
Bild: © Jeannette Häsler Daffré
«Vieles hat sich gefügt»
Hans Niggeli tritt in den Ruhestand
Seit seiner Jugend hat Hans Niggeli die Kirche im Aargau mitgestaltet. Nun ist er als Leiter der Fachstelle Spezialseelsorge in den Ruhestand getreten. Ein Gespräch über Ausdauer, Abenteuerlust und darüber, was Menschen wirklich brauchen.
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiss noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein grosser Gesang.
Rainer Maria Rilke
Mitte Dezember wurde Hans Niggeli im Haus der Aargauer Landeskirche von vielen Wegbegleiterinnen und ‑begleitern feierlich verabschiedet. Das Gedicht von Rainer Maria Rilke spielte an der Feier eine zentrale Rolle. Die Zeile «Ich werde den letzten Ring vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn», drückt aus, was Hans Niggeli bei seinem Abschied von der Fachstelle Spezialseelsorge bewegt.
Nicht verbissen
Beim Räumen seines Büros hat Hans Niggeli die Unterlagen auf verschiedene Stapel gelegt. Eine Beige zum Schreddern, eine zum Weitergeben an die Nachfolger. «Ein emotionaler Prozess», sagt Niggeli, «es wird sichtbar, was gelungen, aber auch, was liegengeblieben oder misslungen ist. Auch das gilt es zu akzeptieren und loszulassen.»
Wie ein Stein, der ins Wasser fällt, hat das Wirken von Niggeli Kreise gezogen. Aber auch das Kreisen um Themen, die ihm wichtig waren, spielte in seinem Berufsleben eine wichtige Rolle.
Ausdauernd brachte Hans Niggeli seine Anliegen immer wieder an den wichtigen Stellen ein, auch durch Hindernisse liess er sich nicht vom Ziel abbringen. «Dranbleiben, ohne verbissen zu sein, und unerwartete Zusatzschlaufen als Ansporn nehmen», sagt er im Rückblick über seine Arbeitsweise.

Ökumenisch verantwortete Seelsorge
Als Teil einer ökumenischen Arbeitsgruppe war Niggeli massgeblich beteiligt am Konzept zur ökumenisch verantworteten Seelsorge durch die Reformierte und die Römisch-Katholische Landeskirche Aargau in Institutionen des Gesundheitswesens im Kanton. An Niggelis Abschiedsapéro dankte der Aargauer Kirchenratspräsident Pascal Gregor ihm für sein Engagement: «Mit seinem grossen Herz, seiner spirituellen Tiefe und seiner enormen Ausdauer hat er die ökumenisch verantwortete Spital‑, Klinik- und Heimseelsorge gestärkt und weiterentwickelt. Dass dieses schweizweit einzigartige Modell seit 50 Jahren Bestand hat und weiterhin als Brücke zwischen Staat, Gesundheitsinstitutionen und Kirchen trägt, wurde im Jahr 2023 an einer Feierstunde eindrücklich bestätigt. Hans Niggeli hat diesen Weg nicht nur begleitet, er hat ihn mitgebaut.» Die Rückschau auf seinen beruflichen Werdegang lässt Niggeli sinnieren über das Verhältnis der griechischen Begriffe Chronos und Kairos – während Chronos die lineare, messbare Zeit bezeichnet, meint Kairos den günstigen Zeitpunkt, den besonderen Moment, den man nicht erzwingen kann, aber nutzen soll, wenn er da ist. Immer wieder habe er die Gunst der Stunde genutzt und eine erfüllende Aufgabe gefunden.
Prägende Erlebnisse für Jugendliche

Hans Niggeli war als Jugendlicher Jungwacht-Leiter und später Mitglied der Jubla-Regionalleitung Baden. In dieser Zeit leitete er Ausbildungskurse für Leiterinnen und Leiter. Er studierte Psychologie und arbeitete daneben als Jugendseelsorger in Wettingen. «Die Kirche bot mir so viele Möglichkeiten, nicht bloss schöne Worte, nicht einfach Erlebnispädagogik, sondern die Möglichkeit, mit den Jugendlichen das praktische Miteinander eins zu eins zu erleben», sagt Hans Niggeli über diese Zeit. Ob eine Kanufahrt auf der Reuss, ein Fussmarsch nach Finnland, die Besteigung eines Viertausenders oder die Fahrt nach Korsika, Hans Niggeli steckte die Jugendlichen mit seiner Abenteuerlust an und ermöglichte ihnen Erlebnisse, an die sich viele bis heute erinnern. «Beim Unterwegssein ergeben sich Situationen, um Zusammenhalt und Gemeinschaft zu erleben, ganz natürlich», ist Hans Niggeli überzeugt.
