Kampf für unser Fundament
Irene Leu (links) und Lisa Binder schreiben ihre freiwillig geleisteten Arbeitsstunden für die GrossmütterRevolution auf. In der Buchhaltung werden diese Arbeit sowie ihr Wert ausgewiesen und sichtbar gemacht.
© Roger Wehrli

Kampf für unser Fundament

Die GrossmütterRevolution engagiert sich für den Internationalen CareTag am 29. Oktober. Der Tag will bewusst machen, wie vielfältig und wertvoll Care-Arbeit ist

Das englische «Care» bedeutet Sorgfalt, Fürsorge, Schutz, Pflege, Betreuung, Wartung und Versorgung – kurz: sich kümmern. Care-Arbeit ist das Fundament unserer Gesellschaft.


Lisa Binder und Irene Leu sitzen an einem Dien­stag­mor­gen im Baden­er Café Him­mel. Die bei­den Frauen unter­hal­ten sich angeregt, trinken friedlich ihren Kaf­fee und wirken nicht, als wür­den sie einen gesellschaftlichen Umsturz vor­bere­it­en. Und doch sind Lisa Binder und Irene Leu Teil ein­er Rev­o­lu­tion.

Netzwerk und Denkfabrik

Die Gross­müt­ter­Rev­o­lu­tion wurde im Jahr 2010 durch das Migros-Kul­tur­prozent ins Leben gerufen. Zwölf Jahre später entliess die Migros das Pro­jekt in die Frei­heit, seit 2022 ist die Gross­müt­ter­Rev­o­lu­tion ein eigen­ständi­ger Vere­in. Aus der gle­ichen Kul­tur­prozent-Ini­tia­tive sind auch die Kli­ma-Senior­in­nen her­vorge­gan­gen.

Inter­na­tionaler Care­Tag am 29. Okto­ber -
das läuft in Ihrer Nähe!

Wet­tin­gen, 18.30 Uhr, Kino Ori­ent, Land­strasse 2: Kinofilm «Heldin» von Petra Volpe. Apéro 18.30 Uhr, Film­be­ginn 19 Uhr.
Basel, 13 bis 16 Uhr, Mit­tlere Brücke bei der Hel­ve­tia: Strasse­nak­tion mit Care-Quiz-Chal­lenge für Män­ner. Auf vergnügliche Art kön­nen Män­ner ihre Care-Qual­itäten testen und einen Preis gewin­nen.
Basel, 17.30 Uhr, Kino Küch­lin: Film «Ein Tag ohne Frauen». Türöff­nung 17.30 Uhr, Film­beginn 18.30 Uhr, Podi­um 19.45 Uhr.
Lenzburg, 19.30 Uhr, Haus im Garten, Schützen­mattstrasse 1: The­ater zum The­ma «Wen kümmert’s, wer sich küm­mert?» Das Play­back-The­ater «gehdicht» lädt ein, per­sön­liche Geschicht­en zu Pflege und Sorgear­beit zu teilen. Erzäh­lun­gen aus dem Pub­likum wer­den spon­tan von Schauspielern/innen und mit Musik live auf die Bühne gebracht.
Online, 17 Uhr: Lesung «Pflege braucht Zukun­ft» mit den Pflege-Exper­tin­nen und Sach­buchau­torin­nen Elis­a­beth Potz­mann und Ruth Kum­mer.

www.grossmuetter.ch / www.internationaler-care-tag.ch


Die Gross­müt­ter­Rev­o­lu­tion ver­ste­ht sich als soziale Bewe­gung, als Net­zw­erk und als Denk­fab­rik für Frauen der heuti­gen Gross­müt­ter-Gen­er­a­tion. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine Frau biol­o­gisch Gross­mut­ter ist oder nicht, und ein Min­destal­ter gibt es auch nicht: «Wir sind altersmäs­sig gegen unten und oben offen», sagt Lisa Binder. Die Bad Zurzacherin ist durch einen Newslet­ter auf die Gross­müt­ter­Rev­o­lu­tion aufmerk­sam gewor­den. «Klingt gut», fand sie und meldete sich, um den Vere­in mit ehre­namtlich­er Arbeit zu unter­stützen. Inzwis­chen arbeit­et sie seit vier Jahren im Vor­stand mit, ist ver­ant­wortlich für die Finanzen und erledigt inter­im­sweise auch die Mit­gliederver­wal­tung.

