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Unaufhaltsam aufs Zentrum zu
Auf Kirchplätzen und in Kirchen überall auf der Welt finden wir Labyrinthe. Warum? Woher kommen sie, welche Bedeutung haben sie im Christentum, und welche Gedanken kommen einem beim Begehen eines Labyrinths?
Sind Sie schon einmal in einem Labyrinth gewesen? Unsere Redaktion ist den Weg des Labyrinths gegangen, das mit Steinen auf dem Boden des Leonhardkirchplatzes in Basel angelegt ist. Am Eingang des Labyrinths konnten wir die Mitte, das Ziel, bereits sehen. Das Labyrinth befindet sich auf recht engen Raum. Doch wir wussten, dass es trotzdem eine ganze Weile dauern würde, bis wir in der Mitte ankommen. Mit dem ersten Schritt ins Labyrinth entschieden wir uns: Wir gehen den Weg, egal wie lange er wird, egal, wie viele Kurven und Wendungen er bringt. Schon bald schien die Mitte fast erreicht, doch dann wurden wir mit der nächsten Biegung wieder an den Rand des Labyrinths geführt. Und dabei fragten wir uns: Wo kommt das Labyrinth eigentlich her?
Von der griechischen Mythologie zum Kirchplatz
Das Labyrinth als Symbol gibt es in vielen Kulturen. Oft ist es ein Sinnbild für das Leben. Geht man in der Geschichte der Menschheit zurück, findet es sich eingeritzt in jahrtausendealte Gefässe, auf bearbeiteten Steinen und als Teil von Felsinschriften. Wahrscheinlich drückten die Menschen mit diesem Symbol schon damals die Wirrungen aus, die das Leben oftmals mit sich bringt. Im Unterschied zum Irrgarten, der mit Weggabelungen und Sackgassen auf die Besuchenden wartet, führt das Labyrinth mit seinem zwar verschlungenen, aber einzigen Weg allerdings unaufhaltsam auf das Zentrum zu.
Seinen Ursprung hat das Labyrinth wahrscheinlich in der griechischen Mythologie. In einer Erzählung geht es um den Palast des König Minos auf Kreta, der ein Labyrinth beherbergt, in dem der Minotaurus lebt, ein Wesen mit Stierkopf und Männerkörper. Später finden sich Mosaike und Darstellungen von Labyrinthen auch bei den Römern und Kelten. Ab dem Mittelalter findet sich das Labyrinth zunehmend im Kontext christlicher Kirchen. Zunächst in klösterliche Handschriften gezeichnet, werden sie ab dem 12. Jahrhundert als in den Fussboden eingelegte und begehbare Labyrinthe in Kirchenräumen populär.
Wir befanden uns gerade mitten in einem solchen Labyrinth. Wir hatten keine Übersicht, wussten nicht, wie weit der Weg noch war. Manches Mal fühlte es sich nach Fortschritt an, wir waren dem Ziel so nah, doch kurz darauf kam es uns vor, als seien wir gerade unnütz lange Schleifen in eine ganz falsche Richtung gegangen. Es wäre ein leichtes gewesen, einfach über die Begrenzungen zu steigen und direkt auf die Mitte zuzugehen, aber wir hatten uns bewusst dazu entschieden, diesen Weg zu gehen, uns ihm unterzuordnen. Es ist der Sinn und Zweck eines Labyrinthes, nicht auf dem direkten, kürzesten Weg zum Ziel zu gelangen. Das ist auch im Christentum so, das das Symbol des Labyrinths für sich entdeckte.
Pilgerreisen-Ersatz
Wie wurde ein ursprünglich mythologisches zu einem christlichen Symbol? Die Geschichte des Urlabyrinths von Kreta wurde im christlichen Sinne umgedeutet. In der griechischen Mythologie besiegt der Held Theseus den menschenfressenden Minotaurus. Im Christentum tritt an die Stelle des Helden nun Christus, der das Böse überwindet und die Menschen befreit. Die Mitte des Labyrinths, zuvor Heimat des Minotaurus und somit das Böse, wird jetzt positiv besetzt: In der Mitte wartet Christus.
Zunächst hatten die christlichen Labyrinthe einen praktischen Aspekt, da sie als Ersatz für Pilgerreisen dienten. Diese waren im Mittelalter zwar sehr beliebt, gleichzeitig aber teuer, beschwerlich und manchmal sogar gefährlich. Das Abgehen der verschlungenen Labyrinthpfade gab vielen Menschen eine Möglichkeit, den beschwerlichen Weg symbolisch auf sich zu nehmen. Das Motto: Wer sich selbst, sein Leben und Gott erfahren will, muss bereit sein, den Weg mit all seinen Biegungen und der unbekannten Länge zu gehen.

Im Gegensatz zum Irrgarten gibt es im Labyrinth keine Verzweigungen und Weggabelungen, an denen man falsch abbiegen kann. Der einzige Weg führt unausweichlich ins Zentrum. Allerdings ist der Weg lang und verschlungen. Die Farbwechsel von Rot zu Violett zeigen das anschaulich auf.
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Keine sinnlosen Wege
Damals wie heute hat das Labyrinth einen wichtigen symbolischen Charakter für Christinnen und Christen. Es ist Sinnbild des Lebens- und Glaubenswegs, der, so die Hoffnung, trotz aller Wendungen und seiner Verschlungenheit sicher zur Mitte – zu Christus – führt. Damit einher geht die Überzeugung, dass es im Leben keine sinnlosen Wege gibt. Jeder Wegabschnitt, auch wenn er, typisch für das Labyrinth, immer wieder vom Ziel wegführt, ist Teil dieses Weges. Der Weg mag nicht immer leicht fallen, und mit den vielen Wendungen des Labyrinths ist man, wie auch mit denen des Lebens, nicht immer zufrieden. Das Labyrinth steht für viele Gläubige dabei für die Zusage Gottes: «Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst.»
Wer schliesslich die Mitte des Labyrinths erreicht hat, muss dort seine Richtung ändern. Das kann ebenfalls mit einer Grundhoffnung des Christentums verknüpft werden: Wer Christus begegnet ist, der kehrt um und beginnt neu.
Und irgendwann war es auch bei uns so weit: Wir hatten die Mitte des Labyrinths erreicht. Wir wussten nun, dass das Labyrinth uns von Anfang an und über den ganzen Weg hinweg auf seine Mitte hingeführt hat – auch in den Momenten, in denen wir uns am äussersten Rand befanden. Die Umwege gehörten dazu. Unser Fazit: Es braucht einiges an Geduld und auch eine gute Portion Vertrauen, dass der Weg, so unübersichtlich er auch sein mag, am Ende zum Ziel führt.
«Schlaumeierwissen»
Das wohl berühmteste christliche Labyrinth befindet sich in der Kathedrale von Chartres in Frankreich.
Das älteste christliche Labyrinth ist das Bodenmosaik der im Jahre 324 erbauten Basilika im algerischen Ech Cheliff.