Mehr Bewegung wagen
Bischof Felix Gmür feiert am 7. Juni seinen 60. Geburtstag.
© René Fuchs

Mehr Bewegung wagen

Bischof Felix Gmür wird sechzig

Zum runden Geburtstag spricht Bischof Felix Gmür über die Gefahr des Stillstands, die Rolle von Frauen in der Kirche und warum eine Kirche, in der unterschiedliche Stimmen Platz haben, zwar herausfordert, aber bereichert.

Welches war das beste Geschenk, das Sie jemals zu Ihrem Geburtstag bekommen haben?

Bischof Felix Gmür: Ich kann mich nicht an ein Geburt­stags­geschenk erin­nern, was her­aus­ra­gend gewe­sen wäre gegenüber allen anderen. Am lieb­sten habe und hat­te ich schon immer Geschenke, die man brauchen kann, wie etwa Hand­schuhe. Das waren und sind aber auch Büch­er zum Lesen oder als Kind zum Anschauen, wenn es viele Bilder hat­te. Ausser­dem durfte ich mir als Kind an meinem Geburt­stag immer etwas zum Essen wün­schen, das fand ich toll.

Apropos Essen: Wird es zu diesem runden Geburtstag Kuchen geben?

Ich weiss es ehrlich gesagt nicht, weil ich an meinem Geburt­stag gar nicht hier sein werde, son­dern in Ital­ien. Aber ich bin sich­er, dass es da gutes Essen geben wird.

Macht Ihnen das Älterwerden Angst oder Mühe?

Es macht mir keine Angst, ich merke ein­fach, dass ich jet­zt zu ein­er anderen Gen­er­a­tion gehöre. Dadurch bekommt man einen anderen Blick auf Geschehnisse, weil man eben schon manch­es gese­hen hat, was jün­gere Men­schen nicht gese­hen haben, nicht erlebt haben. Und anson­sten wird manch­es langsamer. Man fährt zum Beispiel langsamer Velo. Man schläft vielle­icht mehr und isst weniger.


«Die Auf­gabe eines Bischofs sehe ich darin, alle unter dem weit­en Dach der Kirche vere­int zu wis­sen, dabei eine
klare Hal­tung zu haben und den­noch offen für den Dia­log zu bleiben.»


Was war rückblickend das Wichtigste in Ihrer Zeit als Bischof des Bistums Basel? Warum?

Das war und ist die Erfahrung der Vielfalt. Damit meine ich die Vielfalt der Men­schen, ihrer unter­schiedlichen Charak­tere, der unter­schiedlichen Arten und Weisen, den Glauben zu leben, die unter­schiedlichen Arten auf die Kirche und ihren Auf­trag zu blick­en, die unter­schiedlichen For­men, wie Kirche sich organ­isiert, im Bis­tum, in der Schweiz und auf der ganzen Welt.
Was immer schön ist, sind die Mit­ter­nachts­feiern in der Kathe­drale hier in Solothurn. Als Bischof darf ich die mit den Gläu­bi­gen feiern. Das ist wirk­lich eine sehr schöne Erfahrung, weil ich mit­bekomme, wie die Men­schen berührt wer­den.
Auch die Feiern der Fir­mung gefall­en mir. Es ist schön, zu sehen, dass die jun­gen Men­schen engagiert sind und hof­fentlich etwas mit­nehmen für ihr Leben.

Welche Erwartungen hatten Sie an Ihr Amt? Haben sie sich erfüllt?

