
500 Jahre später sitzen alle zusammen
Der Taizé-Tag in Baden feierte die Hoffnung und das Zusammenstehen
Hunderte Menschen, viele Sprachen, zwei Konfessionen: Beim Taizé-Tag der DisputNation in Baden wurde Ökumene gelebt. In Gesprächen auf dem Kirchplatz, durch Zuhören und einer Feier voller Kerzenlicht.
Es war eine bezaubernde Stimmung. Jede Bank der Badener Stadtkirche war besetzt, selbst im Chor sassen Menschen, zwischen ihnen zwei Frères aus der Gemeinschaft Taizé in Frankreich. Hunderte weisse Kerzen erleuchteten den Raum, und mit einem ergreifenden Stimmvolumen wurde Lied um Lied gesungen. Mit der «Nacht der Lichter» am Pfingstsonntag endete der erste von anderthalb Taizé-Tagen im Rahmen der Jubiläumsfeier DisputNation in Baden. 500 Jahre nachdem in der Aargauer Stadt Katholiken und Reformierte in einem tagelangen Disput um Anerkennung rangen, herrschte friedlichste Ökumene.
Begegnung statt Belehrung
Acht Stunden früher. Zum lauten Geläut strömen Menschen in die Kirche, junge, ältere, viele mit dem Taizé-Kreuz an einer Halskette. Claudio Tomassini, katholischer Pfarreileiter und einer der beiden Köpfe hinter der DisputNation, begrüsst sie alle sichtlich gut gelaunt und bringt die Gäste rasch miteinander in Verbindung. Wer seine Fragen mit Ja beantworten kann, muss aufstehen. Wer spricht Deutsch? Wer Französisch? Wer ist nicht aus der Schweiz? Wer war schon in Taizé? Schon herrscht eine aufgeschlossene Stimmung.
«Ein Tag wie in Taizé» ist Teil der DisputNation, mit der das Aargauer Städtchen das 500-Jahr-Jubiläum der Badener Disputation von 1526 feiert. Mit rund 60 Veranstaltungen zwischen September 2025 und Ende Mai 2026 nimmt das Jubiläum den historischen Moment als Impuls, den gesellschaftlichen Dialog zu stärken und Menschen unterschiedlichster Herkunft einzubinden. Getragen wird das Ganze von der reformierten und der katholischen Kirche gemeinsam, geleitet von Tomassini und Pfarrer Res Peter. Die weisse Friedensfahne hängt überall als Zeichen.
Vielfalt bereichert
Nach der Begrüssung der mehreren Hundert Teilnehmenden setzt Frère Raymond von Taizé einen ersten Impuls zum Thema Frieden. Zwei Schlüsselbegriffe seien für ihn zentral, sagt er: Diversität und Zuhören. «Pfingsten passt perfekt zu dem, was wir hier pflegen», sagt er. «Der Heilige Geist befähigt Menschen, zuzuhören, auch wenn sie verschiedene Sprachen sprechen.» Eine junge Frau übersetzt ins Englische, eine andere ins Französische. «Vielfalt», so Raymond, «soll nicht als Vorwand für Spaltung gesehen werden, sondern als Geschenk.
Dann schickt er alle nach draussen, mit einem Blatt voller Fragen zu Vorurteilen, Diversität, Frieden. Was folgt, ist typisch Taizé: Gespräche auf Augenhöhe, wie es die Gemeinschaft in Frankreich täglich mit den Tausenden Besuchern pflegt. Die Menschen verteilen sich auf dem Kirchplatz, setzen sich in Gruppen an grosse Tische in den Schatten der Bäume und suchen nach Antworten.
Frieden als Lebensaufgabe
Und so geht es bis zum Abend. Nach einer Kaffeepause starten vier Workshops. Besonderen Zulauf hat jener von Irène Gassmann, Priorin des Klosters Fahr. Auch sie spricht über Hoffnung und Frieden. Ihr Name bedeute Frieden, erzählt sie ihrer Gruppe in der kühlen Stadtkirche. Und das sei für sie zur Lebensaufgabe geworden. Auch im Zugsabteil, wenn sie einfach einen ernst dreinblickenden Menschen anlächelt.
