Die Erfindung der Null
Der Kardinal Nikolaus von Kues und der Domherr und Astronom Nikolaus Kopernikus sprengten mit ihren Gedanken und Forschungen im 15. Jahrhundert den bis dahin bekannten Kosmos. Die Erde war nicht länger im Zentrum, und der Kosmos dehnte sich nun bis in die Unendlichkeit aus.
Bild: © Gaston Berchtold

Die Erfindung der Null

Wie eine scheinbar einfache Idee ​das Bild der Welt veränderte

Die Erfindung der Null erschütterte die Fundamente von Philosophie, Wissenschaft, Mathematik und ­Religion. Die Geschichte einer unterschätzten Zahl.


«Es steckt eine unge­heure Macht in dieser ein­fachen Zahl. Die Null wurde zum wichtig­sten Werkzeug in der Math­e­matik. Doch sie sollte dank ihrer selt­samen math­e­ma­tis­chen und philosophis­chen Eigen­schaften sehr unsan­ft mit den Fun­da­menten der europäis­chen Philoso­phie zusam­men­stossen.» Das schreibt der amerikanis­che Math­e­matik­er und Jour­nal­ist Charles Seife im Buch «Zwill­ing der Unendlichkeit», in dem er die Geschichte der Zahl Null erzählt.

Anfänge in Babylonien

Die Anfänge math­e­ma­tis­chen Denkens liegen im Zählen von Din­gen und im Bedürf­nis, den Ablauf der Zeit zu ver­fol­gen. Keine dieser Auf­gaben machte eine Zahl Null nötig, und jahrtausende­lang kamen die Men­schen ohne sie zurecht. Seit etwa 300 v. Chr. schrieben die Baby­lonier im Gebi­et des heuti­gen Irak sämtliche Zahlen mit nur zwei Keilschriftze­ichen. Weil es eine wichtige Rolle spielte, an welch­er Posi­tion sich ein Zeichen befand, dien­ten zwei schräggestellte Keile als Zeichen für eine Leer­stelle. Die Null war bei den Baby­loniern aber noch keine Zahl, sie hat­te keinen eige­nen Wert. Obwohl das Rech­nen im baby­lonis­chen Zahlen­sys­tem, das den Platzhal­ter enthielt, ein­fach­er war, blieben die Griechen und Römer bei ihrem Sys­tem, das Zahlen durch Addi­tion von Zahlze­ichen darstellte. Aus ängstlich­er Vor­sicht, wie Charles Seife ver­mutet: «Die meis­ten alten Völk­er glaubten, dass vor der Entste­hung der Welt Leere und Chaos herrscht­en und sie fürchteten, am Ende aller Zeit­en kön­nten Chaos und Leere wieder die Ober­hand gewin­nen. Die Null repräsen­tierte diese Leere.»

Buchtipp
Charles Seife: Zwill­ing der Unendlichkeit. Eine Biogra­phie der Zahl Null. Gold­mann Ver­lag, 2002. ISBN: 344215054X

«Das Uni­ver­sum begin­nt und endet mit der Null», so schließt der Math­e­matik­er und Jour­nal­ist Ch. Seife sein Buch. «Sie wohnt sozusagen an der Naht­stelle von Quan­ten­mechanik und Rel­a­tiv­ität­s­the­o­rie. Sie wohnt dort, wo die bei­den The­o­rien sich tre­f­fen, und ist ver­ant­wortlich für deren Kol­li­sion.»

Dividieren durch Null ist gefährlich

Auch die math­e­ma­tis­chen Eigen­schaften der Null waren für die Völk­er der Antike unver­ständlich. Ein Beispiel: Addieren wir eine Zahl zu sich selb­st, dann verän­dert sie sich. Aber null und null ist und bleibt null. Auch das Mal­rech­nen ergibt mit Null keinen Sinn. «Aber es kommt noch schlim­mer: Wenn wir fahrläs­sig durch Null divi­dieren, kön­nen wir das ganze Fun­da­ment der Logik und der Math­e­matik zum Ein­sturz brin­gen», schreibt Seife.

Philosophie versus Null

Für die alten Griechen waren Zahlen und Philoso­phie untrennbar miteinan­der ver­bun­den. Die von Pythago­ras und seinen Anhängern vertretene Verknüp­fung von Ästhetik, Zahlen­ver­hält­nis­sen und Kos­mos, die sich zum Beispiel im «Gold­e­nen Schnitt» zeigt, wurde in der west­lichen Kul­tur zu einem zen­tralen Grund­satz. Die Griechen lehn­ten die Null aus philosophis­chen Grün­den ab, weil sie zwei Vorstel­lun­gen bein­hal­tete, die der Lehre von Pythago­ras und seines Nach­fol­gers Aris­tote­les gefährlich wer­den kon­nten: die Leere und das Unendliche.

