st nicht so schlecht gehen würde. Allein seine Frau ste­ht ihm bei. Es geht also um jene Zuwen­dung, die auch in der Seel­sorge zen­tral ist. Hiob, der ja in der Bibel wie im Koran vorkommt, kann da eine wichtige und hil­fre­iche Fig­ur sein: Gott hat Tod und Leben, Krankheit und Gesund­heit geschaf­fen. Die Ursachen für eine Krankheit bleiben oft im Dunkeln. Jeman­dem beizuste­hen, bedeutet dann, die Verzwei­flung und Sinnlosigkeit auszuhal­ten. Und manch­mal kann Heilung auch bedeuten, dass die Seele zur Ruhe kommt.

Susan­na Mey­er Kunz: Wichtig ist, dass wir Heilung nicht nur indi­vidu­ell ver­ste­hen. Wer auf der Not­fal­labteilung arbeit­et, wird beina­he täglich mit Fällen von häus­lich­er Gewalt kon­fron­tiert. Es gibt auch struk­turelle Krankheit­en in unser­er Gesellschaft.

Und was kön­nen die Reli­gio­nen dazu beitra­gen, dass die Gesellschaft Heilung erfährt? Sie haben ja auch Spal­tungspoten­zial.
Saban Azizi: Deshalb müssen die Reli­gio­nen das Gemein­same beto­nen und vor­leben, was Friede und Ver­söh­nung bedeutet.
Susan­na Mey­er Kunz: Den Opfern beis­te­hen und die Täter begleit­en, zum Beispiel in der Gefäng­nis­seel­sorge, das halte ich für eine ganz zen­trale Auf­gabe der Kirchen und Reli­gion­s­ge­mein­schaften in der Seel­sorge. Gewaltver­brechen hin­ter­lassen ja immer Ver­let­zun­gen. Sie kön­nen nur durch Aufar­beitung heilen, in der vielle­icht sog­ar Ver­söh­nung möglich wird.

Felix Reich und Beatrix Ledergerber
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