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Beten zwischen Wohnwagen
Adrian Bolzern bringt als Zirkusseelsorger die Kirche in den Zirkus, an Märkte und an die Chilbi.
Sie sind der katholische Seelsorger der Schweizer Zirkusleute, Schaustellerinnen und Markthändler. Was können wir uns darunter vorstellen?
Adrian Bolzern: Der Unterschied zu einem normalen Seelsorger ist, dass ich keinen festen Ort habe, sondern dass meine Pfarrei über die ganze Schweiz verteilt ist. Letzten Dezember kam es beispielsweise vor, dass ich an einem Tag morgens einen Gottesdienst auf dem Weihnachtsmarkt in Winterthur gehalten habe und am Nachmittag für eine Taufe im Zirkus Starlight in Neuchâtel war. An einem anderen Tag war ich vormittags in Genf und habe am Nachmittag in Spiez ein neues Zelt gesegnet. Der Unterschied ist vor allem: Die Leute kommen nicht zu mir, sondern ich gehe zu ihnen, für Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, aber auch zur Segnung von neuen Zelten und Fahrgeschäften, von Genf bis Agno oder St. Gallen.
Wie planbar sind Ihre Tage? Kann es vorkommen, dass Sie morgens aufstehen und spontan ins Tessin müssen?
Ich würde sagen, meine Tage sind spontan in dem Sinne, dass ich sie nicht wochenlang vorausplanen kann, aber nicht so, dass sich der ganze Tag von einer Minute auf die andere komplett ändert. Jeder Tag ist ein bisschen anders. Bei mir funktioniert es zum Beispiel nicht nach dem Schema: «Morgens um 8 Uhr gehe ich ins Büro.» Zum Glück haben wir heute etwas mehr Flexibilität als früher, weil beispielweise Beerdigungen nicht mehr zwingend innerhalb von drei Tagen stattfinden müssen. Trotzdem ist kein Tag wie der andere.
Was begeistert Sie an diesem Amt?
Ich bin begeistert von der Lebensweise der Menschen, für die ich da bin. Sie sind oft bis zu 11 Monate unterwegs, wohnen fast das ganze Jahr in Wohnwagen, das fasziniert mich. Für mich ist dieses Unterwegssein etwas Urchristliches. Auch Jesus ist umhergezogen. Er war nicht einfach an einem Ort, und hat zu den Menschen gesagt: «Kommt hier her.» Nein, er ist zu den Menschen gegangen. Ich mache diese Arbeit jetzt seit 12 Jahren, ich darf an ihrem Leben teilhaben, von der Geburt bis zum Tod. Inzwischen sagen die Zirkusleute und Schausteller auch: «Wir brauchen dich, du gehörst zu uns.» Das ist etwas sehr Spezielles, etwas Exklusives, für das ich sehr dankbar bin.

Wie wird man denn Zirkusseelsorger?
Mein Vorgänger war der bekannte Zirkuspfarrer Ernst Heller. Er hatte gemeinsam mit meinem Vater Theologie studiert. Als ich zum Priester geweiht wurde, ist er auf mich zugekommen und hat gefragt, ob diese Aufgabe nicht etwas für mich wäre und so bin ich da dann reingerutscht.
Ein Vorteil für mich war, dass er in den ersten zwei Jahren viel auf Reisen war. So konnte ich meinen eigenen Weg finden, ohne ständig mit ihm verglichen zu werden. Es hat etwa zwei bis vier Jahre gedauert, bis ich die Leute richtig kannte und wusste, wer zu welcher Familie gehört.
Wie oft sehen Sie die Familie eines bestimmten Zirkus’? Wie gut funktioniert es, eine Beziehung aufzubauen?
Ich versuche, jeweils an die Premiere zu gehen und dann noch mindestens ein Mal im Jahr einen Besuch zu machen, sodass ich jede Zirkusfamilie zwei Mal im Jahr sehe. Trotzdem sehe ich einige öfter und andere weniger oft, so wie in einer normalen Pfarrei eben auch. Das Gute ist: Wenn ich zum Beispiel auf den Chilbiplatz komme, kann ich allen kurz Hallo sagen, sie können mir sozusagen kaum ausweichen. (lacht)
Wie verändert sich Seelsorge, wenn sie auf einem Zirkusplatz zwischen Wohnwagen und Zelt stattfindet?
