
© Marie-Christine Andres
Theaterstück mit Tiefgang und Weitblick
In Beinwil im Freiamt begeben sich Theaterbesucherinnen und -besucher auf die Spur von Wundern und Heiligkeit
Die Inszenierung des Stücks «Keis Wunder – es Wunder» führt die Zuschauenden auf der Suche nach Wundern und Heiligkeit an die schönsten Plätze von Beinwil im Freiamt. «Lichtblick» war bei einer Probe dabei.
Spöttisches Lachen klingt von der Empore im katholischen Kirchgemeindehaus Beinwil. Kurz darauf erscheint ein Mann mit verschmitztem Gesicht und kariertem Kittel am Geländer. Hinter ihn tritt ein grossgewachsener Mann mit wachem Blick und umgehängter Ledertasche. Die beiden Schauspieler Stephan Wottreng und Andreas Bürgisser sind eingekleidet und verwandeln sich in ihre Figuren. Als Dorfnarr Schagg und Historiker Hans Bissig machen sich die beiden auf den Weg durch Beinwil.
«Keis Wunder – es Wunder»
7. August bis 5. September, in Beinwil/Freiamt, Tickets gibt es online auf www.freilichttheater-beinwil.ch/tickets.
Die Vorstellungen finden jeweils dienstags, freitags und samstags sowie vereinzelt an Sonntagen und nur bei zumutbarem Wetter statt. Der Theaterweg ist ca. 1 km lang und rollstuhlgängig, das Stück dauert ca. 90 min. Parkplätze in 5 bis max. 15 min Gehdistanz vorhanden. Weitere Infos sowie alle Aufführungs- und Ersatzdaten :www.freilichttheater-beinwil.ch
Unterwegs mit Bissig und Schagg
Vom 7. August bis am 5. September werden Dorfhistoriker Bissig und sein Gegenpart Schagg die Zuschauerinnen und Zuschauer durch das Theaterstück «Keis Wunder – es Wunder» begleiten. Die beiden nehmen das Publikum mit auf einen Rundgang an die schönsten Plätze von Beinwil. Zusammen mit 50 Mitwirkenden wandeln sie auf den Spuren des heiligen Burkard, dessen Leben und Wirken Anlass und Motiv des Theaterabends ist.

Plötzlich überall Wunder
Autor und Regisseur des Stücks ist Walter Küng. Der erfahrene Schauspieler und Regisseur hat unter anderem vor einigen Jahren das Osterspiel von Muri inszeniert. Eine Gruppe von Laiendarstellern, die damals mitwirkten, und Personen aus Beinwil/Freiamt machten Küng auf die Legende des heiligen Burkard aufmerksam. Ob er nicht ein Stück über den wundertätigen Priester machen wolle, der im 12. Jahrhundert in Beinwil gelebt und gewirkt hatte? Mit dem heiligen Burkard selbst konnte Walter Küng zwar nicht besonders viel anfangen, weil historische Unterlagen über ihn fehlen und nur die Legende existiert. Burkard soll in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Priester in Beinwil viele wundertätige Handlungen vollbracht haben. Seit dem 13. Jahrhundert ist sein Grab in der Krypta der Kirche St. Burkard ein Wallfahrtsort. Walter Küng berichtet, wie er sich nach dem Lesen der Heiligenlegende zunehmend für das Thema Wunder zu interessieren begann: «Plötzlich begegnete mir überall der Begriff Wunder. Beim Zeitunglesen, in Gesprächen und immer wieder in Redensarten wie ‹das wundert mich gar nicht›.»
Wunder als Wirtschaftsfaktor
Küng begann zum Thema Wunder zu recherchieren. Er nahm mit der Universität Luzern Kontakt auf, wo Markus Ries, emeritierter Professor für Kirchengeschichte, ihm reichlich Stoff zum Thema lieferte. Der Historiker Daniel Sidler, der sich in seiner Dissertation mit dem Thema «Heiligkeit aushandeln» befasste, machte Küng auf einen weiteren Aspekt des Themas aufmerksam: Heilige, die Wunder wirken, ziehen Pilger an, die Umsatz bringen. «Ein Heiliger als Wirtschaftsfaktor – das hat mich ebenfalls interessiert», sagt Küng. Die Beschäftigung mit dem Thema brachte auch kuriose Bräuche ans Licht. Wie jener Brauch, ein versehrtes Körperteil in Kontakt mit Burkards Gebeinen zu bringen. Die Reliquien von Burkard liegen in der Beinwiler Krypta in einem Loch, überdeckt von einem niedrigen Tisch. Menschen, die Heilung suchten, mussten sich unter den Tisch zwängen, um zum Beispiel ihr Bein ins Loch zu halten. «Bei der Recherche entdeckte ich verschiedenste Facetten des Wunderglaubens», sagt Walter Küng. «Viel stärker als Burkard selbst interessierte mich seine Wirkung. So ging ich schwanger mit der Idee zu einem Theaterstück.»

