
Ein Treffer mitten ins Leben
Mit den Menschen über das Lebensende sprechen
In einer Strassenaktion sammelte «palliative aargau» Fragen zum Lebensende. Genau so, wie diese Aktion Menschen beim Einkaufen an einem geschäftigen Samstag überraschte, platzt auch eine Diagnose häufig mitten ins Leben.
In Aaraus Innenstadt pulsiert das Leben. Der Duft von tibetischen Momos liegt in der Luft, Väter mit Kinderwagen und Kaffeebecher schlendern zum Park, Jugendliche schlängeln sich auf dem Elektrotrotti durch die Szene. Zwei als Michael Jackson verkleidete Jungen verteilen zu Musik aus der Boom-Box Flyer für eine Veranstaltung zu Ehren des King of Pop.
Mitten in diesem Samstagstrubel steht das Team von «palliative aargau», bereit zum Gespräch. «Ich selbst würde um Menschen wie mich einen grossen Bogen machen», sagt Méghane Widmer und lacht. Die Mitarbeiterin der Geschäftsstelle von «palliative aargau» lässt ihren Blick über die vorbeigehenden Leute wandern, sucht sich jemanden aus, fasst sich ein Herz und geht auf die Person zu: «Wir sammeln Fragen zum Lebensende. Haben Sie vielleicht eine?»
Endlich Antworten
Die Angesprochenen reagieren unterschiedlich. Einige winken von weitem ab und gehen zügig weiter. Doch immer wieder lassen sich Menschen ansprechen und nehmen den angebotenen Flyer mit. Einige treten an den Tisch und schreiben eine Frage auf die bereitgelegten Zettel. Manche beginnen zu erzählen, so dass sich ein Gespräch ergibt. Die Mitarbeitenden von «palliative aargau» wollen den Menschen nichts verkaufen, sondern sie darauf aufmerksam machen, dass es im Aargau eine Organisation gibt, die sich fundiert mit Fragen zum Lebensende beschäftigt. Die Strassenaktion ist der Auftakt zur Kampagne «Endlich Antworten». Die gesammelten oder schriftlich eingereichten Fragen werden von Fachleuten in einer fortlaufenden Videoserie beantwortet, die im Oktober 2026 startet. Ende Oktober findet zudem eine Aktionswoche statt, in der ausgewählte Publikumsfragen zum Veranstaltungsthema werden.

© Marie-Christine Andres
«Im Auftrag des Kantons Aargau vernetzen wir Fachleute und helfen Menschen am Lebensende und ihren Angehörigen, die richtige Unterstützung zu finden. Um unsere Arbeit öffentlich bekannter zu machen, führen wir nun zum ersten Mal eine Strassenaktion durch.
Unserer Erfahrung nach beschäftigen sich die Menschen mit dem Thema Lebensende meist erst, wenn sie in ihrem Umfeld damit konfrontiert werden. Wir möchten auch diejenigen Menschen erreichen, die (noch) nicht akut betroffen sind und unter ihnen unser Angebot bekannt machen. Nur wenige Leute im Kanton wissen, dass es dieses Angebot gibt.»

Geschäftsführer «palliative aargau»
© Marie-Christine Andres
Eisbrecher fürs Thema Lebensende?
Die Menschen, die an diesem Samstag durch die Innenstadt gehen, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit andere Themen im Kopf als ihr Lebensende. Wie also am besten auf sie zugehen und ein Gespräch beginnen?
Ein unübersehbarer Eisbrecher ist ein Glücksrad, das vom Team in «Lebensrad» umgetauft wurde. Bleibt das Rad auf einem bestimmten Symbol stehen, erhält die Raddreherin oder der Raddreher eine bunte Karte zu einem bestimmten Thema, über das in ein Gespräch eingestiegen werden kann.
Doch es geht auch ohne Rad, mit Menschenkontakt. «Meistens sage ich erstmal Grüezi und schaue, wie die Leute reagieren», erzählt uns Vera Marcia Bahoul. Sie ist Palliative Care Nurse und eines der Teammitglieder, die auf die Menschen in der Fussgängerzone zugehen. Sie merke, ob die Menschen gerade offen für ein Gespräch seien. «Wenn die Leute stehen bleiben, frage ich: Haben Sie sich schon mal Gedanken zum Lebensende gemacht oder haben Sie Fragen zu diesem Thema?», das funktioniere bisher gut, so Bahoul.

© Marie-Christine Andres
«Palliative Care betrifft nicht nur die letzten Tage vor dem Sterben, sondern häufig einen längeren Zeitraum, sie kann Menschen über Jahre begleiten. Bei chronischen Krankheiten, die man nicht mehr heilen kann, hilft Palliative Care dabei, das Leben möglichst lange lebenswert zu machen. Das Lebensende lässt sich nicht planen, aber es gehört zum Leben und lässt sich gestalten. Bei unserer Öffentlichkeitsarbeit fassen wir keine bestimmte Zielgruppe ins Auge, das Thema geht alle etwas an. Es ist wichtig, dass möglichst viele Menschen von unserer Arbeit erfahren, damit sie wissen, wohin sie sich mit ihren Fragen wenden können. Wir finden, alle Menschen sollten sich frühzeitig mit dem Thema befassen. Durch unser Angebot wird klar: Bei «palliative aargau» gibt es Unterstützung, dort kann man sich melden und wird weitervermittelt. Einige Menschen möchten sich momentan nicht mit dem Thema auseinandersetzen, aber durch unsere Arbeit haben sie im Hinterkopf, dass es uns gibt. Um im Ernstfall eine mündige Entscheidung treffen zu können, braucht es Informationen. Unsere Unterstützung und die Informationen sind nebst den Betroffenen auch für Angehörige von Palliativpatienten wichtig.»

Präsidentin «palliative aargau»
© Marie-Christine Andres
Einfacher, wenn man darüber spricht
Nadine Karnitz ist Theologin und versucht herauszufinden, was die Menschen an Wissen zum Thema mitbringen. «Ich bemerke, dass meistens diejenigen stehen bleiben, die wissen, was Palliative Care ist, und die selbst schon betroffen waren», berichtet sie. Doch sie betont: «Es kann jede und jeden zu jeder Zeit treffen. Eine Diagnose kündigt sich nicht an und man sucht sie sich nicht aus. Sie trifft immer mitten ins Leben.»
Eine Passantin erzählt uns nach ihrem Gespräch: «Vor vier Jahren ist mein Mann gestorben. Leider wollte er sich nie mit dem Thema Lebensende auseinandersetzen und sagte stets, er könne sich damit befassen, wenn es so weit sei. Dazu kam es jedoch nie. Nach seinem Tod haben meine Töchter und ich den Abschied so gestaltet, wie es sich für uns stimmig angefühlt hat. Rückblickend bin ich sicher, dass vieles einfacher gewesen wäre, wenn wir zuvor gemeinsam über das Lebensende hätten sprechen können.»


© Marie-Christine Andres
