«Ich spürte ein Licht in mir»
Roger und Maria Stadler auf dem Weg zur Klosterkirche Wettingen.
Bild: © Roger Wehrli

«Ich spürte ein Licht in mir»

Maria und Roger Stadler leben und glauben ohne Augenlicht

Maria und Roger Stadler leben ohne Augenlicht. Im persönlichen Glauben und in der Stille einer abgelegenen Kapelle finden beide immer wieder Kraft, ihr Schicksal zu akzeptieren und den Alltag zu meistern.

Maria und Roger Stadler betreten die Klosterkirche Wet­tin­gen. Länger als andere Leute bleiben sie im Vor­raum ste­hen. Sie spüren die küh­le Luft an den Armen, hören, dass es beim Sprechen leicht hallt und merken, dass die Luft ein wenig nach feuchtem Keller riecht. Ziel­sich­er schre­it­en die bei­den dann durch den Mit­tel­gang und set­zen sich rechts in die zweitvorder­ste Bankrei­he. Es ist ihr gewohn­ter Platz in der ver­traut­en Kirche.

Die Gemälde und Stuck­fig­uren, den imposan­ten Let­tner, der die Volks- von der Mönch­skirche tren­nt, die ganze barocke Fülle des Kirchen­raums, sehen die Stadlers nicht. Roger Stadler nimmt zwar wahr, wo es hell oder dunkel ist, und kann sich mit sein­er restlichen Sehkraft grob im Raum ori­en­tieren, Details erken­nt er jedoch nicht. Seine Frau Maria Stadler ist voll­ständig blind.

Alltag voller Hürden

Den Weg von der Kirche zu ihrer Woh­nung leg­en die bei­den zügig zu Fuss zurück. Der weisse Stock hil­ft, Hin­dernisse zu erken­nen und heil über die Strasse zu kom­men. «An den Strassen­rand ste­hen, hin­hören, Stock ausstreck­en – und loslaufen», erk­lärt Roger Stadler. Die Über­querung von Strassen ist nur eine von vie­len Her­aus­forderun­gen im All­t­ag von Roger und Maria Stadler. Die Kraft, diese Hür­den zu meis­tern, schöpft das Ehep­aar aus seinem Zusam­men­halt. Und aus dem Glauben an Gott.

Roger und Maria Stalder vor der Klosterkirche Wet­tin­gen. Die Stille, die Predigt und das gemein­same Feiern geben ihnen immer wieder neue Kraft. | Bild: © Roger Wehrli

Wenn es möglich ist, besuchen Maria und Roger Stadler am Woch­enende den Gottes­di­enst. Roger Stadler achtet beson­ders auf die Predigt: «Ich ver­suche, mich darin wiederzuerken­nen und etwas vom Gesagten mit meinem All­t­ag zu verbinden», sagt er. Maria Stadler geniesst es, wenn ein Chor singt. Sie betont: «Im Gottes­di­enst tanke ich Kraft. Mir fehlt etwas, wenn ich eine Woche nicht in der Kirche war.» Den Moment in ein­er Kapelle im Wal­lis, der Maria Stadlers Leben verän­derte, liegt Jahrzehnte zurück. Doch sei­ther weiss sie: «Irgend­woher kommt eine Kraft. Son­st hätte ich all das nicht schaf­fen kön­nen.» Was damit gemeint ist, erzählen Maria und Roger Stadler am Küchen­tisch in ihrer Woh­nung. Es ist eine Geschichte von Schick­salss­chlä­gen und Phasen voller Verzwei­flung. Sie erzählt aber auch von unge­broch­en­er Lebens­freude, Zuver­sicht und Momenten voller Kraft und Licht.

Die Sicht wird immer schlechter

Roger Stadler litt schon als Junge unter der Augenkrankheit Grün­er Star und war stark kurzsichtig. Bis ins Alter von 13 Jahren musste er sich mehreren Oper­a­tio­nen unterziehen. Als Teenag­er kon­nte er mit kor­rigiert­er Brille noch Zeitung lesen. Mit 18 Jahren ging Roger Stadler nach Basel in die Eingliederungss­chule für Sehbe­hin­derte. Zwei Jahre lang absolvierte er eine Bürolehre, fand danach eine KV-Lehrstelle und meis­terte bei­de Aus­bil­dun­gen zusam­men mit Nor­malse­hen­den, mit Hil­fe ein­er Lupen­brille, Fleiss und Durch­hal­tewil­len.

Maria Stadler stammt aus Saas Almag­ell. Sie wurde mit ein­er sehr sel­te­nen Sehbe­hin­derung geboren: die Pupillen waren nicht in der Mitte des Auges. Dazu litt sie unter dem Grü­nen Star. Das wachse sich aus, sagten die Ärzte damals. Mit dem linken Auge sah sie fast nor­mal, mit dem anderen etwa zehn Prozent. Sie besuchte die Regelschule und arbeit­ete danach im Gast­gewerbe. Nach einem ­Auge­narztbe­such schwoll das bessere Auge an und tränte unaufhör­lich. Im Insel­spi­tal Bern ver­sucht­en die Ärzte, das Auge in ein­er fün­f­stündi­gen Oper­a­tion zu ret­ten. Doch es ent­standen immer neue Löch­er in der Net­zhaut. Maria Stadler ver­lor das Augen­licht auf ihrem linken Auge. Es blieb ihr das andere Auge mit ein­er Sehkraft von zehn Prozent.

