Dem Schrecken etwas entgegensetzen

Dem Schrecken etwas entgegensetzen

In den let­zten drei Tagen des Monats Mai ret­tete die Organ­i­sa­tion Fron­tex rund 5000 Men­schen aus Seenot auf dem Mit­telmeer. Es war die «grösste Welle von Migranten» seit Jahres­be­ginn, wie die Europäis­che Agen­tur für die oper­a­tive Zusam­me­nar­beit an den Aus­sen­gren­zen mit­teilte. Bish­er sind fast 2000 Men­schen ertrunk­en, beim Ver­such, Europa zu erre­ichen. Das Mit­telmeer ist lei­der nur ein­er der Schau­plätze, von denen uns täglich bedrück­ende Nachricht­en erre­ichen. Hor­i­zonte hat Men­schen getrof­fen, die sich von den Schlagzeilen nicht erschla­gen, son­dern zum Han­deln bewe­gen liessen.«Win­tere­in­bruch ver­schlim­mert Lage der syrischen Flüchtlinge». «Flüchtlings­dra­ma im Mit­telmeer — über 900 Tote befürchtet». «Erd­beben ver­wüstet Nepal». «Nige­ria: 50 Tote bei Anschlag auf Markt». So und ähn­lich lauteten die Schlagzeilen in den ver­gan­genen Monat­en. Krieg, Tod und Ter­ror erre­ichen uns meist schon vor dem Früh­stück über Zeitung und News-App, begleit­en uns via Radio und Online-Por­tale durch den Tag und gesellen sich rechtzeit­ig zum Feier­abend via Tagess­chau zu uns. Den Bildern von Hin­rich­tun­gen, Hunger und Hoff­nungslosigkeit haben wir oft nichts ent­ge­gen zu set­zen. Wir fühlen uns ohn­mächtig und wer­den uns mit schlechtem Gewis­sen immer wieder bewusst, wie gut es uns eigentlich geht.Mit den eige­nen Mit­teln und Fähigkeit­en Zwar spüren wir deut­lich, dass man nicht taten­los zuschauen darf, die meis­ten kön­nen sich aber nicht vorstellen, dass ger­ade sie etwas gegen das Lei­den der Men­schen unternehmen kön­nen. Hor­i­zonte hat mit Leuten gesprochen, die nicht resig­niert, son­dern angepackt haben. Den täglichen Schreck­ens­meldun­gen set­zen sie auf ihre Weise, mit ihren Mit­teln und Fähigkeit­en, etwas ent­ge­gen.«Da fiel mir Eve­lyne Bin­sack wieder ein» Zum Beispiel Mar­gret Sohn, die vielfältig engagierte Kirchen­musik­erin aus Kirch­dorf. Eines Abends Ende April schal­tete Mar­gret Sohn den Fernse­her ein und sah zufäl­lig die Berg­steigerin Eve­lyne Bin­sack über die Not der Erd­beben-Opfer in Nepal sprechen. Die bekan­nte Aben­teurerin und Extrem­berg­steigerin schilderte den Zuschauern, wie gross die Not im Erd­bebenge­bi­et ist und rief dazu auf, für die betrof­fe­nen Men­schen zu spenden. «Ihre Worte haben mich noch eine ganze Weile beschäftigt.», erin­nert sich Mar­gret Sohn. Kurz darauf trat ihr Chor «coro sonoro» am Kirchen­musik­fest Can­tars auf. Die Sän­gerin­nen und Sänger hat­ten lange für das Konz­ert geprobt und fan­den es ein biss­chen schade, dass es nur ein­mal gesun­gen wurde, erzählt Mar­gret Sohn. «Da fiel mir Eve­lyne Bin­sack wieder ein.»Hil­fe aus per­sön­lichen Ressourcen Kurz­er­hand beschloss der Chor, das Pro­gramm noch ein­mal aufzuführen, dies­mal als Bene­fizkonz­ert für Nepal. Die Diri­gentin schrieb Eve­lyne Bin­sack eine E‑Mail, worauf diese antwortete, dass sie die Idee sehr gut finde und – falls sie es ein­richt­en könne – gerne ans Konz­ert komme. Am kom­menden Son­ntag, 7. Juni 2015 gibt der Chor «coro sonoro» um 19 Uhr in der katholis­chen Kirche Kirch­dorf sein Bene­fizkonz­ert für die Erd­bebenopfer in Nepal. «Wir haben alles sehr kurzfristig auf die Beine gestellt, Nepal braucht