Wenn Gehörtes ​gefährlich wird
Abdruck in einer Zeitung zu einer Hexenverbrennung in Derenburg (Deutschland) aus dem Jahr 1555.
© R. Decker auf Wikimedia Commons

Wenn Gehörtes ​gefährlich wird

Bei der Flüsterpost ist es lustig, bei Gerüchten manchmal nervig und bei Verschwörungstheorien kann es tödlich enden: Wenn das Gehörte und die Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Werfen wir einen Blick auf einige christliche Verschwörungserzählungen.

Ein Gerücht, ein Mythos, eine Ver­schwörungserzäh­lung begin­nt, weil jemand etwas erzählt, aber auch immer, weil jemand hört. Hören ist eine Ein­ladung zur Inter­pre­ta­tion: Men­schen füllen Lück­en, ergänzen Fak­ten, schaf­fen Bedeu­tun­gen. Wo Inhalte gehört und weit­ergegeben wer­den, entste­hen Zwis­chen­räume für Speku­la­tio­nen und Kon­struk­tio­nen.
Genau in diesen Räu­men entste­hen Gerüchte und Ver­schwörungsnar­ra­tive, seit Jahrhun­derten, auch im Chris­ten­tum.

Die Christen zündeten Rom an

Am Anfang ihrer Geschichte wird den Christin­nen und Chris­ten Unge­heuer­lich­es ange­hängt: Sie sollen Rom angezün­det haben.
Im Jahr 64 nach Chris­tus bren­nen viele Quartiere der Stadt, die Zer­störung ist gross. Der dama­lige Kaiser Nero lenkt das Mis­strauen der Bevölkerung auf eine damals neue, kleine Reli­gion: das Chris­ten­tum. Die Christin­nen und Chris­ten wer­den der Brand­s­tiftung beschuldigt, es kommt zu Ver­haf­tun­gen und bru­tal­en Hin­rich­tun­gen. Viele erlei­den eine damals wohl übliche Todesstrafe für Brand­s­tifter: Sie wer­den als men­schliche Fack­eln benutzt, um im Dunkeln die Strassen zu beleucht­en.
Im Clemens­brief, ein­er frühen christlichen Quelle, wird darauf hingewiesen, dass auch Petrus und Paulus während dieser Hin­rich­tungswelle getötet wur­den. Aber auch nichtchristliche Quellen bezeu­gen das Vorge­hen gegen Christin­nen und Chris­ten. Sue­ton, ein römis­ch­er Schrift­steller und Ver­wal­tungs­beamter, der dies als eine gute Sache ansieht, schreibt: «Mit Todesurteilen ging man gegen Chris­ten vor, eine Men­schen­gat­tung, die sich einem neuen und ruchlosen Aber­glauben hingegeben hat­te.»
Man geht heute davon aus, dass Nero die Brand­s­tiftung selb­st ver­an­lasst hat, da er ein Inter­esse daran hat­te, die alten, übel­riechen­den Stadteile zu zer­stören. Er schaffte es aber, die Schuld den Christin­nen und Chris­ten zuzuschieben, weil sie im Volk nicht beliebt waren.

