Das Zusammenleben in Zeiten von Corona

Das Zusammenleben in Zeiten von Corona

  • Diesen Son­ntag, 19. Sep­tem­ber, feiern wir den Eid­genös­sis­chen Dank‑, Buss- und Bet­tag.
  • Seit 180 Jahren wird der Bet­tag gesamtschweiz­erisch am drit­ten Sep­tem­ber-Son­ntag began­gen. Mit der Grün­dung des Bun­desstaates, 1848, gewann er staat­spoli­tis­che Bedeu­tung als Zeichen staatlich­er und kon­fes­sioneller Eini­gung.
  • Aus diesem Grund veröf­fentlichen der Regierungsrat und die Lan­deskirchen des Kan­tons Aar­gau abwech­sel­nd eine Botschaft an das Volk, das so genan­nte Bet­tags­man­dat. Hier das aktuelle Bet­tags­man­dat des Aar­gauer Regierungsrats.

Liebe Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons Aargau

Der kolumbian­is­che Lit­er­aturnobel­preisträger Gabriel Gar­cía Márquez hat ein wun­der­bares Buch geschrieben mit dem Titel «Die Liebe in den Zeit­en der Cholera». Es ist eine berührende, lebenslange Liebesgeschichte, die damit endet, dass der geal­terte Flo­renti­no auf der Hochzeit­sreise auf dem Fluss­dampfer die gelbe Cholera-Flagge hisst, um endlich mit sein­er Ange­beteten Fer­mi­na allein sein zu kön­nen.

In den let­zten anderthalb Jahren musste die Men­schheit in den Zeit­en des Coro­n­avirus leben. In Zeit­en, die auch sehr viel Stoff für Büch­er boten und bieten – nicht nur für Liebesgeschicht­en. Die Pan­demie hat das Zusam­men­leben der Men­schen in der ganzen Welt, in unserem Lande, in unserem Kan­ton geprägt wie kaum ein Ereig­nis in den let­zten 50 Jahren zuvor – und tut dies immer noch.

In den Grundfesten erschüttert

Das heimtück­ische Virus forderte weltweit bish­er fast vier Mil­lio­nen Todes­opfer. Eine hohe Zahl an Mit­men­schen erkrank­te auch im Kan­ton Aar­gau, eine zu hohe Zahl ver­lor gar ihr Leben. Am heuti­gen Eid­genös­sis­chen Buss- und Bet­tag gedenken wir den Ver­stor­be­nen und wün­schen den immer noch unter der Krankheit lei­den­den Mit­men­schen rasche und voll­ständi­ge Gene­sung.

Die Coro­n­avirus-Pan­demie brach Anfang 2020 schockar­tig mit vie­len Ungewis­sheit­en und Unsicher­heit­en über uns here­in; in unsere dur­chor­gan­isierte, dig­i­tal­isierte, glob­al­isierte und ver­net­zte Welt hinein. Nor­maler­weise leben ja gerne mit der Vorstel­lung in dieser Welt, alles in unserem Leben, in unserem Tun und Lassen ratio­nal kon­trol­lieren und bes­tim­men zu kön­nen – oder glauben es zumin­d­est. Und plöt­zlich geri­et unser ver­meintlich uner­schüt­ter­lich­es Gefüge von Sicher­heit, Wis­sen und Kon­trolle innert kürzester Zeit ins Wanken.

Wis­senswertes über die Bedeu­tung des religiös-poli­tis­chen Feiertags lesen Sie im Artikel des Litur­gis­chen Insti­tuts der deutschsprachi­gen Schweiz: «Betet, freie Schweiz­er…»

Schmerzliche Einbussen

Die für die Krisen­be­wäl­ti­gung ver­ant­wortlichen Gremien und Per­so­n­en mussten oft auf­grund von spär­lichen und wenig gesicherten Infor­ma­tio­nen inner­halb kürzester Zeit Entschei­de von höch­ster Trag­weite tre­f­fen, die manch­mal auch mit Leben und Tod zusam­men­hin­gen. Dabei bewegten sich die Ver­ant­wortlichen meis­tens im Span­nungs­feld zwis­chen der Wahrung per­sön­lich­er Grund­frei­heit­en und ‑rechte, wirtschaftlichen Inter­essen und Über­legun­gen sowie — vor allem — dem Schutz von Gesund­heit, Leib und Leben der Mit­men­schen.

