Das Unsichtbare festhalten
Tiziana (48) und Aylin (14) Giannattasio
Starrkirch-Wil, SO
10.05.2023
© Andreas Seibert

Das Unsichtbare festhalten

Der Fotograf Andreas Seibert aus Windisch hat ein bewegendes Zeitdokument geschaffen

Mehrere Jahre lang hat der Fotograf Andreas Seibert Betroffene von Long Covid oder ME/CFS porträtiert. Sein Werk «Über Sehen Über Leben» erzählt ihre Geschichten.


Sie ken­nt PEM, die tiefen Erschöp­fungszustände,
die auch nach kle­in­sten Anstren­gun­gen begin­nen.
Sie ken­nt die Schmerzen in Muskeln und Gelenken,

sie ken­nt die Lichtempfind­lichkeit und die Tage,
an denen Geräusche nur als Schmerzen wahrgenom­men wer­den.
Und den­noch kann sie nur erah­nen, schreibt sie mir,

was Schw­er­st­be­trof­fene fühlen,
die stumm und regungs­los

unun­ter­brochen im Dunkeln und in der Stille liegen müssen,
teil­weise kün­stlich ernährt.
Ihre Angst und die ihrer Lieb­sten,

im Leben und in der Forschung nicht gese­hen zu wer­den,
muss unendlich gross sein.

Aus: Über Sehen Über Leben, S. 108.


Dieses Buch ist nicht leicht. Mehr als zwei Kilo bringt das Werk von Andreas Seib­ert auf die Waage. Und schw­er wiegen auch die Schick­sale jen­er Men­schen, die der Fotograf über vier Jahre hin­weg porträtiert hat. Es sind 54 Frauen und 15 Män­ner, einige noch sehr jung, viele im mit­tleren Alter, andere bere­its pen­sion­iert. Pflege­fach­frau, Direk­tion­sas­sis­tentin, Lehrer, Stu­dentin, Auto­mechaniker, Kun­st­ther­a­peutin oder Infor­matikpro­fes­sor waren sie in ihrem früheren Leben. Heute sind sie krank. Müdigkeit, Kopf­schmerzen und Konzen­tra­tionss­chwierigkeit­en bes­tim­men ihren All­t­ag, schränken ihre sozialen Kon­tak­te ein und verun­möglichen ihnen weit­ge­hend, am Leben teilzuhaben.

Chronisch krank nach Covid-Infektion

Mitte 2020, sechs Monate nach Beginn der Coro­n­a­pan­demie, mehrten sich Berichte von Men­schen, die sich auch Wochen nach der Infek­tion nicht erholt hat­ten oder bei denen neuar­tige Beschw­er­den auf­trat­en. Diese postvi­ralen Beschw­er­den wur­den schon früh als Long Covid beze­ich­net. Mehrere Stu­di­en deuten inzwis­chen darauf hin, dass nach einem hal­ben Jahr Erkrankungs­dauer etwa die Hälfte der Long Covid-Betrof­fe­nen die Diag­nosekri­te­rien für ME/CFS erfüllt. ME/CFS (Myal­gis­che Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syn­drom) ist eine neu­roim­mu­nol­o­gis­che Erkrankung, die zu extremer Erschöp­fung und Leis­tungs­min­derung führt und das Leben stark ein­schränkt.

Spätfolgen waren kaum Thema

Im Früh­ling 2021 stellte sich der Fotograf Andreas Seib­ert eine schwierige Auf­gabe: «Wie kann ich mit der Kam­era etwas fes­thal­ten, das nicht sicht­bar ist?», fragte er sich. Den Anstoss dazu hat­te der Ver­lauf der Covid-19-Pan­demie gegeben. Wie viele andere ver­fol­gte Seib­ert die Pressekon­feren­zen des Bun­desrats mit. Er erin­nert sich: «Schon damals ging mir durch den Kopf: Wenn sich so viele Men­schen mit dem Virus infizieren, wer­den später auch viele unter Fol­geerkrankun­gen lei­den.» Postvi­rale Beschw­er­den, also Beschw­er­den nach ein­er Virus­in­fek­tion, sind schon lange bekan­nt und nicht auf das SARS-CoV2-Virus beschränkt. Dass sich manche Men­schen nach ein­er Virus­in­fek­tion nicht voll­ständig erholen und lange mit Symp­tomen kämpfen, weiss die Medi­zin bere­its von früheren Epi­demien wie der Spanis­chen Grippe. «An den Pressekon­feren­zen des Bun­des kamen mögliche Spät­fol­gen ein­er Infek­tion kaum zur Sprache», sagt Seib­ert, «Das hat mich sehr irri­tiert und ver­an­lasst, diesem The­ma ein Gesicht zu geben.» 

