«Die Sorgen kommen aus dem Netz»

«Die Sorgen kommen aus dem Netz»

  • Immer mehr Kinder und Jugendliche in der Schweiz brauchen psy­chol­o­gis­che oder psy­chi­a­trische Hil­fe. Die entsprechen­den Kliniken und Prax­en haben ihre Kapaz­itäts­gren­zen längst erre­icht.
  • Im Beratungszen­trum BZB­plus in Baden find­en Kinder und Jugendliche, aber auch deren Eltern und Ange­hörige schnelle und vor allem nieder­schwellige Hil­fe in der Not.
  • Das BZB­plus wurde vor 40 Jahren auf Ini­tia­tive der poli­tis­chen und kirch­lichen Gemein­den des Bezirks Baden hin gegrün­det.

Vor­beu­gen ist bess­er als heilen. Das weiss kaum jemand bess­er als Michael Schwilk und sein Beratung­steam beim BZB­plus. Im Haus an der Mellinger­strasse 30 in Baden arbeit­en 14 Fach­leute aus ver­schiede­nen Bere­ichen der Psychologie/Psychiatrie, Sozialar­beit, Päd­a­gogik und Admin­is­tra­tion. Hinzu kom­men fünf Schul­sozialar­bei­t­erin­nen und ein ‑arbeit­er, die unter einem Rah­men­ver­trag mit den jew­eili­gen Schulen direkt vor Ort ihre Ange­bote real­isieren.

Das grosse Plus des BZB­plus ist der unkom­plizierte Zugang. Über die Web­site des Beratungszen­trums, https://bzbplus.ch, kann man sich per Kon­tak­t­for­mu­lar gle­ich online anmelden. Aber auch via Tele­phon­num­mer 056 200 55 77 oder die Mailadresse kön­nen Rat­suchende den ersten Schritt tun. Immer dien­stags find­et von 12–13.30 Uhr eine offene Sucht­sprech­stunde im Zen­trum statt. Für Beratun­gen ste­hen die BZB-Türen von Mon­tag bis Fre­itag, jew­eils von 9–12 und von 13–17 Uhr offen. Nur am Mittwochmor­gen ist das Beratungszen­trum geschlossen.

Grossherzige Trägerschaft

Und um die Wer­bung für dieses nieder­schwellige Hil­f­sange­bot noch kom­plett zu machen: Die Berater des BZB­plus unter­ste­hen der Schweigepflicht und ihre Dien­stleis­tun­gen sind für die meis­ten ihrer Klien­ten kosten­los. Das ist möglich, weil das Beratungszen­trum finanziell getra­gen wird von 25 poli­tis­chen Ein­wohn­erge­mein­den und ins­ge­samt 23 Kirchge­mein­den, 16 davon katholisch, 6 reformiert und 1 christkatholisch, aus den Bezirken Baden und Zurzach.

Auch der Kan­ton beteiligt sich an den Kosten, indem er den Bere­ich Sucht­ber­atung finanziert, die als Teil der flächen­deck­enden Sucht­ber­atung im Aar­gau von allen Bürg­ern des Kan­tons kosten­los in Anspruch genom­men wer­den darf. Die übri­gen Beratungsange­bote – Kinder & Fam­i­lie, Jugend bis 25, Früherken­nung – sind für Ein­wohn­er des Bezirks Baden kosten­los.

Patientenzahlen steigen

Ger­ade die jüng­sten Krisen auf unserem Globus, die Coro­n­a­pan­demie und der Ukrainekrieg, führen der Men­schheit vor Augen, wie ver­wund­bar sie ist. Beson­ders ver­wund­bar sind Kinder und Jugendlichen, die, beflügelt durch ihre Phan­tasie und man­gels Lebenser­fahrung, Bedro­hun­gen oder Gefahren nicht richtig ein­schätzen, geschweige denn ver­ar­beit­en kön­nen. Die Warn­rufe aus den Schweiz­er Kliniken für Kinder- und Jugendpsy­chi­a­trie sind nicht mehr zu über­hören.

Schon vor der Pan­demie stieg die Zahl der jun­gen Patien­ten von Jahr zu Jahr höher. Während der Pan­demie klet­terte sie auf aktuell rund 300’000. Damit hat sich ein beste­hen­des Prob­lem ver­stärkt: Es gibt schweizweit zu wenig Ther­a­pieplätze für psy­chisch kranke Kinder und Jugendliche.

Corona hat den Prozess beschleunigt

«Coro­na war nur der Prozess­beschle­u­niger», sagt Michael Schwilk, «die Basis all dieser Prob­leme war schon vorher da.» Als Haup­tur­sache für die psy­chis­chen Nöte der Kinder sieht Schwilk den steigen­den, mul­ti­fak­to­riellen Druck, dem die Jugendlichen in unser­er Wohl­stands­ge­sellschaft per­ma­nent aus­ge­set­zt sind. Es herrsche in der Schweiz eine hohe Arbeit­sethik. Das Schul­sys­tem leiste dieser Hal­tung noch Vorschub.

Die Massen- und sozialen Medi­en ver­mit­tel­ten den Jun­gen einen per­ma­nen­ten Präsen­ta­tion­sauf­trag und zeigten ihnen, welche Klei­der sie tra­gen, was sie essen und trinken, wie sie sich bewe­gen und wie sie ausse­hen müssen. «Es geht um Marke­nar­tikel und wohin man in die Ferien geht. Man muss auf­fall­en und zeigen, was man hat. Die Medi­en pushen das gewaltig. Darum sage ich: Die Sor­gen kom­men aus dem Netz.»

Gelebte Diakonie

Wenn zum oben beschriebe­nen Druck von allen Seit­en dann noch eine Krisen­si­t­u­a­tion hinzukommt, wie eben eine Pan­demie, ein Krieg oder auch nur schon die Umweltver­schmutzung und die Kli­maer­wär­mung, dann kriegen die jun­gen Men­schen Angst. «Die Kinder und Jugendlichen müssen unheim­lich viel schluck­en», sagt Schwilk, «das kann irgend­wann ein­fach zuviel wer­den.» Dann sei es wichtig, nicht nur für die Kinder, son­dern auch für deren Eltern oder Ange­hörige, ohne gross­es Prozedere mit ein­er Fach­per­son sprechen zu kön­nen. «Durch die neuen, virtuellen Möglichkeit­en der Beratun­gen via Video, Tele­fon und E‑Mail ist das BZB­plus noch nieder­schwelliger gewor­den», schreibt Geschäft­sleit­er Michael Schwilk im Edi­to­r­i­al des Jahres­berichts 2021, der ger­ade erst erschienen ist.

Der Geschäfts­bericht zeigt klar, wie wichtig das Ange­bot des BZB­plus ist. Die Nach­frage steigt, die Erfolge sind nach­weis­bar. Vor 40 Jahren haben die Gemein­den des Bezirks Baden erkan­nt, dass Vor­beu­gen eben bess­er und auch bil­liger ist als heilen. In diesem Sinne lebt das BZB­plus jeden Tag den christlichen Grund­vol­lzug der Diakonie.

Christian Breitschmid
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