Zu Gast in der ersten Aargauer Notschlafstelle

Zu Gast in der ersten Aargauer Notschlafstelle

  • Seit dem 1. Sep­tem­ber hat in Baden die erste Aar­gauer Notschlaf­stelle ihre Tore geöffnet.
  • Mit­tel­lose Men­schen ohne Obdach kön­nen für 5 Franken pro Nacht eine warme Mahlzeit beziehen und ruhig und sich­er schlafen.
  • Bere­its nutzen einige dieses Ange­bot. Hor­i­zonte war an einem Abend zu Besuch.
 Die Klin­gel ertönt und Susi Hor­vath, Lei­t­erin der ersten Aar­gauer Notschlaf­stelle, gewährt Ein­lass. Sie freut sich, dass bere­its einige Bedürftige das Notschlaf­stel­lenange­bot regelmäs­sig nutzen. Vor der Tür ste­ht David. Schon seit ein paar Tagen bewohnt der 32-jährige ein Zim­mer der Notschlaf­stelle. Heute hat er einen Brokkoli und einen Sack Reis unter dem Arm. David kämpft sich damit die Trep­pen hoch bis in den 3. Stock. Hier in der Küche will er für seine «neue Fam­i­lie» kochen. Seine Fam­i­lie, das sind jet­zt die Mitar­beit­er der Notschlaf­stelle, die frei­willi­gen Helfer und die Gäste.

Gemeinsames Essen und die Frage nach dem Selbstschutz

https://youtu.be/ZFLPQx3ibQE

Leiterin Susanne Horvath: «Wir sind kein Hotel»

Alle pack­en mit an. Während die Helferin Ruth den Tisch deckt, ver­ar­beit­et David einen Kür­bis, den soeben ein weit­er­er Gast mit­ge­bracht hat. Es ist Bet­ti­na. Die frühere Schrift­set­zerin spricht viel über ihren ehe­ma­li­gen Beruf. 33 Jahre lang lebte sie in Zürich in ein­er kleinen Woh­nung. Seit drei Wochen ste­ht sie auf der Strasse. Weshalb es dazu gekom­men ist und wieso sie keinen Job mehr hat, bleibt für uns ein Rät­sel. Dass die Besuch­er selb­ständig den Kochlöf­fel schwin­gen, ist vor allem dem Hob­bykoch David zu ver­danken.Während die Zwiebeln brutzeln und die Töpfe klap­pern, beziehen die let­zten Gäste noch schnell ihre Bet­ten vor dem Essen. «Wir sind kein Hotel», bestätigt Susi Hor­vath mit einem Augen­zwinkern. Die Gäste müssen im Rah­men ihrer Möglichkeit­en mithelfen und ler­nen, Ver­ant­wor­tung zu übernehmen. So ste­hen beispiel­sweise im Keller Waschmas­chine und Tum­bler. Wer waschen möchte, muss dies selb­st tun. Die Mitar­beit­er ste­hen mit Rat und Tat zur Seite.

Alternative zum Leben im Wald

Seit dem ersten Tag wird die Notschlaf­stelle von Bedürfti­gen aufge­sucht. «Wir haben zwölf Bet­ten zur Ver­fü­gung», bestätigt Susi Hor­vath mit einem gewis­sen Stolz in ihrer Stimme. Sechs gehören zur Not­pen­sion, welche über län­gere Zeit genutzt wer­den darf. Die weit­eren sechs Bet­ten sind für Gäste der Notschlaf­stelle reserviert. Let­ztere müssen tagsüber die Unterkun­ft ver­lassen. Am heuti­gen Abend sind drei Gäste gekom­men – darunter David und Bet­ti­na.David wird die Notun­terkun­ft früh am Mor­gen wieder ver­lassen, um zu sein­er Strick­gruppe zu fahren. Er hat das Handw­erk mit Wolle und Nadel erst frisch erlernt und arbeit­et ger­ade an einem Schal für den kom­menden Win­ter. «Das wird kalt», befürchtet David. Er hofft, bis dahin eine eigene Bleibe, beispiel­sweise ein WG-Zim­mer, gefun­den zu haben und nicht mehr wie früher im Wald Unter­schlupf suchen zu müssen. Dabei hil­ft ihm seine Sozial­ber­a­terin, welche er regelmäs­sig besucht. «Wenn das klappt, koche ich am Abend für meine neuen Mit­be­wohn­er», malt es sich David aus und ist zuver­sichtlich, dass er dann endlich wieder in den nor­malen All­t­ag zurück­find­et. «Wir sind immer bestrebt, für unsere Gäste Anschlus­slö­sun­gen zu find­en», erk­lärt Susi Hor­vath.

Sorgen der Nachbarschaft: Unruhe und Drogenkonsum

Ich ver­lasse die Notschlaf­stelle kurz vor Mit­ter­nacht, um meine Sachen ins Auto zu pack­en. Es ist ruhig um mich herum, fast zu ruhig. Schliesslich befinde ich mich mit­ten in der Stadt Baden. Da, wo die Leute nor­maler­weise im Café sitzen oder die Nach­barn untere­inan­der einen Schwatz abhal­ten.Genau diese Nach­barn hat­ten zu Beginn des Pro­jek­tes grosse Bedenken. Unruhe, Dro­genkon­sum oder betrunk­ene Ran­dalier­er waren die Sorge der Anwohn­er. Bis jet­zt, so bestätigt die Lei­t­erin, ist es nicht soweit gekom­men. «Wenn jemand Ärg­er macht, so rufen wir sofort die Polizei. Wir sind stets bedacht darauf, dass die Nach­barschaft nicht belästigt wird».

Polizei: Bis jetzt kein Einsatz erforderlich

Auch die Polizei bestätigt, dass es in den ersten Wochen seit der Eröff­nung nicht zu einem Ein­satz gekom­men ist. Eine Pas­san­tin, die soeben vor­bei huscht und den Weg in ihr eigenes warmes Zuhause sucht, erzählt, dass die anfängliche Sorge unbe­grün­det gewe­sen sei.
Ein let­zter Blick hoch zum Fen­ster. Die Lich­ter sind aus, David schläft. Für heute Nacht an einem sicheren Ort, gebor­gen auf ein­er weichen Matratze unter der war­men Bett­decke.
Andreas C. Müller
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