Ich hat­te nicht direkt Erwartun­gen, son­dern eher Vorstel­lun­gen. Die unter­schieden sich deut­lich von dem, wie es am Ende wirk­lich ist – und dies, obwohl ich durch mein Amt als Sekretär der Bischof­skon­ferenz, das ich zuvor innehat­te, viele Bis­chöfe kan­nte.
Was ich wusste und was mir bis heute ein Anliegen ist: Ich möchte so Bischof sein, dass ich gle­ichzeit­ig den Glauben leben und trotz­dem den kri­tis­chen Ver­stand ein­brin­gen kann.
Als Bischof bin ich der Vorge­set­zte von Seel­sorg­erin­nen und Seel­sorg­ern. Meine spezielle Ver­ant­wor­tung liegt darin, das Glaubensleben zu fördern, aber wie sehr bringe ich mich selb­st ein? Ich finde, der Bischof soll fördern, aber ohne explizite Vor­gaben, son­dern in dem er die Rah­menbe­din­gun­gen so offen­hält, dass sich etwas entwick­eln kann. Und trotz­dem bewe­gen wir uns in einem Rah­men, näm­lich in dem der römisch-katholis­chen Kirche. Hier den Rah­men angemessen zu gestal­ten, das fordert dem Glauben und dem kri­tis­chen Ver­stand etwas ab.
Ausser­dem habe ich mich gefragt, inwieweit sich der Bischof ständig mit­teilt oder nicht. Ich habe dann gemerkt, dass es noch wichtiger ist, dass der Bischof zuhört. Das hat mir der syn­odale Prozess hier im Bis­tum, in der Schweiz und weltweit bestätigt. Zuhören bedeutet wahrnehmen, was die Moti­va­tion der Men­schen ist, auf eine gewisse Weise zu denken und zu han­deln.
Ich wusste auch, dass der Bischof hin­ste­hen und Ver­ant­wor­tung übernehmen muss, selb­st wenn es unbe­quem ist.
Ausser­dem ist der Bischof da, um Brück­en zu bauen. Das heisst für mich, unter­schiedliche Forderun­gen, Wün­sche und Äng­ste ernst zu nehmen, den gemein­samen Glaubenskern und die christliche Moti­va­tion dahin­ter zu erken­nen und zwis­chen Men­schen, Grup­pen und Inter­essen verbindend zu wirken.

Was haben Sie durch die Begegnungen mit den Menschen in den Pfarreien gelernt?

Es gibt sehr viele engagierte Men­schen in diesem Bis­tum, die sich viele Gedanken darüber machen, wie sie Kirche gestal­ten möcht­en und kön­nen. Ich habe gel­ernt, dass ich als Bischof da nichts verord­nen oder vorschreiben muss, son­dern dass die Leute selb­st wis­sen, was es braucht. Und in der Regel kommt das gut.
Manch­mal macht ein gross­es Engage­ment aber blind für andere Per­spek­tiv­en. Und da sehe ich es als Auf­gabe der Bis­tum­sleitung, nicht nur vom Bischof allein, denen, die nur noch aus einem Blick­winkel schauen, den Blick zu weit­en, den Fäch­er aufzu­tun, eine neue Per­spek­tive zu geben, ohne ein­fache Antworten zu liefern.
Mir ist beson­ders bewusst, dass wir eine Insti­tu­tion sind, die sich entwick­elt, so wie sich auch der per­sön­liche Glauben entwick­elt, und die lernt, wie jede und jed­er von uns lernt.

Wie gehen Sie mit Krisensituationen um?

