Ein freier Tag für alle
Einfach mal nichts tun. Der Sonntag bietet sich dafür an.
Bild: © Roger Wehrli

Ein freier Tag für alle

Die Philosophin und Ethikerin Florence Quinche plädiert für die Einhaltung der Sonntagsruhe. Nicht zuletzt wegen des gesellschaftlichen Zusammenhalts.


Was ist das Beson­dere am Son­ntag?
Er ist der einzige Tag, an dem alle frei haben. Dieser Tag bietet die Möglichkeit, andere Men­schen zu tre­f­fen: Fam­i­lien­mit­glieder, Fre­unde. Ganz wichtig ist auch, dass wir an diesem Tag gesellschaftliche Gren­zen über­winden kön­nen. Nehmen Sie zum Beispiel einen Chor oder einen Gottes­di­en­st­be­such oder eine Aktiv­ität in einem Quartiervere­in; an diesen Orten tre­f­fen wir auf Men­schen, mit denen wir son­st in unserem All­t­ag nicht viel zu tun hät­ten. Während der Woche sind wir immer mit irgen­det­was beschäftigt, das wir tun müssen. Am Son­ntag kön­nen wir frei wählen, was wir tun wollen. Es geht hier also auch um Frei­heit. Psy­chol­o­gisch ist es wichtig, über Zeit frei ver­fü­gen zu kön­nen.

Ein freier Tag für alle - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz

Die Philosophin Flo­rence Quinche leit­et die neu geschaf­fene Dien­st­stelle «Ethik und Gesellschaft» seit Juni ver­gan­genen Jahres. © zVg

Eine Standesini­tia­tive aus Zürich will die Ladenöff­nungszeit­en am Son­ntag ausweit­en von heute vier auf zwölf Son­ntage. Die Gesellschaft habe ein wach­sendes Bedürf­nis, zeitlich flex­i­bel einkaufen zu kön­nen. Wann ist es geboten, auf ein gesellschaftlich­es Bedürf­nis einzuge­hen?
Wenn die Läden öfter am Son­ntag offen sind, müssen die Verkäuferin­nen und Verkäufer öfter am Son­ntag arbeit­en. Diese Men­schen sind auch Müt­ter und Väter und kön­nen dann den freien Tag nicht mit ihrer Fam­i­lie ver­brin­gen. So sind nicht nur sie betrof­fen von der Son­ntagsar­beit, son­dern auch ihre Kinder. Men­schen, die im Detail­han­del arbeit­en, haben eher niedrige Löhne, oft arbeit­en sie in Teilzeit und haben vielle­icht mehrere Arbeitsstellen, auf die sie angewiesen sind. Wir soll­ten diese Men­schen schützen vor prob­lema­tis­chen Arbeits­be­din­gun­gen: Ihre Arbeit­squal­ität darf uns nicht egal sein. Es geht nicht nur um das Kon­sumbedürf­nis ein­er Gruppe. Aus christlich­er Sicht müssen wir auch an unsere Näch­sten denken.

Dien­st­stelle «Ethik und Gesellschaft»

Vox Eth­i­ca

Die Dien­st­stelle Vox Eth­i­ca «Ethik und Gesellschaft» hat gemein­sam mit der Son­ntagsal­lianz das Argu­men­tar­i­um «Zur Vertei­di­gung des Rechts auf son­ntägliche Ruhezeit» erar­beit­et.​ Die Dien­st­stelle erar­beit­et Grund­la­gen und Infor­ma­tio­nen zu ethis­chen Fragestel­lun­gen der Gesellschaft aus christlich­er Sicht. Ausser­dem ver­net­zt sie sich nation­al und inter­na­tion­al in Bezug auf sozial‑, bio- und umwel­tethis­che Fra­gen. Die Kom­mis­sio­nen «Bioethik» und «Justi­tia et Pax» der Schweiz­er Bischof­skon­ferenz bilden einen Teil dieser Dien­st­stelle und leis­ten als Experten­gremien ihren Beitrag.​Die Schweiz­er Bischof­skon­ferenz (SBK), die Römisch-Katholis­che Zen­tralkon­ferenz der Schweiz (RKZ) und Fas­te­nak­tion sind die Trägeror­gan­i­sa­tio­nen der Dien­st­stelle «Ethik und Gesellschaft». Sie befind­et sich in den Räu­men des Gen­er­alsekre­tari­ats der SBK in Fri­bourg.

