Ein Schritt in die falsche Richtung

Die ethisch-soziale Kom­po­nente spielt am Schweiz­er Nation­alfeiertag kaum eine Rolle – das zeigen auch die Unsum­men ver­pul­vert­er Böller. Jahr für Jahr sprin­gen daher die Kirchen in die Bresche, namentlich die Bis­chöfe im Rah­men ihrer 1. August-Botschaft. Brisant: Dieses Jahr tritt just am Nation­alfeiertag eine Verord­nung in Kraft, welche die Son­ntagsruhe aufhebt.Wenn am 1. August in der Schweiz die Verord­nung in Kraft tritt, nach welch­er Einkauf­szen­tren an Son­nta­gen unter gewis­sen Bedin­gun­gen ohne spezielle Bewil­li­gun­gen geöffnet sein kön­nen, ist das ein weit­er­er Angriff auf die Son­ntagsruhe. So jeden­falls meint Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki, inter­im­istis­ch­er Präsi­dent der bis­chöflichen Kom­mis­sion Justi­tia et Pax Schweiz. «Mit dieser neuen Regelung unter­wirft sich die Poli­tik ein­er Wirtschaft, die auf Kosten men­schlich­er Bedürfnisse funk­tion­iert», kri­tisiert der Sozialethik­er. Die bewil­li­gungs­freie Son­ntagsar­beit ab dem 1. August dieses Jahres sei ein Zeichen dafür, welche Werte wirk­lich fed­er­führend seien in der poli­tis­chen Gestal­tung der Arbeitswelt: Kon­sum, Markt, Wet­tbe­werb.Son­ntag als Stopp im Ham­ster­rad Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki, der auch das Sozialin­sti­tut der Katholis­chen Arbeit­er­be­we­gung KAB in Zürich leit­et, betra­chtet die Ver­hält­nisse unter Berück­sich­ti­gung der christlichen Ethik und der Katholis­chen Soziallehre. Für ihn ist klar, dass die Arbeit und die Wirtschaft für den Men­schen da sein muss. «Der Son­ntag als Ruhetag ist ein wertvoller Unter­bruch. Er gibt dem Leben einen andern Rhyth­mus und bietet Möglichkeit­en für das gemein­schaftliche Zusam­men­sein. Darüber hin­aus stoppt er für eine kurze Zeit das Ham­ster­rad von Leis­tung, Umsatz, Kon­sum und Erfol­gszwang.»Gegen die Men­schen Für Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki hat der Bun­desrat mit der Aufhe­bung der Son­ntagsruhe einen Schritt in die falsche Rich­tung gemacht. «In ein­er Zeit, in der viele Men­schen über zunehmenden Druck in fast allen Arbeits­bere­ichen kla­gen, set­zt der Bun­desrat mit sein­er Verord­nungsän­derung ein Zeichen gegen die Men­schen.» Die von der Verord­nung geset­zten Rah­menbe­din­gun­gen mögen die gröb­sten Aus­nützungsver­suche zwar mildern — etwa beim Lohn, doch die Rich­tung sei klar. Die Poli­tik unter­w­erfe sich den Kräften ein­er Wirtschaft, die auf Kosten von Leben­squal­ität und men­schlichen Bedürfnis­sen funk­tion­iere. «Noch stärk­er sind daher Kirchen und kon­sumkri­tis­che Kräfte gefordert, für ihre Wertvorstel­lun­gen von Leben­squal­ität, Sol­i­dar­ität und Sin­n­find­ung einzuste­hen.»Bis­chöfe ver­steck­en sich hin­ter Kom­mis­sion Auf­fal­l­end bleibt, dass sich die Bis­chöfe in let­zter Zeit mit poli­tis­chen Äusserun­gen häu­figer nicht direkt exponieren, son­dern der­ar­tige Inhalte über ihre Kom­mis­sio­nen ver­laut­en lassen. Hat­te 2011 Abt Mar­tin Werlen noch im Namen der Bis­chöfe die Idee der poli­tis­chen Botschaft der Bis­chöfe zum 1. August lanciert und expliz­it erk­lärt, die Kirche betreibe zwar keine Parteipoli­tik, aber sie ergreife Partei, kommt die diesjährige Botschaft der Bis­chöfe zum Nation­alfeiertag im Ver­gle­ich zur Kri­tik des Kom­mis­sion­spräsi­den­ten von Justi­tia et Pax, Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki, auf­fal­l­end zahm daher. Zum Nach­denken über die christlichen Wurzeln des sozialen, wirtschaftlichen und poli­tis­chen Lebens in der Schweiz wollen die Schweiz­er Bis­chöfe in ihrer Botschaft zum Bun­des­feiertag am 1. August 2015 anre­gen. So jeden­falls erk­lärt es Wal­ter Müller, Infor­ma­tions­beauf­tragter der Schweiz­er Bischof­skon­ferenz.Dem Ego­is­mus die Sol­i­dar­ität ent­ge­genset­zen Ver­fasst hat die Botschaft der Schweiz­er Bis­chöfe dieses Jahr der abtre­tende Abt von Saint-Mau­rice, Joseph Roduit, Mit­glied der Schweiz­er Bischof­skon­ferenz. In sein­er Ansprache erin­nert der schei­dende Abt daran, dass die christlichen Wurzeln die Schweiz bis heute nach­haltig prä­gen. «Im Jubiläum­s­jahr des 1500-jähri­gen Beste­hens der Abtei von Saint-Mau­rice unter­stre­ichen die Bis­chöfe, dass die Reli­gion in der Geschichte unseres Lan­des immer ein wichtiger Vek­tor geblieben ist. An die lange human­itäre Tra­di­tion der Eidgenossen­schaft anknüpfend rufen die Bis­chöfe dazu auf, dem Ego­is­mus die Sol­i­dar­ität ent­ge­gen­zuset­zen, auf­nah­me­bere­it für die Frem­den zu sein und durch per­ma­nentes Arbeit­en am Recht, am Teilen und am Respekt den Frieden dauernd zu bewahren.» Die Botschaft betont in der gle­ichen Dynamik wie die jüng­ste Enzyk­li­ka von Papst Franziskus, dass der Respekt vor der Natur auch den Respekt vor dem Leben von der Empfäng­nis bis zum natür­lichen Tod ein­schliesst. Die Bis­chöfe ermuti­gen die Katho­likin­nen und Katho­liken in der Schweiz, am Leben ihrer Kirche teilzunehmen und an ein­er grosszügi­gen, auf­nah­me­bere­it­en und sol­i­darischen Schweiz mitzubauen. 
Andreas C. Müller
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