Die Auswirkun­gen der nach gründlich­er Abwä­gung getrof­fe­nen Entschei­de erforderten und erfordern von vie­len Men­schen grosse per­sön­liche, zum Teil auch gemein­schaftliche Opfer; zum Beispiel durch die Ein­schränkung der Bewe­gungs­frei­heit und viel­er ander­er Frei­heit­en. Und in der Wirtschaft erlit­ten viele Arbeit­gebende und Arbeit­nehmende schmer­zliche Ein­bussen, einige Branchen fürchteten um ihre Exis­tenz.

Nicht zerbrochen, sondern gewachsen

Nach anderthalb Jahren darf aber auch fest­gestellt wer­den, dass unsere Gemein­schaft an den enor­men Her­aus­forderun­gen nicht zer­brochen, son­dern gewach­sen ist. Der über­wiegende Teil der Bevölkerung hat die zum Schutz von beson­ders gefährde­ten Mit­men­schen notwendi­gen Ent­behrun­gen mit bewun­dern­swert­er Sol­i­dar­ität und grossem Ver­ständ­nis mit­ge­tra­gen, zunehmend auch miter­dauert. Und macht dies immer noch.

Über­aus viele Men­schen und Insti­tu­tio­nen haben einan­der über­aus viel geholfen: mit Nach­barschaft­shil­fe, im Pflege- und Betreu­ungs­di­enst, beim Schu­lun­ter­richt, an der Kasse des Lebens­mit­tel­ladens, mit Härte­fall­hil­fe usw.

Der Regierungsrat dankt all denen, die mit ihrer aktiv­en Mith­il­fe, ihrem Mit­tra­gen, ihrem Erdauern, ihrer Sol­i­dar­ität mit­ge­holfen haben und weit­er­hin mithelfen, die schwierige Zeit zu meis­tern. Er dankt speziell auch allen, die bei der Krisen­be­wäl­ti­gung zuvorder­st im Ein­satz standen und ste­hen und oft bis an die Gren­zen ihrer Kräfte gefordert wur­den und wer­den; zum Beispiel in Spitälern, Pflege- und Betreu­ung­sein­rich­tun­gen. Alles und alle zusam­men bilde­ten und bilden ein starkes Netz, das viele Not, viel Leid und viel Unheil auf­fan­gen oder zumin­d­est abfed­ern kon­nte und kann.

Gemeinsam neue Lösungen und Wege suchen

Nach der Bewäl­ti­gung der Coro­n­avirus-Pan­demie müssen wir darüber nach­denken, was sich mit­tel- und länger­fristig verän­dern muss, damit wir uns vor ein­er solchen Ver­let­zlichkeit bess­er schützen kön­nen – als einzelne Men­schen, als Gemein­schaft und Gesellschaft, als Staat und Kan­ton.

Ein­fach beste­hende Kapaz­itäten und Quan­titäten zu erhöhen, das Bish­erige und Beste­hende auszubauen oder zu verbessern, wird ver­mut­lich nicht reichen. Es braucht einen gesellschaftlichen und poli­tis­chen Prozess, einen gesellschaft­spoli­tis­chen Dia­log, in den sich unter anderem auch die Lan­deskirchen mit wertvollen Beiträ­gen ein­brin­gen kön­nen.

Wir wer­den wohl auch im Kan­ton Aar­gau neue Kapi­tel aufzuschla­gen, wenn nicht gar ein neues Buch zu schreiben haben – vielle­icht mit dem Titel «Das Zusam­men­leben in den Zeit­en nach dem Coro­n­avirus». Dabei wer­den wir in der Diskus­sion über wichtige Fra­gen Flagge hissen beziehungsweise zeigen müssen – wie die Roman­fig­ur Flo­renti­no von Gabriel Gar­cía Márquez… – aber nicht, um sich abzu­gren­zen, son­dern um gemein­sam nach Lösun­gen und Wegen zu suchen.

Marie-Christine Andres Schürch
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