
© Isabel Jefferson
«Gleichberechtigung – wann endlich?»
Ein Podiumsgespräch in Hägglingen vereinte vier Frauen, die sich für Gleichberechtigung in der Kirche einsetzen
Gegen hundert Menschen fanden am Donnerstagabend, 27. August, den Weg in die Dorfkirche St. Michael in Hägglingen. Das Offene Pfarreihaus Hägglingen und die Gruppe Gebet am Donnerstag hatten zum Donnerstagsgebet mit anschliessendem Podiumsgespräch eingeladen. «Frauen führen Kirche gleichberechtigt – wann endlich?», so lautete das Thema der Veranstaltung.
Das Podium vereinte Führungsfrauen der katholischen Kirche und damit eine Fülle an Erfahrungen, über die es sich zu sprechen lohnt. Nadja Waibel, promovierte Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bochum, Claudia Mennen, Leiterin Bildung und Kultur im Bildungshaus Mattli in Morschach und ebenfalls promovierte Theologin, Irene Gassmann, Priorin des Benediktinerinnenklosters Fahr, und Lara Tedesco, Theologin und Leiterin des Pastoralraums Siggenthal, nahmen vor dem Altar Platz.
Es fehlt nicht an unbequemen Themen
Die Initiantin des Anlasses, Bea Geissmann aus der Pfarrei Hägglingen, moderierte das Podiumsgespräch. In ihrer Begrüssung wünschte sie sich, dass es ein unbequemer Abend werden solle – und das nicht nur wegen der harten Kirchenbänke. An entsprechenden Themen fehlt es in der römisch-katholischen Kirche derzeit nicht.

Eine der unbequemsten Fragen stellte Nadja Waibel gleich zu Beginn in ihrem einleitenden Referat. Sie hatte sich in ihrer Dissertation mit den Erfahrungen von katholischen Gemeindeleiterinnen in Deutschschweizer Pfarreien auseinandergesetzt. «Stabilisiere ich mit meiner Arbeit in der Kirche ein System, das mich zugleich diskriminiert?» hätten sich viele der für die Studie porträtierten Frauen gefragt, erklärte Waibel. Eine Frau, die Theologie studiere, frage sich immer, wo ihr Platz innerhalb der römisch-katholischen Kirche sei, betonte Waibel zudem. Zwar tragen Frauen inzwischen an verschiedenen Stellen Verantwortung, aber ohne institutionell und rechtlich abgesicherten Rahmen.
Klerikalismus pur?
Ohne gesicherten Rahmen bewegen sich Frauen in kirchlichen Ämtern auf dünnem Eis, erklärte Claudia Mennen in der Podiumsdiskussion. Mehrere Frauen auf dem Podium und im Publikum hatten schon Erfahrungen gemacht mit Pfarrern oder Bischöfen, die den Gottesdienstablauf kurz vor Beginn nach ihrem Gutdünken abgeändert hatten. «Klerikalismus pur, eine Veruntreuung des Evangeliums und der Würde der Taufe», fand Claudia Mennen. Auf den Einwand aus dem Publikum, man solle die Eucharistiefeier nicht zur Kampfzone machen, da es ja genügend alternative Formen gebe, erklärte Vroni Peterhans, Katechetin und national tätige Kirchenfrau, dezidiert: «Ich möchte auch das Brot teilen und nicht immer auf andere Formen ausweichen.»

