Helvetia hat gepredigt – da und dort

Helvetia hat gepredigt – da und dort

  • Der Schweiz­erische Katholis­che Frauen­bund (SKF) hat­te dazu aufgerufen, dass am 1. August, dem Bun­des­feier­son­ntag, in möglichst allen Kirchen der Schweiz Frauen die Predigt hal­ten soll­ten.
  • Anlass zur Aktion «Hel­ve­tia predigt!» war der Umstand, dass dieses Jahr das Jubiläum 50 Jahre Frauen­stimm­recht in der Schweiz gefeiert wer­den darf.
  • Vielerorts wurde den Frauen am gestri­gen Son­ntag das Predigt­wort erteilt. In den katholis­chen Kirchen des Kan­tons Aar­gau hat­ten allerd­ings ein­mal mehr die Män­ner das Sagen.


15 Per­so­n­en besucht­en den Wort­gottes­di­enst zum 1. August in der Pfar­rei Guthirt in Aar­burg. Mehr als zwei Drit­tel davon waren Frauen. Eine Frau war es auch, die den Gottes­di­enst zele­bri­erte. Pfar­reiseel­sorg­erin Rita Wis­mann hat­te sich für ihren Ein­satz an diesem beson­deren Son­ntag nicht ein­mal speziell vor­drän­gen müssen. Sie war ohne­hin am Tag der Bun­des­feier im Liturgieplan als Zel­e­bran­tin einge­tra­gen.

Nur wenig Echo

Auch in anderen Pfar­reien des Kan­tons Aar­gau predigten am Nation­alfeiertag vere­inzelt Frauen. Allerd­ings blieb die erwün­schte, volle Ladung an geball­ter Frauen­pow­er in den katholis­chen Kirchen dieses Kan­tons aus. Der Schweiz­erische Katholis­che Frauen­bund (SKF) hat­te die Aktion «Hel­ve­tia predigt!» mit genü­gend Vor­lauf angekündigt und propagiert. Auch Hor­i­zonte hat auf seinen Kanälen für die Aktion gewor­ben. Doch die Gottes­di­en­ste, die bewusst unter das vom SKF aus­gerufene Mot­to gestellt wur­den, kon­nte man gestern an ein­er Hand abzählen. In Wis­likofen etwa wurde ein öku­menis­ch­er Gottes­di­enst zum The­ma durchge­führt, und im Pas­toral­raum Aare-Rhein organ­isierte der Frauen­bund Döt­tin­gen einen Gottes­di­enst, in dem sog­ar Hel­ve­tia per­sön­lich auf­trat und für die Kirchgänger predigte.

Auf die Frage, warum wohl nicht mehr Pfar­reien expliz­it Frauen hät­ten predi­gen lassen, wo doch dieses Jahr auch 50 Jahre Frauen­stimm­recht in der Schweiz gefeiert wür­den, sagt Rita Wis­mann: «Das lässt sich wohl nicht so ein­fach her­aus­find­en. Ob es daran liegt, dass zu wenig Wer­bung für die Aktion gemacht wurde oder ob es vielle­icht an der Unsicher­heit der Gemein­deleitun­gen lag, die nicht ein­schätzen kon­nten, was passiert, wenn die Frauen zu diesem The­ma predigten – ich kann es nicht sagen.»

Auf dem Weg bleiben

Vielle­icht sei das The­ma im Aar­gau auch zu wenig wichtig, mut­masst die Pfar­reiseel­sorg­erin, die dabei auch darauf hin­weist, wie offen der zuständi­ge Bischof, Felix Gmür, in Bezug auf die Gle­ich­stel­lung von Mann und Frau agiere. Dies­bezüglich gin­ge es den Frauen in den Bistümern Basel und St. Gallen wirk­lich viel bess­er als in anderen Diöze­sen.

So passte es auch ganz gut, dass Wis­mann in ihrer Predigt das Son­ntag­se­van­geli­um, Johannes 6,24–35, ganz bewusst aus Sicht der Frau auslegte. Es gehe darum, auf dem Weg zu Jesus, der das Brot des Lebens für alle Men­schen sei, immer wieder zu über­prüfen, ob man noch auf dem richti­gen Weg sei und dann auf dem eingeschla­ge­nen Weg auch zu bleiben. «Auf dem Weg zu Jesus kön­nen wir aber auch Hin­weiss­childer, Weg­weis­er sein, nicht nur Suchende und Fordernde», so Wis­mann am Ende ihrer Predigt.

