Dem Nachfolger seinen Segen geben

Dem Nachfolger seinen Segen geben

Eine funk­tion­ierende Pfar­rge­meinde aufzubauen und sie lebendig zu erhal­ten fordert lange Jahre der Arbeit. Es ist also vernün­ftig, dass Seel­sorg­er län­gere Zeit an einem Ort wirken. Doch auch Seel­sorg­er und Seel­sorg­erin­nen wech­seln ihre Stelle. Das kann zur Zer­reis­sprobe wer­den, wie die jüng­sten Vorkomm­nisse in der Pfar­rei Bad Zurzach zeigen.In Sankt Ver­e­na Bad Zurzach brodelt es. Genauer in Mel­likon. Im Zusam­men­hang mit einem tödlichen Unfall kam es bei der Betreu­ung ein­er der Trauer­fam­i­lien zu Missver­ständ­nis­sen; eine angemessene per­sön­liche Betreu­ung vor Ort blieb laut Aus­sagen Beteiligter aus. Daraufhin wurde Urs Zim­mer­mann, ehe­ma­lige Seel­sorg­er der Pfar­rge­meinde ange­sprochen und führte die Gedenk­feier durch. Dass er auf Anfra­gen durch Pfar­reim­it­glieder ab und zu litur­gisch im Pfar­reien­ver­band tätig war, immer in Rück­sprache mit dem derzeit­i­gen Stel­len­in­hab­er Raimund Obrist, war bis dahin Usus. In diesem Fall ver­mit­telte ein Lek­tor, der mit der Trauer­fam­i­lie befre­un­det ist, den Kon­takt. Raimund Obrist stellte den Lek­tor daraufhin von seinem Dienst frei; der Vor­wurf: Illoy­al­ität. Der Vor­fall, der in Leser­briefen und Berichter­stat­tung in der Aar­gauer Zeitung mün­dete, zeigt eine tiefge­hende Her­aus­forderung, die jede Pfar­rge­meinde früher oder später bet­rifft: Den Wech­sel von Seel­sorgeper­son­al.Ver­schiedene Fak­toren Eine Pfar­rge­meinde ist eine hochkom­plexe Angele­gen­heit mit eigen­er Dynamik. Seel­sorg­er und Seel­sorg­erin­nen, die lange an einem Ort Dienst leis­ten, haben oft­mals aus­gewiesene Fans und eben­so deut­liche Skep­tik­er. Ori­en­tiert sich ein Seel­sorg­er neu, trauert ein Teil der Pfar­reim­it­glieder, ein ander­er mag erle­ichtert sein. Dem Schei­den­den geht es meist eben­so. Ob der Wech­sel zum Nach­fol­ger gelingt, hängt von ver­schiede­nen Fak­toren ab.Zum Beispiel die räum­liche Tren­nung: Bleibt der Seel­sorg­er am Ort oder in der Nähe? Grade bei Pas­toralas­sis­ten­ten mit schulpflichti­gen Kindern kann das prob­lema­tisch sein.Oder litur­gis­che Tätigkeit­en: Ver­sieht die «alte» Seel­sorg­erin nach wie vor litur­gis­che Dien­ste in der ehe­ma­li­gen Pfar­rei? Wenn ja, wie wer­den die Dien­ste mit dem Nach­fol­ger abge­sprochen?Der wichtig­ste Aspekt, so kristallisiert sich in Gesprächen her­aus, ist der Charak­ter, die «per­sön­liche Grösse» sowohl des Vorgängers als auch des Nach­fol­gers.Die Gesprächspart­ner, Aar­gauer Seel­sorg­er, die teil­weise namentlich nicht genan­nt wer­den wollen, weisen auf ein «ungeschriebenes Gesetz» hin: Die Seel­sorgeper­sön­lichkeit sollte ganz gehen und eine Zeit lang keinen Kon­takt in die ehe­ma­lige Pfar­rei haben. Diese Funkstille meint nicht, dass per­sön­liche Fre­und­schaften, die ent­standen sind, abge­brochen wer­den sollen. Doch Fre­und­schaften zu pfle­gen, um nach wie vor über Vorgänge in der Pfar­rei auf dem Laufend­en zu sein, kann zum Prob­lem wer­den.Neu­traler Boden Ein Per­son­al­wech­sel, der einen guten Weg aufzeigt, ging im Freiamt in Muri über die Bühne. Rund zwölf Jahre war Urs Elsen­er Pfar­rer an Sankt Goar. Als klar wurde, dass er die Stelle wech­seln wird, hat­te er schon einen poten­tiellen Nach­fol­ger für sich im Kopf: Georges Schwick­erath. «Wir kan­nten uns, sind befre­un­det, und er hat­te mich bere­its in Muri besucht. Also habe ich ihn ange­sprochen. Es ist sich­er nicht die Regel, dass man seinen Nach­fol­ger ken­nt, doch in diesem Fall ergab sich das sehr gut», erk­lärt Urs Elsen­er, der in Schaffhausen tätig ist. Georges Schwick­erath, der vorher in Bern wirk­te, trat seinen Dienst in Sankt Goar im Sep­tem­ber 2013 an. «Natür­lich mache ich Dinge anders, als Urs Elsen­er. Allein schon deshalb, weil ich nicht nur für Sankt Goar zuständig bin, wie Urs Elsen­er, son­dern für mehrere Pfar­reien, die zu einem Pas­toral­raum zusam­mengeschlossen wer­den. Und