
Papst Leo XIV. kritisiert den Kapitalismus
Veröffentlichung des ersten offiziellen Lehrschreibens «Dilexi te. Über die Liebe zu den Armen»
Papst Leo XIV. hat sein erstes Lehrschreiben, die Exhortation «Dilexi te. Über die Liebe zu den Armen», veröffentlicht. Als Richtungsanzeiger für sein Pontifikat kann es als eine Weiterführung der Kapitalismuskritik seines Vorgängers Franziskus gesehen werden.
In seiner Apostolischen Exhortation Dilexi te macht Papst Leo XIV. deutlich, dass die Liebe zu den Armen ein Kernpunkt des christlichen Glaubens und damit der Glaubenspraxis ist. Er erinnert daran, dass Christus sich mit den Geringsten der Gesellschaft identifiziert hat und daher Christinnen und Christen auch heute noch das Leiden Jesu und ihn selbst in den Armen erkennen können. Die Armen sind nach Leo die Auserwählten des Evangeliums und gehören daher in die Mitte der Kirche. Den Schrei der Armen zu ignorieren, führt für ihn dazu, dass Christinnen und Christen sich sündig von Gott entfernen.
Liebe zu den Armen an Kirchengeschichte belegt
Papst Leo XIV. nimmt sich Zeit, diese These ausführlich anhand der zweitausendjährigen Kirchengeschichte zu belegen. «Die Sorge für die Armen ist Teil der grossen Tradition der Kirche, von den Anfängen des Evangeliums an», heisst es im Text. So beginnt er seine Ausführungen mit Aussagen aus der Bibel, erinnert anschliessend an die Schriften der Kirchenväter und verweist auf die Lehren der Päpste der letzten 150 Jahre und auf das zweite Vatikanische Konzil.
Konsequenzen für die Glaubenspraxis
Papst Leo führt aus, welche Konsequenzen diese Liebe zu den Armen für die konkrete Glaubenspraxis hat. Dabei wird deutlich, dass er sich hier auf die Linie seines Vorgängers Franziskus stellt – an vielen Stellen zitiert er ihn wörtlich.
Für Leo ergibt sich aus einer konsequenten Liebe zu den Armen eine Erneuerung von Kirche und Gesellschaft. Er formuliert klar, dass die strukturellen Ursachen der Armut bekämpft werden müssen. Dabei kritisiert er – unter anderem in den Worten von Papst Franziskus – die aktuellen Weltwirtschaftssysteme teils scharf: «Es ist daher notwendig, weiterhin die ‹Diktatur einer Wirtschaft, die tötet› anzuprangern […].» Er spricht vom Kampf «gegen die zerstörerischen Auswirkungen der Herrschaft des Geldes» und betont: «Obwohl es nicht an Theorien fehlt, die versuchen, den aktuellen Zustand zu rechtfertigen, oder erklären, dass die wirtschaftliche Vernunft von uns verlangt, darauf zu warten, dass die unsichtbaren Kräfte des Marktes alles lösen, ist die Würde eines jeden Menschen jetzt und nicht erst morgen zu respektieren.»
Es es ist beachtenswert, dass Papst Leo bei seiner Betrachtung nicht allein auf der kirchlichen Ebene bleibt, sondern sich auch zu politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen äussert. So begrüsst er die Entscheidung der Vereinten Nationen, die Beseitigung der Armut zu einem der Millenniumsziele zu erklären. Ausserdem betrachtet er das Engagement der Arbeiter‑, Frauen- und Antirassismusbewegungen, die sich für Menschen am Rande der Gesellschaft einsetzen, als eine Weiterschreibung der Geschichte der «Liebe zu den Armen». Leo fordert dieses Heraustreten auch von den Gläubigen. Sie sollen einen Mentalitätswandel vollziehen und davon abrücken, für den eigenen Erfolg und Wohlstand von ungerechten politisch-wirtschaftlichen Verhältnissen zu profitieren. Für ihn ist es die Aufgabe der Gläubigen, ihre Stimme zu erheben, um aufzurütteln, anzuprangern und die Strukturen der Ungerechtigkeit zu zerstören.
Neben seinem Vorgänger Franziskus zitiert Leo in der Exhortation auch mehrmals explizit den Lateinamerikanischen Bischofsrat und lobt dessen Schreiben als «für die gesamte Kirche wichtige Meilensteine». Im Geiste der Lateinamerikanischen Bischöfe verurteilt er die Strukturen der Ungerechtigkeit als «soziale Sünde» und stellt sich und die Kirche klar und aktiv an die Seite der Armen. Darin sieht er die einzige Möglichkeit, als Christinnen und Christen der Berufung voll und ganz treu zu sein.
Mit Armen oder über Arme sprechen?
Papst Leo betont mehrmals deutlich, dass den Armen eine aktive Rolle in der Erneuerung von Kirche und Gesellschaft zukommen muss. Die Bevormundung muss ein Ende haben, die Armen sollen nicht mehr als Objekte von Wohltätigkeit betrachtet werden.
Etwas irritierend wirkt daher ein Abschnitt, in welchem er schreibt, dass die Armen «uns» unterstützen, indem sie zu einer Wende im eigenen Leben verhelfen, da einem durch sie die eigene Verletzlichkeit und die Illusion von Sicherheit vor Augen geführt werden. So wie der Text an dieser Stelle formuliert ist, hat er etwas Instrumentalisierendes an sich. Die Armen erscheinen darin weniger als eigenständige Personen, sondern eher als Werkzeug, an dem «wir» lernen und wachsen sollen. Ihr Leid würde dann nicht mehr um seiner selbst willen ernst genommen, sondern primär als eine Art pädagogische Gelegenheit für andere gedeutet.
Beim Lesen des Textes kommt die Frage auf, an wen er sich primär richtet. Es kann der Eindruck entstehen, dass er vor allem westliche Christinnen und Christen adressiert, da viele der Ansprachen und Beispiele so gestaltet sind, dass sie vor allem auf den globalen Norden und wohlhabendere Gläubige zutreffen.
Leo XIV. setzt den Kurs von Franziskus fort
Insgesamt macht Papst Leo XIV. mit diesem ersten Text seines Pontifikats klar, welche Richtung er einschlägt. Der Text ist eine Fortführung der Kapitalismuskritik seines Vorgängers Franziskus. Es wird ausserdem deutlich, dass er sich in der Tradition der Kirche Lateinamerikas sieht, da er die von den dortigen Bischöfen formulierte «Option für die Armen» übernimmt.