Esther Girsberger: «Ich glaube nicht an Ideologien»
Esther Girsberger am 8. Mai 2026 in der FassBar in Baden.
© Marie-Christine Andres

Esther Girsberger: «Ich glaube nicht an Ideologien»

Esther Girsberger war zu Gast am Disputalk in der Badener «FassBar»

Gespräch­sleit­er Hans Strub sprach mit Esther Girs­berg­er über die ehe­ma­li­gen «Judendör­fer» Endin­gen und Leng­nau, aber auch über den heuti­gen Anti­semitismus. Auch wagten die bei­den einen Blick über die Schweiz hin­aus auf den Kon­flikt zwis­chen Palästi­na und Israel.

Die Geschichte der Jüdin­nen und Juden in der Schweiz hat einen beson­deren Anker­punkt im Kan­ton Aar­gau. Während mehr als zwei­hun­dert Jahren waren Endin­gen und Leng­nau Zen­trum des jüdis­chen Lebens in der Schweiz. Nach einem Beschluss der Baden­er Tagsatzung durften sich Juden ab Anfang des 17. Jahrhun­derts dauer­haft nur noch in den bei­den Surb­taler Gemein­den nieder­lassen. In den bei­den Orten war damals ein gross­er Teil der Ein­wohner­in­nen und Ein­wohn­er jüdisch, weshalb die Dör­fer auch als «Judendör­fer» beze­ich­net wur­den. Nach­dem im Jahr 1866 das Schweiz­er Stim­mvolk der Nieder­las­sungs­frei­heit für Juden zuges­timmt hat­te, wan­derte die jüdis­che Bevölkerung nach und nach in die Städte ab.

Geld und Geist im Surbtal

Esther Girs­berg­er hat christliche und jüdis­che Wurzeln. Ihre jüdis­chen Wurzeln verbinden sie bis heute mit dem Surb­tal und der Region Baden. Girs­berg­ers Mut­ter war Jüdin und stammte aus Leng­nau, ihr Urgross­vater grün­dete das heute noch beste­hende dor­tige israelitis­che Alter­sheim Mar­goa. «Mein Gross­vater sagte jew­eils, in Endin­gen sei das Geld zuhause, in Leng­nau der Geist», bemerk­te Girs­berg­er schmun­zel­nd. Auch die Verbindung ihrer Fam­i­lie zu Baden sei eng, noch heute sei ein Haus in der Nähe des Kinos Sterk in Fam­i­lienbe­sitz. «Ich freue mich also, für dieses Gespräch heute in Baden zu sein.»

Projekt Doppeltür erzählt vom Zusammenleben

Im Tagsatzungs­beschluss war fest­ge­hal­ten, dass Juden und Chris­ten in Endin­gen und Leng­nau nicht unter dem gle­ichen Dach wohnen durften. Die Bewohn­er lösten diese Schwierigkeit, indem sie zwei Ein­gangstüren ein­baut­en, die zu ver­schiede­nen Woh­nun­gen führten. Diese heute noch sicht­baren Türen gaben dem Pro­jekt «Dop­peltür» den Namen, das sich der Ver­mit­tlung der jüdisch-christlichen Geschichte des Surb­tals wid­met. Im Jahr 2028 ist die Eröff­nung eines Besucherzen­trums in Leng­nau geplant. Girs­berg­er war bis vor kurzem Präsi­dentin des Vere­ins «Dop­peltür» und engagiert sich jet­zt als Vor­standsmit­glied.

Weil ab 1866 die jüdis­che Bevölkerung nach und nach in die Städte abwan­derte, leben heute fast keine Juden mehr im Surb­tal. Auch deshalb sei es wichtig, die jüdis­che Geschichte des Surb­tals zu erzählen, sagte Girs­berg­er. Der jüdis­che Kul­tur­weg und die Mik­we in Endin­gen sind Teil­pro­jek­te, die bere­its ver­wirk­licht sind. «Wichtig ist uns, dass das Pro­jekt nicht nur jüdisch ist, son­dern auch die Geschichte des inter­re­ligiösen Zusam­men­lebens erzählt», betonte Girs­berg­er.

Vorurteile gegenüber Juden

Juden­hass reiche in der Geschichte weit zurück, sagte Hans Strub. «Weil es immer einen Sün­den­bock braucht?», fragte er. Girs­berg­er erläuterte: «Die Juden durften nur bes­timmte Berufe ausüben. Steuern ein­treiben, Geld­ver­leih oder Han­del waren Tätigkeit­en, die fast immer von jüdis­chen Men­schen aus­geübt wur­den – weil andere sich daran nicht die Fin­ger ver­bren­nen woll­ten. Denn wer Steuern ein­treibt, macht sich unbe­liebt. Durch die Verbindung mit Geldgeschäften ent­stand das Vorurteil vom geldgieri­gen, geizigen Juden.» Hans Strub brachte eine weit­ere Quelle des Anti­semitismus’ ein: die Ansicht der Chris­ten, die Juden hät­ten ihren Jesus ermordet. Strub zitierte aus der Ein­leitung des Buch­es «Die unendliche Pap­st­geschichte»: «Hätte man in den Darstel­lun­gen von Jesus am Kreuz das unselige Lenden­tuch wegge­lassen, hät­ten alle erkan­nt, dass Jesus sel­ber Jude war.»

Das Gespräch zwis­chen Girs­berg­er und Strub drehte sich auch um die Rolle der Schweiz in der Juden­ver­fol­gung des Zweit­en Weltkriegs. Girs­berg­er dif­feren­zierte auch hier: «Die Angst vor Deutsch­land spielte eine Rolle, aber auch Geld. Die Rolle der offiziellen Schweiz war eine unrühm­liche. Aber es gab viele gute See­len, die – nicht ohne Risiko – Ver­fol­gten geholfen haben.»

Es ist wichtig, zu differenzieren

Anti­semitismus habe es immer gegeben. Aber heute sei er wieder salon­fähig gewor­den, sagte Girs­berg­er. Sie fügte jedoch ein wichtiges Aber an: «Nicht jede Kri­tik an Israel ist gle­ichbe­deu­tend mit Anti­semitismus.» Es sei nötig, zu dif­feren­zieren und anzuerken­nen, dass in der israelis­chen Regierung teil­weise recht­sex­treme Poli­tik­er sitzen, jedoch nicht alle Israeli diese Poli­tik gutheis­sen wür­den. Als Ombuds­frau der SRG muss Girs­berg­er diese Dif­feren­zierung immer wieder machen, wenn sie Beschw­er­den über die SRF-Berichter­stat­tung zum Kon­flikt im Nahen Osten beant­wortet. «Der Ursprung der aktuellen Krise war der Angriff der Hamas vom 7. Okto­ber 2023. Wenn wir ver­suchen, den Kon­flikt mit der Bibel zu erk­lären, find­en wir nicht zum Frieden», ist Girs­berg­er überzeugt. Die Wun­den, die der 7. Okto­ber geschla­gen habe, bräucht­en wieder zwei Gen­er­a­tio­nen, um zu ver­heilen, gab sie zu bedenken.

Dialog und Verständigung

Spätestens Ende Okto­ber find­en in Israel Par­la­mentswahlen statt. Girs­berg­er weilte in Israel, zwei Tage, nach­dem die über­leben­den Geiseln aus Gaza zurück­gekehrt waren. Sie weiss: «Rein sys­tem­be­d­ingt kann es auch bei den kom­menden Wahlen keine Regierung geben, wie ich sie mir vorstelle – zum Beispiel eine, die die Siedler im West­jor­dan­land unter Kon­trolle bringt.» Sie betonte: «Ich glaube an Dia­log und Ver­ständi­gung. Woran ich nicht glaube, sind Ide­olo­gien. Es braucht die Ein­sicht, dass bei­de Seit­en bere­it sein müssen, zu verzei­hen und den anderen zu ver­ste­hen.» In der aktuellen Sit­u­a­tion in Israel sei aber lei­der eine Koali­tions­bil­dung nur mit ein­er recht­en Regierung real­is­tisch, erk­lärte Girs­berg­er.

In der Schweiz hät­ten sich seit dem 7. Okto­ber die Fron­ten inner­halb der jüdis­chen Gemeinde ver­härtet, sagte Girs­berg­er: «Es gibt grosse Risse in der Ein­heits­ge­meinde und diese Entzweiung macht mir Sor­gen – genau jet­zt müssten alle zusam­men­hal­ten.»

Zur Per­son
Esther Girs­berg­er ist pro­movierte Juristin, langjährige Jour­nal­istin und Chefredak­torin, Dozentin und heute selb­ständig tätig als Mod­er­a­torin von Ver­anstal­tun­gen in Wirtschaft, Wis­senschaft, Poli­tik und Kul­tur. Sie hat diverse Man­date, zum Beispiel als Ombuds­frau der SRG zusam­men mit Urs Hof­mann oder als Vor­standsmit­glied des Vere­ins Dop­peltür. Girs­berg­er ist ver­heiratet und Mut­ter von zwei erwach­se­nen Söh­nen. Sie ist pas­sion­ierte Geigerin mit fes­tem Kam­mer­musikensem­ble. Eben­so ist sie lei­den­schaftliche Tief­see­taucherin.

Deutliche Antworten auf Nazi-Vorwürfe

Als SRG-Ombuds­frau erhalte sie immer wieder ein­mal Beschimp­fun­gen. Weil ihr jüdis­ch­er Hin­ter­grund bekan­nt sei, gelangten Vor­würfe und Beschw­er­den zur Nahost-Berichter­stat­tung häu­fig an sie – nicht sel­ten verse­hen mit Beschimp­fun­gen. «Das ist manch­mal schwierig», räumt Girs­berg­er ein, «Wenn Nazi-Vor­würfe gegenüber der SRG geäussert wer­den, werde ich in meinen Antworten sehr deut­lich.»

Nachfragen und sich informieren

Am besten reagiere man auf anti­semi­tis­che Äusserun­gen mit vor­sichti­gen, ein­fühlsamen Fra­gen, riet Girs­berg­er. Etwa so: «Warum denkst du das?», oder: « Wo hast du das erlebt?» Das Pro­jekt Dop­peltür eigne sich zur Ver­mit­tlung und sie hoffe, dass Lehrper­so­n­en diese Gele­gen­heit nützen, fügte Girs­berg­er an.

«Sie merken es nicht»

In der Fragerunde nach dem Gespräch wollte ein Zuhör­er wis­sen, warum sich jüdis­che Feriengäste in Davos nicht mehr Mühe gäben, sich den hiesi­gen Regeln anzu­passen. «So, wie sich einige dieser Leute ver­hal­ten, schüren sie doch Vorurteile gegenüber Juden», merk­te er an. Esther Girs­berg­er erk­lärte, dass es sich bei solchen Touris­ten um ortho­doxe Juden aus den USA han­dle, die sowohl in ihrer Heimat als auch in den Ferien abgeschirmt in ihrer Bub­ble lebten. «Es han­delt sich um eine kleine Gruppe, die lei­der nicht in der Lage ist, sich auf andere Gesellschaften einzu­lassen. Diese Men­schen merken nicht, wie neg­a­tiv sie auf­fall­en.»

Zuhören

Das Gespräch schloss Esther Girs­berg­er mit Blick auf die Dis­pu­ta­tion vor 500 Jahren mit der Mah­nung: «Es muss nicht immer alles friedlich sein. Aber der Grundgedanke, dem anderen zuzuhören, muss stets präsent bleiben.»

Marie-Christine Andres Schürch
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