manch­es, was ich anders mache, führt zu Diskus­sio­nen. Doch ich bemühe mich jew­eils zu erk­lären, warum ich etwas anders mache und nehme Kri­tik nicht per­sön­lich», sagt Georges Schwick­erath. Danach gefragt, wie sie es mit dem Kon­takt zur jew­eili­gen «Ex-Pfar­rei» hal­ten, zeigt sich, dass sowohl Urs Elsen­er als auch Georges Schwick­erath unter­schiedliche Wege gehen. «Ich bin immer wieder in Muri und besuche Fre­unde. Das Net­zw­erk in einem kleinen Ort wie Muri ist anders geknüpft und das pflege ich nach wie vor», meint Urs Elsen­er. «Allerd­ings informiere ich Georges Schwick­erath über meine Anwe­sen­heit und tre­ffe mich auch mit ihm im Pfar­rhof. Diese Trans­parenz ist mir wichtig. Litur­gis­che Dien­ste nehme ich nicht wahr.» Georges Schwick­erath hinge­gen hat sich sel­ber eine fün­fjährige Frist geset­zt: «Ich gehe dur­chaus nach Bern, doch besuche ich dort keine ehe­ma­li­gen Pfar­reiange­höri­gen. Wenn ich mich mit Fre­un­den aus der Pfar­rei tre­f­fen möchte, lade ich sie zu mir nach Muri ein oder wäh­le einen Ort auf neu­tralem Boden. Wenn Anfra­gen für Taufen oder Trau­un­gen kom­men, lehne ich diese ab. Ehe­ma­lige Mitar­beit­er woll­ten mir anfänglich erzählen, was in der Pfar­rei nach meinem Weg­gang passiert. Doch das wollte ich nicht wis­sen. Mein Platz ist jet­zt hier, und die Pfar­rge­meinde in Bern soll offen sein für meinen Nach­fol­ger».Belas­tende Span­nun­gen Was auf­fällt: Kommt es in ein­er Pfar­rei zu Span­nun­gen und Ver­let­zun­gen rund um den Wech­sel ein­er Seel­sorgeper­sön­lichkeit, sind diese schnell tiefge­hend und betr­e­f­fen nicht sel­ten eine grosse Gruppe von Pfar­reiange­höri­gen und Mitar­bei­t­en­den. Und: Grade da, wo das direk­te Gespräch wichtig wäre, find­et es oft nicht statt oder wird im unglück­lichen Fall in die Öffentlichkeit getra­gen. Es ver­wun­dert nicht, dass mehr als ein Gesprächspart­ner nur zurück­hal­tend Auskun­ft über eigene Erfahrun­gen gibt oder darum bit­tet, anonym bleiben zu dür­fen. Als zu belas­tend wer­den gemachte Erfahrun­gen eingestuft, selb­st wenn sie schon lange zurück­liegen. Die Nach­frage beim Bis­tum, ob es Han­dre­ichun­gen und Hil­festel­lun­gen für gelin­gende Per­son­al­wech­sel im Sinne der Sorge um die eige­nen Mitar­beit­er gibt, blieb bis zum Erscheinen des Artikels unbeant­wortet.Die Pfar­rge­meinde, nicht die Per­son So wertvoll und wirkungsvoll Seel­sorg­er und Seel­sorg­erin­nen in ihren Pfar­reien tätig sind und so viel automa­tisch vom Charak­ter und Charis­ma eines Men­schen abhängt, es gibt einen grösseren Zusam­men­hang. «Es kann nicht sein, dass ich eine Pfar­rge­meinde von mir als Per­son abhängig mache oder zu stark an meine Per­son binde. Ich möchte sie an Chris­tus binden», sagt Georges Schwick­erath. Er zieht ein Beispiel aus seinem Herkun­ft­s­land Lux­em­burg her­an: «Dort war ein Priester, der rund fün­fzig Jahre in der­sel­ben Pfar­rge­meinde tätig war. Das war nicht gut für das Gemein­deleben. Das schöne ist ja, dass wir nicht alle diesel­ben sind. Kirche soll die Chance haben, sich zu verän­dern. Daran ist nichts schlimmes, doch ich sollte als Per­son bere­it sein, von mir abzuse­hen». Der Seel­sorg­er kann im Extrem­fall gehen. Die Men­schen, die in der Pfar­rei leben, haben dort ihre Heimat. Sie wollen weit­er­hin in die Kirche gehen kön­nen, ohne das Gefühl zu haben, vor einem Scher­ben­haufen zu ste­hen. Wenn eine Gemeinde mit dem Seel­sorg­er ste­ht oder fällt, ist das schlimm. Sowohl die Pfar­rge­meinde als auch die Seel­sorgeper­sön­lichkeit, muss loslassen kön­nen und darauf ver­trauen, dass es weit­erge­ht; sollte darauf ver­trauen, dass Gott die Zukun­ft begleit­et. Thomas Jenel­ten, der sechzehn Jahre in Peter und Paul Aarau als Seel­sorg­er tätig war und einen guten Weg­gang erlebte, find­et ein schönes Schluss­bild. Er schreibt: «Ich glaube, ein Vorgänger muss seinen Nach­fol­gern so etwas wie einen Segen mit­geben».
Anne Burgmer
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