Der Weihrauch ging und Räucherstäbchen kamen

Der Weihrauch ging und Räucherstäbchen kamen

Kurt Lus­si ist Kon­ser­va­tor für Volk­skunde, Buchau­tor, Ausstel­lungs­mach­er und Ref­er­ent. Der Luzern­er, der auch als Kura­tor am His­torischen Muse­um Luzern tätig ist, beschäftigt sich mit dem magisch-religiösen Brauch­tum im Alpen­raum und in neuer­er Zeit mit ähn­lichen Vorstel­lun­gen im aussereu­ropäis­chen Raum. Der Wal­lis­er Thomas Jenel­ten war Jugend­seel­sorg­er, leit­ete fün­fzehn Jahre lang die Pfar­rei Sankt Peter und Paul in Aarau, ist Polizeiseel­sorg­er und seit knapp einem Jahr Heim­seel­sorg­er im Regionalen Pflegezen­trum Baden. Im Rah­men der Som­merserie von Hor­i­zonte set­zen sich Kurt Lus­si und Thomas Jenel­ten mit den ver­schiede­nen Aspek­ten des The­mas Rit­uale auseinan­der. Was ist der Unter­schied zwis­chen ein­er Gewohn­heit und einem Rit­u­al. Ab wann wird etwas zum Beispiel zum Mor­gen­ritu­al, weil es mehr ist, als nur eine gewohnte Abfolge von Hand­grif­f­en? Thomas Jenel­ten: Ich bin zwar kein Wis­senschaftler bei dem The­ma, aber es gibt schnell einen Grenzbere­ich zwis­chen Gewohn­heit und Rit­u­al. Bei mir ist das Stich­wort Geheim­nis wichtig. Beim Rit­u­al kommt immer die Ebene des Geheim­nis‘ dazu, die man nicht mehr greifen kann. Wenn ich als Kind Zähne geputzt habe, war das Gewohn­heit. Wenn mir die Mut­ter für den Schul­weg ein Wei­h­wasserkreuz auf die Stirn gemacht hat, dann war das ein Rit­u­al. Sie hat mir ein Geheim­nis mit­gegeben.Kurt Lus­si: Man kann sich noch die Frage stellen, was für ein Geheim­nis. Anson­sten sehe ich das ähn­lich. Von der Forschung und vom Kon­takt mit anderen Kul­turen her, ist das Rit­u­al etwas, das in ganz speziell vorgeschrieben­er fes­ter Form, von der Tra­di­tion über­liefer­t­er wurde um in Kon­takt mit höheren Mächt­en zu treten. Ich sage nicht Gott, son­dern höhere Macht, weil das für alle Kul­turen gilt. Ein Rit­u­al hat immer etwas mit dem Heili­gen zu tun. Das Rit­u­al ist also etwas, was man nicht ein­fach so macht, wie zum Beispiel Zähne putzen. Durch das Rit­u­al soll die höhere Macht angerufen wer­den. Im Gegen­satz dazu fehlt beim Brauch­tum der spir­ituelle Aspekt, wie dies zum Beispiel bei der Fas­nacht zutrifft. Und Gewohn­heit ist etwas, das Ver­trauen und Sicher­heit, ein Gefühl des Aufge­hoben­seins schafft.Das sagt man auch von Rit­ualen. Egal wo ich auf der Welt in einen katholis­chen Gottes­di­enst gehe, ich füh­le mich dort aufge­hoben, weil er über­all gle­ich ist. Und das ist ja mehr als Brauch­tum und Gewohn­heit. Kurt Lus­si: Wenn man in eine katholis­che Messe geht, entste­ht Ver­trautheit. Aber der Effekt der Messe ist ja mehr: Es geht um den Kon­takt mit dem Göt­tlichen. Und das Ziel ist auch, dass ich anders aus der Kirche komme, als ich reinge­gan­gen bin. Der Besuch soll eine Bere­icherung sein. Wenn das nicht passiert, muss ich entwed­er nicht gehen, oder ich besuche die Heilige Messe nur noch aus Gewohn­heit. Gewohn­heit und Rit­u­al soll­ten nicht ver­mis­cht wer­den, denn das Ziel des Rit­u­als ist ein anderes. Auch beim Brauch­tum kön­nen Gefüh­le da sein. Ich fühl mich wohl an der Fas­nacht oder in ein­er Zun­ft.  