Demut und Stärke
Der deutsche Diakon und Holzbildhauer Ralf Knoblauch arbeitet jeden Morgen von 5 bis 6 Uhr in einem meditativen Prozess an seinen Figuren. Im Lauf der letzten dreizehn Jahre hat er weit über tausend Königsfiguren geschaffen. Er schlägt sie aus altem Eichenholz und salbt jeden fertigen König, jede fertige Königin mit Leinöl.
Bild: © zVg

Demut und Stärke

Die Ausstellung «Königlich!» in Baden setzt ein Zeichen für die unantastbare Würde jedes Menschen

Gegen das Vergessen

Auch wenn sich die Male
des Abschieds mehren
die Schritte tas­ten­der
und die Gebete
inniger wer­den

ver­giss nicht
die Kro­ne
auf deinem Haupt
und das Licht
in den Fal­ten

ver­giss nicht
die Köni­gin
in dir
und den Him­mel
über dein­er Seele

Jacque­line Keune

Sie, die uns diese Worte zuflüstert, ste­ht im weis­sen Gewand auf einem Holz­sock­el, schaut die Betra­ch­t­en­den unver­wandt an und schenkt ihnen ein stilles Lächeln. Die kleine Köni­gin, kaum so lang wie ein Unter­arm, empfängt ab dem 22. Feb­ru­ar im Foy­er des Regionalen Pflegezen­trums in Baden die Besucherin­nen und Besuch­er. Ihre Worte sind Ermu­ti­gung und Ermah­nung zugle­ich, sie machen uns bewusst, dass Alters­ge­brechen, Krankheit und kör­per­liche Schwäche die Würde, die jedem Men­schen innewohnt, nicht antas­ten.

Teil des Jubiläumsprogramms

Die Holz­fig­ur ist Teil der Ausstel­lung «Königlich!», die vom 23. Feb­ru­ar bis 14. März an 15 ver­schiede­nen Orten in Baden zu sehen ist. Die Ausstel­lung eröffnet die Feier­lichkeit­en zum 500-Jahr-Jubiläum der Baden­er Dis­pu­ta­tion (siehe Box), die Ende Mai in einem offiziellen Fes­takt enden. Ob in der Stadt­bib­lio­thek, im Kino, in der Kirche oder im Kan­ton­sspi­tal, der Gang durch die Ausstel­lung soll – wie das gesamte Jubiläum­spro­gramm – in Zeit­en von Polar­isierung und glob­alen Krisen den gesellschaftlichen Dia­log stärken und Zeichen für eine zukun­fts­fähige, sol­i­darische Gesellschaft set­zen.

Königinnen und Könige aus Holz

Dieses Anliegen verkör­pern die vom deutschen Diakon und Bild­hauer Ralf Knoblauch gestal­teten, 20 bis 30 Zen­time­ter grossen Holz­fig­uren. Der gel­ernte Tis­chler, der heute als Sozial­diakon in Bonn tätig ist, begeg­net bei sein­er Arbeit Men­schen in prekären Lebenssi­t­u­a­tio­nen: von Armut betrof­fen, durch Krankheit belastet, von Schick­salss­chlä­gen geze­ich­net. «Wie viel Würde kommt einem Men­schen zu – von Gott, von sich, von anderen? Und wie viel bleibt im Ver­bor­ge­nen?», diese Fra­gen stellte sich Knoblauch beim Nach­denken über die täglichen Begeg­nun­gen. Seine Königs­fig­uren seien ein Antwortver­such, schreibt er: «Schein­bar macht­los und beschei­den, zeigt sich ihre Grösse und Würde im Ver­bor­ge­nen.» Seine Skulp­turen, an denen er in sein­er Werk­statt im Pfar­rhaus in Bonn-Lessenich jew­eils vor Tages­be­ginn in einem med­i­ta­tiv­en Schaf­fen­sprozess arbeit­et, möcht­en an die jedem Men­schen innewohnende Königswürde erin­nern.

«Königlich – Würde unantastbar»

Vom 23. Feb­ru­ar bis am 14. März sind an 15 Stan­dorten in Baden König­in­­nen- und Königs­fig­uren von Ralf Knoblauch mit Tex­ten von Jacque­line Keune aus­gestellt. Diese Ausstel­lung zum The­ma Men­schen­würde find­et im Rah­men des 500-Jahr-Jubiläums der Baden­er Dis­pu­ta­tion statt. Die Vernissage (unter Mitwirkung von Pri­or­in Irene Gassmann, Pri­or­in Kloster Fahr, Jacque­line Keune, freis­chaf­fende The­olo­gin und Autorin, Mar­i­anne Binder, Stän­derätin des Kan­tons Aar­gau, und Sven Ange­lo Min­de­ci, Musik­er) find­et am Son­ntag, 22. Feb­ru­ar, 15 Uhr im Foy­er The­ater ThiK Baden statt. Ein­tritt frei, mit Apéro.