In der Kapelle moderiert derweil Tomassini ein Gespräch mit drei Frauen aus der Ukraine über die Frage, was Hoffnung für sie als Geflüchtete vor dem Krieg bedeute. «Die Menschen, die mir hier helfen», antwortet eine Frau. Eine andere, es vergehe keine Minute, ohne dass sie an die Lieben daheim dächten. Sie hoffe für deren Überleben, dass endlich wieder Frieden in der Ukraine herrsche. Als wichtige Kraftquelle nennen alle drei Frauen das gemeinsame Singen, das in der Ukraine grosse Tradition hat. «Wir singen bei allen Familienfesten. Darum verbinden wir mit den Liedern viele schöne Erinnerungen.» Ein junger Mann aus dem Publikum möchte wissen, ob sie durch den Krieg nie an Gott gezweifelt hätten. Sie schütteln entschieden den Kopf.
Die Früchte des Heiligen Geists
Als die Kirche sich gegen Abend für die «Nacht der Lichter» wieder füllt, singen acht ukrainischen Frauen und ein Akkordeonspieler zuerst, zart ertönen ihre Stimmen. Tomassini tritt ans Mikrofon, die Freude angesichts der knallvollen Kirche ist ihm anzusehen. Vor 500 Jahren hätten sich hier Katholiken und Protestanten gestritten, sagt er, und es sei ein Geschenk des Himmels, dass sie heute alle zusammensässen. Res Peter übersetzt ins Französische. Selbst Stadtammann Markus Schneider richtet ein Grusswort im Namen des Stadtrats aus. Mit einem herzlichen Dank wendet er sich an die jungen Menschen in der Kirche. «Danke, seid ihr hergekommen. Ihr seid die Zukunft!»
Was folgt, ist ein traditioneller Taizé-Gottesdienst. Nach einer kurzen Lesung durch Priorin Irène Gassmann spricht Frère Francis mit Blick auf die globalen Spannungen der Gegenwart über Frieden und knüpft dabei an der Badener Disputation an. Es sei für heute nicht so entscheidend, wer damals gewonnen habe, sagt er, sondern dass zwei verfeindete Parteien miteinander gesprochen hätten. «Auch heute müssen wir verhindern, dass Ideologien die Menschen auseinandertreiben.» Das friedliche Zusammenleben heute, hier, das sei die Frucht des Heiligen Geists.
Als jeder eine weisse Kerze bekommt und diese beim Nachbarn anzündet, fliesst so manche Träne vor Rührung. Die Nacht der Lichter schliesst in sich, was der Tag gebracht hat: Ein Gefühl der Hoffnung, getragen durch die viele Begegnungen, viel Austausch, viel Zuhören, durch die Stillmomente und Gesang. Nach dem offiziellen Ende des Gottesdiensts bleiben viele Menschen sitzen und singen weiter.

Immanuel Kalenberg, 25
«Ich war noch nie in Taizé, aber am europäischen Jugendtreffen in Paris letzten Dezember. Dort lernte ich die Leute kennen, mit denen ich aus Deutschland nun herkam. Ich schätze an der Taizé-Gemeinschaft und das Gebet in der Ruhe, die Gesänge. Dass die Lieder in so vielen Sprachen gesungen werden und der Diversität in unserer Gesellschaft somit Rechnung tragen. Mein persönlicher Beitrag für den Frieden? Ich gehe sehr offen auf Menschen zu, Freunde bezeichneten mich als einen <social butterfly>.»

Luzia Kunz, 31
«Ich bin mit meiner Schwester hier, wir entschieden uns sehr spontan. Ich hatte Lust, mal wieder mit Leuten einen Austausch zu haben, wie er für Taizé-Anlässe charakteristisch ist. Mit fremden Menschen so rasch in einen tiefen Kontakt zu kommen, mag ich sehr. Selbst trage ich beruflich und privat stark zu einer friedlichen Gesellschaft bei. Ich bin Mitglied einer NGO, die Menschen in Indien unterstützt. Auch habe ich Europa-Studien studiert und arbeite in der trinationalen Zusammenarbeit in Basel.»
Claudio Tomassini
Er ist einer der Motoren hinter der DisputNation: Claudio Tomassini, katholischer Pfarreileiter in Baden, hat den «Tag in Taizé» mitorganisiert und moderiert. Nach den anderthalb Tagen zieht er eine bewegte Bilanz. «Ich fühlte mich reich beschenkt, beseelt und glücklich», sagt er. «Die Seele von Taizé war deutlich spürbar.» Viele Menschen spürten in der aktuellen Weltlage Ohnmacht, sagt er, doch dieser Tag habe ihnen Hoffnung gegeben. «Einander sehen, wahrnehmen, zuhören, die Meinung des anderen wertschätzen — die Welt braucht eine solche Kraft des Zusammenstehens.» Er ist überzeugt: «Das bleibt lange in den Herzen.»
Anouk Holthuizen ist Redaktorin bei reformiert.