Hunger an der Wurzel packen
Ein Beispiel dafür, wie Partner/innen von Fastenaktion zunehmend unabhängig werden, ist ein Projekt im Senegal. Dort unterstützt Fastenaktion Frauennetzwerke dabei, Frauen aus der Schuldenfalle zu helfen.
© Fastenaktion

Hunger an der Wurzel packen

Weg von Almosen, hin zu echter Entwick­lungszusam­me­nar­beit – mit diesem Ziel wurde das dama­lige Fas­tenopfer gegrün­det. Doch funk­tion­iert das über­haupt, wenn eine Seite viel mehr Geld hat, und wer entschei­det, was die Men­schen vor Ort brauchen?

Worin sieht Fastenaktion ihre Aufgabe?

Bernd Nilles: Unser Schw­er­punkt ist der Kampf gegen Hunger weltweit und für das Recht auf Nahrung für alle Men­schen. Es ist ein Skan­dal, dass in ein­er Welt mit so viel Reich­tum noch immer hun­derte Mil­lio­nen Men­schen hungern. Unsere Part­neror­gan­i­sa­tio­nen in Afri­ka, Asien und Lateinameri­ka arbeit­en gemein­sam mit uns daran, diese Missstände zu beseit­i­gen.
Ausser­dem möcht­en wir die Schweiz­er Bevölkerung für die Hin­ter­gründe des Hungers sen­si­bil­isieren und Zusam­men­hänge aufzeigen – dass etwa eine Ver­schär­fung der Kli­makrise zu noch mehr hungern­den Men­schen führt.
Uns ist es zudem wichtig, auch die rechtlichen und poli­tis­chen Rah­menbe­din­gun­gen zu verän­dern, damit Men­schen nicht mehr hungern und in Würde leben kön­nen.

Was ist der Unterschied zwischen Entwicklungshilfe und Entwicklungszusammenarbeit, und wie zeigt sich das konkret?

Das Wort Zusam­me­nar­beit bedeutet: Wir bewe­gen uns nicht mehr auf der Ein­bahn­strasse des «ich helfe dir», son­dern wir arbeit­en gemein­sam daran, die Armut zu über­winden. Das ist ein gross­es Anliegen von Fas­te­nak­tion. Wir ver­anstal­ten Work­shops und Fach­ta­gun­gen, bei denen wir uns die Frage stellen: Wie kön­nen wir es schaf­fen, dass die Zusam­me­nar­beit wirk­lich auf Augen­höhe geschieht und dass die Lösun­gen lokal getra­gen wer­den durch das Knowhow, das vor Ort vorhan­den ist? Wir set­zen gezielt auf Graswurzel­be­we­gun­gen und stärken die Inno­va­tio­nen und Lösungsan­sätze der lokalen Gemein­schaften und Zivilge­sellschaft.

Wie kann Entwicklungszusammenarbeit funktionieren, wenn die einen über deutlich mehr Ressourcen und Einfluss verfügen als die anderen?

Das bedarf gross­er Anstren­gung und beson­der­er Sen­si­bil­ität aller Mitar­bei­t­en­den. Wir bilden uns zu dieser The­matik stetig weit­er und haben in unserem Leit­bild fest­ge­hal­ten, wie wir mit unseren Part­nern auf Augen­höhe zusam­me­nar­beit­en wollen. Wenn wir bei Fas­te­nak­tion zum Beispiel in Nepal agrarökol­o­gis­che Meth­o­d­en stärken, dank der­er der Hunger zurück­ge­ht, dann kom­men dabei viele Pro­jek­tan­sätze von den Part­nern vor Ort, ergänzt durch Erfahrun­gen von uns. Wir ver­net­zen uns und arbeit­en wirk­lich als Team.
Darüber hin­aus geht Fas­te­nak­tion gemein­sam mit den Part­nern die struk­turellen Fak­toren an. Denn oft sind sie die Ursache von Armut, etwa, wenn Grosskonz­erne die Men­schen von ihrem Land vertreiben. Wir unter­stützen dann beispiel­weise Anwältin­nen und Anwälte dabei, das Land der Men­schen zu vertei­di­gen. Oder Part­neror­gan­i­sa­tio­nen gehen gemein­sam mit uns zur UNO, bericht­en dort von den Men­schen­rechtsver­let­zun­gen und fordern eine Verurteilung und Lösun­gen. Am Weltk­limagipfel in Brasilien sind wir gemein­sam mit Part­neror­gan­i­sa­tio­nen aus Län­dern aufge­treten, die beson­ders unter der Kli­maer­wär­mung lei­den. Zusam­men haben wir uns gegenüber Entschei­dungsträgerin­nen und Entschei­dungsträgern für mehr Kli­maschutz und den Schutz benachteiligter Bevölkerungs­grup­pen einge­set­zt. Das ist wirk­liche Zusam­me­nar­beit. Wir befra­gen unsere Part­ner zudem jährlich zum The­ma Macht­ge­fälle. Dabei wird uns attestiert, dass wir zwar in Bud­get­fra­gen mehr Ein­fluss haben, sie aber viel selb­st entschei­den kön­nen.