Unbedingt hinschauen

Er suchte via Aufruf bei ein­er Selb­sthil­fe­gruppe Men­schen, die unter Long Covid lei­den. Es melde­ten sich einige Per­so­n­en, die Seib­ert im Som­mer 2021 porträtierte und deren Krankengeschichte er auf­schrieb. Diese Reportage erschien anschliessend in der Wochen­zeitung WOZ und im Tage­sanzeiger. «Es war ein selb­st­gestell­ter Auf­trag, um her­auszufind­en, ob man Long Covid abbilden kann.»

Das Unsichtbare festhalten - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz
Francesco Moio (51)
Sis­sach, BL
15.10.2022

Nach diesem Pro­jekt melde­ten sich weit­ere Betrof­fene. Seib­ert real­isierte, dass er das unsicht­bare Lei­den nicht nur abbilden kann, son­dern sog­ar muss: «Wir als Gesellschaft müssen bei diesem The­ma unbe­d­ingt hin­schauen.» Er beschloss, ein Buch zu machen, und begann, spez­i­fis­ch­er nach Teil­nehmenden zu suchen. Die postvi­ralen Erkrankun­gen Long Covid und ME/CFS tre­f­fen vor allem Men­schen zwis­chen 35 und 60; 70 Prozent davon sind Frauen. Das Buch hat den Anspruch, ein Zeit­doku­ment zu sein, das die kollek­tive Erfahrung dieser Pan­demie für kom­mende Gen­er­a­tio­nen sicht­bar macht.

Im intimen Rahmen

Mit den Betrof­fe­nen nahm Seib­ert zuerst tele­fonisch Kon­takt auf. Er verabre­dete einen Fototer­min und notierte sich die Eck­dat­en zur Per­son, um zu wis­sen, wen er vor der Kam­era haben wird. Dann besuchte er die Leute zu Hause. Zusam­men mit ein­er Begleit­per­son reiste er von seinem Wohnort Windisch aus durch die Schweiz. Die Porträtierten entsch­ieden selb­st, wo sie sich fotografieren lassen woll­ten. Viele sitzen im Wohnz­im­mer, häu­fig fotografierte Seib­ert aber auch im Schlafz­im­mer. «Die Men­schen liessen mich in ihren inti­men Raum, obwohl sie mich kaum kan­nten.» Auch über­liessen alle Porträtierten Seib­ert die Arzt­berichte, damit er ihre Krankengeschichte nachvol­lziehen kon­nte.


Vernissage
Buchvernissage «Über Sehen Über Leben»: Dien­stag, 5. Mai, 19.30 Uhr, Lit­er­aturhaus Zürich, Lim­matquai 62.
Nico­la Stein­er im Gespräch mit Andreas Seib­ert, Fotograf und Autor, und Milo Puhan, Pro­fes­sor für Epi­demi­olo­gie und öffentliche Gesund­heit an der Uni­ver­sität Zürich. 
Tick­ets: www.literaturhaus.ch 

Bestellen
Das Buch kann bestellt wer­den auf www.ueber-sehen-ueber-leben.com. ​Es kostet 48 Franken + Por­to.

Leise Hinweise

Die Porträts zeigen, was sich eigentlich nicht abbilden lässt. Sobald die Betrof­fe­nen an ihre Krankengeschichte zurück­dacht­en, verän­derte sich ihr fre­undlich­er, kon­trol­liert­er Gesicht­saus­druck manch­mal innert Sekun­den, erin­nert sich Seib­ert. Seine Bilder sind behut­sam kom­poniert, Fein­heit­en wer­den sicht­bar. Schat­ten unter den Augen, ange­zo­gene Knie oder ein zerknit­tertes Kissen geben Hin­weise auf das unsicht­bare Lei­den. Zwis­chen den Porträts und den dazuge­höri­gen Tex­ten lassen in Seib­erts Buch ganz­seit­ige Land­schafts­bilder Auge und Geist zur Ruhe kom­men. Sie zeigen die Weite der Natur, welche die Betrof­fe­nen so schmer­zlich ver­mis­sen.

Nachfragen, ohne Druck zu machen

Nach­dem Seib­ert die Arzt­berichte gele­sen und Tele­fonge­spräche mit allen Porträtierten geführt hat­te, schrieb er die Texte und ver­schick­te sie zum Gegen­le­sen. Einige Rück­mel­dun­gen kamen nach ein­er Woche, andere Porträtierte melde­ten sich erst ein­mal gar nicht. Das Über­ar­beit­en der Texte brauchte Geduld. Es war eine Phase, während der Seib­ert an seinem Pro­jekt zweifelte, manch­mal fast verzweifelte. Geholfen haben ihm der Aus­tausch mit sein­er Ehe­frau und den erwach­se­nen Kindern, die das Pro­jekt von Anfang an mitver­fol­gt und unter­stützt hat­ten. Im Umgang mit den Long Covid-Betrof­fe­nen brauchte Seib­ert ein gutes Gespür. Er musste nach­fra­gen ohne Druck zu machen.