 

Die Badener Disputation

Die Baden­er Dis­pu­ta­tion im Jahr 1526 war ein Meilen­stein für den Dia­log zwis­chen den Kon­fes­sio­nen in der Schweiz. Die Gespräche über die the­ol­o­gis­chen Wahrheit­en und Glaubens­grund­la­gen fan­den während drei Wochen im Mai und Juni 1526 in der Baden­er Stadtkirche statt, Teil­nehmer waren Vertreter der 13 Alten Orte der Eidgenossen­schaft sowie The­olo­gen aus dem In- und Aus­land. Zur 500-Jahr-Feier der Baden­er Dis­pu­ta­tion organ­isieren die Reformierte Kirche Baden plus und die Katholis­che Kirchge­meinde Baden-Ennet­baden ein umfan­gre­ich­es Jubiläum­spro­gramm unter dem Titel «Disput(N)ation», zu find­en unter www.disputnation.ch

© disputnation.ch

Eigenheiten auf den zweiten Blick

In den let­zten Wochen war die Ausstel­lung in der Stadt Luzern zu sehen. Die Fig­uren waren dort zusam­men mit Tex­ten der The­olo­gin Jacque­line Keune aufgestellt. Auch in Baden verdichtet Keunes Poe­sie den Aus­druck der Fig­uren. Vor dem Schreiben hat Jacque­line Keune die einzel­nen Fig­uren einge­hend betra­chtet: «Auf den ersten Blick sehen die kleinen König­in­nen und Könige von Ralf Knoblauch alle recht ähn­lich aus. Alle tra­gen weisse Klei­der oder weisse Oberteile und schwarze Hosen. Alle, bis auf eine Aus­nahme, sind hager. Alle ste­hen frontal und aufrecht, alle auf einem Holz­sock­el. Erst auf den zweit­en, genaueren Blick habe ich die Unter­schiede, oder vielle­icht präzis­er gesagt: die Eigen­heit­en, der einzel­nen Fig­uren gese­hen.»

Das Äussere hat auch ein Inneres

Die Eigen­heit­en jed­er Fig­ur inspiri­erten Jacque­line Keune zu den jew­eili­gen Tex­ten: «Die eine Köni­gin scheint trau­rig zu sein, die andere zu lächeln. Es gibt grosse schwere Kro­nen und es gibt Krönchen. Es gibt Gesichter, in die hat sich das Lei­den eingeze­ich­net, es gibt Gesichter, die fra­gen, und solche, die ein­fach Zufrieden­heit ausstrahlen.» Jede kleine Köni­gin und jeden kleinen König habe sie vor dem Schreiben länger betra­chtet, und dabei gespürt, dass das Äussere auch ein Inneres habe.

Die Texte von Jacque­line Keune stellen die Fig­uren in einen Kon­text, sie schaf­fen eine Verbindung zum jew­eili­gen Stan­dort. Sie habe ver­sucht, sich in Gedanken in den Ort hineinzubegeben und zu spüren, was dort wichtig ist, erk­lärt die The­olo­gin. Dann habe sie sich die jew­eili­gen Könige und König­in­nen an diesen Orten vorzustellen ver­sucht und über­legt, was sie jenen sagen kön­nten, die sie dort wahrnehmen, oder denen, die an ihnen vorüberge­hen.

Sie stehen für den Menschen selbst

Dass die Fig­uren durch ihre ein­fache Art etwas in den Betra­ch­t­en­den aus­lösen, ste­ht für Jacque­line Keune fest. «Weil sie für den Men­schen selb­st ste­hen, für das Fre­undliche und Fried­fer­tige, das von Men­schen aus­ge­ht. Für ihre Demut und ihre Stärke. Für die Wun­den, die das Leben manchen von uns geschla­gen hat. Für den Schmerz, der sich in ein Gesicht eingekerbt hat, für die Augen, die ins Leere schauen, für das Lächeln, das einen Raum augen­blick­lich heller macht.»

Marie-Christine Andres Schürch
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