die Hil­fe sofort.», erk­lärt Mar­gret Sohn. Eve­lyne Bin­sack wird die gesam­melten Spenden kurz nach dem Konz­ert per­sön­lich nach Nepal brin­gen. Das Bene­fizkonz­ert des «coro sonoro» ist ein tre­f­fend­es Beispiel für Hil­fe, die aus den ganz per­sön­lichen Ressourcen her­aus geleis­tet wird.Erd­beben im Heimat­land Fam­i­lie Gura­gai Schmidli und Fam­i­lie Gau­tam Leuthard wohnen nicht nur bei­de im Wet­tinger Altenburgquarti­er, es verbindet sie auch ein gemein­samer Hin­ter­grund: In bei­den Fam­i­lien ist die Frau Schweiz­erin und der Ehe­mann kommt aus Nepal. Die Kinder sind etwa gle­ich alt und besuchen Kinder­garten und Pri­marschule im Quarti­er. Bar­bara Schmidli hat ihren Mann in Nepal ken­nen­gel­ernt. Sie beschlossen in der Schweiz zu leben. Der grössere Teil der Fam­i­lie – Onkel, Tan­ten, Cousi­nen und Cousins – und viele Fre­unde leben in Nepal. Am Mor­gen des 25. April 2015, als die Schlagzeilen aus Nepal die Schweiz erre­icht­en, erschrak­en die Fam­i­lien Gura­gai Schmidli und Gau­tam Leuthard beson­ders. Das Land, in dem ihre Fam­i­lie und Fre­unde wohnen, war von einem schw­eren Erd­beben erschüt­tert wor­den. Nach und nach sick­erten Infor­ma­tio­nen durch: der Lan­desteil, in dem die Fam­i­lien­mit­glieder heute leben, war zum Glück weit­ge­hend ver­schont geblieben, der Geburt­sort von Janar­dan Gau­tam jedoch nahezu zer­stört. Rund um die Haupt­stadt Kath­man­du waren acht Mil­lio­nen Men­schen von der Katas­tro­phe betrof­fen, die Zahl der Todes­opfer stieg stündlich. Nach Schätzun­gen star­ben beim Erd­beben vom 25. April und mehreren Nach­beben mehr als 8600 Men­schen. Auch die human­itäre Lage im armen Land spitzt sich rasch zu, es fehlt an Wass­er, Essen und Strom. «Nach und nach erre­icht­en uns die schreck­lichen Bilder aus Nepal.», erin­nert sich Bar­bara Schmidli. Die schlim­men Nachricht­en beschäftigten die ganze Fam­i­lie, auch den achtjähri­gen Sohn.Komm, wir fra­gen! Er war es, der am Son­ntag­mor­gen die Idee hat­te, dass er und seine Mitschüler den Men­schen in Nepal doch irgend­wie helfen kön­nten. Sofort teilte er diesen Wun­sch mit seinem Fre­und. Komm, wir fra­gen unsere Kol­legin­nen und Kol­le­gen in der Schule, dass sie den Men­schen in Nepal helfen! Bar­bara Schmidli begleit­ete daraufhin ihren Sohn zur Lehrerin, um die Idee zu besprechen. Die Lehrerin ver­wies an die Schulleitung. Dort stiess das Anliegen der bei­den Fam­i­lien auf Zus­tim­mung. Das weltof­fene Schul­haus hat­te im let­zten Jahr ein «Fest der Kul­turen» gefeiert, bei dem die Gäste die ver­schiede­nen Herkun­ft­slän­der der Schüler ken­nen ler­nen kon­nten. Nun war Hil­fe in einem dieser Län­der gefragt und die Schulleitung gab ihr Ein­ver­ständ­nis, einen Spende­naufruf an die Schüler des Schul­haus­es Altenburg zu verteilen. Den Brief ver­fassten die betrof­fe­nen Fam­i­lien gemein­sam mit den Kindern und anschliessender Unter­stützung ein­er Lehrper­son, dann gelangte er mit der Eltern­post an die Fam­i­lien der Pri­marschüler und Kindergärtler im Quarti­er. Bald stand in jedem Klassen­z­im­mer ein Käs­seli, das Lehrer und Schüler in den fol­gen­den zehn Tagen füll­ten. Und wohl steuerte auch manch­er Vater und manche Mut­ter einen Batzen dazu bei. Als Bar­bara Schmidli und ihre Kinder die Cou­verts von der Schulleitung in