«Vieles hat sich gefügt»
Hans Niggeli bei seinem Abschiedsapéro am 10. Dezember 2025 im Haus der Landeskirche in Aarau.
Bild: © Jeannette Häsler Daffré

«Vieles hat sich gefügt»

Hans Niggeli tritt in den Ruhestand

Seit seiner Jugend hat Hans Niggeli die Kirche im Aargau mitgestaltet. Nun ist er als Leiter der Fachstelle Spezialseelsorge in den Ruhestand getreten. Ein Gespräch über Ausdauer, Abenteuerlust und darüber, was Menschen wirklich brauchen.


Mitte Dezem­ber wurde Hans Niggeli im Haus der Aar­gauer Lan­deskirche von vie­len Weg­be­glei­t­erin­nen und ‑begleit­ern feier­lich ver­ab­schiedet. Das Gedicht von Rain­er Maria Rilke spielte an der Feier eine zen­trale Rolle.  Die Zeile «Ich werde den let­zten Ring vielle­icht nicht voll­brin­gen, aber ver­suchen will ich ihn», drückt aus, was Hans Niggeli bei seinem Abschied von der Fach­stelle Spezialseel­sorge bewegt.

Nicht verbissen

Beim Räu­men seines Büros hat Hans Niggeli die Unter­la­gen auf ver­schiedene Stapel gelegt. Eine Beige zum Schred­dern, eine zum Weit­ergeben an die Nach­fol­ger. «Ein emo­tionaler Prozess», sagt Niggeli, «es wird sicht­bar, was gelun­gen, aber auch, was liegenge­blieben oder miss­lun­gen ist. Auch das gilt es zu akzep­tieren und loszu­lassen.»

Wie ein Stein, der ins Wass­er fällt, hat das Wirken von Niggeli Kreise gezo­gen. Aber auch das Kreisen um The­men, die ihm wichtig waren, spielte in seinem Beruf­sleben eine wichtige Rolle.

Aus­dauernd brachte Hans Niggeli seine Anliegen immer wieder an den wichti­gen Stellen ein, auch durch Hin­dernisse liess er sich nicht vom Ziel abbrin­gen. «Dran­bleiben, ohne ver­bis­sen zu sein, und uner­wartete Zusatzschlaufen als Ans­porn nehmen», sagt er im Rück­blick über seine Arbeitsweise.

Dorothee Fis­ch­er leit­et neu als Co-Lei­t­erin die Fach­stelle Spezialseel­sorge.

Ökumenisch verantwortete Seelsorge

Als Teil ein­er öku­menis­chen Arbeits­gruppe war Niggeli mass­ge­blich beteiligt am Konzept zur öku­menisch ver­ant­worteten Seel­sorge durch die Reformierte und die Römisch-Katholis­che Lan­deskirche Aar­gau in Insti­tu­tio­nen des Gesund­heitswe­sens im Kan­ton. An Nigge­lis Abschied­sapéro dank­te der Aar­gauer Kirchen­rat­spräsi­dent Pas­cal Gre­gor ihm für sein Engage­ment: «Mit seinem grossen Herz, sein­er spir­ituellen Tiefe und sein­er enor­men Aus­dauer hat er die öku­menisch ver­ant­wortete Spital‑, Klinik- und Heim­seel­sorge gestärkt und weit­er­en­twick­elt. Dass dieses schweizweit einzi­gar­tige Mod­ell seit 50 Jahren Bestand hat und weit­er­hin als Brücke zwis­chen Staat, Gesund­heitsin­sti­tu­tio­nen und Kirchen trägt, wurde im Jahr 2023 an ein­er Feier­stunde ein­drück­lich bestätigt. Hans Niggeli hat diesen Weg nicht nur begleit­et, er hat ihn mit­ge­baut.» Die Rückschau auf seinen beru­flichen Werde­gang lässt Niggeli sin­nieren über das Ver­hält­nis der griechis­chen Begriffe Chronos und Kairos – während Chronos die lin­eare, mess­bare Zeit beze­ich­net, meint Kairos den gün­sti­gen Zeit­punkt, den beson­deren Moment, den man nicht erzwin­gen kann, aber nutzen soll, wenn er da ist. Immer wieder habe er die Gun­st der Stunde genutzt und eine erfül­lende Auf­gabe gefun­den.

Prägende Erlebnisse für Jugendliche

Simon Meier ist neu Co-Leit­er der Fach­stelle Spezialseel­sorge.

Hans Niggeli war als Jugendlich­er Jung­wacht-Leit­er und später Mit­glied der Jubla-Region­alleitung Baden. In dieser Zeit leit­ete er Aus­bil­dungskurse für Lei­t­erin­nen und Leit­er. Er studierte Psy­cholo­gie und arbeit­ete daneben als Jugend­seel­sorg­er in Wet­tin­gen. «Die Kirche bot mir so viele Möglichkeit­en, nicht bloss schöne Worte, nicht ein­fach Erleb­nis­päd­a­gogik, son­dern die Möglichkeit, mit den Jugendlichen das prak­tis­che Miteinan­der eins zu eins zu erleben», sagt Hans Niggeli über diese Zeit. Ob eine Kan­u­fahrt auf der Reuss, ein Fuss­marsch nach Finn­land, die Bestei­gung eines Vier­tausenders oder die Fahrt nach Kor­si­ka, Hans Niggeli steck­te die Jugendlichen mit sein­er Aben­teuer­lust an und ermöglichte ihnen Erleb­nisse, an die sich viele bis heute erin­nern. «Beim Unter­wegs­sein ergeben sich Sit­u­a­tio­nen, um Zusam­men­halt und Gemein­schaft zu erleben, ganz natür­lich», ist Hans Niggeli überzeugt.