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Der Vorteil von kon­sum­freier Zeit ist, dass sich das Gefälle zwis­chen Men­schen mit viel und wenig Geld ver­ringert. Das stärkt den gesellschaftlichen Zusam­men­halt. © Roger Wehrli

Die par­la­men­tarische Ini­tia­tive «Mehr Gestal­tungs­frei­heit bei der Arbeit im Home­of­fice» will die Bewil­li­gungspflicht für die Arbeit zu Hause am Son­ntag abschaf­fen. Was bedeutet das für den Son­ntag?
Das ist ein gross­es Prob­lem. Wenn wir zu Hause immer arbeit­en kön­nen, dann ver­schwindet die Gren­ze zwis­chen Arbeit und Pri­vatleben. Ausser­dem ist die Arbeit im Home­of­fice unsicht­bar und schlecht kon­trol­lier­bar. Eine Studie der Uni­ver­sität Bern hat gezeigt, dass Son­ntagsar­beit und Arbeit am Abend viele gesund­heitlichen Kon­se­quen­zen zur Folge haben. Zu wenig Pausen schaden der Gesund­heit.

Die Son­ntagsar­beit bet­rifft aber nicht nur den Detail­han­del. Es gibt viele Beruf­s­grup­pen, die am Son­ntag arbeit­en müssen.
Auch im Touris­mus oder im Gast­gewerbe arbeit­en neben den Bere­ichen Gesund­heit, Sicher­heit, Verkehr, Medi­en oder Kul­tur viele Men­schen am Son­ntag. Die Wirtschaft ver­sucht seit Jahren die Arbeit auf den Son­ntag auszuweit­en. Vor rund zehn Jahren wur­den die Öff­nungszeit­en der Läden in den Bahn­höfen lib­er­al­isiert. Mit kleinen, aber beständi­gen Schrit­ten ver­sucht die Wirtschaft, diese Entwick­lung voranzutreiben.

Führt diese Lib­er­al­isierung zu mehr Umsatz?
Das ist nicht erwiesen. Der Kon­sum erstreckt sich ver­mut­lich ein­fach über mehr Tage. Die Men­schen haben ja nicht plöt­zlich mehr Geld zur Ver­fü­gung.

Bis jet­zt sind vier Son­ntagsverkäufe erlaubt. Die Ini­tia­tive will die Verkäufe auf zwölf Son­ntage aus­dehnen. Lehnen Sie die Son­ntagsverkäufe grund­sät­zlich ab, oder ist das eine Frage des Mass­es?
Anfänglich waren die Son­ntagsverkäufe in der Wei­h­nacht­szeit. Hier kann ich nachvol­lziehen, dass es vielle­icht mehr Zeit braucht, um die Einkäufe zu machen. In ein­er Gesellschaft muss man Kom­pro­misse machen. Vier Son­ntagsverkäufe sind ein Kom­pro­miss, bess­er wären keine Verkäufe.

«Das men­schliche Leben hat viele Dimen­sio­nen.

Die Arbeit ist nur eine davon.»

Welche Werte ste­hen hin­ter einem freien Son­ntag?
Das men­schliche Leben hat viele Dimen­sio­nen. Die Arbeit ist nur eine davon. Men­schen wollen in der Natur sein, Sport treiben oder Kul­tur schaf­fen, sie wollen ihre Fam­i­lien sehen oder mit Fre­un­den zusam­men sein. Das braucht alles seine Zeit.

