Auch Geschöpfe Gottes

Auch Geschöpfe Gottes

Wir stre­icheln und wir essen sie. Ein­er­seits ver­hätscheln wir unsere Haustiere, auf der anderen Seite essen wir bil­liges Fleisch aus ethisch frag­würdi­ger Pro­duk­tion. Unsere Beziehung zu Tieren gestal­tet sich para­dox, ambiva­lent, zuweilen gar skur­ril, was jedoch ein Stück weit auf die christliche Ethik im Umgang mit dem Tier zurück­ge­ht. Ein Blick in die The­olo­giegeschichte zeigt, dass Tiere im Chris­ten­tum lange Zeit nicht als gle­ich­berechtigte Geschöpfe Gottes ver­standen wur­den. Franziskus, der Tauben befre­ite, den Wolf zähmte und den Tieren als «Brüder» predigte, war ein ein­samer Vertreter des Tier­schutzes.Dabei geht der Tier­schutz selb­st weit zurück und ist bere­its in der Tora ver­ankert: Tierquälerei ist ver­boten, Tiere haben Rechte. so gilt auch für sie die Sch­ab­ba­truhe, das Recht auf Nahrung bei der Arbeit, eben­so der Schutz vor Schmerzen. Das Tier gilt bere­its in früh­ester jüdis­ch­er Zeit als ein Geschöpf Gottes, aufgenom­men in seinen Bund und das Ver­sprechen der Erlö­sung.Erst der Men­sch, dann das Tier Das Chris­ten­tum ori­en­tierte sich eben­falls an der Hebräis­chen Bibel, über­nahm aber viele Teile der antiken Ein­stel­lung zu Tieren. Diese standen damals weit unter den Men­schen. Nach dem Apos­tel Paulus sind Tiere zwar Geschöpfe Gottes, sie haben aber keine Seele. Ihre Auf­gabe ist es, dem Men­schen zu dienen. Das mod­erne Denken der Aufk­lärung ver­stärk­te diese Ten­denz: Philosophen wie René Descartes macht­en den Men­schen zum Zen­trum des Uni­ver­sums und zum Herrsch­er der Welt. So spricht René Descartes im «Dis­cours de la méth­ode» von den Tieren als «auto­mates».Verän­dertes Ver­ständ­nis Im 19. Jahrhun­dert bekam der Tier­schutz im Chris­ten­tum endlich neuen Raum. Der süd­deutsche pietis­tis­che Pfar­rer Chris­t­ian Adam Dann (1758–1837) betonte, dass Tiere Mit­geschöpfe der Men­schen seien und Gott sie liebe. Ein Tierquäler könne Gott und seine Mit­men­schen nicht lieben. Er zitierte dabei aus dem Buch der Sprüche 12,10: «Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs, aber das Herz der Got­t­losen ist unbarmherzig». Sein Fre­und, Pfar­rer Albert Knapp, grün­dete nach Chris­t­ian Adam Danns Tod den ersten Tier­schutzvere­in Deutsch­lands. Ein wichtiger Vertreter des neuen Denkens wurde auch der The­ologe und Arzt Albert Schweitzer. Er prägte den Kern­satz von der «Ehrfurcht vor dem Leben». Seine Aus­sage «Ich bin Leben, das leben will, inmit­ten von Leben, das leben will» wurde berühmt. Schweitzer leit­ete daraus ab, dass die Grund­sätze der Ethik für alle Geschöpfe gel­ten. Der Men­sch ist verpflichtet, sich der ganzen Schöp­fung gegenüber ethisch zu ver­hal­ten. Darum lehnte er auch das Töten von Tieren für die Ernährung – obwohl die Bibel es unter Aufla­gen erlaubt. Das Inter­esse an Tieren hat in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten zugenom­men. Es wird geforscht, Tier­filme und entsprechende Büch­er erleben hohen Aufla­gen, die Anzahl der Haustiere steigt. Doch auf der anderen Seite set­zt unser Lebensstil der Natur und den Tieren einen immer engeren Rah­men. Viele ver­lieren ihren Leben­sraum, ster­ben aus. Her­aus­forderun­gen, die eine inten­sive Auseinan­der­set­zung mit unserem Selb­stver­ständ­nis als Men­schen in der Schöp­fung ver­lan­gen, eine Auseinan­der­set­zung, die uns in die Ver­ant­wor­tung fordert, Albert Schweitzers Gedanken endlich umzuset­zen.Chris­tiane Faschon/aj
Redaktion Lichtblick
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