Schwester KI und Bruder Demut

Die Debat­te über die Kün­stliche Intel­li­genz (KI) ken­nt mit­tler­weile keine Gren­zen mehr. Sie durch­dringt jeden noch so kleinen oder grösseren Bere­ich unseres Lebens. Was einst in den Laboren der Spitzen­forschung begann und sich ursprünglich nach Sci­ence-Fic­tion anhörte, befeuert nun den Prof­i­trausch an den Börsen, wirft fun­da­men­tale ethis­che Fra­gen auf und verän­dert unaufhalt­sam unser All­t­agsleben. Am Ende geht es um nichts Gerin­geres als um die kühn­sten Visio­nen – und neuerd­ings immer mehr auch um die exis­ten­ziellen Äng­ste – über die Zukun­ft der Men­schheit. Dementsprechend bewegt sich die gesamte KI-Debat­te in einem bre­it­en Span­nungs­feld zwis­chen unge­brem­ster Gold­gräber­stim­mung und Zukun­ftsver­sprechen auf der einen und tief­sitzen­der exis­ten­zieller Angst auf der anderen Seite. Neuerd­ings war­nen sog­ar die KI-Mach­er selb­st vor den Gefahren des ras­an­ten Fortschritts ihrer KI-Sys­teme.


Am 12. Sep­tem­ber dieses Jahres forderte beispiel­sweise Dario Amod­ei, Chef des führen­den US-amerikanis­chen KI-Unternehmens Anthrop­ic, in Anbe­tra­cht der enor­men Entwick­lungs­geschwindigkeit und dem dro­hen­den Kon­trol­lver­lust im Bere­ich der KI eine ein- bis zwei­jährige, kon­trol­lierte Pause bei der Entwick­lung der KI. Die führen­den Köpfe der mächti­gen US Tech-Konz­erne – darunter auch Elon Musk – stimmten ihm zu. Obwohl dieser Vorstoss offiziell als ethis­ch­er Mah­n­ruf für glob­ale Sicher­heits­stan­dards daherkommt, wit­tern Kri­tik­er und staatliche Medi­en wie z.B. die Glob­al Times bloss ein geopoli­tis­ches Manöver dahin­ter, unter dem Deck­man­tel der Ethik die chi­ne­sis­che Konkur­renz tech­nol­o­gisch auszubrem­sen.


Genau in diesem Span­nungs­feld – zwis­chen dem prof­i­to­ri­en­tierten, macht­getriebe­nen Denken der Tech-Riesen und dem angst­getriebe­nen Blick der KI-Skep­tik­er – schlägt der welt­bekan­nte ital­ienis­che Mod­edesign­er, mil­liar­den­schw­er­er Unternehmer und Phil­an­throp Brunel­lo Cucinel­li einen spir­ituellen Umgang mit der KI vor. Er nutzt näm­lich das Jubiläum­s­jahr des Heili­gen Franziskus von Assisi, um in seinem Essay «Saint Fran­cis and Sis­ter Arti­fi­cial Intel­li­gence» («Heiliger Franziskus und die Schwest­er Kün­stliche Intel­li­genz») eine Brücke zwis­chen Schöp­fung und Tech­nolo­gie zu schla­gen. In Anlehnung an den berühmten Son­nenge­sang, in dem der Hl. Franziskus die Natur als Geschwis­ter («Brud­er Sonne», «Schwest­er Mut­ter Erde») ehrt, geht der gross­er Franziskus-Bewun­der­er Cuc­cinel­li sog­ar so weit, die KI-Tech­nolo­gie liebevoll als «Schwest­er KI» zu nen­nen und inte­gri­ert sie in die Schöp­fung­shar­monie des Hl. Franziskus. Der Heilige selb­st, so argu­men­tiert Cucinel­li, würde die KI heute als «Schwest­er KI» willkom­men heis­sen und Gott dafür danken. Denn sie ist schliesslich ein Kind des men­schlichen Geistes, der wiederum Teil der göt­tlichen Schöp­fung ist.


Das Franziskus-Jubiläum­s­jahr lädt tat­säch­lich dazu ein, Leben, Spir­i­tu­al­ität und Ver­mächt­nis dieses Heili­gen neu zu ent­deck­en. Doch wer seinen faszinieren­den und so aktuellen ganzheitlichen Ansatz für unsere Welt frucht­bar machen will, muss zunächst danach fra­gen, was die fun­da­men­tale Voraus­set­zung für die geschwis­ter­liche Ver­bun­den­heit mit der Schöp­fung und mit den Men­schen beim Hl. Franziskus war. Es war die radikale Demut. Erst sie befre­ite den suchen­den und seel­isch lei­den­den Franziskus von aller­lei Macht­streben und führte ihn zu der zen­tralen Erken­nt­nis: Nicht ich ste­he im Vorder­grund, son­dern ich bin ein Teil des Ganzen. Wenn wir ler­nen, «Schwest­er KI» nicht mit All­macht­sphan­tasien und Prof­it­gi­er, son­dern an der Seite von – franziskanisch gesprochen – «Brud­er Demut zu begeg­nen, dann müssen wir nicht befürcht­en, der Fortschritt der Zukun­ft werde im auss­chliesslichen Dik­tat der Algo­rith­men liegen. Vielmehr wer­den wir uns dann als Teil eines geschwis­ter­lichen Schöp­fungswerkes begreifen – auf dem Weg zu ein­er uni­versellen Ver­söh­nung, die Gott, die Men­schheit und die gesamte Natur untrennbar miteinan­der verbindet.


Text: Samuel Behloul, Pas­toral­raum-Leit­er und Pfar­reileit­er in Ent­felden

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