Die Ini­tianten argu­men­tieren mit der Frei­heit, dann einzukaufen, wenn man möchte. Was hat es mit dieser Frei­heit auf sich?
Die Frei­heit, jed­erzeit einkaufen zu kön­nen, geht auf Kosten der Frei­heit der Men­schen, die dann arbeit­en müssen. Wir haben in der Gesellschaft als Ganzes dadurch also nicht mehr Frei­heit. Ausser­dem wird so das Gefälle gröss­er zwis­chen den Men­schen mit viel und wenig Geld. Es ist ein Grun­dan­nahme in unser­er Gesellschaft, dass Geld Frei­heit schenkt. Frei­heit müssen wir jedoch in anderen Bezü­gen denken. Wenn Geld keine Rolle spielt, etwa in der ehre­namtlichen Arbeit, dann gibt es auch kein Gefälle zwis­chen den Men­schen. Das wäre ein­er der Vorteile ein­er kon­sum­freien Zeit, der eben­falls den gesellschaftlichen Zusam­men­halt stärkt.

Doch unsere Freizeit ist eben­falls dominiert von kom­merziellen Ange­boten. Die Oper, das The­ater, das Hal­len­bad, der Fuss­ball­match kosten Geld.
Daneben gibt es aber auch Quartierzen­tren mit kosten­losen Ange­boten: Gemein­sam wan­dern, kochen, spie­len, sin­gen, ohne dass es etwas kostet.

Unsere Gesellschaft ist divers. Es gibt ver­schiedene religiöse Zuge­hörigkeit­en mit ver­schiede­nen Gebet­szeit­en. Macht es Sinn am Son­ntag festzuhal­ten?
Wichtig ist, dass es einen gemein­samen freien Tag gibt. Der Son­ntag ist hier der freie Tag, weil wir in einem christlich geprägten Land leben, und Christin­nen und Chris­ten die grösste religiöse Gruppe sind.

In Ihrer Stel­lung­nahme zur Ini­tia­tive argu­men­tieren Sie auch mit dem Recht zur Reli­gion­sausübung. Der Kirch­gang am Son­ntag nimmt in der Schweiz jedoch immer mehr ab. Die Reli­gion­sausübung ist nicht das stärk­ste Argu­ment gegen die Lib­er­al­isierung der Son­ntagsar­beit.
Den­noch ist es wichtig, immer die Frei­heit zu haben, seine Reli­gion auszuüben. Ich würde sog­ar argu­men­tieren, dass wir allen religiösen Gemein­schaften die Frei­heit geben soll­ten, ihre Reli­gion zu ihren Zeit­en auszuüben. Für mich sind das zwei ver­schiedene Argu­mente: Ein­er­seits geht es um einen gemein­samen freien Tag für alle und den gesellschaftlichen Zusam­men­halt, und ander­er­seits um die Möglichkeit seine Reli­gion auszuüben.

Im Jahr 321 n. Chr. wurde der Son­ntag zum all­ge­meinen Ruhetag im Römis­chen Reich, basierend auf dem drit­ten Gebot. Welch­es waren damals die Gründe zur Ein­führung?
Zu dieser Zeit haben sich Christin­nen und Chris­ten vor Son­nenauf­gang zum Gottes­di­enst vor der Arbeit getrof­fen. Mit der Ein­führung des Son­ntags kon­nten sie sich ein­mal in Ruhe während des Tages tre­f­fen. Ausser­dem hat­te dies den Neben­ef­fekt, dass die Reli­gion­sausübung sicht­bar und damit öffentlich wurde. So kam das Chris­ten­tum ans Tages­licht. Auch damals war die Idee, dass ein gemein­samer Tag mit gemein­samen Rit­ualen im ganzen römis­chen Reich einen eini­gen­den Effekt haben würde. Diese Vorstel­lung des gesellschaftlichen Zusam­men­halts durch den Son­ntag gibt es also schon sehr lange.

Eva Meienberg
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