Vom Jugendseelsorger zum Diakon

Die vielfälti­gen Möglichkeit­en in der Kirche überzeugten ihn, das The­olo­gi­es­tudi­um in Angriff zu nehmen. Einen grossen Anteil an diesem Entscheid hat­te der dama­lige Wet­tinger Pfar­rer Clemens Ramsperg­er, der ihm seine Unter­stützung sig­nal­isierte. Das The­olo­gi­es­tudi­um in Chur und Luzern absolvierte Niggeli als junger Fam­i­lien­vater, eine inten­sive Zeit. Nach dem Studi­um liess er sich zum Diakon wei­hen und wirk­te weit­er in Wet­tin­gen. In dieser Funk­tion hat­te er auch Seel­sorge­di­enst im Baden­er Bezirks­ge­fäng­nis und über­nahm Nachtein­sätze als Spi­talseel­sorg­er im Kan­ton­sspi­tal Baden. So fügte sich im Beruf­sleben Auf­gabe an Auf­gabe. Es gab aber auch Ein­schnitte. Während der Zeit als Diakon in Wet­tin­gen erkrank­te Niggeli an Bor­re­liose und nahm sich eine Auszeit. Danach wurde er Bun­de­spräs­es von Jung­wacht Blau­r­ing, später wirk­te er als Gemein­deleit­er in der Pfar­rei Rohrdorf. Von 2009 bis heute stand er im Dienst der Aar­gauer Lan­deskirche, als Leit­er der Fach­stelle Spezialseel­sorge und als Klinikseel­sorg­er.

Was Menschen brauchen

Nun gibt Niggeli im 70. Alter­s­jahr seine Auf­gaben als Leit­er der Fach­stelle Spezialseel­sorge der Aar­gauer Lan­deskirche ab. Er tritt aber nur teil­weise in den Ruh­e­s­tand. Zwei Tage in der Woche ist er weit­er­hin als Seel­sorg­er für die Psy­chi­a­trischen Dien­ste Aar­gau tätig. «Rede doch mal mit Her­rn Niggeli», sagt auf der foren­sis­chen Abteilung der Psy­chi­a­trischen Dien­ste Aar­gau in Königs­felden ab und zu ein­er zum andern. An den zwei Wochen­t­a­gen, die der Seel­sorg­er in Königs­felden arbeit­et, ist er immer aus­ge­bucht.

Hans Niggeli war sein Leben lang mit den ver­schieden­sten Men­schen in engem Kon­takt. Jugendliche, Gefan­gene, Ster­bende, Men­schen mit Beein­träch­ti­gung, psy­chisch Kranke, Del­i­quenten und Ver­brech­er ver­traut­en sich ihm an. In den vie­len Begeg­nun­gen hat Niggeli erfahren, was Men­schen wirk­lich brauchen: «Ich glaube, sie brauchen unsere ganze Präsenz. Ein Men­sch braucht die Anteil­nahme eines anderen an seinem Leben. Daraus kann sich ein Weg ergeben.» Weit­er bräuchte das Gegenüber im Seel­sorgege­spräch seine Echtheit: «Sie müssen wis­sen, dass auch ich an gewis­sen Punk­ten gescheit­ert bin. Es braucht meine Offen­heit, damit mir jemand sein Ver­trauen schenkt.»

Was die Welt im Innersten zusammenhält

Ein­mal habe ihn am Bahn­hof ein ehe­ma­liger Klient ange­sprochen und sich bedankt für die Unter­stützung. «Wenn ein­er es schafft, wieder ins nor­male Leben zurück­zufind­en, rührt und freut mich das.» Denn jed­er Men­sch müsse seinen Weg sel­ber gehen, sagt Niggeli: «Ich kann sie dazu ermuti­gen und sie unter­stützen. Med­i­ta­tion, Gebet und Yoga helfen, mir immer wieder bewusst zu wer­den, dass mein Ein­fluss begren­zt ist.»

Die Wahrheit liegt im Einfachen

Hans Niggeli freut sich, for­t­an mehr Zeit für Med­i­ta­tion und Gebet zu haben. «Mein Glaube ist erfahrungs­be­zo­gen und alles andere als dog­ma­tisch», sagt er. Mit 20 sei er überzeugt gewe­sen, dass er ein­mal in ein bud­dhis­tis­ches Kloster ein­treten würde. «Mich inter­essierte vieles, unter anderem die Rel­a­tiv­ität­s­the­o­rie. Ich wollte wis­sen, was die Welt im Inner­sten zusam­men­hält.» Über die Jahre habe sich sein Glaube noch viel mehr geweit­et, sagt Niggeli. Zwar könne er nicht in Worte fassen, was die Welt im Inner­sten zusam­men­halte, doch er habe Momente erlebt, in denen er es erfahren habe. «Die Wahrheit liegt im Ein­fachen», ist er überzeugt. Dazu falle ihm das bekan­nte Zen-Sprich­wort «Vor der Erleuch­tung: Holz hack­en, Wass­er tra­gen. Nach der Erleuch­tung: Holz hack­en, Wass­er tra­gen» ein. Schlicht und ergreifend fasst er rück­blick­end auch sein Beruf­sleben zusam­men: «Ich spüre vor allem Dankbarkeit. Vieles hat sich gefügt.»

Marie-Christine Andres Schürch
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