Das Brauch­tum richtet sich nach ganz speziellen Leit­planken. Das kann man nicht ein­fach so prak­tizieren. Brauch­tum heisst ja „in Gebrauch“. Aber den spir­ituellen Charak­ter, den es mal gehabt hat, gibt es nicht mehr. Deshalb würde ich ganz klar tren­nen zwis­chen Brauch­tum und Rit­u­al. Rit­u­al ist für mich immer das in Kon­takt treten mit etwas Heiligem, ein­er höheren Macht. Und bei der Gewohn­heit, da gibt es keine Vorschriften, die schafft man sich sel­ber.Hat ein Riu­tal zwin­gend eine Verbindung mit ein­er Höheren Macht? Thomas Jenel­ten: Ich ringe etwas mit dem begriff «höhere Macht». Ich würde es eher «göt­tlich­es Geheim­nis» nen­nen. Doch grund­sät­zlich ist es schon so: Rit­u­al hat etwas mit dem Berühren des Göt­tlichen zu tun. Wenn das ver­schwindet, ist es nicht mehr Rit­u­al. Das andere ist ja, dass ein und dieselbe Tätigkeit manch­mal ein Rit­u­al ist und manch­mal nicht. Ich war fleis­siger Min­is­trant und Kirchgänger: was ich da erlebt habe, war nicht immer Rit­u­al.Kurt Lus­si: Im Chris­ten­tum hat der Begriff Macht einen Beigeschmack. In anderen Kul­turen spricht man von ein­er «mys­tis­chen Kraft» und stellt sich vor, dass diese Kraft in das Leben des Men­schen ein­greift.Vie­len Men­schen sagen die kirch­lichen Rit­uale nichts mehr und sie suchen sich neue For­men und freie Rit­u­algestal­ter. Müssten Rit­uale flex­i­bler sein, damit sie näher beim Men­schen sind oder wider­spricht das einem Rit­u­al? Kurt Lus­si: Wenn man ein Rit­u­al aufwe­icht, wird die Ver­trautheit eli­m­inieren. Wenn ein Priester plöt­zlich nur noch neue Lieder singt, sind ältere Men­schen über­fordert. Es wäre bess­er, die Rit­uale wieder mit Leben zu erfüllen. Nicht das Rit­u­al muss fol­glich geän­dert wer­den, son­dern man sollte stattdessen das Ver­ständ­nis für das Rit­u­al weck­en. Ich habe Priester erlebt, die das gemacht haben. Und plöt­zlich kon­nten die Men­schen im Rit­u­al wieder einen Sinn sehen. Das ist eine Her­aus­forderung für die The­olo­gen.Thomas Jenel­ten: Ich denke man muss Rit­uale immer wieder neue entwick­eln. Ich bewege mich als Polizeiseel­sorg­er in einem eher säku­laren Umfeld. Eben­so bei der Feuer­wehr in Aarau. Da ist die ganze Palette der Gesellschaft vorhan­den. Auf­grund der gesellschaftlichen Sit­u­a­tion wäre es notwendig, immer wieder neue Rit­uale auszupro­bieren. Ein Beispiel: Ich habe bei der Erweiterung eines Feuer­wehrlokals die Ein­wei­hung mit­gestal­tet. Offiziell eine Ein­wei­hung, aber let­ztlich war es eine Eröff­nung. Ich sollte etwas sagen, nicht als katholis­ch­er Seel­sorg­er, son­dern all­ge­mein. Ich habe dann einen lusti­gen Engel mit­ge­bracht und gesagt: der sitzt im Mannschaft­sraum und erin­nert uns daran, dass