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Unverzichtbar und trotzdem ausgeschlossen
Frauen tragen in der katholischen Kirche Verantwortung, verfügen aber nicht über alle Befugnisse. Was bedeutet das für die Gleichberechtigung? Nadja Waibel hat für ihre Doktorarbeit mit Gemeindeleiterinnen gesprochen.
Was hat Sie dazu motiviert, eine Studie über Gemeindeleiterinnen in der deutschsprachigen Schweiz zu machen?
Dr. Nadja Waibel: Während meiner Doktorarbeit war es mir wichtig, zu untersuchen, wie Menschen ihren Glauben leben und welche Erfahrungen sie mit Gott machen. Gleichzeitig begegnete mir im Theologiestudium immer wieder die Frage nach der Rolle von Frauen in der katholischen Kirche. Deshalb wollte ich die Erfahrungen von Frauen festhalten, die ihren Weg in der Kirche gefunden und Leitungsverantwortung übernommen haben.
Meine Betreuerin Prof. Stefanie Klein hat einen Schwerpunkt in Glaubensbiografieforschung. So entstand eine biografische Studie. Mir war wichtig zu zeigen, dass die Erfahrungen von Gemeindeleiterinnen nicht nur Momentaufnahmen sind, sondern sich über einen ganzen Lebensweg entwickeln.
Für die deutschsprachige Schweiz habe ich mich entschieden, weil ich den kulturellen und sprachlichen Kontext kenne. Während meiner Doktorarbeit hörte ich immer wieder den Satz: «Gemeindeleiterinnen, so was gibt es ja gar nicht.» Gerade deshalb wollte ich festhalten, dass es diese Frauen gibt. Ich dachte: Wenn darüber ein Buch in den Bibliotheken steht, kann in 20 Jahren niemand mehr behaupten, es habe diese Gemeindeleiterinnen nie gegeben. Weil sich die Pfarreien zu immer grösseren Einheiten zusammenschliessen und an die Stelle der Gemeindeleiterinnen neue Leitungsfunktionen treten, wollte ich die Erfahrungen dieser Frauen festhalten.
Ein zentrales Stichwort Ihrer Studie ist Vertrauen. Warum haben Sie darauf ein besonderes Augenmerk gelegt?
Den Schwerpunkt habe ich nicht bewusst gelegt, er hat sich durch die Biografieforschung aus dem Material herauskristallisiert. In den unterschiedlichsten Lebensabschnitten der verschiedenen Frauen fiel das Wort Vertrauen immer wieder, besonders in Krisen und Übergängen. Ich habe dann nach den einzelnen Dimensionen und Ausprägungen von Vertrauen gesucht.
Zum einen geht es um das Vertrauen der Gläubigen. Die Gemeindeleiterinnen erzählten, dass ihnen als Vertreterinnen der Kirche und Seelsorgerinnen ein grosser Vertrauensvorschuss entgegengebracht wird. Viele Menschen vertrauen ihnen sehr persönliche und private Anliegen an.
Ein anderer Aspekt ist das Vertrauen in sich selbst, das Zutrauen. Viele Frauen trauten sich lange nicht zu, eine Leitungsposition einzunehmen. Erst im Alter von etwa 50 Jahren, als sie bereits viele Jahre als Pastoralassistentinnen gearbeitet haben, kam in ihnen der Wunsch auf, in den letzten 10, 15 Jahren ihres Berufslebens die Kirche bewusst zu gestalten und mitzuprägen. Dieses Zutrauen hat oft Zuspruch von aussen gebraucht.
Ausserdem spielt das Vertrauen innerhalb der Kirchenstrukturen eine Rolle. Wenn im Team Vertrauen herrschte, berichteten die Frauen, dass oft weniger Konflikte entstanden, beispielsweise darüber, wer wann predigen darf. Für die Frauen ist Vertrauen nicht nur eine persönliche Haltung, sondern auch Glaube: das Vertrauen darauf, dass Gott sie trägt und Zukunft eröffnet – besonders in Krisen und Übergängen. Dieser Glaube wird einerseits persönlich gelebt, andererseits aber auch als tragende Kraft in der Gemeinschaft, etwa im Gottesdienst, erlebt.
Sie schreiben auch, dass viele Gemeindeleiterinnen ihre Befugnisse verloren, sobald wieder ein Priester verfügbar war. Was macht das mit ihrem Selbstverständnis als Leitungsperson?
