«Gelder sind kein Gehalt ​für die Engagierten»
Im Juni hatten tausende Kinder und Jugendliche Spass am Pfingstlager der Jubla. Wie wird es mit solchen Lagern in Zukunft weitergehen?
Bild: © Alain Sethmacher

«Gelder sind kein Gehalt ​für die Engagierten»

Entlastungspaket und Senkungen bei ​Jugend und Sport könnten Jubla treffen

Was bedeuten die geplanten Kürzungen bei Jugend und Sport (J+S) für die Jubla? Im Interview spricht Siro Allegria, Co-Präsident der Jubla Kanton Aargau, über mögliche Auswirkungen auf die Arbeit der Freiwilligen und darüber, was er sich von der Politik wünscht.


Was macht der J+S‑Beitrag in Ihrer Jubla konkret möglich?

Alle­gria: Ger­ade bin ich als Leit­er beim Som­mer­lager der Jubla dabei. Momen­tan bekom­men wir von J+S pro Tag für jedes Kind einen Lager­beitrag von 16 Franken. Bei 14 Tagen Lager mit etwa 40 Kindern sind das knapp 9000 Franken. Wenn in Zukun­ft Kürzun­gen von 20 Prozent auf uns zukom­men, hät­ten wir 1800 Franken weniger zur Ver­fü­gung. Das ist ein gross­er Betrag für eine Schar, die vom ­Ehre­namt lebt, der ander­weit­ig kom­pen­siert wer­den müsste.

Was würde zuerst gestrichen werden, falls das Budget schrumpft? Und was bliebe unbedingt erhalten?

Unser Ziel ist es, nichts zu stre­ichen. Wir möcht­en jedem Kind die Möglichkeit geben, die Ange­bote der Jubla zu nutzen, unab­hängig vom Einkom­men der Eltern. Für uns wäre das wirk­lich eine schwierige Sit­u­a­tion. Wir kön­nen ja nicht ein­fach sagen: «Okay, dann haben wir halt keine Zelte mehr am Lager.» Schon jet­zt sind viele Lager bere­its Null- oder sog­ar Minus­run­den, die durch andere Aktiv­itäten aus­geglichen wer­den müssen.

Das heisst, vielleicht nur noch eine Woche Zeltlager statt zwei?

Bei einem Lager sind die Ini­tialkosten der grösste Bud­get­punkt. Ein zwei­wöchiges Lager ist auf den Tag gerech­net gün­stiger als ein ein­wöchiges. Der Trans­port des Mate­ri­als beispiel­weise muss stat­tfind­en, egal, wie lange das Lager geht. Mir fällt nichts ein, das man ein­fach weglassen kön­nte, höch­stens, dass es dann nach dem Essen zum Beispiel kein Dessert mehr gibt.

Welche Folgen hätte das kleinere Budget nach Auffassung der Jubla, für die Kinder aber auch für uns als Gesellschaft?

Unser­er Auf­fas­sung nach hätte das sehr weitre­ichende Fol­gen. Ein kleineres Bud­get würde bedeuten, dass wir die Lager­beiträge erhöhen müssten. Sobald wir das machen, wird unser Ange­bot auf eine gewisse Weise exk­lu­siv. Eine konkrete Folge wäre also, dass sich nicht mehr alle die Jubla leis­ten kön­nen. Das wollen wir ver­hin­dern. Die Jugend­ver­bände leis­ten einen unverzicht­baren Beitrag zur Entwick­lung von Kindern, Jugendlichen und jun­gen Erwach­se­nen. Viele von ihnen, die mal im Leitung­steam aktiv waren, als Schar- oder Lager­leitung, erzählen, dass ihr Engage­ment ihnen sehr geholfen hat im späteren Leben. Bei Bewer­bungs­ge­sprächen erwies sich ihr Jubla-Engage­ment oft als Vorteil, denn Arbeit­ge­ber wis­sen: Men­schen, die sich in der Jubla engagiert haben, brin­gen Erfahrun­gen in Team­leitung und Tea­mar­beit mit.

Was ist die konkrete Forderung von Jungwacht Blauring?

Bere­its im Mai hat die Jubla Schweiz gemein­sam mit anderen Jugend­ver­bän­den gefordert, dass das Ent­las­tungspaket 2027 gestrichen wer­den soll. Das war noch vor der Bekan­nt­gabe der Senkun­gen bei J+S für das Jahr 2026. Jet­zt fordern wir zusät­zlich, dass diese Senkun­gen nicht stat­tfind­en. Wir find­en: Es soll nicht bei Kindern und Jugendlichen ges­part wer­den. Es gibt andere Bud­get­posten in der Bun­desver­wal­tung, bei denen man anset­zen sollte und nicht bei der Kinder- und Jugend­förderung.