die Feuer­wehrleute füreinan­der da sein sollen. Dieser Engel sass dann dort. Einen Monat später ist ein Feuer­wehrkam­er­ad schw­erkrank ins Spi­tal gegan­gen und ein­er sein­er Kol­le­gen hat den Engel ins Spi­tal gebracht, damit er die Verbindung zu den anderen nicht ver­liert und einen Schutz hat. Das sind für mich Ver­suche, «mys­ti­cal pow­er» ins Leben zu tra­gen. In dem Fall die Kraft zwis­chen den Feuer­wehrleuten. Das ist natür­lich vor allen Din­gen ein Ver­such. Doch so ist es in der Gesellschaft: wir fra­gen, was ist eine Form, die Halt gibt und die etwas erfahrbar macht von der göt­tlichen Kraft in der äusseren Welt.Kurt Lus­si: Da muss ich dann fra­gen: ist das ein Rit­u­al? In den ursprünglichen Kul­turen oder dem Juden­tum sind die Rit­uale strikt vorgeschrieben. Wenn man sich nicht an diese Vorschrift hält, stellt man die Wirkung in Frage. Was Sie tun ist wun­der­schön, aber ist dies wirk­lich ein Rit­u­al? Oder ist es ein­fach eine Form, eine Botschaft zu ver­mit­teln? Bei Rit­ualen schauen wir auf einem Kon­text von Jahrhun­derten oder sog­ar Jahrtausenden.Wie wür­den sie dann aber einem Laien erk­lären, was ein Rit­u­al ist? Was macht ein Rit­u­al aus? Kurt Lus­si: Ein Rit­u­al ist ein Ablauf von ganz ver­schiede­nen Hand­lun­gen, die sich aneinan­der­rei­hen.  Rit­uale sind von der Tra­di­tion über­liefert. Sie haben immer den Zweck, Spir­i­tu­al­ität zu erzeu­gen. Der­jenige, der es aus­führt, löst sich in einem gewis­sen Sinne von der All­t­agswelt. Der Priester beispiel­sweise legt ein Mess­ge­wand an und ist nicht mehr der Kol­lege, mit dem ich jassen gehe. Ich habe vielle­icht sog­ar Mühe ihn zu duzen, wenn ich ihn per­sön­lich kenne. In der Messe ist er in der Funk­tion eines Rit­u­alleit­ers. Er befind­et sich in ein­er anderen Welt. Das was im Rit­u­al stat­tfind­et, ist ein Zer­e­moniell, dass sich auf ein bes­timmtes Ziel aus­richtet, näm­lich mit den göt­tlichen Mächt­en in Kon­takt zu treten. Das ist bei allen Reli­gio­nen so, die ich kenne.Thomas Jenel­ten: Ja. Wenn ich als Gemein­deleit­er getauft habe oder Abdankun­gen durchge­führt habe, war das Gewand sehr wichtig. Ich bin dann nicht mehr der pri­vate Thomas Jenel­ten, son­dern habe eine Funk­tion. Das Rit­u­alk­leid ist sehr wichtig. Auch um mich zu schützen. – Was mich sehr beschäftigt ist, wie man dieses Geheim­nis vom Leben in ein­er säku­lar­isierten Gesellschaft ver­mit­teln kann. Das ist eine Suche mit manch­mal über­raschen­dem Aus­gang. Ein Paar wollte sein Kind taufen lassen. Doch sie woll­ten es ganz anders machen. Wir haben disku­tiert, über­legt, was sie sich wün­schen und zum Schluss kamen wir doch beim tra­di­tionellen Rit­u­al an.Kurt Lus­si: Ich stelle auch fest, dass die Rit­uale geschätzt wer­den, wenn man sie erk­lärt. Das aber wurde und wird oft ver­säumt. Kar­di­nal Hen­ri Schw­ery (unter Anderem Vor­sitzen­der der Schweiz­er Bischof­skon­ferenz von 1983- 1988, Anmerkung der Redak­tion) hat