
© Eva Meienberg
Marianne Binder: «Unsere Neutralität ist kein eiserner Dom»
Mit klaren Worten zu Antisemitismus, Demokratie und Migration begeisterte Ständerätin Marianne Binder-Keller das Publikum beim «DispuTalk». Im Gespräch mit Hans Strub sprach die «Aargauer Mitte»-Politikerin über politische Verantwortung, den Wert der freien Meinungsäusserung und Optimismus als Haltung.
Ständerätin Marianne Binder-Keller hatte die Sympathien der Zuhörerinnen und Zuhörer sofort auf ihrer Seite. Die nahbare Aargauer Politikerin war am 13. Mai die zweitletzte Gästin von Hans Strub in der Gesprächsreihe «DispuTalk» im reformierten Kirchgemeindehaus in Baden. Der Moderator begann das Gespräch mit einer Gratulation: Marianne Binder-Keller erhielt 2024 den Fischhof-Preis für ihr jahrelanges politisches Engagement gegen Antisemitismus und für das Wohl der jüdischen Gemeinschaft. In der Begründung hiess es, sie habe massgeblich dazu beigetragen, das Verbot von Nazi-Symbolen politisch durchzusetzen. Auch in der schweizerischen Aussenpolitik stehe sie für die Einhaltung der Menschenrechte.
Das ‹Nie wieder› nicht infrage stellen
«Woher kommt dieses grosse Engagement gegen Antisemitismus?», wollte Hans Strub wissen. Ihr Engagement wurzle in der Erziehung ihrer Eltern, erklärte Binder-Keller. Zudem sei ihre Grossmutter ein grosses Vorbild gewesen. Als Besitzerin des Hotels Rosenlaube in Baden habe diese zur Zeit des Nationalsozialismus jüdische Geflüchtete beherbergt und für sie gebürgt. «Ich dachte, meine Generation habe das ‹Nie wieder› nach dem Holocaust verinnerlicht», sagte die Mitte-Politikerin. Doch sie habe feststellen müssen, dass dies im Zusammenhang mit Palästina zunehmend infrage gestellt werde. «Dagegen braucht es engagierte Stimmen – ohne Ja, aber.»
Politisiert wurde Marianne Binder-Keller an der Kantonsschule Wettingen. Als Jugendliche sei sie oft in Opposition gewesen – gegenüber Lehrpersonen ebenso wie gegenüber den Eltern –, ohne bereits eine fundierte Meinung zu haben. In dieser Zeit habe sie gelernt zu argumentieren. Heute vertrete sie die Überzeugung, dass politische Lösungen im Kompromiss liegen und dass Rhetorik dabei helfe. Damit ist die Politikerin bei der Mitte in der richtigen Partei. Auch familiär scheint die Parteizugehörigkeit vorgezeichnet: Ihr Vater Anton Keller war CVP-Nationalrat, ebenso ihr Schwiegervater Julius Binder, der zudem auch im Ständerat sass. Ihr Mann Andreas Binder gehörte für die CVP dem Grossen Rat des Kantons Aargau an.
Der Wert der Mitte
Dass die CVP ihren Namen in «Die Mitte» geändert hat, hält die Ständerätin für einen richtigen Schritt. Die Partei sei zuvor zu stark konfessionell geprägt gewesen. Ihre christdemokratischen Werte vertrete sie aber weiterhin. «Die Mitte hält die Schweiz zusammen», sagte Marianne Binder-Keller und schloss damit alle Parteien in der politischen Mitte ein. Auch auf die vielzitierte Polarisierung der Gesellschaft kam sie zu sprechen. Dabei nahm sie die SRG in die Pflicht, die mit ihrem Infotainment polarisierende Parteien gross gemacht habe.
Eingeschränkte Meinungsfreiheit
Marianne Binder-Keller politisiert nicht nur in Bern, sondern auch in Strassburg als Mitglied der Schweizer Delegation im Europarat. Dieser war nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden, um Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu schützen. Heute gehören ihm 46 Staaten an. Geleitet wird der Europarat seit 2024 von alt Bundesrat Alain Berset als Generalsekretär. «Ich bin in der Schweiz nach dem Krieg aufgewachsen und daran gewöhnt, mich in der direkten Demokratie kritisch äussern zu können», sagte Marianne Binder-Keller. Im Europarat falle ihr zunehmend auf, dass dies für viele Mitglieder nicht selbstverständlich sei. Vertreterinnen und Vertreter von Staaten an der Grenze zu Russland könnten ihre Meinung oft nicht frei äussern, ohne Repressionen befürchten zu müssen. Es sei ein Privileg, in einer direkten Demokratie mitbestimmen zu können – gleichzeitig bedeute dies aber auch Verantwortung. «Wir haben die demokratische Pflicht, der Propaganda zu widerstehen», mahnte die Mitte-Politikerin.
