10 Jahre Seeslorge im Tabubereich
Susanne Andrea Birke ist die aktuelle Stellenleiterin der SiTa.
© Damaris Thalmann

10 Jahre Seeslorge im Tabubereich

Für die Frauen da sein, egal, was sie brauchen

Seit 2016 ist die katholische Kirche mit der Seelsorge im Tabubereich für Sexarbeiterinnen da. Zum Zehn-Jahr-Jubiläum kommen die drei bisherigen Seelsorgerinnen zusammen und werfen, geleitet durch Fragen von SRF-Moderatorin Sandra Schiess, einen Blick zurück.

Seit 2016 gibt es in Basel eine katholis­che Seel­sorge, die dort hin geht, wo die meis­ten Men­schen es wahrschein­lich nicht erwarten wür­den: ins Rotlicht­m­i­lieu. Zunächst war es Anne Burgmer, ab 2018 Brigitte Hor­vath und seit 2023 ist es Susanne Andrea Birke, die zu den Pros­ti­tu­ierten geht, mit ihnen ins Gespräch kommt, ein offenes Ohr für ihre Anliegen und Sor­gen hat, mit ihnen betet, und ihnen zeigt, «dass Gottes Liebe keine Voraus­set­zun­gen hat», wie es Sarah Biot­ti, Lei­t­erin Spezialseel­sorge, for­muliert.

Ein Schritt in unbekanntes Terrain

Wie startet man mit ein­er Seel­sorge in einem Bere­ich, der gesellschaftlich tabuisiert ist? «Net­zw­erke auf­bauen war zu Beginn das Wichtig­ste», erin­nert sich Anne Burgmer, die erste Seel­sorg­erin der Seel­sorge im Tabu­bere­ich (SiTa). Sie ging in Kon­takt mit der Polizei, mit Men­schen aus Freikirchen, die sich schon länger seel­sorg­erisch im Rotlicht­m­i­lieu engagierten und mit Rahab (auf­suchende Sozialar­beit der Heil­sarmee auf dem Strassen­strich, in Bars, Stu­dios und Clubs) und Aliena (Basler Fach­stelle für Frauen im Sexgewerbe).
Brigitte Hor­vath erin­nert sich an ihren ersten Besuch in einem Etab­lisse­ment: «Ich war in dieser neuen Umge­bung verun­sichert, fühlte mich fehl am Platz und merk­te auch, dass wir die Frauen eigentlich vom Arbeit­en abhal­ten. Mit der Zeit geht diese Verun­sicherung aber weg, es wird nor­mal.»

14 Stim­men zur SiTa — Seel­sorge

Eine Audioausstel­lung

Zwei Kli­entin­nen der SiTa erzählen anonymisiert aus ihrem Leben und rah­men damit die Audioausstel­lung. Ihre Geschicht­en zeigen, wie die Seel­sorge im Tabu­bere­ich wirkt und wie eng sie dabei mit anderen Unter­stützungsange­boten in Basel ver­net­zt ist. Ausser­dem kom­men weit­ere Men­schen zu Wort, die mit der SiTa-Seel­­sorge ver­bun­den sind. Rück­fra­gen zu den State­ments richt­en Sie bitte an .

Die Audioausstel­lung kön­nen Sie hier hören.

Zwischen Tür und Angel

Dass sie sich in gewiss­er Weise als Stör­fak­tor wahrnehmen, das klingt bei allen drei SiTa-Seel­sorg­erin­nen an. Deshalb gehen sie auch nicht zu häu­fig zu den sel­ben Frauen, etwa ein- bis zweimal im Monat, wie die aktuelle SiTa-Seel­sorg­erin Susanne Andrea Birke erk­lärt.
Abgewiesen wür­den sie sel­ten, sagt Birke, aber oft wür­den die Frauen die Türen nicht öff­nen. Auch bei den Betreibern der Etab­lisse­ments sei die Störung durch die SiTa oft nicht gewün­scht. «Es gibt aber auch Betreiber, die sagen: Es ist gut, dass es eure Arbeit gibt», so Burgmer. Die SiTa ist daher oft eine Zwis­chen-Tür-und-Angel-Seel­sorge. Doch die drei Seel­sorg­erin­nen sind sich sich­er, dass schon diese Art der Seel­sorge etwas bewirken kann. Ein kurzes Gespräch oder ein Gebet zeigen den Frauen, dass die Kirche ein Inter­esse an ihnen hat. «Das tut schon etwas», sagt Birke und Burgmer ergänzt: «Die Frauen spüren, dass wir sie als Schwest­ern im Glauben sehen.»

Freiwillig im Sexgewerbe?

Eine Frage beschäftigt sowohl Mod­er­a­torin Schiess als auch das Pub­likum: Wie frei­willig machen die Frauen ihre Arbeit?
«Was bedeutet frei­willig? Das ist ein sehr weit­er Begriff» gibt Birke zu bedenken. Sie stellt die Frage, wie frei­willig andere Beruf­s­grup­pen ihrer Arbeit nachge­hen und find­et: «An Sexar­beit wird in diesem Zusam­men­hang ein ander­er Massstab angelegt.» Burgmer sagt, dass frei­willig nicht heisst, dass die Frauen diese Arbeit machen wollen, die Umstände zwin­gen sie dazu.
Die Frauen arbeit­en in diesem Gewerbe, um ihre Fam­i­lien, ihre Kinder und nicht sel­ten auch ihre Enkel in ihren Heimatlän­dern zu ver­sor­gen. «Ich hätte nicht gedacht, dass so viele ältere Frauen unter den Pros­ti­tu­ierten sind», sagt Birke.