etwas sehr Bedenkenswertes geäussert, als er vor eini­gen Jahren in einem Vor­trag sagte: «Die Kirche ist mit der tra­di­tionellen Messe und dem Weihrauch durch den Haupt­gang der Kirche aus­ge­zo­gen und durch die Seit­ene­ingän­gen sind die Eso­terik­er mit den Räuch­er­stäbchen hereingekom­men.» Die Kirche hat der Eso­terik mit den Boden bere­it­et, weil sie sich von manchen Rit­ualen ver­ab­schiedet hat. Damit ist eine Lücke ent­standen. Diese wurde durch neue Rit­uale und Inter­pre­ta­tio­nen gefüllt. Ich sage nicht, dass das gut oder schlecht ist, ich stelle dies ein­fach fest. Die Men­schen wollen in allen Sin­nen ange­sprochen wer­den. Wenn die Kirche das nicht mehr kann oder macht, suchen sie sich etwas Neues. Alte, teil­weise sehr schöne Rit­uale, sprechen die Men­schen auch heute an, sofern man ihnen den Sinn erk­lärt. Es hat seine tiefen Gründe gehabt, weshalb man zum Beispiel Kirchen gegen Osten gebaut hat und der Priester die Messe mit dem Gesicht gen Osten und damit mit dem Rück­en zum Volk feierte. Ich sage nicht, dass man alte Prak­tiken wie diese wieder ein­führen soll, aber wenn man den Sinn erk­lärt, kommt oft ein Aha-Erleb­nis bei den Men­schen und sie fra­gen nach, warum das im Reli­gion­sun­ter­richt nicht erk­lärt wird.Wie sieht das mit 15 Jahren Praxis­er­fahrung in ein­er zunehmend säku­laren Umge­bung aus? Kön­nte man alte Rit­uale, die ihren Sinn haben, wieder beleben oder ist es ein­fach­er, neue Rit­uale zu erar­beit­en. Thomase Jenel­ten: Bei kirch­lichen Men­schen ist das wieder­beleben sich­er ein­fach­er. Da gibt es über die kirch­liche Sozial­isierung einen Zugang. Sin­nvoll und notwendig ist das bei Gen­er­a­tio­nen, die diese Sozial­isierung nicht erlebt haben. Ver­mit­tlung von Rit­ualen ist Erfahrungsver­mit­tlung. Wenn man das gut verbinden kann, pri­ma. Richtig ist: Man sollte Rit­uale nicht ein­fach ver­schwinden lassen. Ein gutes Beispiel ist die let­zte Ölung. Die gibt es nicht mehr, es ist jet­zt die Kranken­sal­bung. Das Bedürf­nis nach einem Starken Zeichen für den Über­gang ist damit aber nicht abgeschafft. Das ist da. Die Frage trifft mich weniger akut, weil ich kein Priester bin. Aber Kirche hat an solchen Tra­di­tio­nen geschraubt. Es ist gut, dass es eine Kranken­sal­bung gibt, aber dass der Über­gang nicht mehr so rit­u­al­isiert ist wie früher, ist schade und das fehlt den Men­schen.Kurt Lus­si. Und die Lücke wird gefüllt. Durch andere. Da vergibt sich Kirche eine Chance bei den Men­schen zu sein. Das ist schade. Damit hängt auch die Frage zusam­men, ob diese Anderen kom­pe­tent sind. Meine Frau hat eine Aus­bil­dung als Ster­be­be­glei­t­erin gemacht, und obwohl es eine gute Aus­bil­dung ist, wurde nie nur ein Wort über die Rolle der Heili­gen oder die Gottes­mut­ter Maria ver­loren. Wenn eine Ster­be­be­glei­t­erin zu ein­er katholis­chen Ster­ben­den kommt, wird sie kaum einen Anknüp­fungspunkt haben. Was will eine 80-jährige mit mod­er­nen