
© TVZ
Gut katholisch
Vor 150 Jahren wurde der erste christkatholische Bischof geweiht. Seine Hirtenbriefe erzählen vom Aufbau der christkatholischen Kirche, von Zusammenhalt und der Frage nach dem rechten Glauben.
Erinnern Sie sich an Ihre erste Beichte? An das dunkle Beichthäuschen, den Atem des Priesters durch das Metallgitter? «Gelobt sei Jesus Christus.» «In Ewigkeit. Amen.»
Die Beichthäuschen in den römisch-katholischen Kirchen der Schweiz sind heute vielerorts verschwunden. Das Bussakrament heisst Sakrament der Versöhnung. Die wenigen Gläubigen, die zur Beichte gehen, wünschen ein Beichtgespräch unter vier Augen.
Umstrittene Ohrenbeichte
Die sogenannte Ohrenbeichte war auch dem ersten christkatholischen Bischof Eduard Herzog vor 150 Jahren nicht angenehm. Während die römisch-katholische Kirche im 19. Jahrhundert ihren Gläubigen vorschrieb, mindestens einmal jährlich zu beichten, entschied die Synode des neu gegründeten christkatholischen Bistums, dass diese Entscheidung allen Gläubigen selbst überlassen werden solle. In seinem Hirtenbrief für die Fastenzeit des Jahres 1880 erklärt sich Bischof Herzog seinen Mitgliedern. Er legte dar, dass er keinen Beleg in der Bibel finde, dass die Vergebung der Sünden davon abhinge, sie einem Priester zu beichten.

In der christkatholischen Kirche wählt die Nationalsynode ihren Bischof. Angela Berlis, Professorin für Geschichte des Altkatholizismus, legt ihren Wahlzettel bei der Bischofwahl am 24. Mai 2024 in Aarau in die Urne.
Bischof Herzog schrieb bis zu seinem Lebensende 55 Hirtenbriefe, mit denen er sich an Laien und Kleriker gleichermassen richtete. «Obwohl die Texte aus einem anderen Jahrhundert stammen, sind sie gut verständlich, inhaltlich spannend und regen auch heute noch zur Diskussion an», sagt Angela Berlis, Professorin für Geschichte des Altkatholizismus, die gemeinsam mit Historiker Martin Bürgin die Hirtenbriefe Herzogs neu editiert hat.
Prägende Zeit in Luzern

Die Hirtenbriefe von Bischof Eduard Herzog geben Einblick in die Entstehungszeit und Entwicklung der Christkatholischen Kirche und zeigen, wie Herzog aktuelle gesellschaftliche Fragen mit theologischer Reflexion und sorgfältiger Bibelauslegung verband. Viele der von ihm behandelten Fragen sind auch heute noch relevant.
Eduard Herzog kam am 1. August 1841 im luzernischen Schongau auf die Welt. Der Bauernsohn besuchte ab 1855 das Gymnasium in Luzern und wohnte in dieser Zeit bei seinem Onkel. Dieser war Stiftspropst von St. Leodegar und hatte als Geistlicher eine führende Rolle inne. Wie viele Geistliche seiner Zeit vertrat er Ideen der katholischen Aufklärung. Diese stand für einen vernunftbestimmten Fortschritt und gegen überkommene Strukturen auch in der Kirche. Dieses geistige Milieu prägte den Schüler Eduard Herzog nachhaltig, sodass er beschloss Theologie zu studieren.
Altkatholische Bewegung
Nach seinem Studium in Luzern wurde er 1867 zum Priester geweiht. Danach verbrachte er zwei Semester in Bonn, wo er bei Professoren studierte, die später zu den führenden Köpfen der altkatholischen Bewegung werden sollten. Die Altkatholiken orientierten sich an der ungeteilten Kirche des ersten Jahrtausends. Eduard Herzog kehrte nach Luzern zurück und lehrte ab 1868 zuerst dort, später an der neu gegründeten Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bern hauptsächlich Exegese – das Auslegen der Bibel.