Emp­fang genom­men hat­ten, bracht­en sie diese sofort auf die Bank, dort liessen sie das Geld zählen. Vom Fün­frap­pen­stück bis zum Hun­dert­ernötli war alles dabei. Es waren 4’060 Franken und 60 Rap­pen zusam­mengekom­men. Die Schüler hat­ten ihr Net­zw­erk aktiviert, um möglichst viel Geld zu sam­meln, wie Bar­bara Schmidli berichtet: «Einige haben bei den Nach­barn gek­lin­gelt und Spenden gesam­melt.»Ein stim­miger Mit­tel­weg Das Geld geht an den Vere­in «Fre­un­deskreis Schweiz — Nepal», deren Präsi­dent bei­de Fam­i­lien per­sön­lich ken­nen. Fremdes, uns anver­trautes Geld ganz ohne Hil­fe ein­er Organ­i­sa­tion an die Leute zu brin­gen, die es nötig haben, ist sehr schwierig.» Das gewählte Hil­f­swerk sei ein für alle stim­miger Mit­tel­weg zwis­chen pri­vat­en Ver­mit­tlern und grossen Organ­i­sa­tio­nen. Die Vor­abklärun­gen haben ergeben, dass das Geld für den Wieder­auf­bau der öffentlichen Infra­struk­tur ver­wen­det wer­den soll. Kinder helfen Kindern: Die Kinder in Nepal sollen wieder in einem Schul­haus zur Schule gehen kön­nen. Sie sollen ihre Auf­gaben nicht im Dunkeln machen müssen und Zugang zu sauberem Trinkwass­er haben. Die Fam­i­lien inter­essieren sich dafür, was genau mit dem Geld geleis­tet wird, sie wer­den die Arbeit des Vere­ins «Fre­un­deskreis Schweiz — Nepal» mitver­fol­gen. Ein Engage­ment, das über das Erschreck­en beim Zeitungsle­sen hin­aus­ge­ht. «Für die meis­ten ist eine Mel­dung wie diejenige über das Erd­beben nach eini­gen Tagen abge­hakt, vergessen. Die direkt Betrof­fe­nen lei­den aber unter Umstän­den ein Leben lang an den Fol­gen.», ist sich Bar­bara Schmidli bewusst.«Mini Dec­ki» — Trost, Schutz und Wärme Die Fol­gen von Flucht und Heimatver­lust zu lin­dern, ist auch Simone Mau­r­ers Ziel. «Ich habe immer schon genäht», sagt Simone Mau­r­er. Beson­ders gefiel ihr das Nähen von Deck­en. Jedes ihrer drei Kinder besitzt eine eigene, vom Mami genähte Decke, die immer wieder zum Ein­satz kommt. «Ich finde eine Decke etwas Wun­der­bares, etwas das tröstet, Wärme spendet und schützt.», find­et die dreifache Mut­ter aus Rüti­hof bei Baden. Im ver­gan­genen Jahr sah sie in Zeitung und Fernse­hen immer und immer wieder Men­schen, denen genau das fehlte: Trost, Schutz, Wärme. Simone Mau­r­er erin­nert sich: «Die schlim­men Bilder vom Elend der Flüchtlinge wur­den mir zu viel. Beson­ders berührt hat mich das Schick­sal der Kinder. Die Frage drängte sich auf, was ich aus dem glück­lichen Umstand, dass meine Kinder hier zur Welt kom­men durften, machen kann.»Eine Decke für jedes Flüchtlingskind Im ver­gan­genen Dezem­ber startete Simone Mau­r­er deshalb das Pro­jekt «Mini Dec­ki». Ihre Idee: Jedes Flüchtlingskind, das in die Schweiz kommt, soll seine per­sön­liche Decke bekom­men. «Ich habe mir nicht viel über­legt, habe ein­fach ange­fan­gen zu nähen.» Weil sie gle­ichzeit­ig online auf ihrem Blog über das Vorhaben berichtete, melde­ten sich bald Inter­essierte aus allen Eck­en der Schweiz, die bei «Mini Dec­ki» mithelfen woll­ten. Frei­willige set­zten sich an die Näh­mas­chine, andere wühlten in ihrem Fun­dus und schick­ten Stoff von aus­ge­di­en­ter Bet­twäsche nach Rüti­hof, einige spende­ten Geld. Damit die fer­ti­gen Deck­en zu den Flüchtlingskindern gelan­gen kon­nten, suchte Simone Mau­r­er den Kon­takt zu