
Hoffnung als Aufgabe
Barbara Bleisch moderiert die «Sternstunde Philosophie» auf SRF. In ihrer Sendung pflegt sie mit Gästen die Kunst des genauen Denkens. Philosophie hilft ihr Distanz zu schaffen und die Hoffnung gibt ihr eine Aufgabe.
Haben Sie kürzlich einen Lichtblick erlebt?
Von einem Lichtblick sprechen wir gewöhnlich nur, wenn unsere Gemütslage düster ist. Der Lichtblick ist dann die schmale Tranche Trost im Dunkel. Auch wenn die Weltlage mir Sorgen bereitet, empfinde ich meine Situation als hinreichend hell, um nicht auf Lichtblicke zu hoffen.
Mit welchen Gefühlen und Gedanken schauen Sie in die Zukunft?
Was meine persönliche Zukunft anbelangt: ruhig und neugierig. Mit Blick auf die Weltlage: besorgt, aber hoffend. Die Hoffnung aufzugeben, hiesse für mich, nicht mehr mit der menschlichen Gestaltungsmacht zu rechnen.
Inwiefern hilft Ihnen die Philosophie dabei?
Beispielsweise kann man Gelassenheit bei den antiken Stoikern lernen. Viele kennen das Gebet von Reinhold Niebuhr: «Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.» Eigentlich ist das stoische Philosophie in Reinform, ausser dass in der Philosophie kein Gott gebeten, sondern an der eigenen Lebensklugheit gearbeitet wird. Philosophie ist ausserdem die Kunst (und der Luxus) des genauen Denkens. Manchmal hilft es, Schweres zu durchdenken und genauer zu verstehen. Auch das schafft Distanz.
Welche Art Mensch möchten Sie sein?
Vor allem wirklich ein Mensch. Die Menschlichkeit zu verteidigen, halte ich für ein wichtige Aufgabe.
Welcher Stellenwert hat in Ihrem Leben der Glaube?
Ein wechselnder. Ich schätze die religiösen Rituale, sie verorten mich in der Zeit und relativieren manches, was mich bedrückt. Rituale lassen sich begehen, der Glaube hingegen ist unverfügbar.
Was gibt Ihnen Hoffnung?
Die Tatsache, dass die Horizonte offen sind. Wer fatalistisch behauptet, er wisse, dass alles den Bach runtergeht, ist genauso anmassend, wie jene, die naiv sagt, es komme sowieso alles gut. Ernst Bloch schreibt in seinem Werk «Prinzip Hoffnung», der Hoffende sei «ins Gelingen verliebt». Diese Verliebtheit gibt den Hoffenden die Schubkraft, auf eine bessere Zukunft hinzuwirken. Kurz gesagt: Mir gibt nichts Hoffnung, aber die Hoffnung gibt mir eine Aufgabe.