Krisen gehen immer vor, da muss Anderes warten. Schlimm sind die Krisen rund um die Miss­brauchs­fälle, weil es hier um Men­schen geht, deren Würde und Integrität ver­let­zt wur­den. Hier gibt es Betrof­fene, Opfer.
In anderen Krisen­fällen kann es vorkom­men, dass die Lage nicht so ein­deutig ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Es geht dann darum, die richti­gen Worte zu find­en und die richti­gen Dinge zu tun und dabei zu ver­suchen, die Gerechtigkeit im weit­eren Sinne im Blick zu behal­ten und nicht alle Beteiligten in einen Topf zu wer­fen. Das ist oft schwierig, und ich weiss auch nicht, ob wir als Bis­tum­sleitung wirk­lich immer alles richtig gemacht haben oder machen.
Was mir sehr nahe geht, sind Kon­flik­te zwis­chen Men­schen in den Pfar­reien und Pas­toral­räu­men. Lei­der sind diese Kon­flik­te manch­mal mit Bösar­tigkeit­en ver­bun­den. Vielle­icht hin­dert uns der Anspruch, per­fekt sein zu wollen oder zu müssen daran, einen nor­malen men­schlichen Umgang miteinan­der zu haben. Men­schen fühlen sich ver­let­zt, weil zum Beispiel, das, was für sie das Heilig­ste ist – etwa ein Sakra­ment oder das, was sie im Glauben trägt –, nicht ernst genom­men wird. Andere fühlen sich in ihrer Per­sön­lichkeit nicht ernst- und wahrgenom­men, etwa weil sie Frauen sind oder junge Men­schen. In diesen Diskus­sio­nen geht es um Grundbedürfnisse und ‑überzeu­gun­gen. Ich finde es wichtig, diese nicht ein­fach wegzuwis­chen, son­dern ernst zu nehmen und zugle­ich zu ver­suchen, eine sach­liche Ebene zu find­en. Das ist nicht immer ein­fach, weil die Erwartun­gen an Gegen­wart und Zukun­ft der Kirche oft sehr unter­schiedlich sind.
Eine zen­trale Her­aus­forderung beste­ht darin, diese Span­nun­gen auszuhal­ten, ohne vorschnell Partei zu ergreifen. Denn die Auf­gabe eines Bischofs sehe ich darin, alle unter dem weit­en Dach der Kirche vere­int zu wis­sen, dabei eine klare Hal­tung zu haben und den­noch offen für den Dia­log zu bleiben.

Ist das eine machbare Aufgabe oder geht das gar nicht?

Was nicht geht, ist zu meinen, man tut ein­mal etwas und dann ist es erledigt. Es ist ein Prozess und der begin­nt immer wieder von Neuem.


«Es ist eine grössere Gefahr für die Kirche, ste­hen zu bleiben, als zu schnell vor­wärt­szuge­hen.»


Sie haben sich immer wieder für eine synodale Kirche starkgemacht – für Zuhören, Mitverantwortung und Dialog. Wo sehen Sie hier Fortschritte, und wo bleibt noch etwas zu tun?

Ich habe von Anfang an Wert darauf gelegt, mit den Seel­sorg­erin­nen und Seel­sorg­ern in regelmäs­sigem Kon­takt zu sein. Es gab damals noch andere Gefässe zum Beispiel Begeg­nun­gen mit nicht­gewei­ht­en The­ologin­nen und The­olo­gen, Begeg­nun­gen mit Priestern und Begeg­nun­gen in den Pfar­reien. Jet­zt gibt es «Im Dia­log mit dem Bischof», ausser­dem Leitungskon­feren­zen und ver­schiedene Räte, bei denen ich mit dabei bin. Das ist für mich eine wichtige Art, Syn­odal­ität zu leben. Neu in den Fokus gerückt ist der Dia­log mit den Gläu­bi­gen.
Ins­ge­samt haben wir bei all den Begeg­nun­gen gemerkt, dass es ganz ver­schiedene Geschwindigkeit­en gibt, wie Entwick­lun­gen in der Kirche ange­gan­gen wer­den. Den einen geht es zu schnell, den anderen zu langsam. Immer wieder stelle ich fest, dass bei­de Seit­en etwas für sich haben. Ich per­sön­lich mache mich den­noch eher für Verän­derun­gen stark, denn ich finde, es ist eine grössere Gefahr für die Kirche, ste­hen zu bleiben, als zu schnell vor­wärt­szuge­hen.
Ich finde es wichtig, dass die Teams in unseren Kirchen gemis­cht sind. Frauen und Män­ner, Priester und nicht Gewei­hte, Jün­gere und Ältere. Diese vielfältige Mis­chung an Men­schen bildet die Wirk­lichkeit der Gläu­bi­gen ab, bringt neue und mitunter unge­wohnte Per­spek­tiv­en ein und macht Kirche tragfähig, auch wenn es anspruchsvoller ist, als wenn alle gle­ich­er Mei­n­ung sind.
Das The­ma «Frauen» war für mich dabei von Anfang an ein gross­es Anliegen und ist es noch heute. Frauen mit einzubeziehen, finde ich extrem wichtig. Ich sehe nicht ein, warum man nicht zumin­d­est mit der Diakonin­nen­wei­he schnell vor­wärts macht. Das ist für mich eine Selb­stver­ständlichkeit, zumin­d­est für unsere Bre­it­en­grade. Hier komme ich wieder zurück zur Langsamkeit. Wenn man Angst vor zu grossen Dif­feren­zen hat, tut man am Ende meis­tens gar nichts. Manch­mal kann Abwarten dur­chaus sin­nvoll sein. Aber in diesem Fall warten wir schon so lange, dass es jet­zt nicht mehr ange­bracht ist.
Wo ich eben­falls noch Poten­zial sehe, ist beim Aus­tausch in den Pas­toral­räu­men gemein­sam mit den Kirchge­mein­den. Momen­tan haben wir eher Struk­turen, die dies erschw­eren.

