Propstei Wislikofen: Reflexionsraum, Zufluchtsort und Denkfabrik
Teilten ihre Gedanken zum Motto des Jubiläumsfestakts «Zukunft Bildung, Zukunft Kirche» in der Propstei Wislikofen: Dr. Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident der Reformierten Landeskirche Aargau, Bernhard Lindner, Fachstelle Bildung und Propstei, Elisabeth Burgener, Präsidentin der Caritas Aargau, Matthias Schüepp, Präsident der Synode der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau, Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr, Pascal M. Gregor, Kirchenratspräsident der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau und Guido Estermann, Leiter Fachstelle Bildung und Propstei (vlnr).
© Jeannette Häsler Daffré

Propstei Wislikofen: Reflexionsraum, Zufluchtsort und Denkfabrik

Festakt zum 50-Jahr-Jubiläum der Propstei Wislikofen

Seit 50 Jahren ist die Propstei Wislikofen Bildungszentrum und Begegnungsort der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau. Über 90 Gäste aus Kirche, Politik und Gesellschaft feierten am Sonntag, 6. September, das Jubiläum unter dem Motto «Zukunft Bildung, Zukunft Kirche». Im Mittelpunkt stand dabei weniger der Blick zurück als die Frage, welche Rolle Bildung, Spiritualität und Begegnung für die Kirche der Zukunft spielen.

Durch den Nach­mit­tag führte Gui­do Ester­mann, Leit­er der Fach­stelle Bil­dung und Prop­stei. In sein­er Begrüs­sung schlug er die Brücke zwis­chen Geschichte und Gegen­wart und charak­ter­isierte die Prop­stei als offe­nen Ort der Begeg­nung – für kirch­liche wie auch externe Gäste. Ger­ade die Verbindung von Spir­i­tu­al­ität und gesellschaftlich­er Wirk­lichkeit mache ihre beson­dere Qual­ität aus und sei etwas ganz Spezielles an dieser Prop­stei.

Was vor 50 Jahren mit Mut und Weit­sicht begonnen wurde, bleibt auch heute aktuell. Kirchen­rat­spräsi­dent Pas­cal M. Gre­gor erin­nerte daran, dass die dama­li­gen Ver­ant­wortlichen nicht ein­fach Bewährtes weit­erge­führt, son­dern gefragt hät­ten, was «Zeit und Zukun­ft» ver­langten. Genau diese Hal­tung brauche es angesichts sink­ender Mit­gliederzahlen sowie knap­per wer­den­der finanzieller und per­son­eller Ressourcen auch heute. «Tra­di­tion ist wertvoll, wenn sie Ori­en­tierung gibt. Sie wird schwierig, wenn sie ver­hin­dert, dass man neue Antworten find­et.» Mit der Zusam­men­führung ver­schieden­er Fach­stellen im neuen Zen­trum für kirch­liche Arbeit und Entwick­lung ab Anfang 2027 stellt sich die Lan­deskirche diesen Zukun­fts­fra­gen neu.

Einen spir­ituellen Blick auf die Bedeu­tung solch­er Orte eröffnete Pri­or­in Irene Gassmann vom Kloster Fahr. Sie beschrieb Klöster und Bil­dung­shäuser als Zuflucht­sorte für Men­schen, die Ruhe, Ori­en­tierung und ein Leben suchen, «das in die Tiefe geht». Ger­ade in Zeit­en von Unsicher­heit und Wan­del brauche es Räume, in denen Men­schen aufat­men und mit ihren Lebens- und Glaubens­fra­gen in Berührung kom­men kön­nen. «Wir Men­schen brauchen Orte, an die wir uns zurückziehen kön­nen, wo wir aufat­men und in Sicher­heit leben kön­nen.»