Verdichtete Gefühle

Neben den Porträts und den dazuge­höri­gen Tex­ten enthält Seib­erts Buch eine weit­ere Per­spek­tive. Es sind Sätze, die Seib­ert aus Gesprächen mit der Filmemacherin Cristi­na Amrein, die seit 38 Jahren an ME/CFS lei­det, her­aus­des­til­liert hat, und die sie teil­weise selb­st schriftlich fest­ge­hal­ten hat. Amrein hat­te sich zu Beginn des Pro­jek­ts bei Seib­ert gemeldet. Sie kon­nte zwar nicht porträtiert wer­den, hat­te sich aber seit langer Zeit Gedanken über das Leben mit ME/CFS gemacht. Die aus dem Aus­tausch ent­stande­nen Texte enthal­ten all die Gefüh­le, welche die Krankengeschicht­en zu den Porträts bewusst weglassen. «Die Texte, die Cristi­nas Gedanken Raum geben, stellen die richti­gen und wichti­gen Fra­gen», sagt Seib­ert. Etwa: «Was ist ein Men­sch, wenn er nichts mehr leis­ten kann?»

Alles verloren

Es sind Fra­gen, denen wir uns als Gesellschaft unbe­d­ingt stellen müssen, find­et Seib­ert. In der Schweiz sind schätzungsweise 300’000 Men­schen von Long Covid betrof­fen. Viele von ihnen haben alles ver­loren: ihren Beruf­sall­t­ag, Lebenspart­ner, Fre­unde und die Zukun­ft­saus­sicht­en. «Für die Texte zu den Betrof­fe­nen habe ich einen sach­lichen Ton gewählt. Doch was ich in all den Jahren mein­er Arbeit am Buch gese­hen und gehört habe, lässt mich keineswegs kalt», sagt Seib­ert.

Fakten zu wenig ernst genommen

Unser Gesund­heitssys­tem weist im Umgang mit Long Covid und ME/CFS sys­tem­a­tis­che Schwach­stellen auf. Seib­ert hat eine dif­feren­zierte Sicht auf den Umgang der Schweiz mit der Pan­demie: «Im Grossen und Ganzen hat die Schweiz gut reagiert. Aber in Bezug auf Long Covid hätte der Bund kom­mu­nizieren müssen, dass eine SARS-Cov2-Infek­tion auch bei mil­dem Ver­lauf chro­nisch wer­den kann – und die Betrof­fe­nen ernst nehmen.» Zwar ist noch nicht klar, welche Mech­a­nis­men zu Long Covid führen. Aber es gibt einige gesicherte Fak­ten zur Erkrankung. Leit­symp­tom ist die Ver­schlechterung aller Symp­tome nach kör­per­lich­er oder geistiger Aktiv­ität. Schon nach gerin­gen Anstren­gun­gen wie Einkaufen, Kochen oder einem Spazier­gang kön­nen sich die Symp­tome ver­stärken oder neue dazukom­men. Diese «Crashs» kön­nen die Krankheit dauer­haft ver­schlim­mern. Zen­tral ist deshalb das «Pac­ing», der bewusste Umgang mit den eige­nen Energier­es­sourcen. Dass solche Erken­nt­nisse noch immer zu wenig berück­sichtigt wer­den, begreift Seib­ert nicht. Er hat immer wieder von Betrof­fe­nen gehört, dass die Abklärun­gen für eine IV-Rente sie viel Kraft kosten. Die Reisen und die Unter­suchun­gen, ver­bun­den mit der Angst, dass man ihnen nicht glaubt, sind eine riesige Belas­tung.

Anerkennung des Leidens

Das Bewusst­sein dafür, was eine postvi­rale Erkrankung bedeutet und dass es Mit­tel für die Forschung und Ver­sorgung braucht, müsse wach­sen, sagt Seib­ert. Denn Betrof­fene lei­den nicht nur an der Krankheit, son­dern tre­f­fen darüber hin­aus auf Ärzte, die die Krankheit zu wenig ken­nen, oder erleben ein Umfeld, das mit ihrer Krankheit nicht umge­hen kann. «Die Anerken­nung ihres Lei­dens wäre für die Betrof­fe­nen ein wichtiger erster Schritt hin zu echter Sol­i­dar­ität», sagt Seib­ert.

Marie-Christine Andres Schürch
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