Die Schweiz mitten im Kulturkampf
Eduard Herzog lebte in einer Zeit, in der liberale und konservative Kräfte gegeneinander kämpften. Dabei ging es etwa um die Staatsform – Bundesstaat oder Staatenbund –, aber auch um das Verhältnis von Kirche und Staat. Während liberale Kräfte der Kirche kritisch gegenüber standen, versuchte die Amtskirche ihre Macht noch stärker auszubauen. Im Ersten Vatikanischen Konzil wurde darum die Unfehlbarkeit des Papstes und seine Vormachtstellung gegenüber allen Bischöfen definiert. Diese Dogmen waren es, die zur Spaltung und zur Gründung von Bistümern für die Altkatholiken bzw. Christkatholiken in der Schweiz führten.
Was hiess das nun für die Gläubigen? Je nach Kanton fällt diese Antwort anders aus. Im Aargau verfügte der Kanton, dass die Gemeinden über die konfessionelle Zugehörigkeit abstimmen sollten. Dies führte etwa dazu, dass im unteren Fricktal fast alle Gemeinden christkatholisch wurden. Die Gemeinden verfügten, dass die Kirchengebäude von beiden Konfessionen genutzt werden sollen, aber der Papst verbot den römisch-katholischen Gläubigen die Eucharistiefeier unter dem gleichen Dach. Notkirchen entstanden. In Zuzgen sollen bewaffnete Männer die Kirche bewacht haben, damit römisch-katholische Gläubige den Gottesdienst nicht stören konnten. In Laufen stritt die Gemeinde während 50 Jahren vor Gericht, wer die Kirche bekommen soll. «Solche Verwerfungen haben mehrere Generationen geprägt», sagt Angela Berlis.
Dogmen führen zum Bruch
Von 1869 bis 1870 fand das Erste Vatikanische Konzil statt, bei dem das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit und das Jurisdiktionsprimat – der Papst besitzt die höchste und universelle Leitung über alle Bischöfe und alle Mitglieder der Kirche – formuliert wurde. Das führte zu heftigen Protesten unter den Altkatholiken. Nachdem Bischof Lachat 1871 in seinem Hirtenbrief die Dogmen in seiner Diözese verkündet hatte, schrieb ihm Herzog einen Abschiedsbrief und stellte sich ab Herbst 1872 der altkatholischen Bewegung in Deutschland zur Verfügung. Zuerst in Deutschland und ab Frühling 1873 in der Schweiz amtete er als altkatholischer Pfarrer. Am 18. September 1876 – vor genau 150 Jahren – wurde Eduard Herzog in Rheinfelden zum ersten altkatholischen Bischof der Schweiz geweiht. Damit war die christkatholische Kirche, wie sie in der Schweiz genannt wird, vollständig.
Wirkmächtige Hirtenbriefe
Während der Zeit seines Bischofsamtes hat Eduard Herzog sein Engagement dem Aufbau der christkatholischen Kirche in der Schweiz gewidmet. Während seiner fast 50-jährigen Amtszeit, die sich vom Kulturkampf in der Schweiz bis hin zur Zwischenkriegszeit erstreckt, haben die Hirtenbriefe verschiedene Funktionen, wie Berlis und Bürgin schreiben: «Sie fungieren als Sprachrohr kirchlicher Autorität, gewährten Orientierung in zentralen Fragen des Glaubens und Glaubenslebens und vermittelten sozialen Zusammenhalt.»
