
© Fastenaktion
Hunger an der Wurzel packen
Weg von Almosen, hin zu echter Entwicklungszusammenarbeit – mit diesem Ziel wurde das damalige Fastenopfer gegründet. Doch funktioniert das überhaupt, wenn eine Seite viel mehr Geld hat, und wer entscheidet, was die Menschen vor Ort brauchen?
Worin sieht Fastenaktion ihre Aufgabe?
Bernd Nilles: Unser Schwerpunkt ist der Kampf gegen Hunger weltweit und für das Recht auf Nahrung für alle Menschen. Es ist ein Skandal, dass in einer Welt mit so viel Reichtum noch immer hunderte Millionen Menschen hungern. Unsere Partnerorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika arbeiten gemeinsam mit uns daran, diese Missstände zu beseitigen.
Ausserdem möchten wir die Schweizer Bevölkerung für die Hintergründe des Hungers sensibilisieren und Zusammenhänge aufzeigen – dass etwa eine Verschärfung der Klimakrise zu noch mehr hungernden Menschen führt.
Uns ist es zudem wichtig, auch die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen zu verändern, damit Menschen nicht mehr hungern und in Würde leben können.
Was ist der Unterschied zwischen Entwicklungshilfe und Entwicklungszusammenarbeit, und wie zeigt sich das konkret?
Das Wort Zusammenarbeit bedeutet: Wir bewegen uns nicht mehr auf der Einbahnstrasse des «ich helfe dir», sondern wir arbeiten gemeinsam daran, die Armut zu überwinden. Das ist ein grosses Anliegen von Fastenaktion. Wir veranstalten Workshops und Fachtagungen, bei denen wir uns die Frage stellen: Wie können wir es schaffen, dass die Zusammenarbeit wirklich auf Augenhöhe geschieht und dass die Lösungen lokal getragen werden durch das Knowhow, das vor Ort vorhanden ist? Wir setzen gezielt auf Graswurzelbewegungen und stärken die Innovationen und Lösungsansätze der lokalen Gemeinschaften und Zivilgesellschaft.
Wie kann Entwicklungszusammenarbeit funktionieren, wenn die einen über deutlich mehr Ressourcen und Einfluss verfügen als die anderen?
Das bedarf grosser Anstrengung und besonderer Sensibilität aller Mitarbeitenden. Wir bilden uns zu dieser Thematik stetig weiter und haben in unserem Leitbild festgehalten, wie wir mit unseren Partnern auf Augenhöhe zusammenarbeiten wollen. Wenn wir bei Fastenaktion zum Beispiel in Nepal agrarökologische Methoden stärken, dank derer der Hunger zurückgeht, dann kommen dabei viele Projektansätze von den Partnern vor Ort, ergänzt durch Erfahrungen von uns. Wir vernetzen uns und arbeiten wirklich als Team.
Darüber hinaus geht Fastenaktion gemeinsam mit den Partnern die strukturellen Faktoren an. Denn oft sind sie die Ursache von Armut, etwa, wenn Grosskonzerne die Menschen von ihrem Land vertreiben. Wir unterstützen dann beispielweise Anwältinnen und Anwälte dabei, das Land der Menschen zu verteidigen. Oder Partnerorganisationen gehen gemeinsam mit uns zur UNO, berichten dort von den Menschenrechtsverletzungen und fordern eine Verurteilung und Lösungen. Am Weltklimagipfel in Brasilien sind wir gemeinsam mit Partnerorganisationen aus Ländern aufgetreten, die besonders unter der Klimaerwärmung leiden. Zusammen haben wir uns gegenüber Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern für mehr Klimaschutz und den Schutz benachteiligter Bevölkerungsgruppen eingesetzt. Das ist wirkliche Zusammenarbeit. Wir befragen unsere Partner zudem jährlich zum Thema Machtgefälle. Dabei wird uns attestiert, dass wir zwar in Budgetfragen mehr Einfluss haben, sie aber viel selbst entscheiden können.
Viele Länder des Globalen Südens erfahren bis heute strukturelle Benachteiligung in der globalen Wirtschaftsordnung, weil sie nicht gleichberechtigt einbezogen werden. Kann Entwicklungszusammenarbeit überhaupt nachhaltig wirken, wenn sich an den grundlegenden politischen und wirtschaftlichen Strukturen nichts verändert?