Im Sinne dieser Wegtreue beant­wortete die engagierte Seel­sorg­erin auch die Frage, was sie als «Hel­ve­tia» den Men­schen heute sagen würde, ger­ade im Hin­blick auf die Gle­ich­stel­lung von Mann und Frau: «Bleibt dran, es lohnt sich – auch wenn es nochmals so lange dauert wie damals, bis wir endlich das Frauen­stimm­recht gekriegt haben.»

Stimmige Schweizer Musik

Bevor in Aar­burg als Schlus­slied der Schweiz­erp­salm anges­timmt wurde, las Rita Wis­mann einen Text von Jacque­line Keune vor. Diesen Text (siehe grauen Kas­ten unten), hat der SKF, neb­st vie­len weit­eren, als Predigtin­spi­ra­tion für den 1. August auf sein­er Web­site zur Ver­fü­gung gestellt. Er wurde in Aar­burg, zusam­men mit der Predigt und der wun­der­bar stim­mi­gen Schweiz­er Musik, die Organ­ist Urs Leu in diesem Gottes­di­enst ein­set­zte, zu einem weit­eren Höhep­unkt.

Das Land erben (Jacque­line Keune)

Selig
die Sprache hat
die ihre Stimme hebt
die das Wort ergreift
die Gehör sich ver­schafft
und in den Ohren liegt

Selig
die vor­tritt
die hin­ste­ht
die sich zeigt
die sich zumutet
die deut­lich wird

Selig
die neu, die anders, die sel­ber denkt
die die Stirn in Fal­ten legt
die nach­fragt
die fragt –
wieder und wieder

Selig
die noch spürt
dass es weh tut
dass es unrecht ist
weniger würdig
weniger wert zu sein
die nicht an den Schmerz sich gewöh­nt
die nicht lernt, damit zu leben

Selig
deren Geduld zur Neige geht
die sich nicht länger auss­chliessen
die sich nicht länger vertrösten
die sich nicht länger abspeisen lässt
mit den Trost­preisen aus der
kirch­lichen Tombo­la

Selig
die ihre Bedürfnisse benen­nt
die ihren Anliegen Nach­druck ver­lei­ht
die ihre Möglichkeit­en nutzt
die ihre Stärken zeigt
die ihre Beru­fung lebt –
die nicht alleine bleibt

Selig
die sich gle­ich­w­er­tig macht
die sich auf Augen­höhe beg­ibt
die sich selb­st ermächtigt
die nicht länger wartet
auf der Her­ren Gnaden

Selig
die nicht aufgibt
die dran­bleibt
die weit, die über Gren­zen geht
die ihren Fuss in neue Räume set­zt
und das trunk­ene Blühen schaut

Selig
die ahnt, die hofft, die weiss
dass die All­macht
dass die Ohn­macht
ein Ende haben
dass der Tag kom­men wird
Denn sie wer­den das Land erben

Nicht von heute auf morgen

Auch in Aarau predigte eine Frau. Die The­olo­gin und Autorin Elis­a­beth Ber­net sprang an diesem Son­ntag für den ursprünglich geplanten Zel­e­bran­ten ein. Auch sie gestal­tete ihren Gottes­di­enst nicht expliz­it unter dem Mot­to «Hel­ve­tia predigt!», liess es sich aber den­noch nicht nehmen, einen ganz speziellen Text zu schreiben, um den herum sie ihre Predigt auf­baute (siehe grauen Kas­ten unten).

Wenn auch die SKF-Aktion selb­st im katholis­chen Aar­gau auf geringes Echo stiess, so haben doch da und dort die Frauen in der Kirche die Gun­st der Stunde genutzt und ein Zeichen geset­zt. Sie haben ein­mal mehr bewusst gemacht, dass diese Kirche ohne die Teil­nahme, Mitar­beit und Tragkraft der Frauen nicht über­lebens­fähig wäre.