Rit­ualen? Die Wahrschein­lichkeit, dass ihr ein Marienge­bet hil­ft, ist da ungle­ich gröss­er. Die Ausklam­merung der tra­di­tionellen Vorstel­lun­gen sehe ich als Ver­lust. Ich per­sön­lich möchte ein­mal priester­lichen Bei­s­tand haben.Thomas Jenel­ten: Das kann ich nachvol­lziehen. Im Wal­lis gross­ge­wor­den, habe ich noch nie so viele Marien­lieder gesun­gen, wie jet­zt in Baden. Nicht, weil ich beson­ders Marien­fromm wäre, aber es sind für viele alte Leute die bekan­nten Lieder. Die sie brauchen und wo sie sich daheim fühlen, die sich gebor­gen fühlen unter dem weit­en Man­tel der Maria.Rit­uale sind jew­eils stark geprägt von der Kul­tur, in der sie ent­standen sind. Sind Rit­uale trans­porta­bel von ein­er Kul­tur in eine andere, oder funk­tion­iert das nicht? Kurt Lus­si: Das funk­tion­iert wun­der­bar. Aus dem ein­fachen Grund: Der Inhalt der Rit­uale ist in vie­len Bere­ichen ähn­lich. Nur die Form ist ver­schieden. Ein­flüsse ander­er Kul­turen kön­nen auch ihr Gutes haben. Nehmen wir das Beispiel Hal­loween. Viele Men­schen sehen darin eine Gefährdung unser­er Glaubenswelt. Aber dank Hal­loween haben viele Aller­heili­gen neu ent­deckt. Es ist also nicht nur neg­a­tiv, wenn bes­timmte Brauchtümer ein­wan­dern, denn wir kön­nen durch diese «Bedro­hung» unser eigenes Brauch­tum wieder mit neuem Leben füllen. Es ist eine Bewusst­machung. Erst wenn ein Rit­u­al bedro­ht wird, erken­nen wir seinen Wert. Und das ist gut.Thomas Jenel­ten: Mir kommt das Grun­dritu­al vom Teilen des Brotes in den Sinn. Ob ich das in der reformierten oder katholis­chen Tra­di­tion, im Wal­lis oder im Aar­gau oder in Tansa­nia erlebe: Wenn es zum Rit­u­al wird, hat es über­all die Kraft ver­ständlich zu sein. Es ist ein Zeichen der Ver­bun­den­heit. Und auch in einem säku­laren Hin­ter­grund wird wahrgenom­men, dass es mehr ist als physisch erfass­bar. Ich habe häu­figer sagen gehört: Als das Brot geteilt wurde, da ist etwas anders gewor­den. Diese Grund­form wirkt also.Kurt Lus­si: Ich habe das in Gwas­si am Vik­to­ri­asee erlebt. Wir sind an einem heili­gen Ort gewe­sen und haben dort mit den Ein­heimis­chen ein Rit­u­al zele­bri­ert und eine Schüs­sel heiliges Wass­er geteilt. Das war eine der­art sakrale Stim­mung, da habe ich nie über mögliche Krankheit­ser­reger nachgedacht. Das heilige Wass­er habe ich mit dem Gefühl ent­ge­gengenom­men, mit etwas Heiligem in Berührung zu kom­men. Und der Priester, sie nen­nen sich Priester, sind aber keine Priester im katholis­chen Ver­ständ­nis, war unglaublich fein­füh­lig. Inhaltlich und von dem, was ich gespürt habe, wie ich mich bere­ichert gefühlt habe, ist das eben­bür­tig gewe­sen zu ein­er Messe. Es ist also falsch, zu sagen: das Fremde ist ja nichts wert. Es ist ein­fach anders.Weil das Rit­u­al einen Inhalt hat, der über uns sel­ber hin­aus ver­weist? Kurt Lus­si: Ja. Und weil er Dinge gesagt hat, die bei mir noch immer nach­wirken. Das zeich­net auch einen