Das darf man auf keinen Fall unterschätzen. Die Industrieländer, auch die Schweiz, haben Interessen und beeinflussen die Länder des Südens dadurch stark. Nehmen wir Zölle: Mit ihnen stellt die Schweiz sicher, dass die Verarbeitung von Rohstoffen – etwa Kakaobohnen zu Schokolade – hierzulande stattfindet und nicht in den Ländern, aus denen die Rohstoffe stammen. Wir importieren sie mit niedrigen Zöllen in die Schweiz, während wir den Import bereits verarbeiteter Produkte, durch hohe Zölle unterbinden. Das verhindert, dass in diesen Ländern gut bezahlte Arbeitsplätze entstehen. Solche unfairen Praktiken muss man ansprechen, wenn man will, dass Menschen nachhaltig aus der Armut herauskommen. Das gilt auch für die Steuerpolitik: Wenn Unternehmen aus ärmeren Ländern ihren Sitz in einen steuergünstigen Schweizer Kanton verlegen und ihre Steuern hier statt in ihrem Herkunftsland bezahlen, fehlen dort wichtige Einnahmen. Das hat direkte Folgen für die Finanzierung von Bildung und Gesundheit.
Damit sich etwas ändert, braucht es sowohl das Unmittelbare als auch das Mittel- und Langfristige. Wir können den Menschen, die gerade von einem schweizerischen Bergbaukonzern von ihrem Land vertrieben wurden, nicht sagen: «Wir kümmern uns mit der Konzernverantwortungsinitiative um ein neues Gesetz und melden uns dann in 20 Jahren wieder.» Die Menschen brauchen jetzt eine Anwältin, Zugang zu Land oder traditionellem Saatgut. Und gleichzeitig bleiben wir dran, politische Reformen voranzutreiben, die die Probleme an der Wurzel packen. Deshalb engagieren sich Mitarbeitende bei Fastenaktion auf verschiedenen Ebenen: in Bern gegenüber Bundesrat und Parlament, bei der UNO in Genf, an Weltklimagipfeln und im Dialog mit Unternehmen.
Es ist wichtig, Nothilfe und Ursachenbekämpfung nicht gegeneinander auszuspielen. Es ist kein Entweder-oder. Es braucht beides.
Wird dieser Anspruch ausreichend kommuniziert oder wird Fastenaktion nach wie vor eher mit punktueller Hilfe verbunden, während die langfristige und strukturelle Arbeit weniger wahrgenommen wird?
Wir wissen, dass zweiteres vielen Menschen nicht so bekannt ist, aber wir arbeiten daran, das zu ändern. Wir organisieren beispielweise jedes Jahr in verschiedenen Regionen Grosspender/innenanlässe, an denen wir unsere Arbeit präsentieren, auch unsere politische Arbeit. Ausserdem gibt es ebenfalls jährlich eine Konferenz, wo wir zusammenkommen, um zu debattieren, welche Initiativen und politischen Veränderungen es braucht. Wir tun viel, um den Menschen aufzuzeigen, dass man mit Fastenaktion beides bekommt: die unmittelbare Arbeit, wie auch die Adressierung der strukturellen Ursachen. Es ist ein langer Weg, diese Anliegen stärker ins Bewusstsein zu rücken. Wir versuchen deshalb, möglichst transparent und ehrlich darüber zu kommunizieren.
Wollen die Menschen diese strukturelle Veränderung überhaupt? Oder besteht eher die Bereitschaft, etwas abzugeben, solange die eigenen Lebensverhältnisse und der eigene Wohlstand nicht infrage gestellt werden?
Diese Frage kann man nicht für alle gleich beantworten. Von unseren Spenderinnen und Spendern bekommen wir viel Wertschätzung dafür, dass wir auch unbequeme Fragen ansprechen. Ich würde sagen, die meisten erwarten von uns nicht einfach kurzfristige Hilfe, sondern dass wir Probleme nachhaltig und an ihrer Wurzel angehen. Natürlich gibt es auch Kritik, etwa wenn wir uns zur Konzernverantwortung oder zur Klimakrise äussern oder einen geringeren Fleischkonsum anregen. Aber gerade diese Auseinandersetzungen können etwas bewirken. Ich habe erlebt, dass Spenderinnen und Spender zunächst verärgert angerufen haben, nach einem persönlichen Telefonat unsere Haltung jedoch besser verstanden und uns danach sogar stärker unterstützt haben. Wir sind offen für den Dialog, auch wenn unsere Positionen nicht immer auf Zustimmung stossen.
Besteht die Gefahr, dass Unterstützung in Bevormundung kippen könnte?
Diese Gefahr besteht immer, gerade bei einem finanziellen Abhängigkeitsverhältnis. Und sie kann auch unbewusst entstehen, ohne dass eine böse Absicht dahintersteckt. Wir versuchen deshalb, dies durch interne Mechanismen zu verhindern, etwa durch das Vier-Augen-Prinzip, das Konzept der lokal getragenen Entwicklung sowie Monitoring und Evaluationen. Zudem haben wir in allen Ländern lokale Fachleute als Koordinatorinnen und Koordinatoren, die das Land, die Probleme und Lösungsmöglichkeiten sowie die Zivilgesellschaft gut kennen. Sie begleiten unsere Projekte und überprüfen, ob sie vor Ort verankert und tatsächlich gewollt sind. So helfen sie uns auch, eigene Schweizer oder europäische Vorstellungen zu hinterfragen und zu überwinden.
Die Menschen entscheiden also selbst, was sie brauchen?