Wie aus solchen Denk- und Erfahrungsräu­men konkretes Han­deln entste­hen kann, zeigte Elis­a­beth Bur­gen­er, Präsi­dentin der Car­i­tas Aar­gau. Christliche Werte wür­den erst dort glaub­würdig, wo sie im All­t­ag sicht­bar und in konkretes Han­deln über­set­zt wer­den. Ein Bil­dung­shaus könne dabei Reflex­ion­sraum, Antreiber und Denk­fab­rik zugle­ich sein. «Vielle­icht ist es eine der schön­sten Auf­gaben eines Bil­dung­shaus­es, Men­schen nicht nur zum Nach­denken zu brin­gen, son­dern ihnen auch Mut zu geben, aus ihrem Denken her­aus etwas zu machen.» Für die Kirche der Zukun­ft brauche es deshalb Mut zum Fra­gen, zum Wider­sprechen, zu Neuem – und vor allem Mut zum Han­deln.

Auch die öku­menis­che Bedeu­tung der Prop­stei zog sich durch den Fes­takt. Dr. Christoph Weber-Berg, Kirchen­rat­spräsi­dent der Reformierten Lan­deskirche Aar­gau, würdigte Wis­likofen als offe­nen Ort, an dem unter­schiedliche christliche Tra­di­tio­nen seit vie­len Jahren selb­stver­ständlich zusam­menkom­men. Ger­ade in ein­er zunehmend säku­laren Gesellschaft sei es wichtig, Ver­schieden­heit nicht als Bedro­hung, son­dern als Bere­icherung zu ver­ste­hen: «Wir dür­fen die Ver­schieden­heit als Reich­tum erfahren.»

Syn­oden­präsi­dent Matthias Schüepp rück­te die Gemein­schaft ins Zen­trum. Bil­dung bedeute in Wis­likofen weit mehr als Wis­sensver­mit­tlung: Sie eröffne Hor­i­zonte, stärke Eigen­ver­ant­wor­tung und schaffe Räume für Dia­log, Spir­i­tu­al­ität und per­sön­liche Entwick­lung.: «Gemein­schaft bedeutet, nicht allein zu sein und einan­der zu stärken, voneinan­der zu ler­nen und miteinan­der die Zukun­ft zu gestal­ten.» Die Prop­stei beze­ich­nete er als einen wichti­gen «Lich­tort» im Aar­gau und weit darüber hin­aus.

Den Bogen von 50 Jahren Bil­dungsar­beit zu den kom­menden Her­aus­forderun­gen schlug zum Abschluss Bern­hard Lind­ner von der Fach­stelle Bil­dung und Prop­stei. Die Jubiläum­sausstel­lung zeigt die Entwick­lung seit dem Zweit­en Vatikanis­chen Konzil und greift The­men auf, die kirch­liche Bil­dungsar­beit bis heute prä­gen: eine offene und dial­o­gis­che Kirche, Weltver­ant­wor­tung, Spir­i­tu­al­ität, Gle­ich­würdigkeit, Vielfalt oder die Auseinan­der­set­zung mit kün­stlich­er Intel­li­genz. Bil­dung und Kirch­enen­twick­lung seien dabei eng miteinan­der ver­bun­den. Der Anspruch bleibe, «die befreiende Botschaft des Evan­geli­ums heute lebendig zu erzählen» und damit Men­schen und Gesellschaft zu inspiri­eren.

Die Prop­stei lebt vom Engage­ment viel­er Men­schen. Zum Abschluss dank­te Gui­do Ester­mann dem gesamten Prop­stei-Team und Hoteldirek­tor Samuel Bachofn­er für ihren grossen Ein­satz. Mit viel Gast­fre­und­schaft und Pro­fes­sion­al­ität sor­gen sie dafür, dass sich Gäste in Wis­likofen wohlfühlen und die Prop­stei ein beson­der­er Ort für Bil­dung, Begeg­nung und Aus­tausch bleibt. Musikalisch begleit­et von Bernd Vogel am Klavier und Gio­van­ni Bar­ba­to an der Geige klang der Fes­takt beim gemein­samen Apéro riche aus. So wurde an diesem Nach­mit­tag zugle­ich erleb­bar, wofür die Prop­stei Wis­likofen seit 50 Jahren ste­ht: für Bil­dung und Begeg­nung, Spir­i­tu­al­ität und gesellschaftlichen Dia­log – und für den Mut, Zukun­ft gemein­sam zu gestal­ten.

Jeannette Häsler
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