Gott als Beweger der Sphären

Aris­tote­les begrün­dete das Welt­bild, das Ptolemäus später ver­fein­erte: Der Kos­mos bestand aus ein­er endlichen Anzahl von Sphären. Die let­zte, äusser­ste Sphäre war eine blaue Kugel mit Ster­nen. Inner­halb dieser Sphären bewegten sich die Plan­eten auf ihren Bah­nen rund um den Mit­telpunkt, die Erde. Seife fol­gert: «Diese Argu­men­ta­tion hat­te noch eine andere Kon­se­quenz – und vor allem diese trug dazu bei, dass die aris­totelis­che Philoso­phie so viele Jahrhun­derte über­dauerte. Das Sys­tem bewies näm­lich die Exis­tenz Gottes.» Die himm­lis­chen Sphären dreht­en sich langsam. Jede Sphäre wurde dabei von der jew­eils benach­barten äusseren bewegt. Irgen­det­was musste die äusser­ste Sphäre bewe­gen. Das war Gott. Zweifel an der aris­totelis­chen Lehre wur­den mit dem Zweifel an Gottes Exis­tenz gle­ichge­set­zt.

Dunkles Zeitalter

Der let­zte griechis­che Math­e­matik­er, und ein­er der Einzi­gen sein­er Zeit, der einen Blick auf das Unendliche erhaschte, war Archimedes, der im sizil­ian­is­chen Syrakus forschte. Seine Berech­nung der Para­belfläche mit Hil­fe von unendlich vie­len Dreieck­en kam der viel später entwick­el­ten Infin­i­tes­i­mal­rech­nung recht nahe. Bei der Eroberung der Stadt Syrakus durch die Römer soll Archimedes von einem römis­chen Sol­dat­en getötet wor­den sein. Charles Seife fasst iro­nisch zusam­men: «Die Tötung des Archimedes war – so kön­nten Zyniker sagen – ein­er der entschei­dend­sten Beiträge Roms zur Math­e­matik. Das römis­che Reich hat­te unge­fähr sieben Jahrhun­derte Bestand, und in dieser ganzen Zeit entwick­elte sich die Math­e­matik prak­tisch nicht weit­er. (…) Das Chris­ten­tum ver­bre­it­ete sich in Europa, das römis­che Reich zer­fiel, die Bib­lio­thek von ­Alexan­dria bran­nte nieder, und das fin­stere Mit­te­lal­ter begann. Es dauerte weit­ere sieben Jahrhun­derte, bis die Null in Europa wieder auf den Plan trat.»

Das Nichts ist Teufelswerk

Auch die Kirche hielt im europäis­chen Mit­te­lal­ter Math­e­matik nicht für wichtig. Amir Alexan­der, His­torik­er, Autor und Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­ty of Cal­i­for­nia in Los Ange­les, erk­lärt: «Im Gegen­satz zur Philoso­phie wurde nicht angenom­men, dass die Math­e­matik irgendwelche Wahrheit­en über die Welt enthüllte. Sie galt als eine niedere Form des Wis­sens, die nicht mit der Philoso­phie zu ver­gle­ichen war, ganz zu schweigen von der The­olo­gie.» Den­noch waren christliche Mönche die einzi­gen Europäer, die Math­e­matik betrieben. Sie braucht­en das Rech­nen für Geldgeschäfte und die Zeitmes­sung für die Bes­tim­mung der Gebet­szeit­en. Die mit­te­lal­ter­lichen Gelehrten wandten sich den Vertretern der Antike wie Aris­tote­les und den Neu­pla­tonikern zu. Damit erbten sie auch die alten Vorurteile, näm­lich die Furcht vor dem Unendlichen und der Leere. Seife: «Mit­te­lal­ter­liche Gelehrte brand­mark­ten die Leere als Teufel­swerk – und das Teu­flis­che als leer und nichtig. Satan war buch­stäblich nichts.»

Die Null findet ihren Platz

Im vierten Jahrhun­dert vor Chris­tus zog ­Alexan­der der Grosse von Baby­lonien nach Osten bis nach Indi­en. Infolge dieser Inva­sion lern­ten die indis­chen Math­e­matik­er das baby­lonis­che Zahlen­sys­tem und mit ihm die Null ken­nen. Sie entwick­el­ten den Platzhal­ter Null weit­er zu ein­er richti­gen Zahl. Auch die neg­a­tiv­en Zahlen trat­en erst­mals in Indi­en und Chi­na auf. Brah­magup­ta, ein indis­ch­er Math­e­matik­er und Astronom des siebten Jahrhun­derts n. Chr., stellte Regeln für das Teilen von Zahlen durch andere Zahlen auf und bezog dabei neg­a­tive Zahlen ein. Durch die Inder fand die Null ihren Platz auf der Zahlenger­aden. Zum Vor­gang schreibt Charles Seife: «Weil die Null gle­ich 2–2 war, musste sie zwis­chen plus eins (gle­ich 2–1) und minus eins (gle­ich 2–3) geset­zt wer­den. Alles andere ergab keinen Sinn.»

