
Bild: © ProSpecieRara / Beat Brechbühl & Franca Pedrazzetti
Alte Sorten erhalten, Zukunft sichern
Weiterentwicklung und Verkauf von Saatgut sichern Leben, doch dieses Recht ist bedroht. Damit befasst sich die Ökumenische Fastenkampagne. Auch in der Schweiz nimmt die Sortenvielfalt ab. Warum lohnt es sich, sogenannte «alte Sorten» zu erhalten und was wird hierzulande dafür getan?
Eine schwindende Sortenvielfalt ist nicht nur ein Problem im Globalen Süden. Auch in der Schweiz verschwinden die sogenannten «alten Sorten». ProSpecieRara setzt sich dafür ein, die Arten- und Sortenvielfalt zu erhalten. Über die Motivation dahinter sagt Philipp Holzherr, Co-Bereichsleiter Pflanzen: «Es geht dabei vor allem um Resilienz. Je mehr verschiedene Arten und Sorten ein Ökosystem hat, desto besser kann es auf Veränderungen reagieren. Es ist widerstandsfähig gegen allerlei Einflüsse, zum Beispiel den Klimawandel.» Indem die Menschen in der Landwirtschaft und die Züchterinnen ihre Äcker, Obstwiesen und Gärten mit vielen verschiedenen Sorten bepflanzen, können sie die Genvielfalt erhalten und so aktiv zur Resilienz gegen verschiedene Witterungsereignisse beitragen.
Doch wie kommt es überhaupt, dass inzwischen einige wenige Sorten dominieren? Dabei stand und steht unter anderem der Ertrag im Vordergrund. Holzherr erklärt: «Es gibt immer auch gute Gründe dafür, dass seltene Sorten nicht mehr verbreitet genutzt werden», doch er fügt an, «aber die Sortenvielfalt sorgt insgesamt für eine bessere Absicherung gegen Extremereignisse, weil in der Vielfalt immer Sorten dabei sind, die mit der aktuellen Situation besser klarkommen. Welche Sorten geeignet sind, kann sich dabei von Jahr zu Jahr ändern, je nachdem, welche Herausforderungen kommen.»
Pflanzen sind auch Tradition
Doch es geht nicht allein um das Ökosystem und seine Widerstandsfähigkeit. «Bei ProSpecieRara legen wir ausserdem grossen Wert darauf, dass die kulturhistorischen Hintergründe der Sorten bewahrt werden», erklärt Holzherr. Im Jahr 2025 tat sich die Stiftung zum Beispiel mit Christian Trojahn, dem Züchtersohn der Tomatensorte ‹Berner Rose› zusammen, um herauszufinden, wie das Original geschmeckt hat. Denn die heute erhaltenen Varianten weichen teilweise vom Geschmack der ursprünglichen Version ab.
«Mit dem Verschwinden einer Sorte enden auch damit verbundene Traditionen, das Wissen um die Nutzung der Sorte oder spezielle Rezepte», gibt Holzherr zu bedenken. Dieses Wissen sei auch nicht leicht wieder herzustellen. Selbst wenn alte Sorten nach Jahren wieder gezüchtet würden, wüssten die Produzenten oft nicht mehr, wie sie mit bestimmten Eigenschaften der alten Sorten umgehen sollten. Holzherr resümiert: «Das ist schade, denn unter Umständen haben die Menschen eine Kultursorte und ihre Eigenschaften über Jahrhunderte entwickelt.»