Nach diesem Schick­salss­chlag absolvierte sie eben­falls die Eingliederungss­chule für Sehbe­hin­derte in Basel. Dort lernte sich das Paar ken­nen. Die Hoff­nung, das verbliebene Augen­licht zu verbessern, führte Maria Stadler wenig später zu einem Arzt in Frankre­ich. Sie erin­nert sich an den Moment nach der Oper­a­tion: «Ich hat­te klare Sicht. Ich weiss noch, wie ich die Anwe­senden, meine Mut­ter, den Arzt, ganz deut­lich gese­hen habe.» Maria Stadler ging nach Hause. Als die Mut­ter ihr am Tag darauf den Ver­band zum Wech­seln abnahm, blieb es dunkel. Sie war voll­ständig blind gewor­den.

Eine wahnsinnige Kraft

Maria Stadler fiel in ein tiefes Loch. «Während acht Monat­en lag ich zu Hause. Ich traute mich nicht aus dem Haus, nahm an Gewicht zu, war völ­lig verzweifelt.» Ihre Eltern überzeugten sie schliesslich, aufzuste­hen und auf einen Spazier­gang mitzukom­men. Der Weg führte sie in die St.-Anna-Kapelle im Saas ­Almag­eller Weil­er Zer­meiggen. Dort hat­te Maria Stadler das Erleb­nis, an das sie sich bis heute leb­haft erin­nert. «Ich spürte ein Licht und eine Wärme in mir. Eine wahnsin­nige Kraft. Es war so inten­siv, dass ich aus der Kapelle ging und wusste: Ich muss mein Leben wieder in die Hand nehmen.» Mit neuer Hoff­nung erkundigte sie sich nach Möglichkeit­en, eine Aus­bil­dung zur Masseurin zu machen, fand einen Aus­bil­dungsplatz und danach eine Stelle in einem Hotel.

Riss in der Netzhaut

Roger Stadler arbeit­ete nach den Aus­bil­dungs­jahren in Basel bei ein­er Ver­sicherung in Zürich. Das Paar heiratete und zog nach Wet­tin­gen. Obwohl Roger Stadler seit Kind­heit mit sein­er Sehbe­hin­derung lebte und stets das Beste daraus gemacht hat­te, geri­et er im Jahr 2016 in eine per­sön­liche Krise. Weil ein Riss in der Net­zhaut seine Sehkraft weit­er ver­min­derte, stell­ten sich plöt­zlich exis­ten­zielle Fra­gen: «Wer­den wir unsere Selb­ständigkeit behal­ten? Ver­liere ich das Augen­licht vielle­icht ganz? Ich war so gefan­gen in meinen Sor­gen und Äng­sten, dass ich gar nicht wahrnahm, was um mich herum vorg­ing», sagt er heute.

Das Ehepaar Roger und Maria Stadler in der Klosterkirche Wettingen.
Roger und Maria Stadler an ihrem ver­traut­en Platz in der Klosterkirche Wet­tin­gen. | Bild: © Roger Wehrli

Selbständigkeit

Maria Stadler stand ihrem Mann zur Seite. Licht­blicke in dieser dun­klen Phase seien die Aufen­thalte in Saas Almag­ell gewe­sen, sagt Roger Stadler. In der St.-Anna-Kapelle zün­de­ten sie Kerzen an, und während Maria Stadler betete, sass Roger Stadler ruhig da und liess die Atmo­sphäre auf sich wirken. Hier kon­nte auch er neue Kraft tanken.

Mit den verbliebe­nen fünf bis acht Prozent Sehleis­tung auf dem recht­en Auge kann Roger Stadler sich in einem Raum ori­en­tieren und find­et sich, wenn er die Umge­bung ken­nt, auch draussen zurecht. Die Fahrt zum Arbeit­splatz nach Win­terthur schafft er selb­ständig mit dem Zug. Maria Stadler hat in einem Zim­mer der Woh­nung ihre Mas­sageprax­is ein­gerichtet. Sie strickt gerne und singt in einem Chor. In den Ferien untern­immt das Paar gerne Wan­derun­gen. Streck­en, die sie ken­nen, gehen sie zu zweit, andere zusam­men mit sehen­den Kol­le­gen. Im Fre­un­deskreis sind die meis­ten Leute sehend.

Gemein­sam bewälti­gen die bei­den ihren All­t­ag selb­ständig. Wenn ihr jemand Hil­fe anbi­ete, nehme sie diese meist an, sagt Maria Stadler. Aber nicht, weil sie darauf angewiesen wäre, son­dern aus weis­er Voraus­sicht: «Wer­den hil­fs­bere­ite Men­schen immer wieder abgewiesen oder gar angeschnau­zt, bieten sie keine Hil­fe mehr an. Dabei gibt es viele, die froh um Hil­fe sind.»

Marie-Christine Andres Schürch
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