Gespür für Wert und Preis
Alexander Nicko leitet das Brocki Hiob in Münchenstein, Miriam Saladin ist seine Stellvertreterin. Zusammen mit ihrem Team sorgen sie dafür, dass ausrangierte Dinge neue Besitzer finden.
© Roger Wehrli

Gespür für Wert und Preis

Zu Besuch im Brockenhaus Hiob in Münchenstein, wo ausrangierte Ware neue Besitzer findet

Das Schöpfungszeitmotto «Wertvoll leben – vom Mehrwert der Dinge» führte «Lichtblick» ins Brocki Hiob International in Münchenstein. Hier, zwischen Plastik-Dinos, Küchengeräten und Orientteppichen, stellt sich die Frage nach dem Wert eines Dings ganz konkret.


«Nehmt Platz, Sitzgele­gen­heit­en haben wir genug», sagt Alexan­der Nicko mit ein­laden­der Geste. Wer im Broc­ki Hiob in München­stein einen Platz für ein Gespräch sucht, hat eine kom­fort­able Auswahl. Das Led­er­so­fa lädt eben­so zum Sitzen ein wie die Pol­ster­stüh­le oder ein paar Barhock­er. Sie wer­den von ihren früheren Besitzern nicht mehr gebraucht und ste­hen im Brock­en­haus zum Verkauf. Die Wahrschein­lichkeit ist gross, dass andere Men­schen in ihnen einen Wert erken­nen.

Sichten, beschriften, ordnen

Alexan­der Nicko ist Fil­ialleit­er der Brock­en­stube Hiob Inter­na­tion­al in München­stein, Miri­am Sal­adin amtet als stel­lvertre­tende Lei­t­erin. Zum Team gehören drei weit­ere Angestellte sowie zwei ehre­namtliche Helfer. Die Fest­set­zung der Preise gehört zu den Haup­tauf­gaben der bei­den Leitungsper­so­n­en. Sie nehmen die Waren­spenden ent­ge­gen, sicht­en jedes Stück und beschriften es mit Ein­tritts­da­tum und Verkauf­spreis, bevor sie es ins Sor­ti­ment einord­nen.


HIOB Inter­na­tion­al
Die Abkürzung HIOB bedeutet Hil­f­sor­gan­i­sa­tion Brock­en­stuben. Seit 1984 führt HIOB Inter­na­tion­al Hil­f­sak­tio­nen in ökonomisch benachteiligten Län­dern durch. Dinge, die wir hier aus­mustern, wer­den in anderen Län­dern drin­gend benötigt, ins­beson­dere im medi­zinis­chen Bere­ich. Mate­r­i­al aus dem Rück­bau von Gebäu­den oder der Räu­mung von Arzt­prax­en, Spitälern oder Zivilschutzan­la­gen gelangt ins Zen­tral­lager in Steff­is­burg. Nach ein­er Funk­tion­skon­trolle wird die Ware im Rah­men von Hil­f­sak­tio­nen in ver­schiedene Län­der geliefert. Um die 200 bis 300 Hil­f­sak­tio­nen im Jahr zu finanzieren, betreibt HIOB 22 Brock­en­stuben in der ganzen Schweiz. Die 160 voll- und teilzeitlich angestell­ten Mitar­bei­t­en­den nehmen Ware von pri­vat­en Spendern ent­ge­gen und verkaufen sie zu Brock­en­haus­preisen. Eben­so holen sie Möbel bei Waren­spendern zu Hause ab und führen Woh­nungs- und Haus­räu­mungen, Entsorgun­gen und Umzüge durch.
www.hiob.ch

Recherche und Erfahrung

Fil­ialleit­er Nicko zückt sein Handy und nimmt einen der Barhock­er ins Visi­er. Die App Google Lens ver­rät ihm, aus welchem Möbelgeschäft der Hock­er stammt und wie teuer er ursprünglich war. Innert Sekun­den hat Nicko so einen Anhalt­spunkt für den Verkauf­spreis. Doch nicht immer ist es so ein­fach. Nicko und Sal­adin set­zen sich ver­tieft mit Marken, Herkun­ft und Qual­ität ein­er Ware auseinan­der. «Es braucht Recherche und vor allem viel Erfahrung, um angemessene Preise festzuset­zen oder die Kosten für eine Haus­räu­mung abzuschätzen», sagt Miri­am Sal­adin.

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Zen­tral gele­gen und gut besucht: Das Broc­ki Hiob in München­stein.

Armutsbetroffene oder Millionär

Die Kund­schaft in ihrem Broc­ki sei gut durch­mis­cht, von der Gymis­chü­lerin bis zum Senior seien alle Alter­sklassen vertreten, erzählen Nicko und Sal­adin. Eben­so stam­men die Kundin­nen und Kun­den aus allen sozialen Schicht­en. Gutver­di­enende kaufen genau­so im Broc­ki ein wie Sozial­hil­febezüger. Alexan­der Nicko sagt, man sehe es den Men­schen nicht an, ob sie ein gross­es oder ein schmales Bud­get hät­ten. Es kom­men Samm­ler, Mod­ein­ter­essierte, Händler und Men­schen, die nach­haltig leben wollen. Manche Kundin­nen und Kun­den wollen über Rabatt ver­han­deln. Aber eben­so oft bezahlen die Leute mehr als ver­langt, weil sie wis­sen, dass das Geld Hil­f­spro­jek­ten zugutekommt. Beson­ders freut sich Miri­am Sal­adin darüber, dass sie viele treue Stammkundin­nen und ‑kun­den haben.

