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Demut und Stärke
Die Ausstellung «Königlich!» in Baden setzt ein Zeichen für die unantastbare Würde jedes Menschen
Gegen das Vergessen

Auch wenn sich die Male
des Abschieds mehren
die Schritte tastender
und die Gebete
inniger werden
vergiss nicht
die Krone
auf deinem Haupt
und das Licht
in den Falten
vergiss nicht
die Königin
in dir
und den Himmel
über deiner Seele
Jacqueline Keune
Sie, die uns diese Worte zuflüstert, steht im weissen Gewand auf einem Holzsockel, schaut die Betrachtenden unverwandt an und schenkt ihnen ein stilles Lächeln. Die kleine Königin, kaum so lang wie ein Unterarm, empfängt ab dem 22. Februar im Foyer des Regionalen Pflegezentrums in Baden die Besucherinnen und Besucher. Ihre Worte sind Ermutigung und Ermahnung zugleich, sie machen uns bewusst, dass Altersgebrechen, Krankheit und körperliche Schwäche die Würde, die jedem Menschen innewohnt, nicht antasten.
Teil des Jubiläumsprogramms
Die Holzfigur ist Teil der Ausstellung «Königlich!», die vom 23. Februar bis 14. März an 15 verschiedenen Orten in Baden zu sehen ist. Die Ausstellung eröffnet die Feierlichkeiten zum 500-Jahr-Jubiläum der Badener Disputation (siehe Box), die Ende Mai in einem offiziellen Festakt enden. Ob in der Stadtbibliothek, im Kino, in der Kirche oder im Kantonsspital, der Gang durch die Ausstellung soll – wie das gesamte Jubiläumsprogramm – in Zeiten von Polarisierung und globalen Krisen den gesellschaftlichen Dialog stärken und Zeichen für eine zukunftsfähige, solidarische Gesellschaft setzen.
Königinnen und Könige aus Holz
Dieses Anliegen verkörpern die vom deutschen Diakon und Bildhauer Ralf Knoblauch gestalteten, 20 bis 30 Zentimeter grossen Holzfiguren. Der gelernte Tischler, der heute als Sozialdiakon in Bonn tätig ist, begegnet bei seiner Arbeit Menschen in prekären Lebenssituationen: von Armut betroffen, durch Krankheit belastet, von Schicksalsschlägen gezeichnet. «Wie viel Würde kommt einem Menschen zu – von Gott, von sich, von anderen? Und wie viel bleibt im Verborgenen?», diese Fragen stellte sich Knoblauch beim Nachdenken über die täglichen Begegnungen. Seine Königsfiguren seien ein Antwortversuch, schreibt er: «Scheinbar machtlos und bescheiden, zeigt sich ihre Grösse und Würde im Verborgenen.» Seine Skulpturen, an denen er in seiner Werkstatt im Pfarrhaus in Bonn-Lessenich jeweils vor Tagesbeginn in einem meditativen Schaffensprozess arbeitet, möchten an die jedem Menschen innewohnende Königswürde erinnern.
«Königlich – Würde unantastbar»
Vom 23. Februar bis am 14. März sind an 15 Standorten in Baden Königinnen- und Königsfiguren von Ralf Knoblauch mit Texten von Jacqueline Keune ausgestellt. Diese Ausstellung zum Thema Menschenwürde findet im Rahmen des 500-Jahr-Jubiläums der Badener Disputation statt. Die Vernissage (unter Mitwirkung von Priorin Irene Gassmann, Priorin Kloster Fahr, Jacqueline Keune, freischaffende Theologin und Autorin, Marianne Binder, Ständerätin des Kantons Aargau, und Sven Angelo Mindeci, Musiker) findet am Sonntag, 22. Februar, 15 Uhr im Foyer Theater ThiK Baden statt. Eintritt frei, mit Apéro.
Die Badener Disputation
Die Badener Disputation im Jahr 1526 war ein Meilenstein für den Dialog zwischen den Konfessionen in der Schweiz. Die Gespräche über die theologischen Wahrheiten und Glaubensgrundlagen fanden während drei Wochen im Mai und Juni 1526 in der Badener Stadtkirche statt, Teilnehmer waren Vertreter der 13 Alten Orte der Eidgenossenschaft sowie Theologen aus dem In- und Ausland. Zur 500-Jahr-Feier der Badener Disputation organisieren die Reformierte Kirche Baden plus und die Katholische Kirchgemeinde Baden-Ennetbaden ein umfangreiches Jubiläumsprogramm unter dem Titel «Disput(N)ation», zu finden unter www.disputnation.ch
Eigenheiten auf den zweiten Blick
In den letzten Wochen war die Ausstellung in der Stadt Luzern zu sehen. Die Figuren waren dort zusammen mit Texten der Theologin Jacqueline Keune aufgestellt. Auch in Baden verdichtet Keunes Poesie den Ausdruck der Figuren. Vor dem Schreiben hat Jacqueline Keune die einzelnen Figuren eingehend betrachtet: «Auf den ersten Blick sehen die kleinen Königinnen und Könige von Ralf Knoblauch alle recht ähnlich aus. Alle tragen weisse Kleider oder weisse Oberteile und schwarze Hosen. Alle, bis auf eine Ausnahme, sind hager. Alle stehen frontal und aufrecht, alle auf einem Holzsockel. Erst auf den zweiten, genaueren Blick habe ich die Unterschiede, oder vielleicht präziser gesagt: die Eigenheiten, der einzelnen Figuren gesehen.»
Das Äussere hat auch ein Inneres
Die Eigenheiten jeder Figur inspirierten Jacqueline Keune zu den jeweiligen Texten: «Die eine Königin scheint traurig zu sein, die andere zu lächeln. Es gibt grosse schwere Kronen und es gibt Krönchen. Es gibt Gesichter, in die hat sich das Leiden eingezeichnet, es gibt Gesichter, die fragen, und solche, die einfach Zufriedenheit ausstrahlen.» Jede kleine Königin und jeden kleinen König habe sie vor dem Schreiben länger betrachtet, und dabei gespürt, dass das Äussere auch ein Inneres habe.
Die Texte von Jacqueline Keune stellen die Figuren in einen Kontext, sie schaffen eine Verbindung zum jeweiligen Standort. Sie habe versucht, sich in Gedanken in den Ort hineinzubegeben und zu spüren, was dort wichtig ist, erklärt die Theologin. Dann habe sie sich die jeweiligen Könige und Königinnen an diesen Orten vorzustellen versucht und überlegt, was sie jenen sagen könnten, die sie dort wahrnehmen, oder denen, die an ihnen vorübergehen.
Sie stehen für den Menschen selbst
Dass die Figuren durch ihre einfache Art etwas in den Betrachtenden auslösen, steht für Jacqueline Keune fest. «Weil sie für den Menschen selbst stehen, für das Freundliche und Friedfertige, das von Menschen ausgeht. Für ihre Demut und ihre Stärke. Für die Wunden, die das Leben manchen von uns geschlagen hat. Für den Schmerz, der sich in ein Gesicht eingekerbt hat, für die Augen, die ins Leere schauen, für das Lächeln, das einen Raum augenblicklich heller macht.»