guten Priester bei uns aus. Wenn er mit sein­er Predigt einen Gedanken mit­gibt, über den man noch lange nach­denkt, geht man bere­ichert nach Hause.Aber heisst das nicht let­ztlich, dass die Stärke, die in einem Rit­u­al liegt auch sehr von der Per­son abhängt, die es durch­führt? Kurt Lus­si: Ja das ist so. Ein Exorzis­mus beispiel­sweise ist nur so gut oder so schlecht, wie der Exorzist.Hat die Kirche zu wenige Leute, die Rit­uale authen­tisch kraftvoll ver­mit­teln und durch­führen? Thomas Jenel­ten: Darüber denke ich auch nach. Was ist der Teil von mein­er Per­son, der in einem Rit­u­al präsent ist, das ich leite. Es häng damit zusam­men, dass ich darauf ver­traue, sel­ber in Berührung mit dem göt­tlichen Geheim­nis zu kom­men. Und gle­ichzeit­ig als Per­son sehr diskret bin. Es geht ja nicht um mich. Wenn ich auf Show­man mache, geht das Rit­u­al kaputt. Es braucht eine grosse Kargheit in mein­er Per­son, wobei ich gle­ichzeit­ig wirk­lich im Rit­u­al ste­hen muss. Ich bin im Som­mer bei ein­er Kon­fir­ma­tion gewe­sen und habe bei dem Pfar­rer gedacht: Hey steh hin! Die jun­gen Leute brauchen die Kraft des Rit­u­als. Es wirk­te, als habe er sel­ber nicht daran geglaubt, dass etwas Wesentlich­es passiert.Kurt Lus­si: Ein anderes Beispiel ist ein älter­er Kaplan, den ich kenne. Manch­mal ist er vielle­icht etwas zer­streut, redet langsam und bedächtig. Aber er hat innere Kraft und spir­ituelle Stärke. Seine Ausstrahlung zeigt: Er lebt seine Spir­i­tu­al­ität, die sehr mitreis­send und ein­beziehend ist.Aber ein solch­es Charis­ma kann man ja nicht antrainieren oder anler­nen? Thomas Jenel­ten: Mir kommt noch das Wort Präsenz oder präsent sein in den Sinn. Jemand kann eventuell etwas ver­huscht wirken, aber den­noch da sein. Das kann man schon ler­nen, aber es hat vor allen Din­gen mit inner­er Überzeu­gung zu tun.Kurt Lus­si: Ich habe in Afri­ka  einen Witch­doc­ter besucht. Wir waren dort im Dorf und man spürte, in welch­er Hütte dieser Mann lebt. Seine Ausstrahlung oder Präsenz war weit um seine Hütte spür­bar. Seine Rit­uale, seine Kul­tur sind afrikanisch, aber der Inhalt der Rit­uale war mir ver­traut. Auch da: Wenn es im Zen­trum nicht stimmt, ist das äussere Rit­u­al nur noch Brauch­tum. Und wenn das Innere stimmt, ist das Äussere des Rit­u­als manch­mal nicht mehr mass­gebend. Das heisst man muss die Frage etwas rel­a­tivieren.Es gibt also Vari­ablen in einem Rit­u­al? Kurt Lus­si: Ja, aber nicht nach Belieben. Im Voodoo Louisianas gibt es gewisse Eck­punk­te, die man ein­hal­ten sollte. Wenn ein Voodoo-Priester davon abwe­icht, ist das auch gut. Es ist dann ein­fach nicht mehr Louisiana-Voodoo.Gibt es die Frage nach zunehmender Säku­lar­isierung und der damit ver­bun­de­nen Abwen­dung von den Kirchen und damit den klas­sis­chen Rit­ualen in Afri­ka auch, oder ist das ein europäis­ches Prob­lem? Kurt Lus­si: Inter­es­sante Frage. Ich denke, das hat mit der Entspir­i­tu­al­isierung unser­er