Den Vatikan vor der Linse

Den Vatikan vor der Linse

  • Jes­si­ca Krämer ist Fotografin für die Schweiz­er­garde in Rom.
  • Mit Lei­den­schaft, Aus­dauer und ihrem Kön­nen hat sie sich einen Platz in dieser Män­ner­domäne erar­beit­et.
  • Die Frau mit der ital­ienis­chen Seele set­zt sich im Vatikan auch für Ökumene ein.

In Begleitung von Jes­si­ca Krämer kom­men wir prob­lem­los am Schweiz­er­gardis­ten an der Por­ta Sant’Anna der Vatikanstadt vor­bei. Die Deutsche kommt aus Dreie­ich, einem Vorort von Frank­furt, und sagt von sich, dass sie eine ital­ienis­che Seele habe. Mit ihrem blonden Kurzhaarschnitt und den blauen Augen fällt die offizielle Garde­fo­tografin auf, auch wenn sie zum Betrieb gehört, wie sie sagt.

Sehnsuchtsort Rom

«Dir würde Rom gefall­en», habe ihre Gross­mut­ter ihr vor dreis­sig Jahren prophezeit. Tat­säch­lich wurde Rom zu einem Sehn­sucht­sort für die Enke­lin. Heute ist die Heilige Stadt Jes­si­ca Krämers zweite Heimat. Mehrmals im Jahr reist sie in das Zen­trum der katholis­chen Kirche. «Dabei bin ich nicht mal katholisch», sagt die 45-Jährige. Sie gehört der neua­pos­tolis­chen Kirche an und doku­men­tiert seit Jahren das Geschehen ihrer Kirche mit der Fotokam­era. Bere­its als Teenag­er habe sie sich auch für andere christliche Kon­fes­sio­nen inter­essiert. Für die öku­menis­che Gruppe der neua­pos­tolis­chen Kirche suchte sie den Kon­takt zu den Kardinälen Wal­ter Kasper und Kurt Koch. «Das öku­menis­che Gespräch zwis­chen unseren Kirchen habe ich ini­ti­iert», sagt Jes­si­ca Krämer. Heute ist sie weit­er­hin als Delegierte im Arbeit­skreis Christlich­er Kirchen (ACK Frank­furt) für ihre Kirche engagiert.[esf_wordpressimage id=44492 width=half float=right][/esf_wordpressimage]

Kleinster gemeinsamer Nenner

«Musik ist der kle­in­ste gemein­same Nen­ner, den wir als Glaubens­ge­mein­schaften haben», zitiert die gläu­bige Christin Kar­di­nal Gio­van­ni Lajo­lo, der das Verbindende der Musik in ein­er Predigt in Sankt Paul vor den Mauern auf Punkt gebracht habe. Damals war der «Konz­ertChor Süd­Hessen» der neua­pos­tolis­chen Kirche West­deutsch­land auf Konz­ertreise in Rom. «Das war ein unvergesslich­es Erleb­nis», auch darum engagiere sie sich, sagt Jes­si­ca Krämer. Für den Chor hat sie inzwis­chen zahlre­iche Konz­erte in Rom organ­isiert, etwa im Vatikan oder im Pan­theon.

Als Fotografin hat sich Jes­si­ca Krämer 2014 zum ersten Mal für die Verei­di­gung der Gardis­ten akkred­i­tieren lassen. Von da an war sie immer im Pulk der Fotografinnen und Fotografen, die den pub­likum­swirk­samen Anlass doku­men­tieren. Nach und nach sei man bei der Garde auf ihre Bilder aufmerk­sam gewor­den. 2019 wurde daraus ein offizieller Auf­trag und Anfang dieses Jahres stellte Gardekom­man­dant Christoph Graf sie seinen Gardis­ten mit den fol­gen­den Worten vor: «Diese Frau werdet ihr jet­zt öfter sehen.» Nun war Jes­si­ca Krämer in der Garde angekom­men.

Zukunft in Rom

Haupt­beru­flich hat sie die ver­gan­genen Jahre als Medi­engestal­terin in ein­er Wer­beagen­tur in Offen­bach gear­beit­et. Ihre Exper­tise kann sie nun auch bei der Garde ein­brin­gen. Den Garde-Kalen­der 2024 hat Jes­si­ca Krämer gestal­tet. Und seit ein paar Tagen gibt es im Shop ein Garde-Memo zu kaufen. In der Zukun­ft macht sich Jes­si­ca Krämer vielle­icht ganz als Fotografin selb­ständig. «Ich kann mir vorstellen, einen zweit­en Wohn­sitz in Rom zu haben», sagt sie. Zu tun gibt es für sie dort einiges. Auf die Schweiz­er­garde kom­men mit dem Neubau der Kaserne grosse Verän­derun­gen zu. Auch dieses Kapi­tel wird die Fotografin mit ihrer Kam­era doku­men­tieren.

Von den jun­gen Gardis­ten, die sich mit Ern­sthaftigkeit ihrer Auf­gabe stellen, den Papst zu beschützen, hält sie viel. «Die Jungs ler­nen schnell, viel Ver­ant­wor­tung zu übernehmen, sie sind reflek­tiert und diszi­plin­iert», sagt Jes­si­ca Krämer. Mit ihren Bildern will sie die Schweiz­er­gardis­ten noch bekan­nter machen. Als Frau in dieser Män­ner­welt habe sie sich nie aus­geschlossen gefühlt. Vielle­icht sei es manch­mal sog­ar ein Vorteil gewe­sen, sagt sie lachend. Dass Jes­si­ca Krämer fliessend Ital­ienisch spricht, hat zu ihrem Erfolg beige­tra­gen.

Vereidigung

Hin­ter ihr liegt ein inten­sives Woch­enende mit der Verei­di­gung der 23 neuen Gardis­ten. Im blauen Hose­nanzug bewegte sich die Fotografin unauf­fäl­lig mit­ten im Geschehen. Heute ist sie nicht mehr im Pulk, im abge­tren­nten Presse­bere­ich, son­dern darf sich frei bewe­gen. Die grossen Teleob­jek­tive erlaubten es ihr, den gebühren­den Abstand zu ihren Pro­tag­o­nis­ten zu hal­ten. Das sei wichtig im Vatikan, sagt die Fotografin.

Zu den Höhep­unk­ten im Vatikan gehört die Wahl von Papst Franziskus am 13. März 2013. Das Datum weiss sie auswendig. Den Moment, als sie in der Men­schen­menge auf dem Peter­splatz den weis­sen Rauch aus dem Kamin auf­steigen sah und die Menge schrie, wird sie niemals vergessen. Ihre Gross­mut­ter hat Recht behal­ten. Rom, der Vatikan und die Schweiz­er­garde gefall­en Jes­si­ca Krämer sehr.

Marie-Christine Andres Schürch
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