Als Migranten für Migranten
© Pfarrei San Pio X

Als Migranten für Migranten

80 Jahre Scalabrini-Missionare in Basel

Die Pfar­rei San Pio X schaut im Jubiläum­s­jahr auf ihre Geschichte zurück und ent­deckt die Hand­schrift Scal­abri­nis, der sich von Anfang an für Migran­tinnen und Migranten einge­set­zt hat.

Kirche kann Men­schen ein Gefühl von Heimat geben. Wer von klein auf am kirch­lichen Leben teil­hat, ken­nt die Lieder, Gebete, Rit­uale und Feste der Heimatp­far­rei. Sie ist Beglei­t­erin wichtiger Momente des Lebens, genau­so wie im All­t­ag.

Aber Kirche ist nicht gle­ich Kirche. Katholis­ch­sein in der Schweiz unter­schei­det sich vom Katholis­ch­sein in anderen Län­dern. Wenn Men­schen sich auf den Weg machen, um in anderen Län­dern zu arbeit­en und zu leben, dann wer­den sie aus ihrer Heimatp­far­rei entwurzelt.

Eine italienische Mission in Basel

Ende des 19. Jahrhun­derts wächst Basel stark. Mit dem wirtschaftlichen Auf­schwung ziehen zahlre­iche ital­ienis­che Bauar­beit­er in die Stadt. Sie brin­gen aber nicht nur ihre Arbeit­skraft mit, son­dern auch den Wun­sch nach ein­er spir­ituellen Heimat. 1903 wird daher am Rümelin­bach­weg das Zen­trum der Mis­sione Cat­toli­ca Ital­iana (der Katholis­chen Ital­ienis­chen Mis­sion) eröffnet – dort, wo auch heute noch die Par­roc­chia San Pio X zu Hause ist.Die Mis­sione gibt es also schon seit über 120 Jahren, die Pfar­rei feiert dieses Jahr jedoch ein anderes wichtiges Jubiläum: Seit 1946 sind die Scal­abri­ni-Mis­sion­are in Basel, die das Leben der Mis­sion und späteren Pfar­rei mass­ge­blich geprägt haben. Wer sind sie und wie haben sie die heutige Pfar­rei zu dem gemacht, was sie ist? 

Glaubenspraxis fern der Heimat ​erhalten

Die Con­gre­ga­tio Scal­abrini­ana, auf Deutsch Scal­abri­ni-Mis­sion­are, mit dem Orden­skürzel CS, wurde im Jahr 1887 vom dama­li­gen Bischof Gio­van­ni Bat­tista Scal­abri­ni in Pia­cen­za in Nordi­tal­ien gegrün­det. Pater Vale­rio Far­rona­to ist selb­st Scal­abrini­an­er und seit 11 Jahren in San Pio X tätig, zuerst als Pfar­rer und seit 2024 als Vikar. Er erzählt, dass zu Zeit­en Scal­abri­nis viele Men­schen ihre Dör­fer ver­liessen, um in anderen Län­dern – damals vor allem in Nord- und Südameri­ka – ein neues Leben zu begin­nen. Scal­abri­ni bemerk­te, dass diesen Men­schen spir­ituelle Hil­fe fehlte. Sie schrieben Briefe an ihren ehe­ma­li­gen Bischof, in denen sie klagten, dass sie im Leben und Ster­ben auf sich allein gestellt seien. «Da fand er: Es muss sich etwas ändern, und es kam ihm die Idee, je einen Priester nach Nord- und Südameri­ka zu entsenden, um als Mis­sion­are für die Men­schen da zu sein», erk­lärt Pater Vale­rio. Scal­abri­nis Ziel war es, die ital­ienis­che Spir­i­tu­al­ität und Glauben­sprax­is in der neuen Heimat der Men­schen zu erhal­ten.

Die Scalabrini-Missionare kommen ​nach Basel

Nicht nur im weit ent­fer­n­ten Ameri­ka, auch in den benach­barten Län­dern wie Frankre­ich und der Schweiz, wün­scht­en sich die ital­ienis­chen Auswan­der­er Begleitung im Glaubensleben. «Das war der Anfang: Die Präsenz der Scal­abri­ni-Mis­sion­are für eine religiöse Begleitung der Män­ner aus der Baubranche», erzählt Donatel­la Por­tale D’Addazio, die sich in der Pfar­rei San Pio X engagiert. Ursprünglich waren es vor allem alle­in­ste­hende Män­ner, um die sich die Mis­sion­are küm­merten. In ein­er zweit­en Phase zogen Fam­i­lien nach oder die Frauen fol­gten und das Paar grün­dete eine Fam­i­lie. Por­tale D’Addazio erk­lärt: «Die Scal­abri­ni-Mis­sion­are küm­merten sich nun nicht mehr nur um die religiöse Begleitung, son­dern betätigten sich auch im sozialen Bere­ich.» Dabei kon­nten sie auf bere­its beste­hende Werke ander­er Gemein­schaften zurück­greifen und wur­den von ver­schiede­nen weib­lichen Ordens­ge­mein­schaften unter­stützt, die damals eben­falls in der Mis­sion tätig waren. Es ent­standen beispiel­weise Kindertagesstät­ten und Schulen. Später als Spezialp­far­rge­meinde und ab 1995 als eigene Pfar­rei San Pio X gab es auch Vor­bere­itungskurse für die Sakra­mente sowie Taufen, Erstkom­mu­nion­feiern, Eheschlies­sun­gen und Beerdi­gun­gen. «Die Pfar­rei war und ist sehr lebendig: Es gibt mehrere Chor­grup­pen, eine Jugend­gruppe, Kinder- und Fam­i­lien­grup­pen und regelmäs­sig kul­turelle Anlässe», freut sich Pater Vale­rio.

Die Scal­abrini­an­er wirken nicht nur in der Pfar­rei. In Solothurn wurde 1961 das Säku­lar­in­sti­tut der Scal­abri­ni-Mis­sion­ar­in­nen, also der Ordens­frauen, gegrün­det. Das Insti­tut ist – unab­hängig von den Mis­sion­sstruk­turen – für Men­schen da, die Migra­tionser­fahrun­gen machen und unter­stützt sie durch Jugen­dar­beit, inner­halb der Fam­i­lie oder beim Zurechtfind­en in der Arbeitswelt.

Für Por­tale D’Addazio zeigt sich in diesem Erbe die Ein­stel­lung Scal­abri­nis: «Er war ein Bischof, dem schon immer die Migran­tinnen und Migranten am Herzen lagen. Scal­abri­ni war der Weg­bere­it­er der beson­deren Aufmerk­samkeit der Kirche für ihre Prob­leme und Sor­gen.»

Identität feiern und weitertragen

Die Pfar­rei San Pio X feiert das 80-jährige Engage­ment der Scal­abri­ni-Mis­sion­are. Warum, erk­lärt Por­tale D’Addazio: «Es ist wichtig, das zu feiern, was wir gemein­sam erlebt haben. Ein Jubiläum ist mehr als ein Rück­blick. Es ist eine Gele­gen­heit, die Iden­tität ein­er Gemein­schaft sicht­bar zu machen und die Geschichte zu würdi­gen, die ältere und jün­gere Gen­er­a­tio­nen miteinan­der verbindet.» Dabei wür­den die älteren Gen­er­a­tio­nen vor allem dankbar auf die Zeit zurück­blick­en, während die jün­geren einen Ein­blick bekä­men, wie sich die Iden­tität entwick­elt hat. Für Pater Vale­rio und Donatel­la Por­tale D’Addazio trägt die Pfar­rei die Hand­schrift der Scal­abri­ni-Mis­sion­are und ihres Grün­ders. «Die Pfar­rei war schon immer nicht nur für die Ital­iener­in­nen und Ital­iener aus Basel da, son­dern auch offen für diejeni­gen aus Frankre­ich und Deutsch­land», erzählt Por­tale D’Addazio. Nach Pater Vale­rio zeigt sich in der Pfar­rei ausser­dem das beson­dere Charis­ma, die beson­dere Gabe der Scal­abri­ni-Mis­sion­are. «Wir leben unsere Leben selb­st als Migranten. Als Migranten für Migranten. Wir haben die Auf­fas­sung und das Ziel, dass Migra­tion eine Chance für die Kirche ist», erk­lärt er. Die Scal­abri­ni-Mis­sion­are möcht­en ein Mod­ell von Kirche vor­leben, in dem Vielfalt als Bere­icherung gese­hen wird, nicht als Prob­lem. Er meint: «Die Zukun­ft der katholis­chen Kirche in der Schweiz sind die Migranten.»


Welches italienische Wort beschreibt Ihre Gemeinschaft am besten ​und warum?

Vorlage (kurz, Beitrag) - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz 14

© Archiv Licht­blick

Pater Vale­rio Far­rona­to:
«Una tes­ti­mo­ni­an­za che la Chiesa è uni­ver­sale»: Ein Zeug­nis dafür, dass die Kirche uni­versell ist. Oder «Fare del mon­do la patria dell’uomo»: Die Welt zur Heimat des Men­schen machen. Das ist ein Satz Scal­abri­nis, mit dem er seinen Traum für die Kirche beschreibt.

© zVg

Donatel­la Por­tale D’Addazio:
Ich wäh­le das Wort «incon­tro». Das bedeutet Tre­f­fen. Ich sehe das in unser­er Gemein­schaft auf mehreren Ebe­nen: inner­halb der Gemein­schaft, unter den Gemein­schaften und in der gesamten Kirche.

Ein Musi­cal ​zu Scal­abri­nis Ehren

Im Rah­men des Jubiläums ist ein Musi­cal zu Gast in der Pfar­rei, in dem das Leben von Gio­van­ni Bat­tista Scal­abri­ni dargestellt wird. Es wurde bere­its an ver­schiede­nen Orten aufge­führt, zulet­zt unter anderem in Kana­da. Die Mitwirk­enden sind meist keine pro­fes­sionellen Musi­cal­darstel­lerin­nen oder ‑darsteller, engagieren sich aber regelmäs­sig in ver­schiede­nen Pro­jek­ten der Kon­gre­ga­tion. Für die Auf­führung in Basel reisen rund 50 junge Erwach­sene aus ver­schiede­nen Regio­nen Ital­iens an. Während ihres Aufen­thalts wer­den sie von Gast­fam­i­lien aus der Pfar­rei aufgenom­men.

Anhand von Liedern und Chore­ografien wird das Leben Scal­abri­nis vorgestellt. Es ist eine Biografie unter dem Blick­winkel des The­mas Migra­tion. Was hat Scal­abri­ni dazu bewogen, sich für Migran­tinnen und Migranten einzuset­zen und Priester in die ganze Welt zu entsenden?

 

Sam­stag, 19. Sep­tem­ber, 19.30 Uhr

Scala Basel Freie Strasse 89, 4052 BaselTick­ets erhältlich unterwww.eventfrog.ch/per-terre-lontaneoder im Pfar­ramt San Pio X

Vorlage (kurz, Beitrag) - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz 16
Bildquelle: Archiv Scala­mu­sic
Leonie Wollensack
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