
© Kenyi Moses
Geflohen vor dem Krieg, gestrandet im Flüchtlingslager
Über eine Million Menschen sind vor dem Krieg im Sudan in den Südsudan geflohen – viele ins überfüllte Gorom Camp. Die Bedingungen in diesem Flüchtlingslager sind prekär. Caritas Schweiz unterstützt dort das einzige Gesundheitszentrum und ermöglicht den Menschen so, medizinische Grundversorgung zu erhalten.
Vor dem Gesundheitszentrum im Gorom Camp herrscht ein reges Kommen und Gehen. Gut hundert Personen suchen an diesem Morgen Beratung beim medizinischen Personal. Sie brauchen Medikamente, ärztliche Hilfe oder haben einen Termin bei der Hebamme. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Gorom Camps haben im Krieg und auf der Flucht Schlimmes erlebt. Die äusserst schwierigen Lebensbedingungen schlagen sich zudem auf die Gesundheit nieder. Umso wichtiger sind die medizinische Grundversorgung und ein offenes Ohr.
Eine der Patientinnen, die vor dem Gesundheitszentrum wartet, ist Mariam. Die Kämpfe im Sudan trafen sie und ihre Familie hart. Mehrere engste Familienangehörige kamen ums Leben. Sie selbst wurde durch eine umstürzende Mauer am Rücken verletzt. Obwohl sie schwanger war, beschloss sie zu fliehen und sich im Südsudan in Sicherheit zu bringen. Wochenlang war sie mit ihren Kindern unterwegs, bis sie im Juli 2023 im Gorom Camp ankam. Wenige Tage später wurde dort die kleine Layla geboren, ein Mädchen nach vier Jungen.
Kein Strom und keine Sanitäranlagen
Der Alltag im Camp ist schwierig. Es gibt kein fliessendes Wasser, keinen Strom, keine Sanitäranlagen. In der Trockenzeit ist der Boden sandig, bei Regen schlammig. Jeder Familie steht eine kleine Parzelle zur Verfügung. Dort bauen sie sich aus Planen und Stangen ihr neues Zuhause auf.
Mariams Haus ist mit einer Art Trennwand aus geflochtenem Stroh abgetrennt – und doch könnte jederzeit jemand in ihr «Haus» kommen, denn die Türe ist ein Stück Stoff. «Es gibt keine Sicherheit. Ich sorge mich immer um meine Kinder», klagt die 27-Jährige. Ihr Zuhause ist sauber, sie bemüht sich, den engen Raum ordentlich zu halten. Für sich und die Kinder hat Mariam kaum Kleidung, in dem Zelt gibt es keine Dekorationsgegenstände und kein Spielzeug. Dafür fehlt das Geld. Jeden Tag geht ihr ältester Sohn oder sie an die Wasserstelle, um Kanister zu füllen. Wenn sie Geld hat, kauft sie auf dem Markt etwas frisches Gemüse, ansonsten bereitet sie meistens Reis oder Maniok zu. «Ich koche einmal und wir essen zweimal davon, das spart Holz.» Manchmal kann sie in einem kleinen Laden anschreiben lassen, damit sie überhaupt etwas auf den Tisch bringen kann.
Durch die Kriegsverletzung am Rücken hat Mariam oft starke Schmerzen. Dann geht sie in die Gesundheitsstation, die von der Caritas betrieben wird. Nach der Untersuchung erhält Mariam in der Apotheke etwas gegen die Schmerzen. Heute hat sie ihren Sohn Adil dabei. Er ist beim Spielen auf den Arm gefallen. Der 10-jährige Junge muss für eine Röntgenuntersuchung in die südsudanesische Hauptstadt Juba überwiesen werden. Sie ist dankbar, dass sie wenigstens die Medikamente und die Untersuchungen nicht bezahlen muss. «Das Projekt der Caritas ist eine grosse Hilfe», sagt die fünffache Mutter.
Eine Region, die nicht zur Ruhe kommt
Seit April 2023 tobt im Sudan ein gewaltsamer Konflikt zwischen den Streitkräften und der paramilitärischen Gruppierung «Rapid Support Forces». «Der brutale Krieg verursacht enormes Leid und hat über elf Millionen Menschen zur Flucht gezwungen», erklärt Jenifa Jopute, Mitarbeiterin von Caritas Schweiz im Südsudan. «Mehr als eine Million von ihnen fanden hier Zuflucht.»
Doch das Land zählt selbst zu den ärmsten der Welt und kann den Schutzsuchenden kaum Stabilität bieten: 95 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Bereits vor der Eskalation im Sudan beherbergte der Südsudan hunderttausende Geflüchtete aus Äthiopien, Uganda, Burundi oder dem Kongo. Jenifa Jopute koordiniert die Zusammenarbeit mit den lokalen Partnern. Die Südsudanesin betont: «Die Kapazitäten der Flüchtlingsunterkünfte sind längst überschritten. Die Versorgungslage hat sich durch die starken Fluchtbewegungen in den letzten zwei Jahren massiv verschärft.» Es herrsche eine weit verbreitete Nahrungsmittelknappheit, auch die Sicherheitslage sei höchst angespannt und volatil.
Leben in einem Lager, das aus allen Nähten platzt
Weil die Camps direkt an der Grenze zum Sudan völlig überfüllt sind, ziehen viele Geflüchtete weiter in den Süden. Doch ihre Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen bleiben auch dort oft unerfüllt. Viele lassen sich im Gorom Camp nahe der Hauptstadt Juba nieder. Das Lager wurde ursprünglich für 2500 Geflüchtete aus Äthiopien errichtet. Heute leben hier beinahe neun Mal so viele Menschen aus Nachbarstaaten auf engstem Raum. Die Versorgung ist eine tägliche Herausforderung, die Infrastruktur längst heillos überlastet. Durch die weltweiten Kürzungen der Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit hat sich die Situation weiter verschärft. Viele Hilfsorganisationen haben ihr Engagement im Gorom Camp aufgegeben. Die Caritas bleibt und kann dank Spenden ihre Hilfe fortführen.
Schutz und Hoffnung für Frauen und Kinder
Neben der medizinischen Grundversorgung bietet das Projekt der Caritas auch Schutzräume für Kinder und Frauen. In den sogenannten «Child Friendly Spaces» finden Kinder Anschluss, können in Ruhe miteinander spielen und Erlebtes gemeinsam mit Fachpersonen verarbeiten. Für die Kleinsten ist das eine wichtige Anlaufstelle, denn viele von ihnen sind durch die Flucht traumatisiert. Für Frauen und Mädchen bietet ein weiterer Schutzraum Rückzugsmöglichkeiten und psychologische Beratung. Die Angebote helfen den Menschen, ein klein wenig Hoffnung zu schöpfen und eine Pause vom sonst so beschwerlichen Alltag im Camp zu erleben.
Auch Mariams Sohn Adil besucht gerne das Spielzentrum. Die Kinder singen gemeinsam, lernen das Alphabet oder können draussen vor dem Gebäude auf der Rutschbahn herumtollen. Doch wegen seines kaputten Arms kann Adil erst wieder mitmachen, wenn die Verletzung am Arm verheilt ist. Darauf freut er sich schon heute.