Was wäre hier eine Perspektive?

Grössere und klarere Ein­heit­en schaf­fen: Kirchge­mein­den und Pfar­reien, die sich deck­en. Gle­ichzeit­ig ist mir wichtig, dass kirch­liche Präsenz vor Ort erhal­ten bleibt – in städtis­chen Quartieren eben­so wie in ländlichen Dör­fern. Diese Orte dür­fen nicht ein­fach aufgegeben wer­den. Allerd­ings muss dort nicht mehr alles so stat­tfind­en wie früher. Kirch­liche Präsenz heisst nicht, dass jedes Ange­bot über­all in gle­ich­er Form vorhan­den sein muss. Ich habe den Ein­druck – und nehme mich selb­st da nicht aus –, dass wir manch­mal noch eine Art «Dorf­p­far­rermen­tal­ität» haben. Viele Gläu­bige denken zurück an alte Zeit­en und in ihrem Kopf ergibt sich ein Bild ein­er heilen Welt. Diese heile Welt gab es aber so nie.
Meine Per­spek­tive sind gemis­chte Teams, die für grössere Räume ver­ant­wortlich sind. Die Team­leitung kann zum Beispiel aus einem Pas­toral­raump­far­rer und ein­er Pas­toral­raum­lei­t­erin beste­hen. Das hat sich mein­er Wahrnehmung nach meis­tens bewährt.


«Syn­odal­ität heisst konkret immer auch Unter­schiedlichkeit. Sie ist eine Art, Geschwis­ter­lichkeit zu leben. Das macht das Ganze nicht ein­fach­er, son­dern kom­plex­er, aber dafür span­nen­der.»


Was gibt Ihnen Hoffnung?

Meine Hoff­nung richtet sich auf Gott, und die Kirche hat den Auf­trag, Gott präsent zu hal­ten. Die grosse Hoff­nungs­geschichte ist die von Ostern. In der Apos­telgeschichte lesen wir, wie es den ersten Christin­nen und Chris­ten nach dem Frust des Kar­fre­itags geht. Sie ver­ste­hen nicht, was geschehen ist, sind verängstigt und ver­steck­en sich. Doch dann heisst es: Sie kom­men zusam­men und sie essen miteinan­der, das heisst, sie teilen Leben miteinan­der. Deswe­gen müssen auch wir als syn­odale Kirche zusam­menkom­men. Ausser­dem beten sie gemein­sam und hiel­ten fest an der Lehre der Apos­tel. Das heisst, sie drehen sich nicht um sich selb­st, und das sollte auch die Kirche nicht tun, son­dern sie hat­ten die Botschaft im Blick. Die Botschaft, dass Mit­men­schlichkeit auch durch schlimme Krisen trägt und hil­ft, selb­st Not und Tod zu über­winden. Das gibt Hoff­nung.

Zwischen Reformwünschen und Weltkirche entsteht Spannung. Wie gehen Sie damit um?