Gesellschaft und der Hin­wen­dung zum Mate­ri­al­is­mus zu tun. Heute gilt alles als mach­bar und erk­lär­bar. Die kirch­lichen Orden, in denen Spir­i­tu­al­ität gelebt wird, haben es schw­er, Nach­wuchs zu find­en. Und Pfar­rer müssen sich häu­fig um die Admin­is­tra­tion küm­mern. Dementsprechend fehlt ihnen Zeit für die eigentliche Seel­sorge. Das hat mit dem Sys­tem zu tun. Ein Witch­doc­tor beispiel­sweise ist ein­fach für die Dorf­be­wohn­er da. Das kön­nen wir uns hier nicht vorstellen. Ich habe in Nairo­bi einen Fre­und der studiert hat und heute Geschäfts­mann ist. Gewisse Fra­gen disku­tiert der nicht. Weshalb hat er dies oder jenes Zeichen in seinem Geschäft hän­gen? Gegen Autodieb­stahl zum Beispiel. Wenn jemand sein Auto klaue, erzählte er mir, müsse der Betr­e­f­fende in die Knie gehen und Grass essen. Auf meine Ein­wen­dun­gen hin, ob das funk­tion­iere, erwiderte er jedes Mal: «This is Africa – things like this work in Africa».Heisst das, die Welt dort ist gröss­er. Die unsicht­bare Schöp­fung ist nicht nur ein Satz, der zwar gesagt, aber vielle­icht nicht geglaubt wird? Kurt Lus­si: Ja. Auch im Voodoo. In New Orleans ist Voodoo Teil des täglichen Lebens. Und beim Voodoo in Louisiana geht es nicht um Schaden­za­uber, son­dern um das Gute. Das schlechte Image das Voodoo in unser­er Kul­tur hat, ent­stand durch die amerikanis­che Fil­min­dus­trie. Es gibt auch im Voodoo Heili­gen­bilder. Wie in unserem Volks­glauben wer­den diese Heili­gen als Ver­mit­tler zwis­chen den Men­schen und Gott angerufen.Das heisst, es funk­tion­iert eine Inte­gra­tion von kul­turell anderen For­men? Das, was wir Synkretismus nen­nen? Kurt Lus­si: Ja. Und im Voodoo ist es sog­ar so: Die, die ihn wirk­lich prak­tizieren sind Katho­liken. Im Prinzip wird das, was wir Volks­glauben nen­nen, in den USA als Voodoo beze­ich­net. Wenn ich unseren Volks­glauben anschaue, dann ist dieser auch nicht immer mit der Bibel kom­pat­i­bel. Heilige zum Beispiel kön­nen nicht helfen. Wenn sie das kön­nten, wäre das Chris­ten­tum nicht monothe­is­tisch. Die Heili­gen wer­den daher für­bit­tweise angerufen. Auch ein Gnaden­bild hat keine eige­nen beziehungsweise magis­chen Kräfte. Das wurde den Gläu­bi­gen bere­its in den Katholis­chen Hand­pos­tillen des 19. Jahrhun­derts ver­mit­telt, mit wenig Erfolg. Gle­ich­wohl berühren Men­schen heilige Dinge, um von diesen Kraft aufzunehmen. Inhaltlich ist es ähn­lich wie Voodoo, nur eben europäis­ch­er Volks­glaube.Ist vieles, was wir glauben und in Rit­ualen tun, zu intellek­tu­al­isiert? Thomas Jenel­ten: Wie ich das sehe, hat in unser­er Kul­tur das Geheim­nis schon keinen Platz mehr. Eine ver­ant­wort­bare The­olo­gie seit­ens der Kirche ver­sucht schon, das Geheim­nis zu ret­ten. Doch es gibt die Strö­mungen, die anstelle des Geheim­nis‘ eine Art Magie set­zen. Zum Beispiel im Gesund­heits­bere­ich. Das ist etwas, was mir zu denken gibt. Das Geheim­nis hat keinen Platz und die Kirche