Viele Länder des Globalen Südens erfahren bis heute strukturelle Benachteiligung in der globalen Wirtschaftsordnung, weil sie nicht gleichberechtigt einbezogen werden. Kann Entwicklungszusammenarbeit überhaupt nachhaltig wirken, wenn sich an den grundlegenden politischen und wirtschaftlichen Strukturen nichts verändert?

Das darf man auf keinen Fall unter­schätzen. Die Indus­trielän­der, auch die Schweiz, haben Inter­essen und bee­in­flussen die Län­der des Südens dadurch stark. Nehmen wir Zölle: Mit ihnen stellt die Schweiz sich­er, dass die Ver­ar­beitung von Rohstof­fen – etwa Kakaobohnen zu Schoko­lade – hierzu­lande stat­tfind­et und nicht in den Län­dern, aus denen die Rohstoffe stam­men. Wir importieren sie mit niedri­gen Zöllen in die Schweiz, während wir den Import bere­its ver­ar­beit­eter Pro­duk­te, durch hohe Zölle unterbinden. Das ver­hin­dert, dass in diesen Län­dern gut bezahlte Arbeit­splätze entste­hen. Solche unfairen Prak­tiken muss man ansprechen, wenn man will, dass Men­schen nach­haltig aus der Armut her­auskom­men. Das gilt auch für die Steuer­poli­tik: Wenn Unternehmen aus ärmeren Län­dern ihren Sitz in einen steuergün­sti­gen Schweiz­er Kan­ton ver­legen und ihre Steuern hier statt in ihrem Herkun­ft­s­land bezahlen, fehlen dort wichtige Ein­nah­men. Das hat direk­te Fol­gen für die Finanzierung von Bil­dung und Gesund­heit.
Damit sich etwas ändert, braucht es sowohl das Unmit­tel­bare als auch das Mit­tel- und Langfristige. Wir kön­nen den Men­schen, die ger­ade von einem schweiz­erischen Berg­baukonz­ern von ihrem Land ver­trieben wur­den, nicht sagen: «Wir küm­mern uns mit der Konz­ern­ver­ant­wor­tungsini­tia­tive um ein neues Gesetz und melden uns dann in 20 Jahren wieder.» Die Men­schen brauchen jet­zt eine Anwältin, Zugang zu Land oder tra­di­tionellem Saatgut. Und gle­ichzeit­ig bleiben wir dran, poli­tis­che Refor­men voranzutreiben, die die Prob­leme an der Wurzel pack­en. Deshalb engagieren sich Mitar­bei­t­ende bei Fas­te­nak­tion auf ver­schiede­nen Ebe­nen: in Bern gegenüber Bun­desrat und Par­la­ment, bei der UNO in Genf, an Weltk­limagipfeln und im Dia­log mit Unternehmen.
Es ist wichtig, Nothil­fe und Ursachen­bekämp­fung nicht gegeneinan­der auszus­pie­len. Es ist kein Entwed­er-oder. Es braucht bei­des.

Wird dieser Anspruch ausreichend kommuniziert oder wird Fastenaktion nach wie vor eher mit punktueller Hilfe verbunden, während die langfristige und strukturelle Arbeit weniger wahrgenommen wird?

Wir wis­sen, dass zweit­eres vie­len Men­schen nicht so bekan­nt ist, aber wir arbeit­en daran, das zu ändern. Wir organ­isieren beispiel­weise jedes Jahr in ver­schiede­nen Regio­nen Grosspender/innenanlässe, an denen wir unsere Arbeit präsen­tieren, auch unsere poli­tis­che Arbeit. Ausser­dem gibt es eben­falls jährlich eine Kon­ferenz, wo wir zusam­menkom­men, um zu debat­tieren, welche Ini­tia­tiv­en und poli­tis­chen Verän­derun­gen es braucht. Wir tun viel, um den Men­schen aufzuzeigen, dass man mit Fas­te­nak­tion bei­des bekommt: die unmit­tel­bare Arbeit, wie auch die Adressierung der struk­turellen Ursachen. Es ist ein langer Weg, diese Anliegen stärk­er ins Bewusst­sein zu rück­en. Wir ver­suchen deshalb, möglichst trans­par­ent und ehrlich darüber zu kom­mu­nizieren.