Wir gehen unseren Weg, aber den gehen andere Län­der eben­so. Ich war an den bei­den grossen syn­odalen Ver­samm­lun­gen in Rom dabei. Ein Bischof der Elfen­beinküste hat mir erzählt, es gibt dort die Ein­rich­tung des soge­nan­nten Palavers. Das ist eine Ver­samm­lung, in der alle Beteiligten offen ihre Mei­n­ung äussern, um Kon­flik­te oder wichtige Angele­gen­heit­en gemein­schaftlich zu klären, wobei nicht die Mehrheit, son­dern ein von allen getra­gen­er Kon­sens das Ziel ist – selb­st wenn dieser Prozess viel Zeit in Anspruch nimmt. Ja, wir sind speziell, aber an anderen Orten sehen sie die Dinge eben­falls auf ihre Weise.
Ich sehe, auch auf­grund mein­er Erfahrun­gen in weltkirch­lichen Gremien, dass in Län­dern, in denen heute Krieg herrscht, andere Fra­gen im Vorder­grund ste­hen als bei uns. Dort geht es zunächst um das schiere Über­leben. In solchen Kon­tex­ten hat zum Beispiel die Frage nach der Rolle der Frau nicht ober­ste Pri­or­ität.
Bei uns hinge­gen ist diese Frage in Gesellschaft und Kirche sehr präsent und wichtig. Deshalb meine ich, dass man im Sinn der von Franziskus ange­sproch­enen «heil­samen Dezen­tral­isierung» hier Türen öff­nen sollte. Beim ständi­gen Diakonat hat man den einzel­nen Bischof­skon­feren­zen die Möglichkeit gegeben, dieses Amt einzuführen oder darauf zu verzicht­en. Manche Län­der haben davon Gebrauch gemacht, andere nicht. Ein ähn­lich­er Weg wäre auch für das Diakonat der Frau denkbar. Ich sehe nicht ein, warum das grund­sät­zlich nicht möglich sein sollte.
Syn­odal­ität heisst konkret immer auch Unter­schiedlichkeit. Syn­odal­ität ist eine Art, Geschwis­ter­lichkeit zu leben. Das macht das Ganze nicht ein­fach­er, son­dern kom­plex­er, aber dafür span­nen­der. Wir müssen für uns selb­st die besten Wege find­en. Und selb­st hier in der Schweiz sind wir uns da nicht immer einig. Wer soll in kirchen­rechtlichen Abläufen Entschei­dungskom­pe­tenz haben und wer nicht? Wir sagen hier bewusst: Auch eine Gemein­delei­t­erin oder eine Pas­toral­raum­lei­t­erin trägt Ver­ant­wor­tung und ver­fügt über Entschei­dungskom­pe­tenz. Dass dies manch­mal nicht akzep­tiert wird, finde ich sehr schade und stimmt mich trau­rig. Diese Ablehnung kommt auch von den – in Anführungsze­ichen – «nor­malen» Gläu­bi­gen.
Genau daran wird deut­lich: Syn­odal­ität bet­rifft jede und jeden einzel­nen Getauften.
Natür­lich dür­fen Gläu­bige aber auch Erwartun­gen an die Kirche haben. Hier merke ich klar: Wir befind­en uns in einem Par­a­dig­men­wech­sel.
Über viele Jahrhun­derte hin­weg tat­en die Gläu­bi­gen im Wesentlichen das, was ihnen gesagt wurde. Das war das Ergeb­nis eines lan­gen his­torischen Prozess­es. Heute sagen wir: Die Gläu­bi­gen sind selb­st aktive Sub­jek­te kirch­lichen Lebens. Streng genom­men waren sie das schon immer. Aber zwis­chen dieser Ein­sicht und ihrer konkreten Umset­zung liegt ein weit­er Weg, der Zeit braucht.
Sub­jekt zu sein und sich zugle­ich in die Ord­nung der Kirche einzufü­gen, ist nicht ein­fach. Das ist eine Her­aus­forderung für Seel­sorg­erin­nen und Seel­sorg­er, für Bis­chöfe und genau­so für jede und jeden einzel­nen Getauften. Hier ändert sich etwas. Es geht langsamer, als ich das manch­mal möchte. Aber dafür ist es dann vielle­icht nach­haltiger. Hof­fentlich.