Siro Alle­gria möchte, dass die Leis­tun­gen frei­willig Engagiert­er weit­er­hin anerkan­nt und unter­stützt wer­den.

Bild: © zVg


Wie ist die Position der Jubla dazu, mit Blick auf Chancengleichheit, gezielt zu fördern – z. B. arme Familien –, statt pauschal über J+S zu subventionieren?

Es gibt Bestre­bun­gen für Stu­di­en und Umfra­gen zur finanziellen Sta­bil­ität der einzel­nen Scharen. Dadurch, dass die poten­ziellen Senkun­gen aber erst seit kurzem bekan­nt sind, ste­hen wir da erst am Anfang.

Welche Verantwortung sieht die Jubla vielleicht auch bei den Kantonen und Gemeinden, wenn der Bund sich aus der Förderung teilweise zurückzieht?

Die Förderung läuft über die Bun­de­sebene, was sehr gut funk­tion­iert. Das sollte unser­er Mei­n­ung auch so bleiben. Eine Schar meldet ein Ange­bot, wie beispiel­sweise ein Lager, an und gibt ein detail­liertes Pro­gramm ab. Dieses wird dann von Coach­es des Bun­de­samts für Jugend und Sport geprüft. So bekom­men die Scharen die Gelder direkt vom Bund. Das Geld fliesst auch nicht über uns als Kan­ton­sleitung, es geht wirk­lich direkt auf die Kon­ten der Scharen. Sicher­lich gibt es auch Jugend­förderungs­gelder in den Kan­to­nen, aber auch da muss man lange poli­tis­che Wege gehen, bis man an sie drankommt. Ausser­dem kön­nen die kan­tonalen Unter­schiede sehr gross sein, sodass es nicht mehr nach­haltig ist für die Scharen, oder all­ge­mein, die Ver­bände. Es geht ja nicht nur um Jugend­ver­bände. Auch Fuss­ball­clubs und Turn­vere­ine bekom­men Geld von J+S.

Gibt es Überlegungen, alternative Finanzierungsquellen zu erschliessen?

Aktuell analysieren wir gemein­sam mit den Scharen die Finanzierungssta­bil­ität und mögliche Finanzierungsmöglichkeit­en. Einige Scharen nutzen bere­its Papier­sam­me­lak­tio­nen oder Unter­hal­tungsabende als Ein­nah­me­quelle. Die Scharen haben aber keine pro­fes­sionelle Fundrais­ingstruk­tur, was es schwierig macht, länger­fristig Gelder zu gener­ieren. Wenn man am Ende die Hälfte des Leitung­steams für das Fundrais­ing ein­set­zen muss, dann ist das auch nicht Sinn der Sache. Die einzige wirk­liche Möglichkeit, die es aktuell gibt und die für alle gle­ich wäre, ist die Erhöhung der Mit­glieder­beiträge. Doch das wollen wir ver­hin­dern.

Was wünschen Sie sich vom Bundesrat, aber vielleicht auch von der Gesellschaft in Bezug auf den Wert und auch die Zukunft der Kinder und Jugendförderung?

Das Inter­esse in der Gesellschaft ist da. Viele Eltern fra­gen uns, was diese Ankündi­gun­gen, von denen sie in den Medi­en lesen, für ihr Kind bedeuten. Das zeigt auch, wie wichtig die Kinder- und Jugend­förderung für die Gesellschaft ist. Von Bun­desrat und Par­la­ment wün­schen wir uns, dass sie erken­nen, dass diese Gelder direkt den Kindern und Jugendlichen zugutekom­men und dass sie kein Lohn für unsere Arbeit sind. Unser Engage­ment ist voll­ständig ehre­namtlich. Wir nehmen uns Urlaub, um hier im weitesten Sinne auch wieder zu arbeit­en. Die Gelder braucht es, um grundle­gende Infra­struk­tur zu stellen, damit solche Ange­bote stat­tfind­en kön­nen. Auch das Som­mer­lager mein­er Schar hat unzäh­lige Stun­den auf der Uhr, die nie­mand auf­schreibt. Wir machen das, weil wir Spass daran haben, weil wir früher etwas von der Jubla mit­gekriegt haben und das wieder zurück­geben möcht­en. Wir wün­schen uns, dass das wert­geschätzt und weit­er­hin unter­stützt wird – auch mon­etär.

Leonie Wollensack
mehr zum Autor
nach
soben