Wollen die Menschen diese strukturelle Veränderung überhaupt? Oder besteht eher die Bereitschaft, etwas abzugeben, solange die eigenen Lebensverhältnisse und der eigene Wohlstand nicht infrage gestellt werden?

Diese Frage kann man nicht für alle gle­ich beant­worten. Von unseren Spenderin­nen und Spendern bekom­men wir viel Wertschätzung dafür, dass wir auch unbe­queme Fra­gen ansprechen. Ich würde sagen, die meis­ten erwarten von uns nicht ein­fach kurzfristige Hil­fe, son­dern dass wir Prob­leme nach­haltig und an ihrer Wurzel ange­hen. Natür­lich gibt es auch Kri­tik, etwa wenn wir uns zur Konz­ern­ver­ant­wor­tung oder zur Kli­makrise äussern oder einen gerin­geren Fleis­chkon­sum anre­gen. Aber ger­ade diese Auseinan­der­set­zun­gen kön­nen etwas bewirken. Ich habe erlebt, dass Spenderin­nen und Spender zunächst verärg­ert angerufen haben, nach einem per­sön­lichen Tele­fonat unsere Hal­tung jedoch bess­er ver­standen und uns danach sog­ar stärk­er unter­stützt haben. Wir sind offen für den Dia­log, auch wenn unsere Posi­tio­nen nicht immer auf Zus­tim­mung stossen.

Besteht die Gefahr, dass Unterstützung in Bevormundung kippen könnte?

Diese Gefahr beste­ht immer, ger­ade bei einem finanziellen Abhängigkeitsver­hält­nis. Und sie kann auch unbe­wusst entste­hen, ohne dass eine böse Absicht dahin­ter­steckt. Wir ver­suchen deshalb, dies durch interne Mech­a­nis­men zu ver­hin­dern, etwa durch das Vier-Augen-Prinzip, das Konzept der lokal getra­ge­nen Entwick­lung sowie Mon­i­tor­ing und Eval­u­a­tio­nen. Zudem haben wir in allen Län­dern lokale Fach­leute als Koor­di­na­torin­nen und Koor­di­na­toren, die das Land, die Prob­leme und Lösungsmöglichkeit­en sowie die Zivilge­sellschaft gut ken­nen. Sie begleit­en unsere Pro­jek­te und über­prüfen, ob sie vor Ort ver­ankert und tat­säch­lich gewollt sind. So helfen sie uns auch, eigene Schweiz­er oder europäis­che Vorstel­lun­gen zu hin­ter­fra­gen und zu über­winden.

Die Menschen entscheiden also selbst, was sie brauchen?

Genau. Allerd­ings gibt es natür­lich Erwartun­gen seit­ens der Spenderin­nen und Spender, der Stiftun­gen oder der Direk­tion für Entwick­lung und Zusam­me­nar­beit (DEZA), die unsere Arbeit unter­stützen. Zum Beispiel Trans­paren­zregeln, saubere Finanzbuch­führung oder eine Berichter­stat­tung über die Pro­jek­te. Es gibt Spiel­regeln, die einge­hal­ten wer­den müssen. Inner­halb dieser Rah­menbe­din­gun­gen aber ori­en­tieren wir uns stark daran, was vor Ort gebraucht wird und was die Part­ner pri­or­isieren, denn nur so sind die Pro­jek­te wirk­lich nach­haltig. Wir sprechen dabei von Autonomisierung, das heisst, unsere Part­ner und die unter­stützten Gemein­schaften sollen nach dieser Zusam­me­nar­beit­sphase dann in eine Phase kom­men, in der sie alleine weit­erge­hen. Ein schönes Beispiel dafür ist ein Pro­jekt im Sene­gal. Dort haben wir Frauen­net­zw­erke dabei unter­stützt, dass ihre Mit­glieder der Schulden­falle entkom­men. Sie haben Spar­grup­pen gegrün­det, in denen sie gemein­sam sparen und dadurch zinslose Kred­ite bekom­men kön­nen, um sich nicht mehr ver­schulden zu müssen. Inzwis­chen gibt es rund 2700 solch­er Grup­pen mit etwa 86 000 Mit­gliedern. Die Bewe­gung wächst nun sog­ar von sich aus weit­er und erre­icht mit­tler­weile über 860 000 Men­schen, die bei ein­er schlecht­en Ernte, ein­er Krankheit oder für Schul­geld auf die gemein­samen Erspar­nisse zurück­greifen kön­nen.