Das nötige Selbstvertrauen
Lara Tedesco leitet seit vier Jahren den Pastoralraum Siggenthal, wo sie schon vorher als Pfarreiseelsorgerin in Untersiggenthal tätig war. Sie studierte Theologie in ihrem Heimatland Italien und wusste, dass sie dort keine Möglichkeit hatte, als Pfarreiseelsorgerin tätig zu sein oder gar eine Führungsposition in der Kirche einzunehmen. Das nötige Selbstvertrauen, im Siggenthal die Pastoralraumleitung zu übernehmen, zog sie aus ihrer Mutterschaft: «Wenn ich einen Menschen grossziehen kann, kann ich auch einen Pastoralraum leiten», habe sie sich gesagt. Zusammen mit ihrem Team sorgt sie für einen kleinen, aber lebendigen Pastoralraum mit rund 4000 Katholikinnen und Katholiken.
Abhängigkeit und Machtgefälle bekämpfen
Priorin Irene Gassmann vom Benediktinerinnenkloster Fahr leitet eine Jahrhunderte alte Institution – und setzt sich für Erneuerung innerhalb der katholischen Kirche ein. Für ihr Engagement erhielt sie im Herbst 2024 die Ehrendoktorwürde der Universität Fribourg. Sie sei eine Spätberufene, erklärte Priorin Irene. Seit 40 Jahren lebe sie im Kloster, ihr Engagement für Gleichberechtigung habe erst vor 12 Jahren mit der Anfrage für die Initiative «Kirche mit* den Frauen» begonnen. Dieses Engagement habe bei ihr das Bewusstsein für die Diskriminierung von Frauen und ihre Abhängigkeit von Priestern geweckt. «Für die Sakramente sind wir Ordensfrauen auf geweihte Männer angewiesen. Dieses Machtgefälle ist ungesund. Kirche kann nur gesund werden durch Gleichberechtigung.»

Ein Wunsch
Auf die Frage, warum sie sich noch in der Kirche engagiere, gestand Claudia Mennen, dass ihr dazu spontan leider wenig einfalle. Hoffnung gäben ihr ihre Glaubensgeschwister, die sich trotz Enttäuschungen nicht entmutigen lassen. Konkrete Reformen sieht sie vor allem von unten kommend. «Graswurzelbewegungen» nennt sie das, wenn Mitfeiernde in den Gemeinden gemeinsam etwas bewirken.
«Was können wir Männer tun, um euch zu unterstützen?», fragte ein Mann. Claudia Mennen antwortete: «Ich würde mir sehr wünschen, dass Priester, Diakone, Bischöfe und Generalvikare sagen: ‹Wir vermissen euch Frauen gleichberechtigt neben uns am Altar.›»
Taufwürde ist das Ticket
Das steinerne Taufbecken in der Mitte der Podiumsrunde unterstrich die Hauptaussage der Gesprächsrunde: Die Taufe verleiht allen – unabhängig von Geschlecht, Nationalität oder sexueller Orientierung – die gleiche Würde. Priorin Irene sagte: «Die Taufe ist die Voraussetzung für Ämter und Charisma, die Gaben sind unabhängig vom Geschlecht. Ich kann nichts dafür, dass ich eine Frau bin.» Claudia Mennen bestätigte: «Die Taufwürde ist das Billett. Wenn das wieder gelebt wird, wird die Kirche wieder farbiger, kreativer und gesünder.»

Ein leitender Pastoralraumpriester, der aus Nigeria in die Schweiz kam, hörte aufmerksam zu und meldete sich aus dem Publikum zu Wort. Die Frage, nach dem Diakonat oder Priestertum der Frauen sei eine regionale Frage. In Nigeria verspürten die Frauen nicht den Wunsch, Priesterin zu werden. Priorin Irene hingegen machte andere Erfahrungen: «Ich bin in Kontakt mit einer nigerianischen Benediktinerin und Äbtissin. Sie findet die Kultur ungerecht und ist der Meinung, dass die Frauen dort erwachen müssen. Sie setzt sich für Gleichberechtigung in der nigerianischen Kirche ein.» Claudia Mennen erwähnte Interviews mit römisch-katholischen Frauen weltweit, die eine Berufung zur Priesterin spüren. Diese Interviews zu lesen, sei schmerzhaft. Doch genauso schwierig sei, dass die meisten Frauen gar nie die Möglichkeit gehabt hätten, ihre Berufung zu spüren, weil sie sich nicht an weiblichen Vorbildern orientieren könnten.
Schmerzhaft und langsam
«Gleichberechtig, wann endlich?», fragte Moderatorin Bea Geissmann Nadja Waibel am Ende der Veranstaltung. «Der jetzige Zustand lässt sich irgendwann nicht mehr halten», sagte Waibel. Eine Prognose sei aber schwierig: «Weltweit rechne ich mit etwa fünf bis zehn Jahren bis zum Diakonat der Frau.» Priorin Irene Gassmann brachte es auf den Punkt: «Der Synodale Prozess ist ein guter Prozess, braucht aber sehr viel Geduld.»