Die Frauen wussten, dass sie oft Gemeindeleiterinnen ad interim, also vorübergehend, waren. Es handelte sich um eine Übergangslösung, um eine ausserordentliche Form der Leitung. Kirchenrechtlich ist grundsätzlich ein anderes Modell vorgesehen. Trotzdem waren sie diejenigen, die Kontinuität brachten, vor Ort lebten, die Gemeinde kannten. Als dann jemand Neues kam, hatten einige von ihnen Mühe, ihre Rolle auf- und ihre Aufgaben abzugeben, weil sie sich emotional mit ihrer Funktion identifizierten. Gerade durch die Zusammenlegung zu grösseren Pfarreien und Pastoralräumen kam es vor, dass die Frauen ihren Status verloren und es oft auch nicht klar war, was zukünftig ihre Aufgaben sein sollten. In diesen Übergangsphasen, in denen Positionen neu ausgehandelt wurden, konnten sich diese Frauen wenig in die neuen Strukturen einbringen. Sie mussten ihre Positionen aufgeben oder es wurde ihnen nahegelegt, zu gehen. Viele litten persönlich darunter und es blieb danach das Gefühl zurück, eine Lückenbüsserin gewesen zu sein.
Welche Gestaltungsmöglichkeiten haben Frauen momentan in der katholischen Kirche in der Schweiz? Wo sind Grenzen?
Einerseits werden Frauen gefördert, weil man sie braucht. Gleichzeitig werden sie aber von vielen Ämtern und Aufgaben ausgeschlossen. Viele Frauen berichten in diesem Zusammenhang von fehlender Wertschätzung durch höhere Instanzen, weil besonders in der Gemeindeleitung Priester und Diakone bevorzugt werden.
Ein wichtiger Punkt in dieser Diskussion ist die Entscheidungsbefugnis. Dabei nimmt das Bistum Basel eine Vorreiterrolle ein, weil es versucht, Frauen als Regionalverantwortliche in die Leitungsstrukturen einzubeziehen. Die Schwierigkeit ist jedoch, dass zahlreiche Entscheidungsbefugnisse an die Weihe gebunden sind. Dadurch bleiben die Möglichkeiten von Frauen, Veränderungen anzustossen, begrenzt. Meiner Wahrnehmung nach können die bestehenden, stark von geweihten Männern bestimmten Strukturen dazu führen, dass Frauen mit kritischen Positionen auf Widerstände stossen. Wir müssen uns fragen: Wie kann eine Diskussionskultur geschaffen werden, in der es möglich ist, Kritik anzubringen? Während meiner Doktorarbeit und auch heute merke ich, dass das Thema «Gleichberechtigung von Frauen» bei manchen Entscheidungsverantwortlichen Ermüdung auslöst. Dabei sind viele von ihnen selbst nicht von geschlechtsspezifischer Benachteiligung betroffen. Diese Ermüdung erstaunt mich, denn aus meiner Sicht sind die kirchlichen Strukturen noch nicht gleichberechtigt. Solange das so ist, müssen wir darüber sprechen.

Lara Tedesco ist Leiterin des Pastoralraums Untersiggenthal und wird unter anderem neben Nadja Waibel bei der Veranstaltung «‹Frauen führen Kirche gleichberechtigt – wann endlich?› Ein Podiumsgespräch» referieren. | © Pastoralraum Siggenthal
«Gleichberechtigung von Mann und Frau», was bedeutet das im Kontext der katholischen Kirche?
Die Kirche begründet die unterschiedliche Stellung von Frauen und Männern damit, dass sie Sakramente, also heilige Handlungen, nur für Männer vorsieht. Viele Frauen empfinden diese unterschiedliche Behandlung als Diskriminierung. In der Schweiz ist die Gleichstellung von Frau und Mann in Artikel 8 der Bundesverfassung verankert. Mit Verweis auf die Religionsfreiheit wird diese Gleichberechtigung innerhalb der katholischen Kirche jedoch nicht vollständig umgesetzt.