Die Schweiz gehört zu Europa
Die Schweiz werde in Europa zwar oft bewundert, gleichzeitig begegne ihr aber zunehmend Ablehnung wegen ihrer Abschottungstendenzen – auch in sicherheitspolitischen Fragen. «Unsere Neutralität ist kein eiserner Dom, der Bomben abhält», sagte Binder-Keller pointiert und ergänzte: «Sie hätte uns auch während des Zweiten Weltkriegs nicht geschützt.» Die Schweiz müsse mehr zu Europa beitragen, von dem sie so stark profitiere. Es müsse nicht gleich ein EU-Beitritt sein, aber die Schweiz gehöre zur Wertearchitektur Europas.
Rauer Ton im Parlament
Neben den Debatten im Europarat konnte Marianne Binder-Keller auch Diskussionen im deutschen Bundestag verfolgen. Als «brave Schweizerin» sei sie über Ton und Inhalt vieler Voten konsterniert gewesen. «Wer bei uns im Parlament so spricht, muss raus», sagte die Ständerätin unverblümt. Gleichzeitig stellte sie fest, dass sich auch in der Schweiz der Ton verschärft habe. Zudem erklärte sie, wie Politikerinnen und Politiker mit Tricks versuchen, mehr Redezeit zu gewinnen – etwa, indem sie einer Frage lange Ausführungen voranstellen.
Die Badener Disputation im Jahr 1526 war ein historischer Meilenstein für den Dialog zwischen den Konfessionen in der Schweiz. Die Gespräche über die theologischen Wahrheiten und Glaubensgrundlagen fanden während drei Wochen im Mai und Juni 1526 in der Badener Stadtkirche statt, Teilnehmer waren Vertreter der 13 Alten Orte der Eidgenossenschaft sowie Theologen aus dem In- und Ausland. Zur 500-Jahr-Feier der Badener Disputation organisieren die Reformierte Kirche Baden plus und die Katholische Kirchgemeinde Baden-Ennetbaden ein umfangreiches Jubiläumsprogramm unter dem Titel «Disput(N)ation». Das Projekt will Geschichte lebendig machen, den Dialog in der Gesellschaft stärken und verschiedenste Menschen einbinden.
Hans Strub interessierte sich auch für die Organisation ihres politischen Alltags. «Wie bringen Sie all Ihre Engagements unter einen Hut?», fragte er. «Es ist ein grosses Privileg, sich mit einer Vielfalt an Themen beschäftigen zu dürfen», antwortete Binder-Keller. Am selben Tag habe sie über Urheberrecht diskutiert, danach über staatspolitische Themen – und nun dürfe sie an diesem Talk teilnehmen. «Meine Arbeit regt zum Denken an, fordert mich heraus und macht mich glücklich», fasste sie zusammen.
Optimismus aus der Chancenwelt
In ihrer Freizeit lese sie viel und verbringe Zeit mit ihren bald sechs Enkelkindern. Ausserdem schaue sie sich hin und wieder Programme von Comedians an. «Mit Humor können wir uns über Wasser halten», sagte die Politikerin, die in jungen Jahren lieber Kabarettistin als Politikerin geworden wäre. Optimismus sei für sie eine Haltung. Statt in einer Defizitwelt müsse man in einer Chancenwelt denken.
Zum Schluss sprach Marianne Binder-Keller auch die bevorstehende Abstimmung über die «Nachhaltigkeits-Initiative» der SVP an. In einer Befindlichkeitsstudie hätten die Teilnehmenden positiv bewertet, wenn ein Dorf gut ans Verkehrsnetz angebunden sei und man dort chinesische, italienische oder türkische Restaurants besuchen könne. Der Zusammenhang mit der Zuwanderung werde von vielen jedoch nicht erkannt. Nach dem Gespräch stellte sich Marianne Binder-Keller Keller den zahlreichen Fragen aus dem Publikum.