Im Gegensatz zu einem Kirchengebäude ist es ein offener Ort. Für mich bedeutet das, dass ich in der Gestaltung freier bin. Man kann Elemente nutzen, die in einer normalen Kirche nicht so passen würden. Ein krasses Beispiel ist eine Harley-Predigt, die ich mal im Zirkus Knie gemacht habe. Ich habe sie als Symbol gebraucht für unsere Glaubensgemeinschaft. Jemand kam dann mit der Harley angefahren. Das wäre im Chorraum einer normalen Kirche etwas schwieriger.
Ein Nachteil ist sicher, dass es oft keine wirkliche Ruhe gibt. Rundherum ist immer Betrieb, es ist laut, Autos fahren vorbei oder es ist sonst viel los. Aber für mich überwiegen die Vorteile ganz klar.

Mit welchen Anliegen kommen die Menschen zu Ihnen?
Die klassischen Situationen sind die Geburt eines Kindes oder wenn ich ein neues Zelt oder Fahrgeschäft segnen soll. Auch in Todesfällen wenden sie sich an mich. Ich bin aber auch als Mediator für sie da und vermittle zwischen Menschen. Ein weiteres grosses Thema sind ausserdem Geldsorgen. Das betrifft die Angestellten, aber auch die Chefs. Gerade das Wetter spielt momentan eine enorme Rolle. Bei grosser Hitze bleiben tagsüber viele Menschen zu Hause oder gehen lieber baden, statt auf die Chilbi oder in den Zirkus.
Die Kosten laufen aber trotzdem weiter: Platzgebühren, Personal, Transporte, Versicherungen oder Strom müssen bezahlt werden. Wenn dann zu wenig Publikum kommt, sind sie schon froh, wenn am Ende eine schwarze Null bleibt und kein Defizit entsteht.
Ein grosser Vorteil für mich ist, dass es die Philipp-Neri-Stiftung gibt. Sie wurde 1999 von meinem Vorgänger Ernst Heller gegründet und unterstützt Zirkusleute, Schausteller und Marktfahrerinnen, die in finanzielle Not geraten. Sie kann keine Betriebe retten, hilft aber dort, wo Menschen in Schwierigkeiten geraten. Für mich ist die Stiftung eine wichtige Partnerin. Ich sammle regelmässig Spenden für sie, weil wir ja auch etwas retour bekommen. Die Stiftung ist katholisch, daher auch der Name nach dem heiligen Philipp Neri. Inzwischen kann aber auch meine reformierte Kollegin Unterstützung über die Stiftung anfragen.
Welches war für Sie das bewegendste Erlebnis als Zirkusseelsorger?
Ich durfte einen Gottesdienst im Zirkus Starlight in Genf feiern. Ich hatte mich extra gemeinsam mit meiner Tante vorbereitet, ihr den Text zum Übersetzen geschickt und sie dann mitgenommen, da ich selbst nicht so gut Französisch spreche. Als ich dort ankam, sagte mir der Direktor, Heinrich Gasser, ein Deutschschweizer: «Wieso hast du denn eine Übersetzerin dabei, ausser meiner welschen Frau spricht hier niemand Französisch! Die anderen sprechen Chinesisch, Mongolisch oder Portugiesisch.» Ich dachte mir nur so: «Gopferdeckel, wie mache ich das denn jetzt?» Ich habe dann einfach auf Deutsch gepredigt und trotzdem waren danach die Artistengruppen mit den verschiedenen Muttersprachen sehr berührt. Das haben sie mir im Anschluss gesagt und das, obwohl sie weder alles verstanden haben noch alle christlich waren. Für mich war das wie ein kleines Pfingsterlebnis in diesem Zirkus.

Sie wurden vor einigen Jahren bekannt, weil Sie sich entschieden haben, das Priesteramt aufzugeben und zu heiraten.
