Es ist Zeit zu hoffen
«Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn» (Psalm 124,8)
In Zeiten der Unsicherheit und Angst, wenn die Welt um uns herum unruhig erscheint, spüren wir oft unsere eigene Begrenztheit. Wir suchen Halt, Orientierung und Hoffnung – im Kleinen wie im Grossen. Der Psalmist erinnert uns: «Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn.» Diese Worte sind mehr als eine fromme Floskel. Sie verweisen auf eine tiefe Wirklichkeit: Wir sind nicht allein. Es gibt eine Kraft, die stärker ist als unsere Sorgen und die trägt, auch wenn vieles ins Wanken gerät: Diese Kraft ist Gott. Hoffnung ist dabei mehr als Optimismus. Sie bedeutet, den Mut zu haben, auf Gott zu vertrauen, auch wenn der Ausgang ungewiss ist. Sie heisst, das Herz offen zu halten, selbst dann, wenn alles dunkel erscheint. Ich durfte dies in meiner Arbeit auf eine Weise erleben, die mich tief geprägt hat: Nach meinem Psychologiestudium (2022) kamen immer wieder junge Menschen und Erwachsene zu mir, erschüttert von Depressionen, oft ohne Hoffnung und innerlich am Ende, und baten mich, sie auf ihrem Weg zu begleiten. Dabei stellte ich bewusst eine einzige Bedingung: Neben unseren wöchentlichen Gesprächen sollten sie auch beten. Und ich bat die Eltern und Verwandten, ebenfalls inständig für ihre Kinder und für mich zu beten. Denn schon während meines Studiums war mir etwas Entscheidendes klar geworden: Fast alle Professoren sagten mir, nachdem sie erfahren hatten, dass ich Priester bin: «Nach langjähriger Erfahrung ist klar, dass psychische Krankheiten allein durch Medikamente und therapeutische Begleitung kaum heilbar sind. Es muss eine höhere Macht mitwirken.» Diese Worte haben sich tief in mein Herz eingeprägt. Sie bestätigten etwas, das ich im Glauben bereits ahnte: Der Mensch kann begleiten, unterstützen und Wege aufzeigen, aber die eigentliche Heilung geschieht auf einer tieferen Ebene. Zwei Begegnungen sind mir besonders in Erinnerung geblieben: Der eine war ein 35-jähriger Mann, der seit 15 Jahren unter Depressionen litt und viermal versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Jeden Tag gingen wir gemeinsam joggen, beteten und hielten Zeiten der Anbetung. Schritt für Schritt kehrte Licht in sein Leben zurück. Heute lebt er glücklich, ist Sakristan in seiner Heimatgemeinde und berichtet, wie sehr ihn diese Zeit getragen hat. Der andere war ein 16-jähriger Junge, der fast ein Jahr lang nicht mehr zur Schule gegangen war. Gemeinsam trainierten wir, beteten und verbrachten täglich 30 Minuten in Anbetung. Die Veränderung war beeindruckend: Bei der strengen Aufnahmeprüfung für die Oberschule war er der Beste unter fast 700 MitschülerInnen. Vor Kurzem schrieb er mir: «Pfarrer Feng, ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir mit Herzblut geholfen und mich zu Gott geführt haben. Ich gehe nun jeden Sonntag mit meinen Eltern zur Heiligen Messe, obwohl mein Vater der Vizepräsident einer reformierten Kirche ist, und ich fühle mich sowohl körperlich als auch geistig wohl.» Diese Erfahrungen zeigen: Wahre Hilfe kommt nicht allein aus Menschenhand. Heilung geschieht oft im Zusammenspiel von menschlicher Begleitung und göttlicher Kraft. Sie zeigt sich gerade dann, wenn wir selbst keinen Ausweg mehr sehen, und dennoch ein Licht der Hoffnung aufscheint. In unserer Zeit setzen wir grosse Hoffnungen auf Technik, Fortschritt und menschliche Möglichkeiten. All das hat seinen Platz. Doch der Psalm erinnert uns daran, wo die tiefste Quelle unserer Hoffnung liegt: Im Herrn. Wenn Sorgen und Zweifel uns niederdrücken, dürfen wir innehalten und uns neu ausrichten: Gott ist unsere Hilfe. In dieser Gewissheit können wir Kraft schöpfen, Mut finden und inneren Frieden erfahren. Hoffnung wird so zu einem Anker, auch in stürmischen Zeiten. Es ist Zeit zu hoffen. Zeit, Gott neu zu vertrauen. Zeit, einander zu stärken. Denn wer seine Hilfe im Namen des Herrn sucht, wird nicht vergeblich rufen.
Franz Feng

