Würde zurückgeben
Ein queeres Lesen der Bibel möchte queeren Menschen aufzeigen, dass sie genau so von Gott gewollt und geliebt sind.
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Würde zurückgeben

Wie wir die Bibel lesen, prägt auch, was wir in ihr ent­deck­en. Die queere Bibellek­türe möchte neue Per­spek­tiv­en auf ver­traute Texte eröff­nen.

Sicher­lich haben viele von uns in den sozialen Medi­en schon ein­mal ein Video gese­hen, das unge­fähr so aufge­baut ist: Eine kon­ser­v­a­tive christliche Influ­encerin beant­wortet die Frage, die über dem Video einge­blendet ist: «Was sagt die Bibel zu Homo­sex­u­al­ität?» Einzelne Bibel­stellen wer­den einge­blendet oder zitiert und anschliessend wird erk­lärt, dass Homo­sex­u­al­ität aus bib­lis­ch­er Sicht nicht Gottes Willen entspräche.

Ob online oder offline, die Bibel wird oft dazu benutzt, um Het­ero­sex­u­al­ität und Cis­geschlechtlichkeit als eine gottge­wollte und natür­liche Norm dazustellen. Men­schen, die schwul, les­bisch, trans, inter oder auf andere Weise queer sind, wer­den entwed­er offen verurteilt oder als abnor­mal und sündig dargestellt. Ihre Queer­ness wird dabei als etwas ange­se­hen, von dem sie erlöst wer­den müssen.

Doch es gibt auch andere Zugänge zur Bibel: Die queere Bibellek­türe liest ver­traute Texte mit neuen Fra­gen und nimmt dabei unter­schiedliche Per­spek­tiv­en in den Blick. Sie geht davon aus, dass bib­lis­che Texte mehr Deu­tungsmöglichkeit­en bieten, als ihnen tra­di­tionelle Ausle­gun­gen oft zugeste­hen, und fragt danach, welche Erfahrun­gen und Sichtweisen in bish­eri­gen Ausle­gun­gen wenig oder kaum berück­sichtigt wur­den.

Die Bibel queer lesen – ​was bedeutet das?

Die queere Bibelausle­gung ist keine eigene Meth­ode, son­dern greift auf ver­schiedene Ansätze zurück. Die Bibel queer lesen heisst, sich von fest­ge­fahre­nen Denkmustern lösen, die Texte neu ver­ste­hen und sie in ihrem geschichtlichen Kon­text deuten. Die queere Bibellek­türe ruft ins Gedächt­nis, dass die Ausle­gung der Bibel­texte nicht im luftleeren Raum geschieht, dass sie niemals neu­tral oder zeit­los ist, son­dern von Erfahrun­gen, beste­hen­den Machtver­hält­nis­sen und gesellschaftlichen Vorstel­lun­gen davon, was als nor­mal gilt, geprägt ist. Sie ver­ste­ht die Bibel als eine his­torische Quelle. Ihre Aus­sagen wer­den nicht unmit­tel­bar auf heutige Vorstel­lun­gen von Geschlecht und Sex­u­al­ität über­tra­gen. Stattdessen wer­den sie in ihren zeit­geschichtlichen Zusam­men­hang ein­ge­ord­net und mit anderen antiken Tex­ten und Quellen ver­glichen. Anschliessend bringt die queere Bibellek­türe die Erfahrun­gen der Men­schen, die die bib­lis­chen Texte ver­fasst haben, mit heuti­gen Leben­sre­al­itäten ins Gespräch. Die Bibel wird nicht als abgeschlossenes Regel­w­erk gele­sen, son­dern als ein Buch, in dem viele unter­schiedliche Stim­men zu Wort kom­men und das immer wieder neu zum Nach­denken anregt. Es wird gefragt: Wessen Erfahrun­gen, wessen Per­spek­tiv­en und wessen Motive kom­men zur Sprache und wessen nicht? Queere Bibellek­türe sucht nach den Per­spek­tiv­en der Unter­drück­ten. Die Vertreterin­nen und Vertreter der queeren Bibellek­türe sind der Auf­fas­sung, dass sich diese Ausle­gung direkt an die Seite Jesu stellt, der an der Seite der Aus­ge­gren­zten und Benachteiligten war. Dadurch ist die queere Bibellek­türe und ‑ausle­gung eng ver­bun­den mit der Befreiungs­the­olo­gie und der fem­i­nis­tis­chen The­olo­gie. Queeres Bibelle­sen zeigt auf, dass die Bibel queere Leben­sre­al­itäten stärken oder in Span­nung zu ihnen ste­hen kann, je nach­dem, wie sie aus­gelegt wird.