Ja, das war auf der einen Seite eine schwierige Entscheidung für mich, weil ich eigentlich sehr von meinem Priesteramt überzeugt war. 2012 hat mich Bischof Felix zum Priester geweiht und dann habe ich ungeplant in Aarau meine heutige Frau kennen gelernt. Ich merkte, dass es mehr war, als nur Freundschaft. Für uns beide war klar: Wenn wir das ausleben wollen, dann nur offen und ehrlich. Zum Glück haben wir dann gemeinsam mit Bischof Felix Gmür einen Weg gefunden, sodass ich das Zirkuspfarramt behalten konnte. Am Anfang war nämlich überhaupt nicht klar, ob das möglich sein würde. Der zuständige Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey, hatte zunächst Bedenken. Ich habe mich dann mit ihm zusammengesetztund versucht zu erklären, was es für die Zirkus- und Schaustellergemeinschaft bedeuten würde, wenn ich das Amt aufgeben müsste. Viele von ihnen hatten mir sogar gesagt, sie würden für mich protestieren.
Am Ende wurde entschieden, dass ich das Amt behalten kann. Natürlich gab es auch kritische Reaktionen. Einige schrieben mir, meine Frau und ich würden in die Hölle kommen. Das waren allerdings ausschliesslich Menschen, die ich gar nicht kannte, meist über soziale Medien. Gleichzeitig habe ich aber auch sehr viel Unterstützung und Rückhalt erfahren.
Allerdings dürfen Sie jetzt keine Sakramente mehr spenden. Wie geht es Ihnen damit?
Bezüglich der Taufe bin ich momentan im Gespräch mit Bischof Felix. Die Taufe ist ein spezieller Fall, denn im Notfall darf ja sogar ein Nichtchrist eine gültige Taufe spenden, aber ich, der kirchenrechtlich immer noch Priester bin, darf es nicht. Mir geht es ja auch nicht darum, irgendwen taufen zu dürfen, sondern es geht um meine Leute. Das muss doch möglich sein.
Lange habe ich meinen Vater mitgenommen, er war Diakon und durfte somit die Sakramente der Taufe und der Ehe spenden. Leider ist er letzten November verstorben. Ich kenne noch einige weitere Diakone, die ich nun anfragen kann. Sie kommen dann mit, machen Wassertaufe und Chrisam oder nehmen das Eheversprechen ab, und ich mache den Rest.
Zur Frage, wie es mir damit geht: Es belastet mich. Gleichzeitig schaue ich auf das, was ich habe: zwei tolle Töchter und eine liebe Frau. Und ich bin von Herzen überzeugt, dass der liebe Gott damit kein Problem hat.
Was haben Sie durch Ihre Arbeit im Zirkus über das Leben gelernt?
Sich immer wieder neu zu erfinden. Die Chilbi- und Zirkusleute können heute nicht mehr dieselben Sachen bringen, wie vor 100 Jahren. Sie müssen neue Geschäfte bringen, neue Techniken. Es geht dabei um Flexibilität, darum, sich wandeln zu können. Sie sind wirkliche Lebenskünstler. Ausserdem haben sie einen gewissen Stolz auf das, was sie können und machen. Das finde ich schön.
Auch der Zusammenhalt ist etwas, das wir von ihnen lernen können. Wenn bei einem Karussell der Motor ausfällt, könnten die anderen sagen: «Haha, Pech gehabt, das ist schliesslich die Konkurrenz.» Aber genau das passiert nicht. Stattdessen kommen die anderen sofort zur Hilfe, damit der Betrieb möglichst schnell wieder weiterlaufen kann.
Was ich den Leserinnen und Lesern gerne mitgeben möchte: Wenn irgendwo ein Zirkus, eine Chilbi oder ein Markt stattfindet, dann geht hin! Kauft nicht nur online ein und verbringt eure Freizeit nicht nur vor dem Bildschirm. Diese Menschen leben von ihren Besucherinnen und Besuchern. Wenn sie nicht mehr kommen, wird diese Tradition aussterben und das wäre ein grosser Verlust für unsere Gesellschaft.