
© Marie-Christine Andres
Esther Girsberger: «Ich glaube nicht an Ideologien»
Esther Girsberger war zu Gast am Disputalk in der Badener «FassBar»
Gesprächsleiter Hans Strub sprach mit Esther Girsberger über die ehemaligen «Judendörfer» Endingen und Lengnau, aber auch über den heutigen Antisemitismus. Auch wagten die beiden einen Blick über die Schweiz hinaus auf den Konflikt zwischen Palästina und Israel.
Die Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Schweiz hat einen besonderen Ankerpunkt im Kanton Aargau. Während mehr als zweihundert Jahren waren Endingen und Lengnau Zentrum des jüdischen Lebens in der Schweiz. Nach einem Beschluss der Badener Tagsatzung durften sich Juden ab Anfang des 17. Jahrhunderts dauerhaft nur noch in den beiden Surbtaler Gemeinden niederlassen. In den beiden Orten war damals ein grosser Teil der Einwohnerinnen und Einwohner jüdisch, weshalb die Dörfer auch als «Judendörfer» bezeichnet wurden. Nachdem im Jahr 1866 das Schweizer Stimmvolk der Niederlassungsfreiheit für Juden zugestimmt hatte, wanderte die jüdische Bevölkerung nach und nach in die Städte ab.
Geld und Geist im Surbtal
Esther Girsberger hat christliche und jüdische Wurzeln. Ihre jüdischen Wurzeln verbinden sie bis heute mit dem Surbtal und der Region Baden. Girsbergers Mutter war Jüdin und stammte aus Lengnau, ihr Urgrossvater gründete das heute noch bestehende dortige israelitische Altersheim Margoa. «Mein Grossvater sagte jeweils, in Endingen sei das Geld zuhause, in Lengnau der Geist», bemerkte Girsberger schmunzelnd. Auch die Verbindung ihrer Familie zu Baden sei eng, noch heute sei ein Haus in der Nähe des Kinos Sterk in Familienbesitz. «Ich freue mich also, für dieses Gespräch heute in Baden zu sein.»
Projekt Doppeltür erzählt vom Zusammenleben
Im Tagsatzungsbeschluss war festgehalten, dass Juden und Christen in Endingen und Lengnau nicht unter dem gleichen Dach wohnen durften. Die Bewohner lösten diese Schwierigkeit, indem sie zwei Eingangstüren einbauten, die zu verschiedenen Wohnungen führten. Diese heute noch sichtbaren Türen gaben dem Projekt «Doppeltür» den Namen, das sich der Vermittlung der jüdisch-christlichen Geschichte des Surbtals widmet. Im Jahr 2028 ist die Eröffnung eines Besucherzentrums in Lengnau geplant. Girsberger war bis vor kurzem Präsidentin des Vereins «Doppeltür» und engagiert sich jetzt als Vorstandsmitglied.
Weil ab 1866 die jüdische Bevölkerung nach und nach in die Städte abwanderte, leben heute fast keine Juden mehr im Surbtal. Auch deshalb sei es wichtig, die jüdische Geschichte des Surbtals zu erzählen, sagte Girsberger. Der jüdische Kulturweg und die Mikwe in Endingen sind Teilprojekte, die bereits verwirklicht sind. «Wichtig ist uns, dass das Projekt nicht nur jüdisch ist, sondern auch die Geschichte des interreligiösen Zusammenlebens erzählt», betonte Girsberger.
Vorurteile gegenüber Juden
Judenhass reiche in der Geschichte weit zurück, sagte Hans Strub. «Weil es immer einen Sündenbock braucht?», fragte er. Girsberger erläuterte: «Die Juden durften nur bestimmte Berufe ausüben. Steuern eintreiben, Geldverleih oder Handel waren Tätigkeiten, die fast immer von jüdischen Menschen ausgeübt wurden – weil andere sich daran nicht die Finger verbrennen wollten. Denn wer Steuern eintreibt, macht sich unbeliebt. Durch die Verbindung mit Geldgeschäften entstand das Vorurteil vom geldgierigen, geizigen Juden.» Hans Strub brachte eine weitere Quelle des Antisemitismus’ ein: die Ansicht der Christen, die Juden hätten ihren Jesus ermordet. Strub zitierte aus der Einleitung des Buches «Die unendliche Papstgeschichte»: «Hätte man in den Darstellungen von Jesus am Kreuz das unselige Lendentuch weggelassen, hätten alle erkannt, dass Jesus selber Jude war.»
Das Gespräch zwischen Girsberger und Strub drehte sich auch um die Rolle der Schweiz in der Judenverfolgung des Zweiten Weltkriegs. Girsberger differenzierte auch hier: «Die Angst vor Deutschland spielte eine Rolle, aber auch Geld. Die Rolle der offiziellen Schweiz war eine unrühmliche. Aber es gab viele gute Seelen, die – nicht ohne Risiko – Verfolgten geholfen haben.»