In der Schweiz gibt es immer wieder Bemühungen um die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Kirche. In den Kantonen Basel-Landschaft und Basel-Stadt gab es zum Beispiel im Jahre 2014 eine kirchliche Gleichstellungsinitiative, die forderte, dass der Zugang zum Priesteramt unabhängig von Zivilstand und Geschlecht möglich wird – also auch für Frauen und verheiratete Personen. Die Initiative wurde angenommen, und ich finde es einen schönen Weg, unsere demokratischen Strukturen in der Schweiz zu nutzen, um zu zeigen, was die Menschen bewegt. Die Kirche ist kein demokratisches System, aber sie kann auch nicht an den Zeichen der Zeit und an den Gläubigen vorbei entscheiden. Dass Frauen in der Kirche nicht die gleichen Rechte haben, empfinden viele als stossend, auch ich. Ich hoffe, dass Papst Leo XIV. für eine stärkere Beteiligung von Frauen offen ist. Bislang verweist er vor allem auf die Möglichkeiten, die das geltende Kirchenrecht bereits bietet. Can. 517 § 2 ermöglicht es, Diakone, nicht geweihte Personen oder Gemeinschaften an der Wahrnehmung der Seelsorgsaufgaben einer Pfarrei zu beteiligen. Die kirchenrechtliche Leitung bleibt dabei allerdings einem Priester übertragen. Die Leitung von Gemeinden durch Laien, darunter auch viele Frauen, wurde von Papst Franziskus im Nachgang der Amazonassynode gewürdigt. Gemeindeleiterinnen gibt es also nicht nur in der Schweiz.
Warum bleiben Frauen in einer Institution, die ihnen bis heute nicht alle Ämter öffnet?
Es gibt verschiedene Formen von Bleiben. Zum einen gibt es das Bleiben in der Kirche als spiritueller Heimat vor Ort, in der wichtige Stationen des Lebens stattgefunden haben, wo die Frauen ihre Freizeit verbringen, wo ihre spirituellen Bedürfnisse erfüllt werden, wo Menschen sind, die ihnen nahestehen. Und dann gibt es das Bleiben im professionellen Kontext, also von Theologinnen. Mit diesem Bleiben ist eine Sehnsucht verbunden, im System Kirche etwas zu bewirken, einen Platz zu finden. Es gibt einen Ansatz von Hannah Arendt, dass man ein System nur verändern kann, wenn man es kennt, also von innen. Die Frauen erzählen ausserdem, dass sie bleiben, weil sie Momente erleben, in denen sie sich von Gott und von der Gemeinschaft getragen fühlen, in einem Beruf, den sie als erfüllend und schön wahrnehmen. Sie beschreiben, dass sie in ihrer Aufgabe als Seelsorgerinnen einen Sinn finden, weil sie etwas Positives für die Menschen vor Ort bewirken können.
Der Titel der Veranstaltung lautet: «Frauen führen Kirche gleichberechtigt – wann endlich?» Ist das eine theologische oder eine strukturelle Frage?
Die Frage hat sich aus dem Bedürfnis der betroffenen Frauen heraus entwickelt, die sich in der Kirche engagieren. Wie kann es sein, dass Frauen immer noch nicht die gleichen Rechte haben und dass die meisten und wichtigsten Entscheidungen immer noch von Männern getroffen werden? Besonders engagierte Frauen beschäftigt dieses Thema. Sie brauchen Räume, in denen sie sich darüber austauschen können. Solche Räume haben in der feministischen theologischen Tradition einen wichtigen Stellenwert. Zur Veranstaltung kommt auch Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr. 2016 pilgerte sie mit mehreren hundert Gleichgesinnten im Rahmen von «Kirche mit* den Frauen» rund 1’200 Kilometer von St. Gallen nach Rom und setzte damit ein Zeichen für mehr Gleichberechtigung in der katholischen Kirche.
Auch auf weltkirchlicher Ebene stellt sich im aktuellen synodalen Prozess immer wieder die strukturelle Frage, wie Frauen an Entscheidungen beteiligt werden können. Dass inzwischen zumindest einige Frauen mitentscheiden können, zeigt ein beginnendes Umdenken. Darin sehe ich eine Hoffnungsperspektive. Ich würde jedoch sagen, dass Gleichberechtigung nicht nur ein kirchliches, sondern auch ein gesellschaftliches Thema ist. Sie betrifft neben der Kirche auch die Verteilung von Sorgearbeit, die Entlohnung und den Zugang zu Leitungspositionen in der Privatwirtschaft.

Ella Gremme war in der Pfarrei Baden-Ennetbaden in der Vakanzzeit nach dem Weggang von Josef Stübi ad interim als Gemeindeleiterin tätig. | © Elvira Rumo
Viele Menschen erleben die Kirche als wenig reformfähig. Haben Ihre Interviews diesen Eindruck bestätigt oder relativiert?
