Wärme aus der Tiefe
Am 5. September 1955 wurde in einer Tiefe von 429,6 Metern die 40-Grad-warme Thermalquelle von Bad Zurzach entdeckt. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile, und alle Kirchenglocken läuteten, um das historische Ereignis zu feiern.
© Stiftung Gesundheitsförderung Bad Zurzach und Baden

Wärme aus der Tiefe

Teil 4 der Sommerserie «Zu den Quellen»

Warmes Wass­er mit heilen­der Wirkung: Im «Lichtblick»-Gebiet befind­en sich mehrere Ther­malquellen. Teil 4 der Som­merserie «Zu den Quellen» zeigt, wo und wie das Wass­er aus der Tiefe steigt.

Es war ein schick­sal­hafter Moment für die Aar­gauer Gemeinde Zurzach. Am Abend des 5. Sep­tem­ber 1955 stiess der Dia­man­tk­ern­bohrer in ein­er Tiefe von 429,6 Metern auf eine ver­wit­terte, wasser­führende Gran­itschicht. Das Wass­er, das sich in tiefen Erd­schicht­en erwärmt und im porösen Gestein gesam­melt hat­te, schoss durch das Bohrloch an die Ober­fläche. Damit fan­den die jahrzehn­te­lan­gen poli­tis­chen Diskus­sio­nen, die Analy­sen und die Finanzierungs­be­mühun­gen der Ini­tianten der Quell-Erbohrung ein glück­lich­es Ende. Die Bevölkerung feierte ein spon­tanes Freuden­fest und die Kirchen­glock­en verkün­de­ten die fro­he Neuigkeit.

Hautnah dabei

Haut­nah dabei an diesem his­torischen Sep­tem­ber­abend war der junge Für­sprech und Notar Wal­ter Edel­mann. Er war ein­er der Haup­tini­tianten für die Erbohrung der Zurzach­er Ther­malquelle und ein wichtiger Förder­er der ­Kur­ortentwicklung. Sein Sohn Beat Edel­mann ist Präsi­dent der Stiftung Gesund­heits­förderung Bad Zurzach und Baden. Die Stiftung set­zt sich für ganzheitliche Gesund­heit ein, betreibt Forschung und entwick­elt die Gesund­heit­sorte Bad Zurzach und Baden. Beru­flich und pri­vat ist Beat Edel­mann also mit dem Ther­mal­wass­er von Bad Zurzach eng ver­bun­den. Er inter­essiert sich bren­nend für die Geolo­gie, die Entste­hung von Quellen und die unsicht­baren Vorgänge im Erdinnern. «Es fasziniert mich, dass das kost­barste Gut, das wir haben, ein­fach so aus dem Boden kommt», erk­lärt er.

Neben Gesteinen und Erden wie Kies, Ton, Kalk, Gips, Eisen­erz oder Stein­salz zählt auch Wass­er zu den natür­lichen Boden­schätzen der Nord­westschweiz. Ein beson­ders geheimnisvoller Schatz ist das Ther­mal­wass­er, das an ver­schiede­nen Orten min­er­al­re­ich und angenehm warm aus dem Boden sprudelt.

Im Aar­gau find­en sich drei wichtige Ther­men: Baden-Ennet­baden, Schinz­nach-Bad und Bad Zurzach. Kleinere Vorkom­men sind aus Kaisten, Frick, Mumpf und Rhe­in­felden bekan­nt. Warum auf kleinem Raum so viele Ther­malquellen zu find­en sind, ist nicht leicht zu beant­worten. «Jede Quelle hat ihre eigene Geschichte», sagt Beat Edel­mann. Und wo der Ursprung des Quell­wassers genau liegt, ist für keine der Ther­malquellen abschliessend gek­lärt.

Versickern, Erwärmen, Druck aufbauen

Bad Zurzach hat streng genom­men keine Quelle, son­dern eine Bohrung. Beat Edel­mann erk­lärt, wie man sich die Entste­hung des Ther­mal­wassers vorstellen kön­nte. Das Wass­er ver­sick­ert ver­mut­lich im Schwarzwald, sick­ert hinab bis auf etwa 1000 Meter unter der Erdober­fläche. Vom Schwarzwald her fällt unterirdisch eine Schicht Gran­it ab gegen die Alpen – wie eine schiefe Ebene. Dieser Gran­it ist jedoch nicht glatt und dicht, son­dern porös. So saugt die Gesteinss­chicht Wass­er auf wie ein Schwamm. Je tiefer das Wass­er sinkt, desto wärmer wird es. Je wärmer das Wass­er wird, desto stärk­er dehnt es sich aus. Das in die Tiefe gepresste Wass­er ste­ht zunehmend unter Druck und sucht sich den Weg des ger­ing­sten Wider­stands nach oben. Als der Bohrer in Bad Zurzach, das 340 m.ü.M. liegt, die entschei­dende Gesteinss­chicht durch­brochen hat­te, schoss das Wass­er in ein­er Fontäne hoch in den Him­mel.

Bewegung im Untergrund

Das Wass­er bewegt sich unterirdisch in sehr langsamem Tem­po auf der porösen Gran­itschicht vom Schwarzwald gegen die Alpen hin. Beim Durch­fliessen der Gesteinss­chicht­en löst das Wass­er Min­er­al­stoffe aus dem Gestein. Je langsamer es sich bewegt, desto mehr Min­er­al­stoffe nimmt es auf seinem Weg mit.

Zeitreise

Das Wass­er, das in Bad Zurzach zum Vorschein kommt, muss einen jahrzehn­te­lan­gen Weg durch den Unter­grund hin­ter sich haben. Das zeigt die Unter­suchung des Wassers auf Cäsi­um. Dieser radioak­tive Stoff ist in allem Wass­er enthal­ten, das nach den Atom­bomben­ex­plo­sio­nen von Hiroshi­ma und Nagasa­ki ver­sick­ert ist. «Das Wass­er in Bad Zurzach enthält – noch – kein Cäsi­um. Das bedeutet, dass es vor 1945 ver­sick­ert sein muss», fol­gert Edel­mann. Eben­falls bekan­nt sei, dass bei ein­er län­geren Phase ohne Regen, wie wir sie diesen Som­mer erleben, der Druck des her­aufquel­len­den Wassers zeitlich verzögert etwas abnehme, sagt Beat Edel­mann.

Eine wunderbare Verbindung

Bad Zurzach zieht nicht erst seit der Erbohrung der Quelle im Jahr 1955 viele Gäste an. Bere­its im frühen Mit­te­lal­ter pil­gerten Men­schen ans Grab der heili­gen Ver­e­na, das sich in der Kryp­ta des Ver­e­namün­sters befind­et. Die kop­tis­che Heilige, die mit der the­bäis­chen Legion in die Schweiz gezo­gen sein soll, küm­merte sich der Leg­ende nach in Zurzach um Arme und Kranke. Ihre Attribute sind Kamm und Krug. Mit dem Krug soll Ver­e­na den Kranken Wein und Wass­er gebracht haben. Beat Edel­mann find­et: «Die Verbindung zwis­chen der Quelle mit dem heilen­den Wass­er und der heili­gen Ver­e­na mit dem Wasserkrug ist wun­der­bar, man kön­nte sie nicht bess­er erfind­en.»


Beat Edel­mann ist Präsi­dent der Stiftung Gesund­heits­förderung Bad Zurzach und Baden. Mit der Entste­hung und der Beschaf­fen­heit der Bad Zurzach­er Ther­malquellen befasst er sich nicht nur von Amtes wegen, son­dern auch aus per­sön­lichem Inter­esse.

Ther­men

Baden

Die Ther­malquellen von Baden und Ennet­baden treten am Lim­matufer aus, in der Klus, welche die Lim­mat ins Jurage­birge der Lägern geschnit­ten hat. Die Ther­malquellen wur­den bere­its zur Römerzeit gefasst und genutzt. Die 19 Quell­wasser­aus­tritte sind ent­lang von Fels­brüchen aufgerei­ht. Das Wass­er durch­strömt 250 bis 200 Mil­lio­nen Jahre alte Meeresablagerun­gen, welche lös­liche Min­er­alien wie Stein­salz und Gips führen. Mit über 4 Gramm gelösten Sub­stanzen pro Liter ist das Ther­mal­wass­er von Baden und Ennet­baden das am stärk­sten min­er­al­isierte «Heil­wass­er» der Schweiz. Die Tem­per­atur liegt um die 47 Grad, die Schüt­tungs­menge zwis­chen 569 und 949 Litern pro Minute.

Schinznach-Bad

Die Quelle von Schinz­­nach-Bad war bere­its zur Römerzeit bekan­nt und wurde über Jahrhun­derte genutzt. Im Jahr 1651 trat eine neue, arte­sis­che Quelle an der Erdober­fläche aus. Die let­zte Bohrung, aus dem Jahr 1996, fördert Wass­er von 44 Grad Cel­sius aus 400 m Tiefe.

Bad Zurzach

Das Ther­mal­wass­er wurde 1914 bei ein­er Sondier­bohrung ent­deckt, bei welch­er eigentlich nach Salz gebohrt wurde. Das Vorkom­men wurde im Jahr 1955 in ein­er Tiefe von 430 m neu erschlossen. Die natür­liche Tem­per­atur liegt um 40 Grad Cel­sius. Das Wass­er enthält soge­nan­ntes «Glauber­salz» oder Natri­um­sul­fat.

Rheinfelden

Das Bad in Rhe­in­felden ist vor allem wegen sein­er Sole bekan­nt, die aus cir­ca 200 Metern Tiefe in der Saline Rhe­in­felden-Riburg gefördert und via Pipeline direkt in die Well­­ness-Welt sole uno geleit­et wird. Dort wird sie mit dem Rhe­in­felder Trinkwass­er ver­mis­cht und auf bis zu 36 Grad erwärmt. So ent­fal­tet sie ihre wohltuende Wirkung.

Aus: «Erdgeschichte und Land­schaften im Kan­ton Aar­gau» von Wal­ter Wil­di und André Lam­bert, 2. Auflage, 2019

Marie-Christine Andres Schürch
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