Unbezahlte und unterbezahlte Arbeit

Irene Leu, Vor­standsmit­glied bei der Gross­müt­ter­Rev­o­lu­tion

Vor «Nack­te Tat­sachen» wurde Irene Leu von ihrer Tochter gestellt. Diese schenk­te ihrer Mut­ter zu Wei­h­nacht­en den gle­ich­nami­gen Kalen­der der Gross­müt­ter­Rev­o­lu­tion, der ältere Frauen nackt zeigt. Die Anliegen der Gross­müt­ter­Rev­o­lu­tion leuchteten Irene Leu auf Anhieb ein. Die Baslerin sagt: «Ich komme aus der Pflege und es nervt mich seit 50 Jahren, dass unter Care-Arbeit nur Kör­perpflege und Katheter­legen ver­standen wird.» Sie erk­lärt: «Care-Arbeit ist Sorgear­beit, nicht nur Pflegear­beit. Auch die Sorge für die Natur gehört zum grossen Fäch­er an Care-Arbeit.» So zum Beispiel auch die vie­len Betreu­ungsauf­gaben, die Gross­müt­ter (und Grossväter) übernehmen: «Sie sind die grösste und bil­lig­ste Kita in unserem Land», weiss Lisa Binder. Weit­er gehört zu Care-Arbeit alle unbezahlte Haus- und Fam­i­lien­ar­beit, Betreu­ung von betagten Eltern und Ange­höri­gen, Kinder­erziehung sowie die gesamte für unser Zusam­men­leben wichtige Frei­willi­ge­nar­beit wie Nach­barschaft­shil­fe, Engage­ments in Schule, Kirche, Vere­inen, Gemein­de­poli­tik, Feuer­wehr, Naturschutz und die unter­bezahlte Arbeit von legalen und ille­galen Putzkräften, Kita-Betreuerin­nen, Pflege­fachkräften oder Mül­lab­fuhr-Angestell­ten.


… und die Grossväter?
Eine «Grossväter­rev­o­lu­tion» existiert noch nicht. Jedoch sind bei Pro­jek­ten von Pro Senec­tute und benevol Schweiz die Lebenser­fahrung und das Know-how von älteren Män­nern sehr gefragt. Die Net­zw­erke männer.ch und vaeternetzwerk.ch set­zen sich mit Care-Arbeit von Män­nern und der Vere­in­barkeit von Fam­i­lie und Beruf auseinan­der. seniorweb.ch ist eine inter­ak­tive Plat­tform von und für Senior­in­nen und Senioren.

Das Bewusstsein schärfen

Lisa Binder, Vor­standsmit­glied der Gross­müt­ter­Rev­o­lu­tion

Die Gross­müt­ter­Rev­o­lu­tion set­zt sich unter anderem dafür ein, dass unsere Gesellschaft die Care-Arbeit – das Sor­ge­tra­gen und sich Küm­mern um Mit­men­schen und Natur – als Fun­da­ment des Zusam­men­lebens ver­ste­ht. Die engagierten Frauen fordern unter anderem eine Aufw­er­tung von bezahlter und unbezahlter Sorgear­beit, um finanzielle Sicher­heit im Alter für alle zu gewährleis­ten.

Den engagierten Gross­müt­tern geht es nicht darum, diese Arbeit bezahlt zu bekom­men. Sie kämpfen aber dafür, das Bewusst­sein für den Wert der Care-Arbeit zu schär­fen und ihr die gebührende Wertschätzung zu ver­schaf­fen. Das Bun­de­samt für Sta­tis­tik BFS liefert die Zahlen dazu: 9,8 Mil­liar­den Stun­den Betreu­ungs- und Pflegear­beit für Kinder und Erwach­sene sowie Hausar­beit wur­den 2020 in der Schweiz laut BFS unbezahlt gear­beit­et. Das entspricht einem Wert von 434 Mil­liar­den Franken.