Als Exeget belegte Bischof Herzog seine Argumentation gestützt auf die Bibel und die Kirchengeschichte, sagt Angela Berlis. Er habe sich stets darum bemüht zu erklären, dass diese Ansichten katholisch seien. Die Hirtenbriefe bieten auch 100 Jahre später Anlass für anregende Diskussionen, wie Angela Berlis und Martin Bürgin im Seminar mit ihren Studierenden erfahren konnten:
- Macht teilen: Herzog prägte das Bischofsamt als synodal eingebundene Institution. Er selbst wurde von der christkatholischen Nationalsynode zum Bischof gewählt. In der Synode hatten Laien – die nicht geweihten Gläubigen – Mitspracherecht und gestalteten die Kirche auf eine Art mit, die sich am demokratischen Staatssystem orientierte. Bischof Herzog betonte das Prinzip der Selbstbestimmung und der individuellen Verantwortung in ethischen Fragen. Den Zwang zur Ohrenbeichte, die er als Disziplinierungsmassnahme der Kleriker verstand, betrachtete er deshalb kritisch. Der Pflichtzölibat wurde in der christkatholischen Kirche aufgehoben und im Gottesdienst sollten die Landessprachen gesprochen werden.
- Bibel: Bischof Herzog ist in seinen Hirtenbriefen immer auch als Bibelwissenschaftler erkennbar; seine Darlegungen stützen sich auf die Heilige Schrift und auf das Zeugnis der Schriften der Kirchenväter. Seine Ausführungen in vielen Fragen sind auch für heutige Menschen nachvollziehbar.
- Ökumene: Herzog pflegte intensive Kontakte zur anglikanischen und den orthodoxen Kirchen. Anders als der römisch-katholischen Kirche, ging es ihm nicht um eine Rückkehr-Ökumene in den Schoss der einen wahren Kirche, sondern um eine Vereinigung aller christlichen Kirchen. Eine Ökumene dieser Art pflegte die römisch-katholische Kirche erst ab den 1960er-Jahren mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil.
Auch in jüngerer Zeit hat die christkatholische Kirche Lösungen auf drängende Probleme der Zeit gefunden, während bei der katholischen Kirche Reformstau herrscht. So hat die christkatholische Nationalsynode in den 1980er-Jahren beschlossen, Frauen zu Diakoninnen zu weihen. 1999 wurde erstmals eine Diakonin zur Priesterin geweiht. Seit 2007 durfte ein gleichgeschlechtliches Paar gesegnet werden und seit vier Jahren gilt in der christkatholischen Kirche die Ehe für alle.
Gemeinsam unterwegs
Während die ersten Hirtenbriefe noch Kampfschriften waren gegen die römisch-katholische Kirche, interessierte sich Bischof Herzog immer weniger für die Grabenkämpfe und immer mehr für die Fragen des Glaubens und der Praxis, die die Menschen damals beschäftigten. Die Antworten fand er gemeinsam mit den Gläubigen seiner Kirche – im synodalen Miteinander.
Internationaler Altkatholikenkongress in Rheinfelden
«Menschen bewegen,Gemeinschaft stärken»
Vom 24. bis 27. September findet in Rheinfelden und der Region Fricktal der 34. Internationale Altkatholikenkongress statt. Erwartet werden rund 300 Teilnehmende aus alt- und christkatholischen Kirchen sowie Gäste anderer Kirchen.
Die Kongresse finden alle vier Jahre statt und sind das älteste internationale Gremium der Altkatholischen Kirchen. Aus den ursprünglich vor allem theologisch und ökumenisch ausgerichteten Treffen sind zunehmend Kirchentage zu Fragen kirchlichen Lebens und gesellschaftlichen Themen geworden.
Der Kongress steht unter dem Motto «Menschen bewegen, Gemeinschaft stärken» und im Zeichen des 150-Jahr-Jubiläums der Christkatholischen Kirche der Schweiz. Die Konferenz wird als «Open Space» durchgeführt, bei dem die Teilnehmenden selbst Themen einbringen. Zum Programm gehören auch Konzerte, Führungen und Besichtigungen. Den Abschluss bildet am 27. September ein Festgottesdienst in Rheinfelden, den SRF live überträgt.
Hier können Sie sich anmelden.