muss auf­passen, dass sie selb­st das Geheim­nis nicht auch noch plün­dert, indem sie sich zu sehr anpasst. Wenn in einem Kon­fir­ma­tion­s­gottes­di­enst nur noch Pin­klieder gespielt wer­den, dann traut man den Rit­ualen eigentlich nichts mehr zu.Oder den Jugendlichen, dass sie die Rit­uale ver­ste­hen? Kurt Lus­si: Wenn sich ein Rit­u­al auf die göt­tliche Dimen­sion bezieht, dann muss es sich vom All­t­ag abheben. Und die Jugendlichen sollen das auch spüren. Wenn es dies nicht tut, wird die Heiligkeit des Rit­u­als pro­fanisiert. Aus ein­er Messe wird dann eine Ver­anstal­tung und ist damit sinn- und spir­i­tu­al­itätsentleert. Es muss deut­lich wer­den: Wir gehen jet­zt in eine andere Welt, an einen anderen Ort. Deswe­gen leg­en Priester Mess­gewän­der an. Genau das macht das Geheim­nis aus. Nimmt man es weg, geht auch das Volk. Wenn dies im anges­tammten Glauben nicht mehr stimmt, holen sich die Men­schen das Geheimnisvolle woan­ders.Das heisst, Kirche sollte sich nicht ver­biegen, son­dern alte Rit­uale durch charis­ma­tis­che Per­so­n­en neu lebendig machen. Thomas Jenel­ten: Kirche muss ein­fach auf­passen. Der Riu­talleit­er sollte nicht zum Mod­er­a­tor und die Mit­feiern­den nicht zum Pub­likum wer­den.Kurt Lus­si: Diese Aus­sage gefällt mir. Ich brauche keinen Priester, der sich als Unter­hal­ter ver­ste­ht. Wenn es nur noch darum geht, ob man die Kirche voll hat, ist das mein­er Mei­n­ung nach kein Zeichen für Erfolg.Hier wurde haupt­säch­lich von Priestern gesprochen. Aber die Durch­führung von Rit­ualen liegt ja auch in den Hän­den von Laienseel­sorg­ern. Muss ein Rit­u­alleit­er ein gewei­ht­es Haupt sein? Kurt Lus­si: Ich bin der Mei­n­ung, dass eine Wei­he sein muss. Aber ob die gewei­hte Per­son eine Frau oder ein ver­heirateter Mann ist, ist für mich nicht entschei­dend. Wei­he heisst für mich: Es ist eine Per­sön­lichkeit, die wir durch die Wei­he zur Gemein­deleitung ausze­ich­nen. Aber nicht in dem Sinne, dass man unbe­d­ingt The­olo­gie studiert haben muss. Die per­sön­lichen Grund­vo­raus­set­zun­gen, die es für eine Wei­he oder zumin­d­est für eine Beauf­tra­gung braucht, muss die betr­e­f­fende Per­son jedoch mit­brin­gen.Thomas Jenel­ten: Diese Mei­n­ung teile ich grund­sät­zlich. Es braucht eine Beauf­tra­gung – allerd­ings finde ich die Beschränkung auf die Gemein­deleitung zu eng. Es ist die Ver­ant­wor­tung der Kirchen­leitung die Bedin­gun­gen entsprechend zu gestal­ten. Im Moment sind wir in der unglück­lichen Sit­u­a­tion, dass wir zu wenige Leute haben, die diese Beauf­tra­gung in Form der Wei­he haben. Wenn das Sakra­ment der Kranken­sal­bung aus­stirbt, dann liegt das unter Anderem daran, dass Viele (auch ich) dieses Rit­u­al nicht feiern dür­fen, weil die fest­gelegten Voraus­set­zun­gen sehr eng sind.Das Alte bewahren? Neues ein­führen? Was meinen Sie? Schreiben Sie uns Ihre Mei­n­ung.
Redaktion Lichtblick
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