Ich denke, das Bistum Basel nahm eine Vorreiterrolle ein. Allerdings wurde es von der Weltkirche auch immer wieder gestoppt. Im Bistum Basel hoffte man nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil auf einen Aufbruch. Theologinnen und Laientheologen (also nicht geweihten Theologen) erhielten die Möglichkeit, die Kirche aktiv mitzuprägen. Während in Deutschland viele von ihnen als Lehrkräfte an Schulen arbeiteten, förderte das Bistum Basel besonders ihren Einsatz in der Gemeindeseelsorge. Das Bistum Basel versuchte und versucht noch immer, bestehende Spielräume zu nutzen und neue Möglichkeiten zu eröffnen.
Das Modell, dass Frauen Theologie studieren und daraus einen Beruf im System der Kirche entwickeln, ist weltkirchlich eher eine Ausnahme. Entwicklungen sehe ich momentan eher an anderer Stelle: Junge Menschen suchen wieder stärker nach Sinn und Gemeinschaft und wenden sich deshalb der Kirche zu. Deshalb werden sich wohl zunächst eher Gottesdienstformen, digitale Angebote und pastorale Konzepte verändern als die kirchlichen Strukturen selbst.
Was kann die Weltkirche von der Schweiz lernen?
Die Weltkirche kann von den Erfahrungen dieser Gemeindeleiterinnen lernen. Viele von ihnen setzten einen starken diakonischen Schwerpunkt: Es war ihnen wichtig, viele Menschen in die Liturgie miteinzubeziehen, und sie förderten das Gemeinschaftsgefühl in den Gemeinden. Gerade weil ihnen nicht alle liturgischen Aufgaben offenstanden, entwickelten sie eine besondere Stärke in der Diakonie und im Gemeindeaufbau. Dieser reiche Erfahrungsschatz und ihre Professionalität sind eine grosse Chance – auch über die Schweiz hinaus. Sie können dazu beitragen, das Gemeinschaftsgefühl und den Zusammenhalt zu stärken, besonders in Zeiten zunehmender Einsamkeit.
Wenn Zuhörerinnen und Leser nach der Veranstaltung oder dem Lesen ihrer Studie eine Erkenntnis mitnehmen sollten – welche sollte das sein?
Frauen können das Gesicht der Kirche verändern. Frauen, die vorne im Altarraum stehen, können inspirieren und ein Hoffnungszeichen für Menschen sein, die mit der Kirche ringen. Sie geben Hoffnung, dass sich etwas verändern kann. Ich glaube, dass wir alle zur Nachfolge Christi berufen sind, in verschiedenen Positionen und Geschlechtern. Ich besuche selbst gerne Gottesdienste, die von Frauen geleitet werden. Weil ihnen manche traditionellen liturgischen Formen nicht offenstehen, entwickeln sie dabei häufig eine besondere Kreativität. Mir geht es nicht darum, Frauen gegen Männer auszuspielen. Ich wünsche mir mehr von dieser Vielfalt von Gemeinschaftsleben und Gottesdienstformen, die verschiedene Seelsorgende und Verantwortliche einbringen. Vor allem möchte ich aber die persönlichen Erfahrungen dieser Frauen als Teil der jüngeren Kirchengeschichte festhalten.

Anlässlich der Patroziniumsfeier der Pfarrei St. Nikolaus in Brugg am 7. Dezember 2025 feierte die damalige Pfarreiseelsorgerin Maria A. Daetwyler (vorne am Mikrofon) mit der Gemeinde Gottesdienst. | © zVg
Veranstaltungstipp
«Frauen führen Kirche gleichberechtigt – wann endlich?» Ein Podiumsgespräch.
Donnerstag, 27. August, 19.30–21.30 Uhr, Dorfkirche St. Michael, 5607 Hägglingen
Zu Gast:
Nadja Waibel, Dr. theol., Ruhr-Universität Bochum
Claudia Mennen, Dr. theol., Leiterin Bildung und Kultur, Mattli Morschach
Irene Gassmann, Priorin Kloster Fahr
Lara Tedesco, Theologin, Leiterin Pastoralraum Untersiggenthal
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Die Dissertation von Nadja Waibel mit dem Titel «Vertrauen mit den Frauen» kann hier kostenlos heruntergeladen werden: