
© Marie-Christine Andres
Erkennen, was die Menschen brauchen
Disputalk mit dem römisch-katholischen Kirchenratspräsidenten Pascal Gregor
Am 15. Mai war der katholische Kirchenratspräsident Pascal Gregor zu Gast am Disputalk bei Hans Strub. Mit dem 20. Disputalk geht die Gesprächsreihe zu Ende.
«Den Herren an der Badener Disputation wäre das Disputieren im Hals steckengeblieben», vermutete die Präsidentin der katholischen Kirchenpflege Baden-Ennetbaden, Beatrice Eglin in ihrer Begrüssungsrede. Dass sich 500 Jahre nach der hitzigen Disputation über den rechten Glauben der katholische Kirchenratspräsident im reformierten Kirchgemeindehaus mit einem pensionierten reformierten Pfarrer zum lockeren Gespräch trifft, begrüsst von einer Frau, der Präsidentin der katholischen Kirchgemeinde, hätten sich die gestrengen Herren wahrscheinlich nicht vorstellen können.
Über Grenzen hinausdenken
Pascal Gregor, seit September 2024 Präsident des Kirchenrats der römisch-katholischen Landeskirche, würde den Kreis gerne noch weiter ziehen: «Auf Kantonsebene werde ich einen Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit mit anderen Konfessionen legen, auch mit den Freikirchen. Gerade sie leisten bei uns sehr gute und wichtige Arbeit. Ich habe gute Beziehungen zur evangelisch-methodistischen Kirche und habe dort zum Beispiel entdeckt, laut zu beten. Das kannte ich vorher nicht und ich finde es etwas sehr Schönes.»
«Ich geniesse das Gefühl der Freiheit»
Pascal Gregor nimmt sich die Freiheit, über Grenzen hinauszudenken. Einen «Freigeist» habe ihn das Pfarrblatt «Lichtblick» in einem Porträt genannt, sagte Hans Strub. «Diese Bezeichnung passt mir absolut», antwortete Pascal Gregor, «ich bin gerne unterwegs, reise gerne, oft auch allein. Dank meiner Kinder habe ich das Gleitschirmfliegen entdeckt. Am liebsten fliege ich allein und geniesse das Gefühl der Freiheit.»
Von oben auf eine Sache schauen zu können und den Überblick zu wahren, sei als Kirchenratspräsident sicherlich hilfreich, meinte Hans Strub. Er wollte von Pascal Gregor wissen, was seine Vision für die Kirche sei. Gregor antwortete: «Meine persönliche Vision ist, dass die Kirche für die Menschen da ist, dass sie dort Gemeinschaft und Zugehörigkeit erfahren.»
Die Komfortzone verlassen
Die Aufgabe der römisch-katholischen Kirche im Aargau sei die Unterstützung der pastoralen Aufgaben der Kirchgemeinden und im Bistum. Eine Vision zu haben sei für die Landeskirche wichtig, damit sie wisse, wo sie ihre Ressourcen einsetzen wolle, erklärte Pascal Gregor. Die römisch-katholische Kirche im Aargau müsse eine Million Franken einsparen, doch im Moment sei sie noch etwas ziellos unterwegs. Das wolle die Landeskirche nun ändern, und dafür müsse sie ihre Komfortzone verlassen. «Die Komfortzone zu verlassen, bedeutet, die operative Ebene zu verlassen und auf eine übergeordnete, strategische Ebene zu wechseln», erklärte Gregor. Mit dem Projekt «Fit für die Zukunft» entwickle die Landeskirche eine Strategie, die den Blick bis ins Jahr 2045 richte, sagte er. Die Vision wird unter der Leitung von Kirchenrätin Anita Berger, Generalsekretär David Reichart und dem Projektbegleiter Hans Lichtsteiner erarbeitet.
Pascal Gregor nahm vorweg: «Die Vision wird möglicherweise nicht allen passen.» Er erläuterte: «Zum Beispiel definieren wir das Frauenpriestertum nicht als ein Ziel. Das liegt in der Kompetenz des Bistums oder letztlich in Rom und ist nicht durch uns realisierbar.»
Kontroverse Diskussionen mit dem Bistum
Natürlich wollte Hans Strub vom katholischen Kirchenratspräsidenten wissen, ob er selbst glaube, die Einführung der Priesterweihe für katholische Frauen noch zu erleben. «Ich weiss, dass es Gerüchte gibt, dass Rom die Verantwortung in dieser Frage an die Bistümer delegieren könnte», sagte Gregor. Doch wie konkret diese Pläne seien und ob er selbst diesen Entwicklungsschritt noch miterleben werde, könne er nicht sagen.
Die Landeskirche engagiere sich in der Lösung von handfesten, praktischen Fragen: «Wir haben Kirchgemeinden, die grosse finanzielle Probleme haben und ihre pastoralen Räumlichkeiten verkaufen wollen. Die Landeskirche anerkennt diese wirtschaftliche Notwendigkeit und diskutiert solche Fragen durchaus kontrovers mit den Vertretern des Bistums, die ihren Blick über einen viel längeren Zeitraum richten und die Lage daher anders einschätzen.»
Freiwillig und bei vollem Bewusstsein
Hans Strub hatte in Erfahrung gebracht, dass Pascal Gregor sich nach dem Rücktritt des langjährigen Kirchenratspräsidenten Luc Humbel auf eine Ausschreibung der Landeskirche für das Amt beworben hatte. Strub bemerkte: «Normalerweise wird man in ein solches Amt berufen, es rücken Leute nach, die schon jahrelang dabei sind.» Aber Pascal Gregor habe sich als Aussenstehender freiwillig auf eine Ausschreibung gemeldet, im vollen Bewusstsein, dass er diesen Job nicht machen müsse, ergänzte Strub. Damit sorgte er für Lacher, lieferte Pascal Gregor aber auch die Möglichkeit, über seine Motivation zu berichten: «Ich mache das gerne, ich zähle keine Stunden. Ich stehe gerne auf, ich arbeite gerne. Es macht mir einfach Freude, wenn ich die Entwicklung sehe und erkenne, dass ich bei meinem Gegenüber etwas bewirken kann.» Gregor gab zu, dass er dieses Amt im Alter von 30 oder 40 Jahren nicht hätte übernehmen können. Aber mit 60 Jahren, mit erwachsenen Kindern und einer Frau, die ebenfalls berufstätig und ehrenamtlich engagiert ist, passe das wunderbar.
Hans Strub doppelte nach: «Aber das braucht doch Energie! Und du wirst doch auch angefahren? Oder ist das bei den Katholiken anders?».
«Da hilft mir meine Mediationsausbildung, die ich letztes Jahr abgeschlossen habe», antwortete Pascal Gregor, «Ich werde nicht als Person angegangen, sondern als Vertreter der Landeskirche. Ich schaffe es, das voneinander zu trennen. Es gehört zu meinem Amt, die Perspektive der Landeskirche einzunehmen und zu vertreten.»
Was brauchen die Menschen?
Die Landeskirche soll kein Selbstzweck sein, sondern für die Menschen da sein, betonte Pascal Gregor: «Wir müssen als Landeskirche erkennen, was die Menschen wollen. Sollte es uns nicht mehr brauchen, müssten wir uns auch danach ausrichten.» Um herauszufinden, was die Mitglieder der Landeskirche brauchen, suche er bewusst den Kontakt, nehme Einladungen an und versuche, möglichst nahbar und präsent zu sein. Auch plane die Landeskirche, dieses Jahr im Herbst die neu gewählten Kirchenpflegemitglieder zu einer offiziellen Amtsantrittsfeier einzuladen.
Den Kontakt zu allen Gruppen zu finden, sei nicht ganz einfach: «Die, die wir erreichen, machen mir weniger Sorgen. Der grosse Teil bezahlt – Gott sei Dank – Kirchensteuer, aber wir erreichen sie nicht. Sie nehmen nicht an Abstimmungen teil, kommen nicht an Versammlungen oder Gottesdienste. Ich versuche, das als positive Herausforderung zu betrachten», sagte Pascal Gregor.
Die Räume werden grösser und das Zugehörigkeitsgefühl schwächer
Aus dem Publikum kam die Frage an den Kirchenratspräsidenten, wie es zusammengehe, dass auf der einen Seite Kirchgemeinden fusionieren und Pfarreien in Pastoralräumen zusammengeschlossen seien, die Pfarrei vor Ort aber Gemeinschaft stiften solle? Pascal Gregor antwortete: «Wenn die Organisation grossräumiger wird, wird die Verbindung untereinander, das Zugehörigkeitsgefühl schwächer. Diese Problematik ist mir sehr bewusst und ich finde es wichtig, dafür Lösungen zu finden.»
Neben der Tätigkeit als Kirchenratspräsident führt Pascal Gregor eine eigene Beratungsfirma. Hans Strub zitierte deshalb ein paar Begriffe aus der Organisationsentwicklung: «Effizienzsteigerung, Prozessoptimierung… haben diese Begriffe in der Kirche Platz?», fragte er. Gregor sagte mit einem Lachen: «Solche Begriffe werden in der Kirche gar nicht gerne gehört.» Ernster fuhr er fort: «Wir sind mitten auf dem Weg, mit weniger Mitteln zu versuchen, trotzdem Wirkung zu erzielen. Das ist nicht einfach, aber es gelingt.»
Zum Schluss sollte Pascal Gregor aus den vier Begriffen Zukunft, Liebe, Hoffnung und Frieden einen auswählen. «Ich habe die vier Begriffe seit einem Jahr auf meinem Schreibtisch stehen und ich weiss seit Langem, dass ich dazu etwas sagen muss. Ich bin trotzdem nicht vorbereitet», erklärte er. Doch persönlich sei ihm die Liebe am wichtigsten: «Die Liebe zu meiner Familie, zu den Menschen – und die Liebe zum Leben.»