Der im Kloster Muri ausgebildete Burkard wirkte im 12. Jahrhundert als Priester in Beinwil/Freiamt. Er soll viele Wunder gewirkt haben. Seit dem 13. Jahrhundert ist sein Grab in der Kirche Beinwil das Ziel von Wallfahrten. Seine Verehrung war vor allem im Mittelalter und der frühen Neuzeit bedeutend. Burkard wird oft als Priester mit Kelch oder einem Vogel dargestellt. Der Volksheilige wurde formell nie heiliggesprochen, unter anderem deshalb nicht, weil kurz vor Abschluss des Verfahrens im 18. Jahrhundert der Papst starb. Nachdem die Kirchgemeinde ihn 1808 zum Patron der Pfarrkirche erhoben hatte, gab der Vatikan die Erlaubnis, ihm zu Ehren die heilige Messe zu lesen.
Bei der Theaterprobe
Die beiden Schauspieler Stephan Wottreng und Andreas Bürgisser üben eine Szene auf dem Kiesplatz vor einer Scheune. Es ist eine Interaktion im besten Sinn. Regisseur Küng gibt Andreas Bürgisser die Anweisung, seinen Dorfhistoriker Bissig etwas gelassener und selbstbewusster auftreten zu lassen. Das veränderte Auftreten hat sofort Wirkung: Der aufmüpfige Dorfnarr Schagg mässigt seinen Ton. «Vom Allegretto zum Adagio», erklärt Küng seinen Schauspielern, müsse sich die Stimmung innerhalb der Szene entwickeln. In der Probe wird auch besprochen, wo die Figuren stehen, wohin sie sich bewegen, ob sie zueinander oder zum Publikum sprechen.
Das Dorf spielt mit
Das Organisationskomitee des Freilichttheaters ist aus der Beinwiler Burkard-Kommission heraus entstanden. Vor einem Jahr wurde aus der Kommission der Verein St. Burkard, der Produzent des Projektes ist. Auf die Ausschreibung des Regisseurs meldeten sich rund 35 Leute. Zusammen mit dem Chor wirken über 50 Menschen mit. Ein Grossteil davon sind Laiendarstellende aus Beinwil und der Umgebung. «Das Dorf macht mit», freut sich Regisseur Walter Küng. Mit grosser Begeisterung arbeiten die Darstellerinnen und Darsteller an der Inszenierung des Stücks. Auf den Theatertext haben die Mitwirkenden sehr positiv reagiert. «Das hat etwas mit uns zu tun», waren sie sich einig.
Das Thema bewegt die Menschen

Die Proben, die im Februar begonnen haben, erlebt der Regisseur als Bereicherung: «Es ergeben sich viele gute Gespräche – über den persönlichen Glauben, über die eigene Beziehung zur Kirche. Ich spüre eine grosse Bereitschaft, sich mit Fragen nach Wundern und Heiligkeit auseinanderzusetzen.» Das Dorf Beinwil/Freiamt und die Region tragen das Theaterprojekt tatkräftig mit. Viele Unternehmen engagieren sich als Sponsoren, und Privatpersonen stellen ihr Grundstück als Bühne zur Verfügung.
Dass er dank des Theaterprojekts das Dorf Beinwil/Freiamt, seinen Heimatort, erstmals richtig entdecken darf, ist eine zusätzliche Freude für Walter Küng. Beim Gang durch das Dorf grüsst er hier und dort jemanden, es sind Verbindungen gewachsen. Auch die Verbindung zur Kirche hat Küng gesucht: Ganz in der Nähe von Beinwil im Freiamt, in Dietwil, ist Weihbischof Josef Stübi aufgewachsen. Walter Küng hat den Weihbischof kontaktiert und ihm vom Theaterprojekt berichtet. Daraufhin trafen sich der Weihbischof und der Regisseur auf dem Beinwiler Friedhof. Weihbischof Stübi liess sich in die Schauplätze und in die Handlung einführen. «Es freut mich sehr, dass auch Bischöfe an die Premiere meines Stücks kommen werden», sagt Walter Küng. Die Auseinandersetzung mit Wundern und Heiligkeit im Theaterstück ist weit gefächert. Die Figuren im Stück suchen nach Antworten: Was sind Wunder? Was ist der Glaube dahinter? Kann – und muss – alles erklärt werden? Weshalb hoffen wir heute noch auf Wunder, auch wenn uns der Glaube, scheinbar, abhandengekommen ist?

Schauplätze mit Atmosphäre
Auf dem Weg zur ersten Station werden drei Wundertaten des heiligen Burkard vorgestellt – so, wie sie in den Mirakelbüchern im Pfarramt Beinwil überliefert sind. Dieser Weg dient als Ouvertüre und als Einstimmung in das Theaterstück. Der erste Akt beginnt am Wegkreuz, ab hier wird das Publikum begleitet und taucht an fünf Spielorten in die Welt der Wunder und Heiligkeit ein. Die Schauplätze befinden sich an stimmungsvollen Orten im und ums Dorf. Walter Küng freut sich, dass Beinwil mit seinen Höfen, Wegen und Plätzen eng ins Stück eingebunden ist: «Das Stück findet an Orten mit Atmosphäre statt.» So werden die Besucherinnen und Besucher nicht nur eine Theaterproduktion mit Tiefgang, sondern auch den Weitblick über das Reusstal geniessen können.