Für die Frauen da sein, egal, was sie brauchen - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz

Bei ein­er Aktion kon­nten die Frauen auf­schreiben, was sie sich für ihr Leben wün­schen.
«Das Leben, das ich führe, verän­dern, eine Per­son find­en, die mir helfen kann, und eine andere Arbeit find­en», hat hier eine Frau aufgeschrieben.
© Leonie Wol­len­sack


Verantwortung und Kompetenzgrenzen

Worin sieht die SiTa ihren Auf­trag? Soll sie für die Frauen in ihrer Sit­u­a­tion da sein, oder ihnen helfen, auszusteigen?
Die Antwort ist für Birke klar: «Das wichtig­ste Kri­teri­um für die SiTa ist, was die Frauen selb­st wollen.» Selb­stver­ständlich gebe es Pro­jek­te, die den Frauen einen Ausstieg ermöglichen und wenn die Frauen das wün­schen, dann begleit­et sie die SiTa dabei.
Burgmer erin­nert sich, dass sie sich vor allem am Anfang viel erk­lären musste, auch gegenüber anderen Fach­stellen. Auch sie sagt: «Es geht darum, für die Frauen da zu sein, egal, was sie brauchen.» Die SiTa müsse ihre Ver­ant­wor­tung wahrnehmen, aber auch ihre Kom­pe­ten­z­gren­zen erken­nen, so Burgmer. Für den konkreten Ausstieg gebe es pro­fes­sionelle Fach­stellen.

Was die Frauen bewegt

Die Frauen, die die Seel­sorge annehmen, leben meist prekär, das heisst in ständi­ger wirtschaftlich­er und sozialer Unsicher­heit. The­men, mit denen sie sich an die SiTa wen­den sind ihre Gesund­heit, die Sorge um ihre Fam­i­lien­ange­höri­gen, Ein­samkeit, aber auch der Glaube. Er ist für die Frauen oft ein selb­stver­ständlich­er Teil ihres Lebens, so Birke. Sie erin­nert sich, wie sie ein­er Frau ein kleines Bild der schwarzen Madon­na von Ein­siedeln gab und diese Frau sie daraufhin seg­nete.
Beson­ders wichtig in der SiTa: Die Frauen dür­fen die Beziehung gestal­ten. Sie kön­nen entschei­den, ob sie die Seel­sorg­erin wegschick­en möcht­en; eine Entschei­dungs­macht, die sie bei den Freiern nicht haben. «Das hil­ft, eine Beziehung aufzubauen und auf Augen­höhe zu führen», sagt Brug­mer.

Im Gespräch mit den Freiern

Seit 2024 geht Birke gemein­sam mit einem Mann auch auf die Freier zu, um mit ihnen ins Gespräch zu kom­men. Am Anfang wür­den oft erst­mal dumme Sprüche gek­lopft. Wenn sie sich auf das Gespräch ein­liessen, wür­den sie aber auch über Ein­samkeit oder Stress und Druck, etwa bei der Arbeit, sprechen, sagt Birke. Burgmer und Hor­vath find­en es gut, dass die SiTa nun auch mit den Freiern ins Gespräch geht. Hor­vath erin­nert sich: «Wenn wir damals Freiern begeg­neten, rede­ten sie sich oft raus: ‹Ich bin nur hier, weil mein Kumpel der Barbe­sitzer ist, ich trinke hier nur ein Bier.› Sie woll­ten nicht gese­hen wer­den.»

Prostitution beenden?

Aus dem Pub­likum kommt die Frage, was es braucht, damit Frauen nicht länger als Ware betra­chtet wer­den. Burgmer sieht keinen ein­fachen oder ein­deuti­gen Weg, diese Real­ität zu verän­dern. Eine Krim­i­nal­isierung von Kauf oder Verkauf, wie sie teil­weise gefordert wird, führe ihrer Ein­schätzung nach nicht automa­tisch zu ein­er Verbesserung, son­dern dro­he, die Pros­ti­tu­tion weit­er ins Ver­bor­gene zu drän­gen. Stattdessen brauche es bessere Lebens­be­din­gun­gen in den Herkun­ft­slän­dern der Frauen.
Birke betont, dass die Leben­sre­al­itäten von Frauen im Sexgewerbe nicht über einen Kamm geschoren wer­den kön­nen. Es gebe ein Spek­trum unter­schiedlich­er Erfahrun­gen, und nicht alle Frauen, die in diesem Bere­ich arbeit­eten, seien unglück­lich. Als Lösung, die wohl nie erre­icht wird, sieht sie nur eine Welt frei Armut und Gewalt.

SiTa braucht es weil…

Anne Burgmer: …wir Men­schen men­schlich behan­deln soll­ten.

Brigitte Hor­vath: … wir als kirch­lich­es Ange­bot damit ein Zeichen set­zen.

Susanne Andrea Birke: … Seel­sorge zweck­frei ist und wir ein­fach für die Frauen da sind.

Leonie Wollensack
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