Es ist wichtig, zu differenzieren
Antisemitismus habe es immer gegeben. Aber heute sei er wieder salonfähig geworden, sagte Girsberger. Sie fügte jedoch ein wichtiges Aber an: «Nicht jede Kritik an Israel ist gleichbedeutend mit Antisemitismus.» Es sei nötig, zu differenzieren und anzuerkennen, dass in der israelischen Regierung teilweise rechtsextreme Politiker sitzen, jedoch nicht alle Israeli diese Politik gutheissen würden. Als Ombudsfrau der SRG muss Girsberger diese Differenzierung immer wieder machen, wenn sie Beschwerden über die SRF-Berichterstattung zum Konflikt im Nahen Osten beantwortet. «Der Ursprung der aktuellen Krise war der Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023. Wenn wir versuchen, den Konflikt mit der Bibel zu erklären, finden wir nicht zum Frieden», ist Girsberger überzeugt. Die Wunden, die der 7. Oktober geschlagen habe, bräuchten wieder zwei Generationen, um zu verheilen, gab sie zu bedenken.
Dialog und Verständigung
Spätestens Ende Oktober finden in Israel Parlamentswahlen statt. Girsberger weilte in Israel, zwei Tage, nachdem die überlebenden Geiseln aus Gaza zurückgekehrt waren. Sie weiss: «Rein systembedingt kann es auch bei den kommenden Wahlen keine Regierung geben, wie ich sie mir vorstelle – zum Beispiel eine, die die Siedler im Westjordanland unter Kontrolle bringt.» Sie betonte: «Ich glaube an Dialog und Verständigung. Woran ich nicht glaube, sind Ideologien. Es braucht die Einsicht, dass beide Seiten bereit sein müssen, zu verzeihen und den anderen zu verstehen.» In der aktuellen Situation in Israel sei aber leider eine Koalitionsbildung nur mit einer rechten Regierung realistisch, erklärte Girsberger.
In der Schweiz hätten sich seit dem 7. Oktober die Fronten innerhalb der jüdischen Gemeinde verhärtet, sagte Girsberger: «Es gibt grosse Risse in der Einheitsgemeinde und diese Entzweiung macht mir Sorgen – genau jetzt müssten alle zusammenhalten.»
Zur Person
Esther Girsberger ist promovierte Juristin, langjährige Journalistin und Chefredaktorin, Dozentin und heute selbständig tätig als Moderatorin von Veranstaltungen in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kultur. Sie hat diverse Mandate, zum Beispiel als Ombudsfrau der SRG zusammen mit Urs Hofmann oder als Vorstandsmitglied des Vereins Doppeltür. Girsberger ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Sie ist passionierte Geigerin mit festem Kammermusikensemble. Ebenso ist sie leidenschaftliche Tiefseetaucherin.
Deutliche Antworten auf Nazi-Vorwürfe
Als SRG-Ombudsfrau erhalte sie immer wieder einmal Beschimpfungen. Weil ihr jüdischer Hintergrund bekannt sei, gelangten Vorwürfe und Beschwerden zur Nahost-Berichterstattung häufig an sie – nicht selten versehen mit Beschimpfungen. «Das ist manchmal schwierig», räumt Girsberger ein, «Wenn Nazi-Vorwürfe gegenüber der SRG geäussert werden, werde ich in meinen Antworten sehr deutlich.»
Nachfragen und sich informieren
Am besten reagiere man auf antisemitische Äusserungen mit vorsichtigen, einfühlsamen Fragen, riet Girsberger. Etwa so: «Warum denkst du das?», oder: « Wo hast du das erlebt?» Das Projekt Doppeltür eigne sich zur Vermittlung und sie hoffe, dass Lehrpersonen diese Gelegenheit nützen, fügte Girsberger an.
«Sie merken es nicht»
In der Fragerunde nach dem Gespräch wollte ein Zuhörer wissen, warum sich jüdische Feriengäste in Davos nicht mehr Mühe gäben, sich den hiesigen Regeln anzupassen. «So, wie sich einige dieser Leute verhalten, schüren sie doch Vorurteile gegenüber Juden», merkte er an. Esther Girsberger erklärte, dass es sich bei solchen Touristen um orthodoxe Juden aus den USA handle, die sowohl in ihrer Heimat als auch in den Ferien abgeschirmt in ihrer Bubble lebten. «Es handelt sich um eine kleine Gruppe, die leider nicht in der Lage ist, sich auf andere Gesellschaften einzulassen. Diese Menschen merken nicht, wie negativ sie auffallen.»
Zuhören
Das Gespräch schloss Esther Girsberger mit Blick auf die Disputation vor 500 Jahren mit der Mahnung: «Es muss nicht immer alles friedlich sein. Aber der Grundgedanke, dem anderen zuzuhören, muss stets präsent bleiben.»