Gute Ware darf nicht untergehen

Miri­am Sal­adin und Alexan­der Nicko kaufen selb­st auch im Broc­ki ein. «Ich sehe immer wieder Sachen, die mir gefall­en. Bei Klei­dern kann ich oft nicht wider­ste­hen. Aber auch mit Weisswein‑, Rotwein- und Cham­pag­n­er­gläsern bin ich inzwis­chen gut aus­gerüstet», erzählt Sal­adin, die seit zwei Jahren hier arbeit­et. Gel­ernt hat sie Detail­han­dels­fach­frau im Waren­haus Globus. Deshalb ist ihr die Präsen­ta­tion der Waren wichtig, und sie achtet darauf, dass der Laden immer wieder ein wenig anders daherkommt. «Ich finde, es muss sauber und aufgeräumt sein», sagt sie. Für ein liebevoll gestal­tetes Schaufen­ster oder die sorgfältige Aus­lage der Klei­der bekommt sie immer wieder ein­mal Kom­pli­mente. Auch Alexan­der Nicko find­et: «Der Laden muss über­sichtlich sein, nicht vollgestopft. Die gute Ware darf nicht unterge­hen.» Ursprünglich hat Nicko Spedi­tion­skauf­mann gel­ernt und später die Aus­bil­dung zum Land­schafts­gärt­ner gemacht. An sein­er jet­zi­gen Arbeit schätzt er die Viel­seit­igkeit. Zusam­men mit seinem Team erledigt er die ver­schieden­sten Auf­gaben: E‑Mails und Anrufe beant­worten, Ter­mine vere­in­baren, Waren ent­ge­gen­nehmen, sicht­en, anschreiben, einord­nen, Häuser oder Woh­nun­gen vor ein­er Räu­mung besichti­gen, Ein­satz­pläne schreiben, Räu­mungen und Trans­porte durch­führen und Abrech­nun­gen erstellen.

Einige Dinge sind zu intim

«Nicht immer ver­ste­hen wir, warum die Leute gewisse Sachen kaufen und andere nicht», ver­rat­en Nicko und Sal­adin. Einige sichere Werte gibt es jedoch. Klei­der gehen am häu­fig­sten über den Laden­tisch, gefol­gt von Haushalt­sar­tikeln und Möbeln. Es gibt aber auch Dinge, die nicht gut laufen und die das Broc­ki deswe­gen nicht mehr annimmt: Ski­aus­rüs­tun­gen, Babyk­lei­der oder Milch­pumpen gehören dazu, aber auch Unter­ho­sen, Bet­ten und Matratzen. «Die Leute haben Hem­mungen, so intime Dinge von jemand Frem­dem zu übernehmen», sagt Nicko.

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Selbständig und rentabel

Neue Ware kommt oft an einem Mon­tag oder nach Ferien oder Feierta­gen, wenn die Leute Zeit zum «Aus­mis­ten» hat­ten. Diesen Som­mer sei es sehr ruhig gewe­sen, sagt der Fil­ialleit­er, momen­tan näh­men die Waren­spenden und die Räu­mungsan­fra­gen aber wieder stark zu. Durch­schnit­tlich macht das Team von Hiob München­stein etwa eine Haus- oder Woh­nungsräu­mung pro Woche. Die gespendete Ware muss intakt und sauber sein. Jed­er Gegen­stand wird mit dem Ein­tritts­da­tum beschriftet. Nach zwei Monat­en set­zen Nicko und Sal­adin den Rot­s­tift an. Was dann immer noch keinen Käufer find­et, wird entwed­er entsorgt, oder in eini­gen Fällen «gratis zum Mit­nehmen» vor der Fil­iale platziert. Jede der schweizweit 22 Hiob-Fil­ialen muss eigen­ständig beste­hen kön­nen und ren­tieren. Die jew­eili­gen Teams arbeit­en und entschei­den weit­ge­hend selb­ständig, was Nicko und Sal­adin sehr schätzen.

Selbst Hand anlegen

Nur etwas find­et Alexan­der Nicko schade: «Ich stelle fest, dass es immer weniger Leute gibt, die bere­it sind, selb­st Hand anzule­gen. Die meis­ten wollen Möbel kaufen, die gebrauchs­fer­tig sind. Dabei kön­nte man bei eini­gen Stück­en mit etwas Schleifen oder Lack­ieren viel her­aus­holen», sagt er. Wer über Zeit und Geschick ver­fügt, kann einem alten Möbel­stück neuen Glanz und Wert ver­lei­hen.

Marie-Christine Andres Schürch
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