Genau. Allerdings gibt es natürlich Erwartungen seitens der Spenderinnen und Spender, der Stiftungen oder der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), die unsere Arbeit unterstützen. Zum Beispiel Transparenzregeln, saubere Finanzbuchführung oder eine Berichterstattung über die Projekte. Es gibt Spielregeln, die eingehalten werden müssen. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen aber orientieren wir uns stark daran, was vor Ort gebraucht wird und was die Partner priorisieren, denn nur so sind die Projekte wirklich nachhaltig. Wir sprechen dabei von Autonomisierung, das heisst, unsere Partner und die unterstützten Gemeinschaften sollen nach dieser Zusammenarbeitsphase dann in eine Phase kommen, in der sie alleine weitergehen. Ein schönes Beispiel dafür ist ein Projekt im Senegal. Dort haben wir Frauennetzwerke dabei unterstützt, dass ihre Mitglieder der Schuldenfalle entkommen. Sie haben Spargruppen gegründet, in denen sie gemeinsam sparen und dadurch zinslose Kredite bekommen können, um sich nicht mehr verschulden zu müssen. Inzwischen gibt es rund 2700 solcher Gruppen mit etwa 86 000 Mitgliedern. Die Bewegung wächst nun sogar von sich aus weiter und erreicht mittlerweile über 860 000 Menschen, die bei einer schlechten Ernte, einer Krankheit oder für Schulgeld auf die gemeinsamen Ersparnisse zurückgreifen können.
Wie hat sich die Schweizer Entwicklungspolitik in den vergangenen Jahren verändert, und was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Fastenaktion und vor allem unsere Partnerorganisationen leiden darunter, dass Bundesrat und Parlament die Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit kürzen. Auch den Plan der Regierung, stärker auf Nothilfe zu setzen und dafür die langfristige präventive Zusammenarbeit zu reduzieren, sehen wir kritisch. Salopp gesagt: Es ist kontraproduktiv, den Brandschutz zu verringern und dafür mehr Feuerwehr einsetzen zu müssen. Gerade Nothilfe funktioniert vor allem dann gut, wenn man langfristig vor Ort präsent ist, die Situation kennt und verlässliche Partnerorganisationen hat. Kürzungen bei der langfristigen Entwicklungszusammenarbeit haben ganz konkrete Auswirkungen auf die Arbeit vor Ort. Insgesamt erreichen wir in den Ländern, in denen wir arbeiten, jedes Jahr rund 2,5 Millionen Menschen und tragen dazu bei, ihre Lebenssituation zu verbessern. Für ein mittelgrosses Schweizer Hilfswerk mit unserem Budget ist das eine beachtliche Reichweite. Und es zeigt, was aus langfristiger Zusammenarbeit entstehen kann. Das kleine Fastensäckli ist grösser, als man auf den ersten Blick denkt.
Zur Person
Bernd Nilles ist seit April 2017 Geschäftsleiter von Fastenaktion. Ursprünglich kommt er aus Krefeld in Deutschland. Nilles engagierte sich bereits in jungen Jahren in der katholischen Jugendarbeit. Über einen Partnerschaftsaustausch mit Kolumbien kam er in den 1990er-Jahren mit Menschenrechtsfragen in Berührung. Er studierte Politikwissenschaften und Sozialwissenschaften und begann danach seine berufliche Laufbahn beim katholischen Hilfswerk Misereor in Deutschland, wo er sich mit Ernährungssicherheit, Menschenrechten und Schuldenerlass für arme Länder befasste. Später arbeitete Nilles für die Landesregierung Nordrhein-Westfalens im Bereich Entwicklungszusammenarbeit und Nachhaltigkeit. Anschliessend leitete er während neun Jahren in Brüssel den internationalen Dachverband der katholischen Hilfswerke, CIDSE. Dort war er unter anderem auf Ebene der UNO und der Europäischen Union zu Fragen globaler Gerechtigkeit und des Klimas tätig. In dieser Funktion lernte er auch Mitarbeitende des Schweizer Hilfswerks Fastenaktion kennen. Als 2016 die Leitung von Fastenaktion ausgeschrieben wurde, bewarb er sich und übernahm im April 2017 die Geschäftsleitung.

Über Fastenaktion
Die Idee für das damalige Fastenopfer entstand Ende der 1950er-Jahre aus der Jungwacht-Blauring-Bewegung heraus. Auslöser war die grosse Armut in Asien. Zunächst stand die unmittelbare Hilfe für Menschen in Not im Vordergrund. In den 1960er-Jahren entwickelte sich daraus zunehmend ein professioneller Ansatz der langfristigen Entwicklungszusammenarbeit. Weitere Impulse dafür kamen aus dem kirchlichen Umfeld und vom Zweiten Vatikanischen Konzil, das die weltweite Verantwortung der Kirche und ihre Verbundenheit mit den Menschen in allen Teilen der Welt betonte.