Ob Aktio­nen wie «Hel­ve­tia predigt!» etwas zur Besser­stel­lung der Frauen in der Kirche beitra­gen kön­nen, das beurteilt der Vor­stand des Frauen­bunds Döt­tin­gen zurück­hal­tend: «Das entspräche ein­er Wun­schvorstel­lung. Es braucht Geduld und Engage­ment sowie die Erken­nt­nis, dass auch die weiteste Reise mit einem ersten Schritt begin­nt. Solche Aktio­nen kön­nen besten­falls das Inter­esse weck­en, sich damit auseinan­derzuset­zen und kri­tis­che Fra­gen zu stellen. Daniel Gole­man sagt: ‹Führen bedeutet nicht Herrschaft, son­dern die Kun­st, Men­schen dazu zu brin­gen, für ein gemein­sames Ziel zu arbeit­en›. Das neue Kirchen­recht der römisch-katholis­chen Kirche spricht lei­der eine ganz andere Sprache, die uns Frauen nach wie vor schmer­zlich demütigt. Insofern kön­nen wir die katholis­che Kirche mit solchen Aktio­nen sicher­lich nicht von heute auf mor­gen umkrem­peln.»

Tochter­Mut­ter Hel­ve­tia (Elis­a­beth Ber­net)

Hel­ve­tia
voller Ide­ale
ver­schont vor manchem Leid
ver­schont vor den let­zten bei­den Kriegen
ver­schont vor vielem Elend

Hel­ve­tia
du willst deine Sache gut machen
für jene, die du lieb­st
doch – Hel­ve­tia -
gib acht —  sei wach­sam —  nicht über­he­blich
leg dich nicht ins Bett
mit der Hin­terlist, der Macht und dem Reich­tum
bleib auf dem Boden
sieh die Schön­heit der Wei­den und Wiesen
der Wälder und Seen, der Berge und Täler
bleib in den Ställen und Städten der Beschei­den­heit

Mut­ter Hel­ve­tia
welch­es ist dein Lieblingskind
das Bankenkind
das seine Fin­ger in viele dun­kle Geschäfte steckt
auch in die ganz schmutzi­gen
Mut­ter Hel­ve­tia
welch­es ist dein Lieblingskind
das, das sich ein­mauert
das eigene Haus für den Nabel der Welt hält
sich über­schätzt und nicht über den Teller­rand sieht
das lieber auf Waf­fen set­zt
statt auf Dia­log

Mut­ter Hel­ve­tia
warum hast du die Söhne den Töchtern vorge­zo­gen
warum hast du den Töchtern ver­boten mitzure­den
woll­test du sie als bequeme, stille Diener­in­nen
als demütige Ja-Sagerin­nen
Mut­ter Hel­ve­tia
du hast all die Tal­ente dein­er Töchter ver­graben
warum nur, warum

Mut­ter Hel­ve­tia
du hast so viele Kinder
san­fte, starke, leise, laute,
du brauchst sie alle
sei stolz auf die Töchter, die sich durch­set­zen
die mit­denken, mitre­den, mit­gestal­ten

Mut­ter Hel­ve­tia
mach Herz und Türen auf
beson­ders denen
die eine Mut­ter brauchen
eine Mut­ter voll Ver­ständ­nis und Weisheit

Schwest­er Hel­ve­tia
wie wirst du sein
in der Zukun­ft
wirst du ein weites Herz haben
und offene Arme
nicht zuerst für die Schö­nen, die Reichen, die Erfol­gre­ichen
Schwest­er Hel­ve­tia
wen tröstest du
wem hil­f­st du auf die Sprünge
Schwest­er, Mut­ter Hel­ve­tia
lehre alle deine Kinder die Erde acht­en und lieben
die Luft und das Wass­er
die Vielfalt der Pflanzen und Tiere
lehre sie sin­gen und tanzen
lehre sie nein sagen und ja sagen zur recht­en Zeit
vor allem aber
lehre sie lieben

Hel­ve­tia
steig auf den Berg der Stille
geh in die Niederun­gen der Armut
schau zu den Ster­nen ohne nach ihnen zu greifen
schau auf die Erde und ihre Ver­let­zlichkeit
geh voll Mit­ge­fühl und Zuver­sicht in die Zukun­ft
ja, geh mit gross­er Sol­i­dar­ität

Christian Breitschmid
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