den Behör­den. Der Kan­tonale Sozial­dienst unter­stützte ihre Idee und nun läuft die Abgabe der Deck­en über die Kan­tonalen Durch­gangszen­tren für Asyl­suchende. «So kön­nen alle Flüchtlingskinder im Kan­ton erfasst wer­den, bevor sie auf die einzel­nen Gemein­den verteilt wer­den», erk­lärt Simone Mau­r­er.Das macht Sinn — ohne Wenn und Aber Dank der Mitar­beit von unzäh­li­gen Helferin­nen und Helfer kamen in fünf Monat­en tausend selb­st­genähte Deck­en zusam­men. Auf Anre­gung des Kan­tonalen Sozial­dien­sts ent­warf Simone Mau­r­er einen Fly­er, der in sechs Sprachen das Pro­jekt «Mini Dec­ki» erk­lärt. So wis­sen die Kinder, welche eine Decke bekom­men, dass diese von Frei­willi­gen als Geschenk für sie genäht wurde. Jede einzelne ist ein Stück Heimat auf der lan­gen und ungewis­sen Reise. «Ich hat­te auch früher schon den Gedanken, dass auch andere Leute Freude an meinen Deck­en haben kön­nten. Aber an einem Mark­t­stand, fand ich, sei der falsche Ort für meine Deck­en.» Der Ort, wo ihre Deck­en jet­zt lan­den, macht für Simone Mau­r­er ohne Wenn und Aber Sinn.Zusät­zlich­er Raum gesucht Unter­dessen ist das Pro­jekt so stark gewach­sen, dass Simone Mau­r­er Tag und Nacht E‑Mails beant­worten kön­nte. Sie übern­immt die Beschaf­fung der Stoffe, die Organ­i­sa­tion der Verteil­fahrten und Ver­hand­lun­gen mit Geschäften. Und auch die Bewäl­ti­gung der vie­len Medi­en­an­fra­gen braucht Zeit. Min­destens ein 50-Prozent-Job sei ihr mit­tler­weile aus «Mini Dec­ki» erwach­sen. «Hätte ich zu Beginn gewusst, was mich in einem hal­ben Jahr erwartet, hätte ich das vielle­icht gar nicht ange­fan­gen.» Denn «Mini Dec­ki» braucht nicht nur Platz im Kopf von Simone Mau­r­er, son­dern greift auch räum­lich um sich. Die grosse Stube dient seit Monat­en als Deck­en­lager: «Ich halte ein gewiss­es Mass an Chaos gut aus, aber manch­mal wird es selb­st mir zu viel. Wirk­lich heimelig ist es bei uns nicht mehr.», stellt sie fest. Ihr näch­stes Ziel ist deshalb, einen Raum zu find­en, wo sie Mate­r­i­al lagern und die fer­ti­gen Deck­en für die Aus­liefer­ung bere­it­stellen kann. «Ein trock­en­er, gut zugänglich­er Raum irgend­wo in der Umge­bung von Baden wäre super.», erk­lärt Simone Mau­r­er.Ver­trauen, dass es aufge­ht In ihrem ersten Blo­gein­trag von Mitte Dezem­ber 2014 hat­te Simone Mau­r­er geschrieben: «Es ist ein gross­es Pro­jekt, das ich nie sel­ber schaf­fen kann … aber ich ver­traue darauf, dass etwas ins Rollen kommt.» Im Rück­blick muss die 38-Jährige ein wenig schmun­zeln: «Am Anfang habe ich mir über­haupt nichts über­legt, ich habe ein­fach begonnen. Ich habe gedacht, ich kaufe ein paar Ikea-Deck­en und fange an zu nähen. Und natür­lich dachte ich, dass ich das ein­fach sel­ber bezahle. Inzwis­chen kön­nen über die Spenden die Por­to- und Mate­ri­alkosten bezahlt wer­den, die Rech­nung geht auf. Die Gabe, darauf zu ver­trauen, dass es am Schluss immer irgend­wie aufge­ht, ist Simone Mau­r­er geschenkt. Und so wird sie sich auch weit­er­hin dafür ein­set­zen, dass die Kinder, die so viel ver­loren haben, ein Geschenk bekom­men, das nur ihnen gehört: Mini Dec­ki.Links zu den Pro­jek­ten: http://minidecki.blogspot.ch , www.swiss-nepal.ch , www.corosonoro.ch  
Marie-Christine Andres Schürch
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