Was wissen nur wenige über Ihren Alltag als Bischof?

Ich ste­he immer sehr früh auf, zwis­chen fünf und halb sechs. Da habe ich eine ruhige Zeit. Ausser­dem bin ich sel­ten hier im bis­chöflichen Ordi­nar­i­at son­dern fast jeden Tag an einem anderen Ort. Oft bin ich an Kon­feren­zen, Tre­f­fen oder Meet­ings.

Was wünschen Sie sich von jungen Menschen, und was kann die Kirche Ihrer Meinung nach von den Jungen lernen?

Zuerst ein­mal wün­sche ich den jun­gen Men­schen etwas, näm­lich ein gutes Leben. Ich wün­sche ihnen Gottes Segen und Glück und dass sie gute Entschei­dun­gen tre­f­fen.
Die Kirche kann von ihnen ler­nen, frisch und fokussiert zu sein. Sie stellen die richti­gen Fra­gen, so wie zum Beispiel die Firm­linge: Was ist der Sinn des Lebens? Was bedeutet Liebe? Was kann ich von Gott erwarten? Was will Gott von mir? Was habe ich davon, wenn ich mich fir­men lasse? Das finde ich toll, denn sie befind­en sich ausser­halb der einge­fahre­nen Struk­turen und geben uns so neuen Input.

Wir haben mitbekommen, dass Sie gerne jassen. Machen Sie das auch als Bischof noch regelmässig?

Ja, aber ich jasse nicht als Bischof, son­dern als Spiel­er. Wann immer es möglich ist, mache ich das, in ver­schiede­nen Kon­stel­la­tio­nen. Jassen ist etwas, das mir sehr grosse Freude bere­it­et. Das Tolle dabei ist: Es geht ohne grossen Aufwand. Klar, man braucht Zeit, aber anson­sten nur Jasskarten und etwas zum Auf­schreiben. Manch­mal gewinne ich und manch­mal ver­liere ich. Aber es ist immer sehr lustig.

Sind Sie ein guter Verlierer?

Das müssen Sie die Leute fra­gen, mit denen ich spiele. Aber ich möchte natür­lich gewin­nen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wün­sche mir, dass die Gläu­bi­gen nicht ver­härten. Ich stelle da und dort Ver­här­tun­gen fest und eben auch Bösar­tigkeit­en, und das finde ich wirk­lich schlimm. Friede fängt bei mir selb­st an. Jede und jed­er sollte zu sich sagen: Schluss mit den Wider­wär­tigkeit­en in meinem Herzen! Ich wün­sche mir Frieden, darauf hoffe ich und dafür bete ich.
Ger­ade wenn wir auf die Welt schauen, wird deut­lich, wie sehr wir Frieden brauchen. Iran, Libanon, Gaza, Syrien, die Ukraine. Aber auch Sudan, Venezuela, Nicaragua, Thai­land, Kam­bod­scha, Indi­en und Pak­istan. Bis­chöfe aus diesen Regio­nen kom­men zu Besuch, und was sie bericht­en, geht mir sehr nahe. Es ist für mich immer wieder erschüt­ternd zu hören, dass Men­schen dort ums nack­te Über­leben kämpfen. Ich wün­sche mir Frieden und Sol­i­dar­ität. Die Men­schen in der Schweiz sind sol­i­darisch, das erlebe ich sehr deut­lich. Sie sind grosszügig und spend­abel. Und ich finde, das dür­fen wir nicht ver­lieren. Sol­i­dar­ität ist eine christliche Tugend, eine grundle­gende Weise, den Glauben zu leben. Das wir das nicht ver­lieren, das wün­sche ich mir.

Leonie Wollensack
mehr zum Autor
nach
soben