«Wen kümmert’s, wer sich kümmert?»

Am 29. Okto­ber, dem von der UNO fest­gelegten Inter­na­tionalen Care­Tag, will die Gross­müt­ter­Rev­o­lu­tion zusam­men mit anderen Organ­i­sa­tio­nen die Care-Arbeit in der Schweiz sicht­bar machen. Irene Leu leit­et die Arbeits­gruppe und koor­diniert mit ihrem Team die Aktiv­itäten, die an diesem Tag in der ganzen Deutschschweiz stat­tfind­en. Das Mot­to des Tages lautet: «Wen kümmert’s, wer sich küm­mert?» Seit einem Jahr plant die Gruppe um Irene Leu die Umset­zung dieses Inter­na­tionalen Aktion­stags für die Deutschschweiz. Sie hat im Lauf der Vor­bere­itun­gen diverse Frauenor­gan­i­sa­tio­nen und fem­i­nis­tis­che Grup­pen angeschrieben, aber auch poli­tis­che und wirtschaftliche Grup­pierun­gen. Ent­standen ist unter anderem die Web­site internationaler-care-tag.ch, wo es eine Fülle an Mate­r­i­al zum Care­Tag gibt.

Kämpferisch, aber konstruktiv

Irene Leu selb­st wird am 29. Okto­ber in Basel im Kino Küch­lin sein, wo der isländisch-amerikanis­che Doku­men­tarfilm «Ein Tag ohne Frauen» aus dem Jahr 2024 gezeigt wird. Als 90 Prozent der isländis­chen Frauen an einem Herb­st­mor­gen im Jahr 1975 ihre Arbeit nieder­legten und ihre Häuser ver­liessen, weil sie sich weigerten zu arbeit­en, zu kochen oder sich um die Kinder zu küm­mern, bracht­en sie ihr Land zum Still­stand. Lisa Binder und Irene Leu geht es jedoch, trotz des kämpferischen Namens der Gross­müt­ter­Rev­o­lu­tion, nicht um destruk­tive Mass­nah­men: «Wir wollen nicht, dass die Schweiz zusam­menkracht. Wir fra­gen aber: ‹Seht ihr das über­haupt?›»

Den Begriff «Rev­o­lu­tion» hat die Migros damals für ihr Pro­jekt gewählt. Die Gross­müt­ter haben lange über ihren Namen disku­tiert. Nicht allen passt das aufmüp­fige «Rev­o­lu­tion» gle­ich gut, aber es hat sich den­noch durchge­set­zt. Und es bedeutet nicht, dass alle Mit­glieder regelmäs­sig an Demos teil­nehmen. «Wir haben Frauen, die demon­stri­eren, aber wir haben auch solche wie mich, die vom Büro­tisch aus rev­o­lu­tion­ieren», sagt Lisa Binder. «Vielle­icht ste­ht Rev­o­lu­tion auch für unsere Behar­rlichkeit, für den Kampfgeist», sagt Lisa Binder. Irene Leu gefällt an diesem Begriff, dass er Diskus­sio­nen aus­löst. «Wir haben kämpferische Frauen, die sich noch für das Frauen­stimm­recht einge­set­zt haben. Sie mussten wirk­lich kämpfen und sehen unser Engage­ment aus ein­er anderen Per­spek­tive», gibt Lisa Binder zu bedenken.

Wirtschaft ist Care

Die reformierte Schweiz­er The­olo­gin Ina Prae­to­rius hat den Satz «Wirtschaft ist Care» geprägt. Sie ist die geistige Mut­ter des Inter­na­tionalen Care­Tags. Dank Prae­to­rius’ Net­zw­erk und der Hart­näck­igkeit der Gross­müt­ter gelang es dem Vere­in, neben drei 10 vor 10-Beiträ­gen auch einen Auftritt in der Sendung «Eco Talk» des Schweiz­er Fernse­hens zu bekom­men. «Dort kon­nten wir zeigen, dass nicht nur das Börsen­barom­e­ter zählt, son­dern auch das Care-Barom­e­ter», sagt Lisa Binder.

Marie-Christine Andres Schürch
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