Wie hat sich die Schweizer Entwicklungspolitik in den vergangenen Jahren verändert, und was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Fas­te­nak­tion und vor allem unsere Part­neror­gan­i­sa­tio­nen lei­den darunter, dass Bun­desrat und Par­la­ment die Mit­tel für die Entwick­lungszusam­me­nar­beit kürzen. Auch den Plan der Regierung, stärk­er auf Nothil­fe zu set­zen und dafür die langfristige präven­tive Zusam­me­nar­beit zu reduzieren, sehen wir kri­tisch. Salopp gesagt: Es ist kon­trapro­duk­tiv, den Brand­schutz zu ver­ringern und dafür mehr Feuer­wehr ein­set­zen zu müssen. Ger­ade Nothil­fe funk­tion­iert vor allem dann gut, wenn man langfristig vor Ort präsent ist, die Sit­u­a­tion ken­nt und ver­lässliche Part­neror­gan­i­sa­tio­nen hat. Kürzun­gen bei der langfristi­gen Entwick­lungszusam­me­nar­beit haben ganz konkrete Auswirkun­gen auf die Arbeit vor Ort. Ins­ge­samt erre­ichen wir in den Län­dern, in denen wir arbeit­en, jedes Jahr rund 2,5 Mil­lio­nen Men­schen und tra­gen dazu bei, ihre Lebenssi­t­u­a­tion zu verbessern. Für ein mit­tel­gross­es Schweiz­er Hil­f­swerk mit unserem Bud­get ist das eine beachtliche Reich­weite. Und es zeigt, was aus langfristiger Zusam­me­nar­beit entste­hen kann. Das kleine Fas­ten­säck­li ist gröss­er, als man auf den ersten Blick denkt.

Zur Per­son

Bernd Nilles ist seit April 2017 Geschäft­sleit­er von Fas­te­nak­tion. Ursprünglich kommt er aus Krefeld in Deutsch­land. Nilles engagierte sich bere­its in jun­gen Jahren in der katholis­chen Jugen­dar­beit. Über einen Part­ner­schaft­saus­tausch mit Kolumbi­en kam er in den 1990er-Jahren mit Men­schen­rechts­fra­gen in Berührung. Er studierte Poli­tik­wis­senschaften und Sozial­wis­senschaften und begann danach seine beru­fliche Lauf­bahn beim katholis­chen Hil­f­swerk Mis­ere­or in Deutsch­land, wo er sich mit Ernährungssicher­heit, Men­schen­recht­en und Schulden­er­lass für arme Län­der befasste. Später arbeit­ete Nilles für die Lan­desregierung Nor­­drhein-West­­­falens im Bere­ich Entwick­lungszusam­me­nar­beit und Nach­haltigkeit. Anschliessend leit­ete er während neun Jahren in Brüs­sel den inter­na­tionalen Dachver­band der katholis­chen Hil­f­swerke, CIDSE. Dort war er unter anderem auf Ebene der UNO und der Europäis­chen Union zu Fra­gen glob­aler Gerechtigkeit und des Kli­mas tätig. In dieser Funk­tion lernte er auch Mitar­bei­t­ende des Schweiz­er Hil­f­swerks Fas­te­nak­tion ken­nen. Als 2016 die Leitung von Fas­te­nak­tion aus­geschrieben wurde, bewarb er sich und über­nahm im April 2017 die Geschäft­sleitung.

Hunger an der Wurzel packen - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz
© Fas­te­nak­tion

Über Fas­te­nak­tion

Die Idee für das dama­lige Fas­tenopfer ent­stand Ende der 1950er-Jahre aus der Jung­wacht-Blau­r­ing-Bewe­­gung her­aus. Aus­lös­er war die grosse Armut in Asien. Zunächst stand die unmit­tel­bare Hil­fe für Men­schen in Not im Vorder­grund. In den 1960er-Jahren entwick­elte sich daraus zunehmend ein pro­fes­sioneller Ansatz der langfristi­gen Entwick­lungszusam­me­nar­beit. Weit­ere Impulse dafür kamen aus dem kirch­lichen Umfeld und vom Zweit­en Vatikanis­chen Konzil, das die weltweite Ver­ant­wor­tung der Kirche und ihre Ver­bun­den­heit mit den Men­schen in allen Teilen der Welt betonte.

Leonie Wollensack
mehr zum Autor
nach
soben