Die Tempelritter waren Götzenanbeter

Im Jahr 1120 grün­den neun Rit­ter aus Frankre­ich in Jerusalem eine Gemein­schaft, mit der Absicht, Pil­gerin­nen und Pil­ger auf dem Weg zu den heili­gen Stät­ten vor Räu­bern zu schützen. Der dama­lige König von Jerusalem, Bal­duin II., schenkt ihnen einen Teil seines Palastes in Jerusalem, der auf den Fun­da­menten des Salomonis­chen Tem­pels ste­ht. So bekommt die Gemein­schaft ihren Namen: die Tem­pel­rit­ter oder Tem­pler.
Nicht ein­mal 200 Jahre später, am Mor­gen des 13. Okto­ber 1307, holen königliche Ver­fol­gungstrup­ps die Tem­pel­rit­ter aus ihren Bet­ten und führen sie in Ket­ten in Folterge­fäng­nisse ab, einige wer­den später hin­gerichtet, viele bleiben jahre­lang im Gefäng­nis. 1312 sus­pendiert Papst Clemens II. den Orden.
Wie wur­den die Tem­pler in der Wahrnehmung von from­men Rit­tern zu Abtrün­ni­gen?
Den Befehl zur Ver­haf­tung und Folter hat­te der franzö­sis­che König Philipp IV. gegeben. Die Anschuldigun­gen: Die Tem­pler gin­gen gottes­läster­lichen Hand­lun­gen nach, beteten Götzen an, hät­ten Kon­tak­te zu Gehe­im­bün­den und vol­lzö­gen homo­sex­uelle Prak­tiken. Die Rit­ter wer­den auf bru­tale Weise gefoltert, viele geste­hen dadurch alles, was man ihnen vor­wirft. König Philipp und die Kirche arbeit­en dabei zusam­men, eine Bischof­ssyn­ode verurteilt in Paris 54 Tem­pel­rit­ter zum Tod auf dem Scheit­er­haufen. Zwei Jahre später: Der Gross­meis­ter der Tem­pler, Jacques de Molay, hat alle Folterorgien über­lebt. Am 18. März 1314 fällt auch gegen ihn der Schuld­spruch, öffentlichkeitswirk­sam vor dem Por­tal von Notre Dame.
Heute weiss man: Das Ganze war ein Kalkül des dama­li­gen Königs Philipp IV. Er hat­te sich für seine Kriege hoch ver­schuldet. Erhöhung der Steuern, Abw­er­tung der Währung, Kon­fiszierung des Besitzes der franzö­sis­chen Juden: All das reichte nicht. Und so nahm er das Ver­mö­gen des Tem­pleror­dens ins Visi­er. Die Ver­fol­gung der Tem­pler und die Auflö­sung des Ordens waren ein Coup, um an den Tem­pler­schatz zu kom­men. Und Philipp hat­te Erfolg. Zwar wurde der Besitz der Tem­pler vom Papst an den Johan­niteror­den über­schrieben, doch Philipp stellte eine extrem hohe Rech­nung für den Unter­halt der Gefäng­nisse für die Tem­pel­rit­ter, und so lan­dete am Ende fast das ganze Eigen­tum des Ordens in sein­er Tasche.
Doch ganz zu Ende ist die Ver­schwörungserzäh­lung hier noch nicht. Nur fünf Wochen nach der Hin­rich­tung von Jacques de Molay stirbt Papst Clemens. Einige Monate später fällt König Philipp bei der Jagd vom Pferd und stirbt eben­falls. Es entste­ht das Gerücht, dass Jacques de Molay kurz vor seinem Tod seine Peiniger ver­flucht hat.