Vom Jugendseelsorger zum Diakon
Die vielfältigen Möglichkeiten in der Kirche überzeugten ihn, das Theologiestudium in Angriff zu nehmen. Einen grossen Anteil an diesem Entscheid hatte der damalige Wettinger Pfarrer Clemens Ramsperger, der ihm seine Unterstützung signalisierte. Das Theologiestudium in Chur und Luzern absolvierte Niggeli als junger Familienvater, eine intensive Zeit. Nach dem Studium liess er sich zum Diakon weihen und wirkte weiter in Wettingen. In dieser Funktion hatte er auch Seelsorgedienst im Badener Bezirksgefängnis und übernahm Nachteinsätze als Spitalseelsorger im Kantonsspital Baden. So fügte sich im Berufsleben Aufgabe an Aufgabe. Es gab aber auch Einschnitte. Während der Zeit als Diakon in Wettingen erkrankte Niggeli an Borreliose und nahm sich eine Auszeit. Danach wurde er Bundespräses von Jungwacht Blauring, später wirkte er als Gemeindeleiter in der Pfarrei Rohrdorf. Von 2009 bis heute stand er im Dienst der Aargauer Landeskirche, als Leiter der Fachstelle Spezialseelsorge und als Klinikseelsorger.
Was Menschen brauchen
Nun gibt Niggeli im 70. Altersjahr seine Aufgaben als Leiter der Fachstelle Spezialseelsorge der Aargauer Landeskirche ab. Er tritt aber nur teilweise in den Ruhestand. Zwei Tage in der Woche ist er weiterhin als Seelsorger für die Psychiatrischen Dienste Aargau tätig. «Rede doch mal mit Herrn Niggeli», sagt auf der forensischen Abteilung der Psychiatrischen Dienste Aargau in Königsfelden ab und zu einer zum andern. An den zwei Wochentagen, die der Seelsorger in Königsfelden arbeitet, ist er immer ausgebucht.
Hans Niggeli war sein Leben lang mit den verschiedensten Menschen in engem Kontakt. Jugendliche, Gefangene, Sterbende, Menschen mit Beeinträchtigung, psychisch Kranke, Deliquenten und Verbrecher vertrauten sich ihm an. In den vielen Begegnungen hat Niggeli erfahren, was Menschen wirklich brauchen: «Ich glaube, sie brauchen unsere ganze Präsenz. Ein Mensch braucht die Anteilnahme eines anderen an seinem Leben. Daraus kann sich ein Weg ergeben.» Weiter bräuchte das Gegenüber im Seelsorgegespräch seine Echtheit: «Sie müssen wissen, dass auch ich an gewissen Punkten gescheitert bin. Es braucht meine Offenheit, damit mir jemand sein Vertrauen schenkt.»
Was die Welt im Innersten zusammenhält
Einmal habe ihn am Bahnhof ein ehemaliger Klient angesprochen und sich bedankt für die Unterstützung. «Wenn einer es schafft, wieder ins normale Leben zurückzufinden, rührt und freut mich das.» Denn jeder Mensch müsse seinen Weg selber gehen, sagt Niggeli: «Ich kann sie dazu ermutigen und sie unterstützen. Meditation, Gebet und Yoga helfen, mir immer wieder bewusst zu werden, dass mein Einfluss begrenzt ist.»
Die Wahrheit liegt im Einfachen
Hans Niggeli freut sich, fortan mehr Zeit für Meditation und Gebet zu haben. «Mein Glaube ist erfahrungsbezogen und alles andere als dogmatisch», sagt er. Mit 20 sei er überzeugt gewesen, dass er einmal in ein buddhistisches Kloster eintreten würde. «Mich interessierte vieles, unter anderem die Relativitätstheorie. Ich wollte wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält.» Über die Jahre habe sich sein Glaube noch viel mehr geweitet, sagt Niggeli. Zwar könne er nicht in Worte fassen, was die Welt im Innersten zusammenhalte, doch er habe Momente erlebt, in denen er es erfahren habe. «Die Wahrheit liegt im Einfachen», ist er überzeugt. Dazu falle ihm das bekannte Zen-Sprichwort «Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser tragen. Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser tragen» ein. Schlicht und ergreifend fasst er rückblickend auch sein Berufsleben zusammen: «Ich spüre vor allem Dankbarkeit. Vieles hat sich gefügt.»