Ziel der queeren Bibellek­türe ist es, diejeni­gen Botschaften in der Bibel neu zu ent­deck­en, die Men­schen stärken und ermuti­gen kön­nen. Sie richtet sich deshalb nicht nur an queere Men­schen. Ihre Vertreterin­nen und Vertreter sind der Ansicht, dass alle Men­schen davon prof­i­tieren kön­nen.

Stärken statt ausschliessen

Queere Men­schen bericht­en, dass das Aufwach­sen in ein­er christlichen Umge­bung oft mit einem schmerzhaften Kon­flikt ver­bun­den ist. Entwed­er sie übernehmen die Ausle­gung, dass ihre sex­uelle Ori­en­tierung oder ihre Geschlecht­si­den­tität Gottes Willen wider­spreche; oft mit Fol­gen für ihr Selb­st­bild, ihren Glauben und ihre psy­chis­che Gesund­heit. Oder sie wen­den sich von Kirche und Glauben ab, weil sie dort keinen Platz für sich sehen. Vertreterin­nen und Vertreter der queeren Bibellek­türe möcht­en einen drit­ten Weg eröff­nen. Sie sprechen von dem Ver­such, sich den Zugang zu Gott und zur Bibel nicht nehmen zu lassen. Dabei ste­ht nicht länger eine Bibellek­türe im Mit­telpunkt, die vor allem Sicher­heit schaf­fen will und dabei zu Auss­chluss, Bedro­hung oder Ver­let­zun­gen führt. Stattdessen wird die Bibel als Quelle ver­standen, die Men­schen stärken, aufricht­en und Hoff­nung schenken kann. Ein queeres Lesen der Bibel möchte queeren Men­schen aufzeigen, dass sie und jed­er andere Men­sch genau so von Gott gewollt und geliebt sind, mit ihrem Kör­p­er und ihrer Geschichte. Die Bibel auf diese Art und Weise zu lesen, wird als heil­samer Akt ange­se­hen und kann für queere Men­schen bedeuten, Würde zurück­zugewin­nen, die ihnen in ihrer Ver­gan­gen­heit ent­zo­gen wurde.

Queer gele­sen: Die Erschaf­fung des Men­schen

Die Verän­derung von als «Mann und Frau» hin zu «männlich und weib­lich erschuf er sie» entspricht ein­er Rück­kehr zum Wort­laut des hebräis­chen Textes: (…) Mit sachar (männlich) und neke­vah (weib­lich) wer­den im Text zwei Adjek­tive ver­wen­det. Adjek­tive benen­nen einzelne Eigen­schaften, keine generellen Konzepte. (…) Die Zeilen Gen 1,26f. gehören in ein Gedicht, das am Anfang der Bibel ste­ht. (…) Das gesamte Gedicht arbeit­et durchge­hend mit [einem] poet­is­chen Stilmit­tel. Dabei wird das Ganze durch die Nen­nung [ent­ge­genge­set­zter] Pole umschrieben, z. B. Licht und Fin­ster­n­is, Erde und Him­mel, Abend und Tag, etc. Nie­mand käme auf die Idee, dass der Text verneint, dass es Däm­merung gibt, Wat­ten­meere, frühe Mor­gen­stun­den etc. (…) Wenn man das poet­is­che Stilmit­tel ernst nimmt, entste­hen Leer­stellen, die neu gefüllt wer­den kön­nen: (…), dass die Vorstel­lung ein­er Men­schheit, die von Anfang nicht ein­fach binär, son­dern eben queer zu ver­ste­hen ist. Die in Vari­a­tio­nen und Extremen «männlich und weib­lich» ist oder irgend­wo dazwis­chen. Die Men­schheit als Ganze sichert dabei die Gen­er­a­tio­nen­folge und die vielfältige Gegen­wart Gottes – genau das wird eben nicht einzel­nen Paaren zugeschrieben.

 

Weit­er­lesen

Dieser Artikel greift zen­trale Gedanken aus der aktuellen Aus­gabe von Bibel und Kirche mit dem Titel «Bibel queer lesen» auf.

Inter­essierte könne sich die Aus­gabe für 11 Franken hier bestellen.

ISBN: 978–3‑911227–23‑0

Leonie Wollensack
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