Frauen waren Hexen und verkehrten mit dem Teufel

Wenn Men­schen Katas­tro­phen erleben, die sie sich nicht erk­lären kön­nen, neigen sie dazu, einen Sün­den­bock zu suchen. Das gibt es zwar auch heute noch, früher war dieses Phänomen aber noch ver­bre­it­eter, da vieles, was wir heute mit natur­wis­senschaftlichen Meth­o­d­en erk­lären kön­nen, die Men­schen vor grosse Rät­sel stellte.
Meis­tens siedeln wir die Hex­en­ver­fol­gun­gen im als dunkel beze­ich­neten Mit­te­lal­ter an, ihren Höhep­unkt hat­ten sie aber in der frühen Neuzeit. Vor allem Frauen wird in dieser Zeit von den kirch­lichen Vertretern aber auch von den weltlichen Behör­den vorge­wor­fen, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und sog­ar sex­uellen Verkehr mit ihm zu haben. Sie wür­den Schaden­sza­uber gegen ihre Mit­men­schen anwen­den, andere Men­schen ver­hex­en und auf Besen durch die Nacht fliegen. Mit seinem Werk «Hex­en­ham­mer» fasst der Dominikan­er­mönch Hein­rich Kramer den Hex­en­wahn in einem pseudowis­senschaftlichen Werk zusam­men. Seine Vorstel­lun­gen – geprägt von Angst, Vorurteilen und Frauen­hass – bes­tim­men daraufhin über Jahrhun­derte Gerichte und Recht­sprechung.
Diese Anschuldigun­gen kosten zwis­chen 1450 und 1750 in Europa 40 000 bis 60 000 Men­schen das Leben, etwa 80% davon sind Frauen. In der Schweiz sind es 6000; in Glarus wird im Jahr 1782 Anna Göl­di als let­zte Frau in Europa als Hexe hin­gerichtet. Ger­ade Rebellinnen oder Aussen­sei­t­erin­nen, Frauen, die nicht ins Sys­tem passten, und alle­in­ste­hende Frauen wur­den als Hex­en ver­rat­en.
Als Hexe verurteilt wer­den kön­nen die Frauen aber nur nach einem Geständ­nis. Und das wird ihnen mit aller Bru­tal­ität abgezwun­gen: Beine brechen, Fin­gernägel aus­reis­sen, Wasser­folter sind einige der grausamen Meth­o­d­en.
Die Reha­bil­i­tierung der damals als Hex­en getöteten Frauen begin­nt spät: Erst in diesem Jahrtausend kommt es in der Schweiz zu formellen Reha­bil­i­tierun­gen. Im Jahr 2019 beispiel­sweise wird dem Grossen Rat des Kan­tons Basel-Stadt ein Antrag betr­e­f­fend «Reha­bil­i­tierung der Opfer von Hex­en­ver­fol­gung in Basel» über­wiesen. Es ging darum, «ob drei Per­so­n­en, die wegen Hex­erei verurteilt und hin­gerichtet wur­den, ‹öffentlich exem­plar­isch für unschuldig erk­lärt wer­den kön­nen […] und ob ihnen in Form ein­er Gedenk­tafel im Stadt­bild ein Erin­nerung­sort geschaf­fen wer­den kön­nte.›» Die Tafel wird am 22. März 2019 an der Mit­tleren Rhein­brücke gegenüber dem Käp­peli­joch ange­bracht und von der ehe­ma­li­gen Regierung­spräsi­dentin Elis­a­beth Ack­er­mann eingewei­ht.

Papst Johannes Paul I. wurde ermordet

Albi­no Luciani wird am 26. August 1978 zu Papst Johannes Paul I., nur 33 Tage später, am 28. Sep­tem­ber, ist er tot. Der Vatikan verzichtet auf eine Obduk­tion. Das facht die Gerüchteküche an: Wurde Papst Johannes Paul I. absichtlich beseit­igt? Die Gerüchte flam­men erneut auf, als sechs Jahre nach seinem Tod der britis­chen Autor David Yal­lop sein Buch «Im Namen Gottes?» veröf­fentlicht. Er behauptet darin, der Papst hätte einen Kor­rup­tion­sskan­dal rund um die Vatikan­bank aufdeck­en, hochrangige Mitar­beit­er des Vatikans ent­lassen und kirch­liche Refor­men anstossen wollen und sei daher vergiftet wor­den. Für das Buch, so Yal­lop, habe er mit Zeu­gen gesprochen und drei Jahre lang recher­chiert.
Einem späteren Fak­tencheck hielt sein Buch allerd­ings nicht stand. Bis 2017 beschäftigte der Fall den Vatikan. Laut den 2017 veröf­fentlicht­en Aufze­ich­nun­gen des dama­li­gen päp­stlichen Leibarztes wird die offizielle Darstel­lung bestätigt, wonach Johannes Paul I. an einem Herz­in­farkt starb.

Leonie Wollensack
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