Unaufhaltsam ​aufs Zentrum zu
Auf dem Platz vor der Leonhardskirche in Basel wurde 2002 nach einem Entwurf der Künstlerin Agnes Barmettler ein Labyrinth angelegt. Es gehört zu den eher selteneren sogenannten linksläufigen Labyrinthen, deren Wege sich gegen den Uhrzeigersinn drehen. Die beiden Linden wurden bewusst in das Labyrinth einbezogen. Dafür erhielt der Weg an zwei Stellen kreisförmige Erweiterungen, sodass die Bäume umrundet werden können. Dadurch weicht das Labyrinth von der klassischen Form ab, bei der der Weg direkt zum Zentrum führt.
© Luc auf wikimedia Commons

Unaufhaltsam ​aufs Zentrum zu

Auf Kirchplätzen und in Kirchen überall auf der Welt finden wir Labyrinthe. Warum? Woher kommen sie, welche Bedeutung haben sie im Christentum, und welche Gedanken kommen einem beim Begehen eines Labyrinths?

Sind Sie schon ein­mal in einem Labyrinth gewe­sen? Unsere Redak­tion ist den Weg des Labyrinths gegan­gen, das mit Steinen auf dem Boden des Leon­hard­kirch­platzes in Basel angelegt ist. Am Ein­gang des Labyrinths kon­nten wir die Mitte, das Ziel, bere­its sehen. Das Labyrinth befind­et sich auf recht engen Raum. Doch wir wussten, dass es trotz­dem eine ganze Weile dauern würde, bis wir in der Mitte ankom­men. Mit dem ersten Schritt ins Labyrinth entsch­ieden wir uns: Wir gehen den Weg, egal wie lange er wird, egal, wie viele Kur­ven und Wen­dun­gen er bringt. Schon bald schien die Mitte fast erre­icht, doch dann wur­den wir mit der näch­sten Biegung wieder an den Rand des Labyrinths geführt. Und dabei fragten wir uns: Wo kommt das Labyrinth eigentlich her?

Von der griechischen Mythologie ​zum Kirchplatz

Das Labyrinth als Sym­bol gibt es in vie­len Kul­turen. Oft ist es ein Sinnbild für das Leben. Geht man in der Geschichte der Men­schheit zurück, find­et es sich ein­ger­itzt in jahrtausendealte Gefässe, auf bear­beit­eten Steinen und als Teil von Felsin­schriften. Wahrschein­lich drück­ten die Men­schen mit diesem Sym­bol schon damals die Wirrun­gen aus, die das Leben oft­mals mit sich bringt. Im Unter­schied zum Irrgarten, der mit Weg­ga­belun­gen und Sack­gassen auf die Besuchen­den wartet, führt das Labyrinth mit seinem zwar ver­schlun­genen, aber einzi­gen Weg allerd­ings unaufhalt­sam auf das Zen­trum zu.
Seinen Ursprung hat das Labyrinth wahrschein­lich in der griechis­chen Mytholo­gie. In ein­er Erzäh­lung geht es um den Palast des König Minos auf Kre­ta, der ein Labyrinth beherbergt, in dem der Mino­tau­rus lebt, ein Wesen mit Stierkopf und Män­nerkör­p­er. Später find­en sich Mosaike und Darstel­lun­gen von Labyrinthen auch bei den Römern und Kel­ten. Ab dem Mit­te­lal­ter find­et sich das Labyrinth zunehmend im Kon­text christlich­er Kirchen. Zunächst in klöster­liche Hand­schriften geze­ich­net, wer­den sie ab dem 12. Jahrhun­dert als in den Fuss­bo­den ein­gelegte und bege­hbare Labyrinthe in Kirchen­räu­men pop­ulär.

Wir befan­den uns ger­ade mit­ten in einem solchen Labyrinth. Wir hat­ten keine Über­sicht, wussten nicht, wie weit der Weg noch war. Manch­es Mal fühlte es sich nach Fortschritt an, wir waren dem Ziel so nah, doch kurz darauf kam es uns vor, als seien wir ger­ade unnütz lange Schleifen in eine ganz falsche Rich­tung gegan­gen. Es wäre ein leicht­es gewe­sen, ein­fach über die Begren­zun­gen zu steigen und direkt auf die Mitte zuzuge­hen, aber wir hat­ten uns bewusst dazu entsch­ieden, diesen Weg zu gehen, uns ihm unterzuord­nen. Es ist der Sinn und Zweck eines Labyrinthes, nicht auf dem direk­ten, kürzesten Weg zum Ziel zu gelan­gen. Das ist auch im Chris­ten­tum so, das das Sym­bol des Labyrinths für sich ent­deck­te.