Das Wissen kommt nach Europa

Im 7. Jahrhun­dert n. Chr. dehnte sich das islamis­che Reich der Umayyaden im Osten bis nach Chi­na und im West­en bis nach Spanien aus. Auf dem Weg nach Chi­na eroberten die Araber auch Indi­en und lern­ten dort die indis­chen Zahlen­ze­ichen mit der Null ken­nen. Amir Alexan­der erk­lärt: «Die Ein­führung der ara­bis­chen Zif­fern in Europa war Teil der bre­it­en Über­set­zungs­be­we­gung des 12. und 13. Jahrhun­derts. Werke aus der Antike, die in der islamis­chen Welt erhal­ten geblieben waren, sowie Orig­i­nal­w­erke mus­lim­is­ch­er Gelehrter wur­den aus dem Ara­bis­chen ins Lateinis­che über­set­zt und standen damit erst­mals auch europäis­chen Gelehrten zur Ver­fü­gung.» Weil die Araber unsere heuti­gen Zahlen aus Indi­en nach Europa bracht­en, sprechen wir heute von ara­bis­chen Zahlen.

Starke Anziehungskraft

In der christlichen Welt begann der Kon­flikt zwis­chen der fest ver­ankerten aris­totelis­chen Lehre, die die Leere und das Unendliche ablehnte, und den von Osten kom­menden neuen Ideen, die starke Anziehungskraft ausübten. Sog­ar als die Chris­ten die Mus­lime im 11. bis 13. Jahrhun­dert während der Kreuz­züge bekämpften, bracht­en Mönche, Gelehrte und Kau­fleute die islamis­chen Ideen nach Europa. Roy Wag­n­er, Math­e­matik­er an der ETH Zürich, plädiert aus diesem Grund dafür, das Bild von der Kirche als Unter­drück­erin von Inno­va­tio­nen zu kor­rigieren. Er sagt: «Die ersten, die in Europa über die Null schrieben, waren Kirchen­vertreter, und die Kirche war für viele Über­ar­beitun­gen und Anpas­sun­gen des Wis­sens ver­ant­wortlich.»

Zunächst etablierten sich die ara­bis­chen Zahlen im Han­del. Leonar­do Fibonac­ci aus Pisa hat­te die ara­bis­chen Zif­fern, ein­schliesslich der Null, in Nordafri­ka ken­nen­gel­ernt und erk­lärte, wie nüt­zlich diese für kom­plizierte Berech­nun­gen seien. Die ital­ienis­chen Kau­fleute und Bankiers set­zten bald auf das neue Sys­tem. Zu Beginn der Renais­sance im 15. Jahrhun­dert nah­men auch führende Klerik­er die Vorstel­lun­gen von Leere und dem Unendlichen auf. Kar­di­nal Niko­laus von Kues war überzeugt davon, dass Gott unendlich viele andere Wel­ten geschaf­fen hat­te. Die Erde befand sich damit nicht länger im Zen­trum des Kos­mos. Das aris­totelis­che Welt­bild, das von der Kirche gepflegt wurde, bröck­elte.

Die Kirche wehrt sich

Doch als sich die Kirche durch die Ref­or­ma­tion bedro­ht fühlte, kehrte sie zu den kon­ven­tionellen Lehren zurück. Die Null war nun ket­zerisch. Gedanken, die ein, zwei Jahrhun­derte vorher auch von Bis­chöfen und Kardinälen vertreten wor­den waren, kon­nten im 16. Jahrhun­dert den Tod bedeuten. Der His­torik­er Amir Alexan­der sagt: «Im 16. und 17. Jahrhun­dert änderte sich die Lage, als Kopernikus, Kepler, Galileo und andere die mit­te­lal­ter­liche Wis­sensor­d­nung auf den Kopf stell­ten. Da Math­e­matik nun offen­bar an Bedeu­tung gewann, über­nah­men einige Mit­glieder der Kirche – ins­beson­dere die Jesuit­en – die euk­lidis­che Geome­trie als Mod­ell für alles Wis­sen, sog­ar für religiöse Wahrheit­en. Sie standen bes­timmten math­e­ma­tis­chen Konzepten, ins­beson­dere dem Infin­i­tes­i­mal, feind­selig gegenüber, da diese nicht in ihr Welt­bild passten.»

Ein neues Weltbild

Trotz grösster Anstren­gun­gen gelang es jedoch der offiziellen Kirche nicht, die neuen wis­senschaftlichen Erken­nt­nisse eines Kopernikus oder Kepler durch die Gegen­re­for­ma­tion aus der Welt zu schaf­fen. «Die aris­totelis­che Philoso­phie und der geozen­trische Kos­mos waren dem Unter­gang gewei­ht», resümiert Charles Seife, «die alte Weisheit wurde ver­wor­fen und die Wis­senschaftler began­nen, jene Geset­ze aufzus­püren, die das Wirken der Natur regierten.» Die Rev­o­lu­tion der Wis­senschaft kon­nte mit der Null weit­erge­hen.

Marie-Christine Andres Schürch
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