Hobbygärtnern für die Sortenvielfalt
Saatgut kann an bestimmten Orten gelagert und somit abgesichert werden, doch lebendig bleiben Sorten nur, wenn sie von Menschen genutzt werden. Dafür setzt ProSpecieRara unter anderem auf Hobbygärtnerinnen. «Wir können glücklicherweise auf ein grosses Netzwerk zählen, das uns bei der Erhaltung der insgesamt fast 6000 Sorten hilft», freut sich Holzherr. Die sogenannten Sortenbetreuer kultivieren die Sorten, bauen sie in ihren Gärten an und schicken das frische Saatgut an die Stiftung. Durch diese On-farm-Erhaltung passen sich die Sorten über die Jahre den sich verändernden Umweltbedingungen an.Absatz
Kleine Samen, grosse Regeln
In der Schweiz können Hobbygärtnerinnen Saatgut relativ frei kaufen und weitergeben, anders als in vielen EU-Ländern, wo jede Sorte offiziell registriert werden muss. Spezialitätensorten, die an die Landwirtschaft verkauft werden, lassen sich unkompliziert als «Nischensorten» anmelden. Klingt nach viel Freiheit, doch die Regeln haben ihre Grenzen.
Züchtungsorganisationen können Sorten unter Sortenschutz stellen, um für ihre Arbeit entlohnt zu werden. Solche Sorten mit Sortenschutz dürfen von Landwirten weder getauscht noch verkauft werden, und selbst die Vermehrung auf dem eigenen Hof ist nur für eine kleine Anzahl von Arten erlaubt.
«Mit Pflanzenpatenten wird der freie Zugang zum Ausgangsmaterial für die Zucht immer mehr eingeschränkt», so Holzherr. Er erklärt: «Die Zahl der Patente steigt, und immer öfter betreffen sie selbst natürliche Merkmale der Pflanzen. Das bremst die Innovationsfähigkeit der Unternehmen.» Besonders betroffen seien kleinere Firmen wie beispielsweise Sativa Rheinau, die genau darauf achten müssten, nicht unbemerkt patentierte Eigenschaften in ihre Zuchtlinien einzuschleusen.Absatz
Die Macht der Konsumenten
Wer sich für die Sortenvielfalt einsetzen möchte, für den hat Holzherr einen Tipp: gezielt seltene Sorten kaufen, eventuell sogar solche, die nur in einem ganz bestimmten Gebiet vorkommen. Dadurch können wir die Erhaltung einer Sorte unterstützen und dafür sorgen, dass Landwirtschaftsbetriebe die Sorten vermehrt anbauen.
Holzherr ermuntert die Verbraucherinnen: «Freuen Sie sich, wann immer Sie Vielfalt an Sorten und Pflanzen entdecken! Geniessen Sie die unterschiedlichen Geschmäcker der Vielfalt. Damit schaffen wir es, die Vielfalt zu erhalten und zu zelebrieren und gleichzeitig resiliente Systeme in Landwirtschaft und Umwelt zu fördern.»
Eine Frage an …
Philipp Holzherr
Welches ist Ihre Lieblings-«Alte Sorte»?
Die Frage bringt mich zum Schmunzeln. Das ist, als ob man Eltern von mehreren Kindern fragt: «Welches ist Ihr Lieblingskind?» Zumindest bei den Kartoffeln ist die «Weltwunder» meine persönliche Favoritin. Bedroht ist sie aufgrund ihrer tiefen Augen. Das macht sie auf den ersten Blick lustig und attraktiv, aber auch aufwändiger zu schälen. Ihren Namen hat sie wohl wegen ihrer für frühere Verhältnisse zuweilen sehr grossen Knollen bekommen. Allerdings kommen davon jährlich nur wenige. Daher ist der Ertrag für Landwirte im Vergleich zu modernen Sorten sehr bescheiden. Immerhin kann die «Weltwunder» das im Bergackerbau etwas wettmachen. Dort ist der Kartoffelertrag normalerweise niedriger als im Mittelland, bei dieser Sorte gibt es aber in beiden Regionen erstaunlicherweise fast gleich viel zu ernten.

Der Sortenfinder
Auf der Seite des ProSpecieRara-Sortenfinders sind Informationen zu über 2500 seltenen Sorten sowie Angaben zu deren Bezugsmöglichkeiten zusammengestellt. Mit der Karte der Vielfalt lässt sich gezielt nach ProSpecieRara-Spezialitäten in der Nähe suchen.