Kraft durch Berührung
Anemone Eglin weiss, dass Heilung nicht heisst, dass alles wie früher wird. Heilung kann auch bedeuten, dass jemand wieder Vertrauen fasst in sich und das Leben.
© Véronique Högger

Kraft durch Berührung

Die reformierte Pfarrerin Anemone Eglin befasst sich seit bald 40 Jahren intensiv mit Spiritualität, Kontemplation und Psychologie. Für sie ist die Praxis des Handauflegens weder Wundermethode noch Esoterik, sondern eine Form aufmerksamer Präsenz.

Die Frau im Spi­tal­bett ist unruhig. Anemone Eglin legt ihr die Hände aufs Knie. Nach ein­er Weile wird die Frau still und fragt: «Was ist das für eine Kraft? Es ist nicht Ihre.» Eglin fragt zurück: «Was meinen Sie?» «Die Kraft Gottes», sagt die Frau. «Das glaube ich auch», antwortet die Pfar­rerin. Solche Momente berühren Anemone Eglin. Die The­olo­gin prak­tiziert das Han­dau­fle­gen als spir­ituelles Heil­ritu­al.

Dabei ver­ste­ht sie sich nicht als Hei­lerin. Han­dau­fle­gen sei für sie Kon­tem­pla­tion und Segen. Sie öffne sich für eine göt­tliche Heil- und Leben­skraft und ver­traue darauf, dass «das, was kommt», zum Guten wirke. Diese Kraft erlebte Eglin auch auf Demen­zs­ta­tio­nen. Als Pfar­rerin hat­te sie dort oft am Bett von Men­schen gesessen und nicht gewusst, wie sie mit ihnen in Kon­takt kom­men kon­nte. Über Berührung ent­stand ein wort­los­es Gespräch auf Augen­höhe. Eine Frau spielte mit ihren Fin­gern oder hielt ihre Hand fest. Eine andere, die kaum noch sprechen kon­nte, sagte unver­mit­telt: «Du bisch ganz e Liebi.»

Für Anemone Eglin ist das Wesentliche beim Han­dau­fle­gen eine absicht­slose Hal­tung: Da sein, ohne etwas erre­ichen zu wollen. Um so zu berühren, brauche es Wohlwollen, Demut, den Mut zur Hingabe und die Fähigkeit, von eige­nen Vorstel­lun­gen abzuse­hen. Zuvor sam­melt sie sich mit einem Heil­ge­bet. Danach richtet sie die Aufmerk­samkeit auf ihren Atem, legt ihre Hände an ver­schiede­nen Stellen des Kör­pers ihres Gegenübers auf und spricht abschliessend einen Segen.

Han­dau­fle­gen ist für Eglin keine Alter­na­tive zur Medi­zin. Und sie unter­schei­det zwis­chen gesund und heil wer­den. «Heilung bedeutet nicht, dass alles wieder wie früher wird. Heilung kann geschehen, ohne dass eine Krankheit ver­schwindet. Jemand fasst wieder Ver­trauen, in den Kör­p­er, ins Umfeld, ins Leben oder Göt­tliche oder find­et ver­schüt­tete Ressourcen wieder.» So könne aus ein­er Krise eine Kraft erwach­sen, die helfe, mit ein­er Krankheit oder Sit­u­a­tion umzuge­hen. Ein­drück­lich hat Anemone Eglin dies bei ein­er alten Frau erlebt, die in ein­er ver­strick­ten Sit­u­a­tion war und mit Ster­be­hil­fe ihr Leben been­den wollte.

Beim Han­dau­fle­gen tauchte ein Bild vor ihr auf, in dem sie sich in einem stink­enden Gül­le­loch befand. Dann wurde das Wass­er klar. Ein Jahr lang kam die Frau immer wieder. Danach schrieb sie Eglin, sie habe erfahren, dass Liebe eine Kraft sei. Das helfe ihr nun zum Weit­er­leben. Für die The­olo­gin liegt darin keine Erfol­gs­geschichte, son­dern eine Heilungser­fahrung, bei der jemand Zugang zu ein­er Kraft find­et, die hil­ft, das eigene Leben zu beste­hen. Auf der Pal­lia­tivs­ta­tion des Spi­tals Zol­liker­berg bedeutet Han­dau­fle­gen für Eglin vor allem Präsenz und Lin­derung, mit ein­er behut­samen Hand auf der Schul­ter oder unter der Hand ein­er kaum noch ansprech­baren Per­son. Danach bleibe der Fokus auf dem wohltuen­den Zus­tand.

Im Neuen Tes­ta­ment ist über­liefert, dass Jesus, seine Jünger/innen und andere Men­schen durch Han­dau­fle­gen heil­ten. Diese Prax­is find­et sich auch in anderen Reli­gio­nen. Für Anemone Eglin ist sie etwas Ur-Men­schlich­es. Eltern leg­en ihrem kranken oder ver­let­zten Kind die Hand auf und sin­gen ein Trostlied, eine Geste, die sagt: «Ich bin da. Du bist nicht allein mit deinem Schmerz.» Für Eglin gehört das Han­dau­fle­gen zu den Auf­gaben der Kirche. Das Evan­geli­um sei eine Heils­botschaft, und Rit­uale seien Hand­lun­gen im seg­nen­den Sinn von «Es möge dir gut gehen». «Unser Grun­dauf­trag ist, für die Men­schen heilend da zu sein», sagt die Pfar­rerin. Manch­mal kann Heilung mit den Hän­den eines Men­schen begin­nen, der ein­fach da ist.

Anouk Hiedl
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