Das Erbe der Mystikerin vom Limmattal

Das Erbe der Mystikerin vom Limmattal

Am 23. April 2016 wurde im Kloster Fahr der neue Sil­ja-Wal­ter-Raum eröffnet. Er gibt Ein­blick in das faszinierende Werk und Leben der bekan­nten Ordens­frau, in deren Dich­tung sich manch­mal Him­mel und Erde berührten.In stillen Momenten hört man Sil­ja Wal­ter auf ihrem Com­put­er tip­pen. Mal abwartend, mal ener­gisch. Noch mit über 90 jahren hat­te die bekan­nte Lyrik­erin und Ordens­frau das Schreiben auf einem Com­put­er gel­ernt. Dies und noch viel mehr erfuhren die zahlre­ich erschienen Besuch­er, die anlässlich der Ein­wei­hung des neuen Sil­ja-Wal­ter-Raumes am ver­gan­genen Sam­stag ins Kloster Fahr gekom­men waren. Ihr Com­put­er und auch ihre alte Schreib­mas­chine gehören zu den viel bestaunten Gegen­stände im neuen Raum, welch­er der 2011 im Alter von 91 Jahren ver­stor­be­nen Ordens­frau gewid­met ist. Irene Gassmann, die Pri­or­in des Klosters, stellte die Ausstel­lungseröff­nung unter das Mot­to «Die Mitte des Ganzen». Es ist der Titel ein­er Predigt von Sil­ja Wal­ter, die im elften Band der Gesam­taus­gabe ihres Werks pub­liziert ist.

Interviews, Zeitdokumente und Malerei

Der neue Sil­ja-Wal­ter-Raum befind­et sich im ehe­ma­li­gen Arbeit­sz­im­mer des Prop­stes — ein mit Deck­en­stukka­turen verse­hen­er barock­er Raum, der einen wun­der­baren Blick auf den Kloster­garten gewährt. Was Sil­ja Wal­ter in über 60 Jahren als Schwest­er Maria Hed­wig in der Benedik­tiner­in­nenge­mein­schaft erschaf­fen hat, ist nun an vier bre­it­en, mul­ti­me­di­al auf­bere­it­eten Licht­säulen ein­se­hbar. Darunter lagert in Regalen die Gesam­taus­gabe ihrer Werke, aber erst bis zum zehn­ten Band. Die Besuch­er kön­nen an Kopfhör­ern dem bemerkenswerten Radi­ogespräch von 1982 lauschen, das Sil­ja Wal­ter mit ihrem Brud­er, dem Schrift­steller Otto F. Wal­ter, führte. Aus anderen Kopfhör­ern kön­nen Inter­essierte das Leben der Frau mit den plas­tisch fass­baren Sprach­bildern, von der Kind­heit in der kinder­re­ichen Ver­legerfam­i­lie Wal­ter bis hin zum Klostere­in­tritt nachver­fol­gen.Eine weit­ere Säule stellt das schrift­stel­lerische Werk der Mys­tik­erin dar. Selb­st durch den Kopfhör­er ist etwas vom Auflodern Gottes zu erah­nen. Gezeigt wer­den auch Videos von Mys­te­rien­spie­len und The­ater­stück­en, die auf Sil­ja Wal­ters Tex­ten basieren.Eine beson­dere Ent­deck­ung dürfte für viele das malerische Werk bedeuten, das die zarte Frau im Non­nen­kleid hin­ter­lassen hat. «Dieser Teil der Ausstel­lung gefällt mir am besten», meint Irene Gassmann, die nach eigen­em Bekun­den einen «sehr guten Draht» zu Sil­ja Wal­ter hat­te. Die Säule mit den Bilder­fäch­ern, die ihre mod­er­nen Zeich­nun­gen zeigen, machen klar: Sil­ja Wal­ter, die von der Suche nach dem Ganzen beseelt war, war eine umfassend begabte Kün­st­lerin.

Hoffen auf ein junges Publikum

In der Vor­bere­itung dieser Ausstel­lung, in der Pri­or­in Irene Gassmann unzäh­lige Stun­den bei der Sich­tung von Text, Film‑, Ton- und Fotodoku­menten ver­brachte, hat­te sie stets dieses Ziel vor Augen: «Wir möcht­en, dass das Erbe von Sil­ja Wal­ter weit­er bren­nt. Wir hof­fen, dass auch heutige Men­schen hier nach Gott fra­gen, ihn suchen und auch find­en. So kann dieses Werk in den Herzen der Men­schen lebendig bleiben.» Und natür­lich auch die Erin­nerung an eine die faszinierende Mys­tik­erin und Ordens­frau vom Lim­mat­tal.

Der Medi­en­an­drang am Eröff­nungstag war gross — ganz im Sinne von Pri­or­in Irene Gassmann, die durch diese Pub­liz­ität erre­ichen will, «dass sich die faszinierende Per­sön­lichkeit und das Werk Sil­ja Wal­ters auch einem neuen und vor allem auch jün­geren Pub­likum erschliesst.» Die Vorste­herin des Klosters Fahr denkt dabei nicht nur an Lit­er­atur- und Ger­man­is­tik­studierende, son­dern auch an junge Men­schen, die sich für das Leben in einem Kloster inter­essieren. Deshalb gibt der mit­tlere Teil des Ausstel­lungsraumes einen facetten­re­ichen Ein­blick in das 1130 gegrün­dete Kloster und zeigt auf, wie man Ordens­frau wird. 2017 möchte das Kloster Fahr auch Grup­pen­führun­gen anbi­eten.

Visionäre Ordensfrau und Poetin

Die Ausstel­lung zeigt: Sil­ja Wal­ter war eine bemerkenswert mod­erne Frau, die sich auch kri­tisch gegen Zustände in der Kirche äusserte. Eine Fährfrau, die zwis­chen zwei Ufern ver­mit­telte. «Eine Ordens­frau, die mit ihren Ansicht­en anderen oft­mals voraus war», erk­lärt denn auch Irene Gassmann. Die Pri­or­in bezieht ihre Aus­sage dabei vor allem auf die Stel­lung der Frau in der katholis­chen Kirche. Schon in den 1980er Jahren habe sich Sil­ja Wal­ter, so Gassmann, für die Anliegen der Frauen in der Kirche einge­set­zt.Dass ihr Werk, auch die von ihr 2008 ver­fasste Auto­bi­ogra­phie «Das drei­far­bene Meer», stets neue Leser find­et, habe, so Pri­or­in Irene Gasss­man, auch mit ihrer poet­is­chen Sprache zu tun: «Mit ihrer Bild­sprache schafft Sil­ja Wal­ter Spiel­räume, in die man seine eige­nen Erfahrun­gen hinein­le­gen kann. Ihre Sprache wirkt somit nicht alt, son­dern zeit­los.»
Andreas C. Müller
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