Pilgerreisen-Ersatz

Wie wurde ein ursprünglich mythol­o­gis­ches zu einem christlichen Sym­bol? Die Geschichte des Urlabyrinths von Kre­ta wurde im christlichen Sinne umgedeutet. In der griechis­chen Mytholo­gie besiegt der Held The­seus den men­schen­fressenden Mino­tau­rus. Im Chris­ten­tum tritt an die Stelle des Helden nun Chris­tus, der das Böse über­windet und die Men­schen befre­it. Die Mitte des Labyrinths, zuvor Heimat des Mino­tau­rus und somit das Böse, wird jet­zt pos­i­tiv beset­zt: In der Mitte wartet Chris­tus.
Zunächst hat­ten die christlichen Labyrinthe einen prak­tis­chen Aspekt, da sie als Ersatz für Pil­ger­reisen dien­ten. Diese waren im Mit­te­lal­ter zwar sehr beliebt, gle­ichzeit­ig aber teuer, beschw­er­lich und manch­mal sog­ar gefährlich. Das Abge­hen der ver­schlun­genen Labyrinth­p­fade gab vie­len Men­schen eine Möglichkeit, den beschw­er­lichen Weg sym­bol­isch auf sich zu nehmen. Das Mot­to: Wer sich selb­st, sein Leben und Gott erfahren will, muss bere­it sein, den Weg mit all seinen Biegun­gen und der unbekan­nten Länge zu gehen.


Im Gegen­satz zum Irrgarten gibt es im Labyrinth keine Verzwei­gun­gen und Weg­ga­belun­gen, an denen man falsch abbiegen kann. Der einzige Weg führt unauswe­ich­lich ins Zen­trum. Allerd­ings ist der Weg lang und ver­schlun­gen. Die Farb­wech­sel von Rot zu Vio­lett zeigen das anschaulich auf.

© Thur­manukyalur auf Wiki­me­dia Com­mons

Keine sinnlosen Wege

Damals wie heute hat das Labyrinth einen wichti­gen sym­bol­is­chen Charak­ter für Christin­nen und Chris­ten. Es ist Sinnbild des Lebens- und Glaubenswegs, der, so die Hoff­nung, trotz aller Wen­dun­gen und sein­er Ver­schlun­gen­heit sich­er zur Mitte – zu Chris­tus – führt. Damit ein­her geht die Überzeu­gung, dass es im Leben keine sinnlosen Wege gibt. Jed­er Wegab­schnitt, auch wenn er, typ­isch für das Labyrinth, immer wieder vom Ziel wegführt, ist Teil dieses Weges. Der Weg mag nicht immer leicht fall­en, und mit den vie­len Wen­dun­gen des Labyrinths ist man, wie auch mit denen des Lebens, nicht immer zufrieden. Das Labyrinth ste­ht für viele Gläu­bige dabei für die Zusage Gottes: «Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst.»
Wer schliesslich die Mitte des Labyrinths erre­icht hat, muss dort seine Rich­tung ändern. Das kann eben­falls mit ein­er Grund­hoff­nung des Chris­ten­tums verknüpft wer­den: Wer Chris­tus begeg­net ist, der kehrt um und begin­nt neu.

Und irgend­wann war es auch bei uns so weit: Wir hat­ten die Mitte des Labyrinths erre­icht. Wir wussten nun, dass das Labyrinth uns von Anfang an und über den ganzen Weg hin­weg auf seine Mitte hinge­führt hat – auch in den Momenten, in denen wir uns am äusser­sten Rand befan­den. Die Umwege gehörten dazu. Unser Faz­it: Es braucht einiges an Geduld und auch eine gute Por­tion Ver­trauen, dass der Weg, so unüber­sichtlich er auch sein mag, am Ende zum Ziel führt.

«Schlaumeier­wis­sen»

Das wohl berühmteste christliche Labyrinth befind­et sich in der Kathe­drale von Chartres in Frankre­ich.

Das älteste christliche Labyrinth ist das Boden­mo­saik der im Jahre 324 erbaut­en Basi­li­ka im algerischen Ech Che­liff.

Leonie Wollensack
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